Weltausstellung 500 Jahre Reformation in Lutherstadt Wittenberg

Avantgarde und Historienschinken
Besucher auf der Installation 'Zwischen Himmel und Erde', die auf der Weltausstellung in der Lutherstadt Wittenberg zu sehen ist

"Zwischen Himmel und Erde": Installation auf der Weltausstellung in Lutherstadt Wittenberg

Jan Woitas/picture alliance

Was Sie in Wittenberg unbedingt sehen sollten. Bevor der große Besucherstrom losgeht

Die Idee mit dem Reformationstruck war so: Ein Sattelschlepper reist durch Europa und sammelt Geschichten aus 500 Jahren Protestantismus ein. Doch die Rundreise war schlecht vorbereitet: Wo immer der Truck ankam, war das Interesse gering. Viel konnten die Mitarbeiter des Trucks nicht einsammeln. Nun steht der Laster am Bahnhof von Wittenberg. Man kann hineinsehen, die eine Seite des Sattelzuges ist aufgeklappt.

Was man im Reformationstruck zu sehen bekommt? Videos. Filmchen aus den Städten Europas, die der Truck in den vergangenen Monaten angesteuert hat. Etwa einen aus Coburg: Ein Herr in Talar und komischer schwarzer Mütze führt zu den Lutherorten der Stadt. Einen anderen aus Wilhelmshaven - der Popbeauftragte der Landeskirche, ihr Reformationsbeauftragter und ein Neubürger, ein konvertierter Flüchtling, erzählen dit un dat. Und einen Film über Liverpool - zu langweiligen Ansichten der Stadt und der deutschen Auslandsgemeinde erklingt der Gänsehautgesang von Liverpooler Fußballfans: "You'll never walk alone".

Und dann ins Zentrum von Wittenberg

Wer sich allerdings einen richtigen Überblick über die Weltausstellung 500 Jahre Reformation in Wittenberg verschaffen will, sollte den aufgeklappten Sattelschlepper rechts liegen lassen und weitereilen. Schnell die 162 Stufen vom Bibelturm hinauf, das ist ein Stahlgerüst mit Plane umhüllt. Aus 27 Meter überblickt man Lutherstadt, Lutherwiesen und ICE-Strecke.

Und dann ab ins Zentrum von Wittenberg. Auf dem Grüngürtel rund um die Innenstadt gibt es Großartiges zu sehen. Den Torraum Spiritualität zum Beispiel: einen Bunkerhügel, auf dem Stege in alle Richtungen angebracht sind, die freischwebend in der Luft enden. Man tritt auf Metallgitter, ringsum sind Spiegel, hüfthoch. Ein surrealer Eindruck, wenn man sich bückt. Gerade haben sich einige Jugendliche an das Ende eines solchen Steges gesetzt; sie fotografieren ihr Spiegelbild. Es muss cool aussehen, die Herrschaften sind vergnügt.

Gelungen auch die Holzboote auf dem Schwanenteich. Es sind nur die Gerippe von Booten. Eines ist im Schilf gestrandet, ein anderes mitten auf dem See gekentert. Die Kunst ist zwar leicht zu durchschauen; sie soll an die riskante Flucht übers Mittelmeer ins verheißene Europa erinnern. Eindrucksvoll ist der Anblick trotzdem.

Auftragskunst - und entsprechend erwartbar

Vieles andere auf der Weltausstellung ist einfach nur nett. Man geht dran vorbei und vergisst es am besten gleich wieder: Holzstäbe, darüber Lautsprecher, aus denen Bibelverse tönen. Das Bildungszelt, ein Zelt mit niedrigen Sitzgelegenheiten und aufgeschlagenen Bibeln. Das Zelt des Lutherischen Weltbundes. Das House of One. All das ist Auftragskunst - und entsprechend erwartbar.

Besser ist es, man hebt sich die Kraft für den eigentlichen Höhepunkt auf: Die Ausstellung "Luther und die Avantgarde" ganz am anderen Ende der Stadt, neben dem Amtsgericht im Alten Gefängnis von Wittenberg. Zwischen beiden Gebäuden ist auf 28 mal 24 Fliesen ein grob verpixeltes Bild des früheren US-Geheimdienstmannes und Whistleblowers Edward Snowden gemalt - in verschiedenen Grautönen, Fliese für Fliese anders gestrichen. Das verpixelte Bild ist erst aus der Luft richtig zu erkennen. Im ersten Stock des Alten Gefängnisses von Wittenberg kann man Aufnahmen einer Flugdrohne sehen. Und plötzlich erkennt man das Gesicht.

Die Kuratoren gaben Künstlern alte Gefängniszellen und freie Hand

"Luther und die Avantgarde", die Ausstellung im Alten Gefängnis, ist brillant kuratiert von der Stiftung Kunst und Kultur in Bonn: Die Kuratoren gaben Künstlern die alten Gefängniszellen und freie Hand. Was dabei entstanden ist, verdient mindestens einen ganzen Tag Aufmerksamkeit. Und zwar möglichst noch zu Beginn des Kirchentages, wenn sich die Ausstellung noch nicht überall herumgesprochen hat und man sich noch nicht durch hoffnungslos überfüllte Gänge zwängt.

Schon die erste Installation lässt einen nicht los: "Casting Jesus" von Christian Janowski. Eine vatikanische Kommission schaut sich Jesus-Darsteller an und gibt ihnen genaue Anweisungen: "Heben Sie die Hände Richtung Himmel! Jetzt selig blicken! Und sprechen Sie den Text noch einmal!" Die Schauspieler machen das richtig gut. Auf zwei Bildschirmen wird die Macht der Bilder entlarvt. Links erzwingen die Schauspieler mit ihrer Performance die Aufmerksamkeit des Publikums. Rechts untermauern die kritischen Blicke der Kommission: Es ist ja doch nur alles inszeniert.

Was chinesische Künstler mit dem reformatorischen Erbe Europas assoziieren

Die Kuratoren haben sich für die Werke lediglich eine Verbindung zur Reformation und ihrer Nachgeschichte gewünscht. Spannend, was die chinesischen Künstler mit dem reformatorischen Erbe Europas assoziieren: Zhang Peili sinniert über Zensur. Er lässt in einer Zelle mehrere alte chinesische Transistorradios laufen; ein Mikrofon wird mal auf das eine, mal auf das andere gerichtet - und überträgt die jeweiligen Töne über Lautsprecher.

Sun Xun schneidet einen alten Lutherfilm mit Aufnahmen aus der russischen Revolution zusammen. Dazwischen Zeitungsausschnitte auf Deutsch, Chinesisch, Arabisch, mit zitternden Cartoons übermalt: Luther, wie er den Leviathan der europäischen Mächte herausfordert.

Viele Künstler arbeiten sich an Luther ab. Mal erscheint er als Literat, mal als einsamer Held, mal als Satansbezwinger. Stephan Balkenhol zeigt Luther als nackten Mann, aus einem Holzblock geschnitzt: "Hier stehe ich und kann nicht anders."

Jonathan Meese sieht im Reformator einen Gescheiterten. Er habe etwas reformieren wollen, was nicht zu reformieren sei: die Religion. Meeses Raum ist voller Kritzeleien, in denen sich der Künstler selbst als Revolutionär inszeniert. Eine völlig verrückte Selbstdarstellung.

Ach ja, und dann ist da ja noch die andere Ausstellung - für jene Besucher, die sich lieber an das Historische halten: das Asisi-Panorama. Ein Rundbau auf dem Rückweg zum Bahnhof, von innen ausgemalt mit einem riesigen Historienschinken: Wittenberg 1517. Ablassprediger sind in der Stadt, einer prügelt sich mit Luther, im Hintergrund zieht eine Prozession vorbei. Ein Priester lädt zu sich in die Stadtkirche ein. Ein frommer Zirkel versammelt sich zur Privatandacht. Gaukler auf dem Markt. Dazu eine Geräuschkulisse: mal Monumentalmusik, mal Pferdegetrappel, Menschenstimmen. Ein Suchbild, weniger geeignet für eine kritische Auseinandersetzung, eher für eine historische Ratestunde.

Also: Schnell hin nach Wittenberg, bevor die Stadt überläuft!

 ALEKS & SHANTU GmbH, r2017.org

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