Balkan-Pop im Musikverein

Balkan-Pop im Musikverein
Bajram Agushev aus Mazedonien spielt in Wannweil deutsche Märsche und Polkas. Im Oktober 2017 soll er abgeschoben werden.

Bajram Agushev (rechts) aus Mazedonien und sein Sohn spielen in Wannweil deutsche Märsche und Polkas

Julia Jürgens

In Mazedonien brachte Bajram Agushev mit seiner Trompete die Menschen zum Tanzen. Heute spielt er in Wannweil deutsche Märsche und Polkas. Im Oktober soll er abgeschoben werden

Bevor er die Trompete ansetzt, schaut Bajram Agushev noch einmal kurz zu seinem Nachbarn. Dann zurück zum Dirigenten. Eins-zwei-drei-vier, sein Bein wippt im Takt. Er hält sich aufrecht, ein wenig aufrechter als die anderen, die Finger schon auf den Ven­tilen. Die Trompeter setzen ein, nur ein paar Töne, dann patzt die Tuba. Alle kommen aus dem Takt, es gibt Gelächter.

Orchesterprobe in Wannweil an einem Mittwochabend. Zweimal im Monat trifft sich im Alten Schulhaus die Blaskapelle des ­Musikvereins. An der holzgetäfelten Wand steht eine Vitrine mit Pokalen. In der 5000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Reutlingen ist Blasmusik so gegenwärtig wie die Kirchen­glocken am Sonntag. Sie gehört zur Einweihung des neuen Jugendzentrums, zum Schlachtfest und zum Weihnachts­konzert. Von seiner Gründung bis in die 1970er Jahre bestand das Orchester nur aus Männern, dann kamen die Frauen dazu, und vor anderthalb Jahren kam Bajram Agushev.

Er stammt aus Strumica, einer Stadt im Südosten Mazedoniens, in der Blasmusik heute ebenfalls noch lebendig ist, besonders in der Musik der Roma. Bajram Agushev hat schon als Kind in einem „Orkestar“ Trompete gespielt. „Ich habe mit meinem Onkel und meinem Bruder auf Hochzeiten in ganz Mazedonien Musik gemacht“, sagt er. Er ist mit ihnen auch auf Festivals aufgetreten, ­sogar in Italien und Frankreich.

Im Februar 2014 ist er mit seiner Familie, seiner Frau und den vier Söhnen, nach Deutschland gekommen. Über die Gründe möchte er nicht sprechen. Er hat Angst, dass es ihm falsch ausgelegt werden könnte – ­insbesondere jetzt, da der Asylantrag der ­Familie zum zweiten Mal abgelehnt wurde. Bis Oktober sind sie noch geduldet.

In Wannweil leben die Agushevs seit einem Jahr in einer eigenen Wohnung. Im Wohnzimmer steht eine zusammengewürfelte Sofa­garnitur, davor ein kleiner Tisch. Hier probt er abends mit seinen Söhnen für die nächsten Auftritte: Edvin, 13, spielt Saxofon, der elfjährige Meymet Trompete. Zusammen sind sie die Bajram-Agushev-Band. Sie spielen Balkan-Pop. In Reutlingen und Tübingen sind sie schon mehrmals aufgetreten. Auch in ­ihrem Wohnzimmer geben sie spontan Konzerte. Wenn Gäste kommen, spielen sie „Freude, schöner Götterfunken“, mazedonische Volksstücke und, wenn es zur Jahreszeit passt, deutsche Weihnachtslieder.

Die Nachbarn waren die ersten, die die ­Musik hörten. Sie klopften manchmal an die Tür, wenn sie abends nicht aufhörten. „Wir haben wirklich viel gespielt“, sagt Bajram. Eines Abends klopfte der Leiter des Musikvereins, Martin Rein. Er kam, um die Agushevs zu einer Probe ins Alte Schulhaus einzuladen. Von sich aus, sagt Bajram, wären sie vermutlich nicht hingegangen.

Bei der ersten Probe wurde ihm bewusst, dass es große Unterschiede zwischen einem Orchester und einem „Orkestar“ gibt. Das Blas­orchester spielt zum Beispiel nach Noten. ­Ba­jram Agushev kann keine Noten lesen, denn er hatte nie Trompetenunterricht. Er hat sein Instrument nach Gehör gelernt, so wie seine Söhne auch. Also spielen sie die Stücke im Blas­orchester nach, bis sie sie auswendig können – Märsche, Polka, Walzer, The Pink Panther Theme. Außerdem musste er sich daran gewöhnen, dass es hier einen Dirigenten gibt. In Orkestars, die nur aus sieben oder acht Mann bestehen, verständigt man sich mit den Augen darüber, wer wann einstimmt. Den richtigen Einsatz zu finden, fällt ihm im ­Orchester daher immer noch schwer.

Wie finden sie die deutsche Blasmusik? „Anders, aber schön“, sagt Bajram. „Sie kommt ein bisschen komisch in mein Ohr“, sagt sein Sohn Edvin. „Unsere Musik ist viel schneller. Wenn du sie spielst, fliegt der Sand in die Luft, so tanzen die Leute.“ Ähnlich empfinden es auch die Blasmusiker in Wannweil, wenn sie Bajram und seine Söhne spielen hören. Um ihre neuen Mitglieder machen sie aber kein großes Aufheben. „Wir spielen halt mit Noten, sie ohne“, sagt ein Musiker. Und wenn Bajram, Edvin und Meymet ihre Instrumente hervorholen und Balkanmusik nahtlos in einen Walzer übergeht, dann hört es sich plötzlich gar nicht so verschieden an.
Die Familie Agushev ist, wie man so sagt, angekommen: Die Söhne im Fußballverein, in der Musikschule und bei der freiwilligen Feuerwehr; Bajram und seine Frau Nazlı in festen Jobs. Sie als Altenpflegerin in Wannweil, er bei einer Reinigungsfirma.

Es hätte eine Erfolgsgeschichte ­werden können. Doch dem stand etwas entgegen: Im November 2014 wurde Mazedonien zu einem „sicheren Herkunftsland“ erklärt, für das „die gesetzliche Vermutung besteht, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet“. So ist es im Asylverfahrensgesetz formuliert. Die Diskriminierung von Roma wird dabei nicht berücksichtigt. In Eilverfahren von vier bis fünf Monaten werden Asylanträge aus westlichen Balkanstaaten, die zu einem großen Teil von Roma gestellt werden, als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt – in über 99 Prozent der Fälle. Nur durch Klagen oder Krankheiten, die eine Abschiebung un­möglich machen, ziehen sich die Verfahren länger hin.

Dann werden aus Asylbewerbern Geduldete – rund 150 000 leben derzeit in Deutschland. Sie sind wie Bajram Agushev und seine Familie seit einem oder mehreren Jahren hier. Während sie in ihr Umfeld hineinwachsen, haben sie eine Frist vor Augen, die sich verlängern kann oder nicht. Nach sechs Jahren können sie eine Aufenthaltserlaubnis bean­tragen. Das ist die Hoffnung – der Regelfall ist die Abschiebung vorher.

Anspannung ist bei Bajram Agushev nur aus der Nähe zu sehen, wenn er sich unbe- obachtet fühlt. Er hofft, dass er bleiben darf. Er möchte seine eigene Band voranbringen und träumt davon, irgendwann auch in Deutschland mit Musik sein Geld zu verdienen. Kürzlich hatte er bei einem Konzert der Reutlinger Band Morphil einen Gastauftritt. Fürs Trompetensolo im Balkan-Beat gab es rasenden ­Applaus. Auf der Bühne stand er in der Weste der Wannweiler Blasmusik, weinrot, mit dem Ortswappen auf der Brust.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.