Meta Quarck-Hammerschlag, linke Politikerin aus Frankfurt

Die erste Frau im Magistrat
Illustration von Meta Quarck-Hammerschlag aös erste Frau im Magistrat

Marco Wagner

Meta Quarck-Hammerschlag engagierte sich als bürgerliche Wohltäterin ebenso wie als linke Politikerin. Die Frauenbewegung verdankt ihr viel

Sie ist Mitte 20 und Mutter einer dreijährigen Tochter, als ihr Mann Wilhelm 1889 plötzlich an Herzversagen stirbt. Mit 21 hat Meta Heinrichs ihn geheiratet, ein Jahr später war ihre Tochter Liesel da. Plötzlich verwitwet – was tun? Zwar ist sie finanziell abgesichert, sie könnte ein ruhiges Leben führen, ihr Mann war Mitinhaber einer Fabrik für Fotoplatten in Hoechst bei Frankfurt. Auch ihr Vater ist Fabrikant und vermögend. Ihre Eltern sprechen bewundernd von der Französischen Revolution, zugleich erlebt die Tochter schon als Kind im Hinterhof der heimischen Fabrik das Leben und Elend der Arbeiter, vor allem der Frauen.

Eine widersprüchliche Situation. Angestoßen durch Beobachtungen der Sozialarbeit in Wuppertal-Elberfeld, wo sie in den wenigen Ehejahren mit ihrem Mann gelebt hatte, motiviert auch durch ihre eigene Lage, beginnt die junge Frau, sich für arme Menschen einzusetzen. Vor allem für die Frauen. Sie müssen doch zusammenhalten, sich solidarisieren! Ihr Vater, Wilhelm Chrysostomus Heinrichs, scheint ihr Vorbild gewesen zu sein – mit seinem ausgeprägten sozialen Gewissen: Tüchtigen Arbeitern verhilft er zu Fortbildungen, Dienstmädchen unterstützt er bei der Suche nach guten Stellen.

Bildung statt Strafen für die Prostituierten

Gemeinsam mit seiner Tochter und anderen Bürgern gründet Heinrichs 1892 den Frankfurter Hauspflegeverein, der Arbeiterfamilien in Krisen hilft: Wenn eine Frau aus Krankheitsgründen oder wegen Schwangerschaft und Geburt als Arbeitskraft ausfällt, bleibt die Familie häufig unversorgt und überfordert, beobachtet Meta Hammerschlag. Und so vermittelt der Verein ausgebildete Helferinnen für die betroffenen Familien. Nach diesem Vorbild werden Vereine im ganzen Reich gegründet. Als sie erkennt, dass sich in erster Linie bürgerliche Frauen engagieren, versucht sie, auch die Arbeiterinnen für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Daneben streitet Meta Hammerschlag für die Bildung und für das Stimmrecht für Frauen, spendet Geld, ist aktiv in zahlreichen Initiativen. Sie schließt sich der abolitionistischen Bewegung an: Deren Anhänger kämpfen gegen die Bestrafung der Prostituierten. Ihnen sollten stattdessen staatliche Fürsorge, medizinische Hilfe und Bildung zugute kommen, um ihren Ausstieg zu ermöglichen.

Meta Hammerschlag ist eine umtriebige Organisatorin, bestimmend, resolut, selbstbewusst, lebhaft. Als ihr eine Vereinskollegin einmal Illoyalität vorwirft, kontert sie: „Ich bin aus Anlage und Erziehung radical bis auf die Knochen.“ 1911 tritt sie in die SPD ein. Dort lernt sie den Sozialpolitiker Max Quarck kennen. Zunächst streiten sie um die richtige Frauenpolitik, später arbeiten sie politisch eng zusammen. Und sie heiraten 1916.

Gründerin des Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt am Main

Nach dem Ersten Weltkrieg (den Meta Quarck-Hammerschlag keineswegs klar ablehnt) wählt die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung Meta Quarck-Hammerschlag in den Magistrat, zum „ersten weiblichen Stadtrat“, ein unbesoldetes Amt. Die Arbeiterwohlfahrt, 1919 gegründet, baut die Feministin in Frankfurt mit auf.

1933 werfen die Nazis alle Sozialdemokraten aus dem Magistrat. Die ersten Jahre des Krieges verbringt Meta Quarck-Hammerschlag in Frankfurt, dann flüchtet sie zu Verwandten nach Limburg, wo sie die Hausgemeinschaft in Aufruhr bringt: Während im oberen Stockwerk deutsche Offiziere einquartiert sind, hört sie in aller Seelenruhe den „Feindsender“ BBC. 1948 kehrt sie nach Frankfurt zurück. Ihr Haus ist zerbombt, die Stadt liegt in Trümmern. Sie, die Industriellentochter, ist mittellos und ohne Pension. Sie stirbt mit fast 90 in Frankfurt. Dafür, dass sie zahlreiche soziale Einrichtungen und Institutionen gegründet und geprägt hat, erhält sie kurz vor ihrem Tod das Bundesverdienstkreuz

Information

Mit einer umfangreichen Biografie brachten die Historiker Hanna und Dieter Eckhardt die Feministin ins öffentliche Bewusstsein zurück: „Ich bin radical bis auf die Knochen“ (Fachhochschulverlag). Wenn auch Sie an eine bedeutende Persönlichkeit erinnern wollen: Sammeln Sie wissenschaftliche Veröffentlichungen über sie; initiieren Sie Führungen oder eine Gedenktafel; bieten Sie Schulen Vorträge oder Ausstellungen an; übernehmen Sie Patenschaften für ihre Wirkorte – eventuell auch für ihre Grabstätte.

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