Sexueller Missbrauch - Infos zu Hilfe, Opferentschädigung und Verjährung

Rat und Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs
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Volker Renner/plainpicture

Viele Taten sind noch nicht verjährt! Ein Dossier voller Tipps
Es passiert jeden Tag. Jetzt. Überall. Ein Kind wird missbraucht. Vom Vater, von der Patentante, vom Pfarrer, vom jugendlichen Nachbarn... Kann man erkennen, dass ein Kind oder ein/e Jugendliche/r missbraucht wurde? Kann man was tun - gar Polizist spielen? Und wann ist eine Berührung grenzverletzend, gar missbrauchend? Wir bei chrismon haben zu solchen Fragen schon einiges herausgefunden. Lesen Sie selbst.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Dossier ist ein Zusatzangebot zu der Geschichte über eine missbrauchsbetroffene junge Frau, die im April 2017 im chrismon-Heft erschienen ist. Sie erfahren hier zum Beispiel, wo Sie Hilfe bekommen, wann eine Tat verjährt ist, ob es Opferentschädigung gibt, was der Betroffenenrat tut und dass die Aufarbeitungskommission auch Ihre Geschichte braucht.

RAT + HILFE

  • Hilfeportal: Hier finden Betroffene, Angehörige und andere Ratsuchende die richtigen Adressen von Beratungsstellen, Krisendiensten, ÄrztInnen, TherapeutInnen, AnwältInnen … In die AnwältInnen-Datenbank wurden nur AnwältInnen aufgenommen, die den Schwerpunkt Opferrecht haben. Ebenso verfügen alle aufgelisteten PsychotherapeutInnen und ÄrztInnen über therapeutische Erfahrungen mit Betroffenen von sexuellem Missbrauch. Ein Gütesiegel bedeutet die Aufnahme in diese Liste natürlich nicht, das wäre nicht zu leisten vom kleinen Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Auch die Suchanfrage "Finanzielle Hilfen" kann man stellen. Das Hilfeportal Sexueller Missbrauch ist ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
     
  • Finanzielle Hilfen:  Zur Linderung der Folgen sexuellen Missbrauchs können Betroffene bis voraussichtlich 2019 finanzielle Unterstützung beantragen bei einem Fonds, angesiedelt beim Bundesfamilienministerium. Bezahlt werden nur Sachleistungen und nur bis max. 10 000 Euro. Damit kann zum Beispiel das Fortführen einer Psychotherapie nach Auslaufen der Kassenleistung bezahlt werden oder eine berufliche Qualifizierung oder auch ein Assistenzhund. Die Wartezeit dauert derzeit etwa ein Jahr, soll aber verkürzt werden. Hier die Detailinfos zu diesen finanziellen Hilfen
     
  • Der Weiße Ring e.V., die traditionsreiche Opferschutzorganisation, vergibt einen Hilfescheck für eine frei wählbare anwaltliche Erstberatung an bedürftige Menschen. Außerdem wird man dort kostenfrei und anonym beraten, meist von geschulten und erfahrenen Ehrenamtlichen: Beratung telefonisch unter 116 006 (täglich 7 bis 22 Uhr) oder Beratung online  oder vor Ort mit der Suche per Postleitzahl.
     
  • Basiswissen: Was ist sexueller Missbrauch? Gibt es bei Kindern und Jugendlichen Anzeichen dafür? Solche Fragen werden auf dieser Seite des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten beantwortet.
     
  • Psyche: Für Menschen, die durch den Missbrauch eine sogenannte Dissoziative Identitätsstörung davongetragen haben, dürften zum Beispiel die Bücher der Psychotherapeutin Michaela Huber informativ sein, etwa "Viele sein" (2011). Kostenlos herunterladen kann man sich einige Vorträge der ehemaligen Chefärztinnen an der Klinik in Bielefeld, Luise Reddemann und Ursula Gast, vor allem über Traumatherapie bei Missbrauch.
     
  • Körper: Viele Betroffene profitieren von einer Körpertherapie. Manche Therapieformen werden auch von den Krankenkassen anerkannt. Ein interessantes kleines Projekt für Frauen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, ist Phoenixen. Mit "achtsamem Biodanza", einer Art freiem, aber angeleitetem Tanzen, kann man zur eigenen Energie finden, sich ohne Worte ausdrücken, wieder im Körper ankommen, ihn allmählich wieder bewohnen

OPFERENTSCHÄDIGUNG

Wenn der Staat die BürgerInnen nicht vor Straftaten schützen konnte, so muss er sich wenigstens um die Opfer kümmern. Das ist der Leitgedanke des Opferentschädigungsgesetzes (OEG). Wer Opfer eines vorsätzlichen und rechtswidrigen tätlichen Angriffs geworden ist, hat Anspruch auf Leistungen durch das Opferentschädigungsgesetz. Die Kosten teilen sich Bund (40 Prozent) und Länder (60 Prozent).

Die Leistungen sind recht gut – etwa eine lebenslange einkommensunabhängige (!) Grundrente entsprechend dem Grad der Schädigungsfolgen – das kann existenziell bedeutsam sein für die Betroffenen, die aufgrund des Missbrauchs zum Beispiel verzögert in eine Berufstätigkeit einsteigen oder gar nicht oder nur teilweise erwerbsfähig sind. Oft müssen Betroffene mit den winzigen gesetzlichen Erwerbsminderungsrenten klarkommen. Ein paar hundert Euros mehr machen da einen Unterschied. Bei 50 Grad der Schädigungsfolgen sind es derzeit 243 Euro Grundrente, bei 70 Grad der Schädigungsfolgen (GdS) sind es 426 Euro. Allerdings werden Betroffene von sexuellem Missbrauch oft eher im Bereich von GdS 30 eingestuft. Näheres z.B. bei Wikipedia unter "Beschädigtenrente" .

Hier mehr zum Unterschied zwischen Grad der Behinderung und Grad der Schädigungsfolgen, also Unterschied zwischen GdB und GdS.

Genauso wichtig: Nach dem OEG sind weit über das Krankenkassenniveau hinausgehende medizinische und Reha-Leistungen zur körperlich-seelischen Genesung möglich. Zum Beispiel lange Psychotherapien.

Für einen Antrag sollte man nur noch das neue bundeseinheitlichen OEG-Antragsformular des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales benutzen, auch die neuen Erläuterungen dazu.

Unbedingt vorher Rechtsrat einholen und sich durch den Prozess begleiten lassen! Seit Jahren wird gefordert, u.a. vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, dass zumindest die erste Beratung durch erfahrene AnwältInnen mit Schwerpunkt Opferrecht kostenlos sein muss. Ist man bedürftig, hat man Anspruch auf einen Beratungsschein – den zu bekommen, scheint aber manchmal schwierig zu sein.

In einigen Bundesländern helfen die Versorgungsämter den AntragstellerInnen wohl (nach dem Hörensagen z.B. mancherorts in Bayern und NRW), an einigen Orten aber stellen sich manche SachbearbeiterInnen quer, oder sie wissen zu wenig. Man braucht also jemanden, der den Kontakt mit den Behörden übernimmt, in erster Linie mit den Versorgungsämtern im jeweiligen Bundesland. Das Verfahren kann dauern, und es wird oft sehr unübersichtlich.

Ein abgeschlossenes, gar gewonnenes Strafverfahren ist nicht Voraussetzung für eine Opferentschädigung, wohl aber eine Anzeige – wenn sie zumutbar ist! Wann eine Anzeige dem Opfer nicht zuzumuten ist, ist Ermessenssache, häufig gilt eine Anzeige als unzumutbar, wenn die Tat sehr lang zurückliegt und das Opfer noch sehr jung war, es keine ZeugInnen gibt, der Täter nicht geständig ist … Wenn die Chance, den Täter zu kriegen (zu überführen), also sehr gering ist, jedenfalls nicht mit überschaubarem Aufwand.

Immer wieder werden Missbrauchsopfer nach dem OEG nicht anerkannt, sie bekommen nicht die Leistungen, die eigentlich für sie als Opfer vorgesehen sind. Die Gründe, die Opferverbände und Betroffene nennen, sind unter anderem diese:

  • Die Beweisanforderungen sind zu hoch für solche meist lang zurückliegenden Taten.
  • Wenn keine weiteren Tatzeugen vorhanden sind, können die Angaben des Opfers allein genügen, hat das Bundessozialgericht entschieden – wenn die Angaben "glaubhaft" sind. Und um die Glaubhaftigkeit einer Aussage einzuschätzen (Ist es wahrscheinlich, dass die behauptete Tat stattgefunden hat?), wird oft eine Gutachterin, ein Gutachter eingeschaltet. Aber: Es gibt zu wenig GutachterInnen, die sich mit der Glaubhaftigkeitsprüfung zum Beispiel bei Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) auskennen. Der Weiße Ring drückt das so aus: "Die Qualität der Begutachtung in den Verwaltungs- und Gerichtsverfahren ist verbesserungsbedürftig."
  • Es gibt zu viele SachbearbeiterInnen in den Behörden, die die aktuelle Rechtslage nicht kennen bzw. die Verordnungen fehlinterpretieren.
  • Es fehlt eine dem aktuellen Forschungsstand entsprechende verbindliche Liste, welche Art Gewalt in der Regel welche seelischen/psychosomatischen Folgen hat. Derzeit müssen Betroffene die Kausalität selbst nachweisen. Sie müssen also nachweisen, dass zum Beispiel ihre DIS, ihre Ganzkörperschmerzen, ihre Taubheit Folgen des Missbrauchs sind und nicht etwa Folgen einer späteren Suchterkrankung oder Folgen einer gewalttätigen Ehe.
  • Viele AnwältInnen, der Betroffenenrat, der Unabhängige Beauftragte, der Weiße Ring fordern daher eine aktualisierte Kausalitätenliste. Es muss gesetzlich geregelt werden, dass bei bestimmten typischen physischen oder psychischen Gesundheitsschäden als Grund der Missbrauch vermutet wird, also eine Kausalität angenommen wird. So wie in der Soldatenversorgung ein Zusammenhang zwischen bestimmten psychischen Störungen und einem Einsatzunfall bindend vermutet werden muss. Zum Weiterlesen sind die detaillierten Forderungen Opferhilfeorganisation Weißer Ring .

Kurzum: Das Opferentschädigungsrecht müsste dringend reformiert werden, damit die gesetzlich vorgesehenen Leistungen tatsächlich bei den Opfern sexualisierter Gewalt ankommen. Forderungen und Vorschläge liegen seit mindestens 2011 auf dem Tisch. Doch aus dem im Wesentlichen zuständigen  Bundessozialministerium liegt noch immer kein überzeugender Reformvorschlag vor.

VERJÄHRUNG + ANZEIGE

Wollen Betroffene herausfinden, ob es noch die Chance gibt auf einen Strafprozess oder einen Zivilprozess (Schmerzensgeld und Schadensersatz), brauchen sie dafür die Beratung von erfahrenen AnwältInnen mit Schwerpunkt Opferrecht. Grund: Die Gesetze wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert, man muss also die Daten der Gesetzesänderungen kennen, um herauszufinden, ob im individuellen Fall eine Tat verjährt ist oder nicht. Eine fachanwaltliche Erstberatung kostet etwa 150 Euro. In einer solchen Beratung kann schon mal grob eingeschätzt werden, ob eine Tat verjährt ist oder nicht. Die Verjährungsfrage hängt auch von der richtigen Einschätzung ab, um welches Delikt es tatsächlich geht (einfacher oder schwerer Missbrauch etc.).

Ist die Tat noch nicht verjährt, könnte der/die Betroffene Anzeige erstatten und im Prozess als NebenklägerIn auftreten. Als NebenklägerIn hat man zum Beispiel diese Vorteile: Man kann Beweisanträge stellen, RichterInnen und Sachverständige wegen Befangenheit ablehnen, hat das Fragerecht an alle ZeugInnen und Sachverständige.

Wichtig: In einem Strafverfahren geht es dem Staat nicht darum, das Opfer als Opfer anzuerkennen. Es geht nicht um die Beziehung Staat – Opfer. Das Verfahren hat auch nicht das Ziel, Gerechtigkeit zwischen Opfer und Täter herzustellen. Sondern es geht nur um die Beziehung Staat – Täter, also darum, dass der Täter die Normen verletzt hat und darum bestraft werden muss. Hat das Gericht berechtigte Zweifel an der Schuld des Täters (oder der Täterin!), wird und muss es ihn oder sie freisprechen (das meint der Grundsatz "in dubio pro reo"). Das macht ein Strafverfahren so belastend für Betroffene. Mit Begleitung kann man das aber durchstehen. Nicht wenige Betroffene sind später stolz darauf, dass sie alles versucht haben, dass die Tat nicht ungesühnt bleibt.

Hier ein paar Hinweise für die strafrechtliche Verjährungsberechnung:

  • Prinzipiell beginnt die Verjährungsfrist ab dem Ende der Tat zu laufen (Ausnahmen: s.u.).
  • War eine Tat zum Zeitpunkt einer Gesetzesänderung noch nicht verjährt, gilt die neue, längere Verjährungsfrist.
  • Die Länge der Verjährung richtet sich nach dem Höchstmaß der möglichen Strafe (zum Zeitpunkt der Tat). Die angedrohte Strafe ist für einzelne Delikte unterschiedlich hoch.
  • Bis zum 31.03.1998 (§176 a StGB) gab es als Tatbestand nur "Missbrauch", mit einer Verjährung von maximal 10 Jahren. Ab dem 1.4.1998 gibt es außerdem den Tatbestand "schwerer sexueller Missbrauch von Kindern" – und damit eine Verjährungsfrist von 20 Jahren statt 10 Jahren.
  • Zu schwerem sexuellen Missbrauch gehören v.a. Taten, die mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind.
  • Die Verjährung beginnt seit einigen Jahren nicht sofort mit Ende der Tat zu laufen. Der Gesetzgeber hat eine Ruhensfrist eingeführt, als er verstand, dass viele Opfer erst unabhängig von familiärer, auch finanzieller Abhängigkeit sein müssen, damit sie eine Tat anzeigen können.
  • Ab dem 30.6.1994 ruhte die Verjährung bis zum 18. Lebensjahr. "Einfacher" sexueller Missbrauch mit Strafrahmen von 10 Jahren konnte also bis zum 28. Lebensjahr des Opfers verfolgt werden.
  • Taten, die vor dem 30.6.1994 bereits verjährt waren, können nicht mehr straftrechtlich verfolgt werden. Aber ob eine Tat bis 1994 bereits verjährt war, kann nur im Einzelfall geklärt werden.
  • Ab dem 30.6.2013 ruhte die Verjährung bis zum 21. Lebensjahr.
  • Seit dem 27.1.2015 ruht die Verjährung bis zum 30. Geburtstag. Sogenannter einfacher sexueller Missbrauch ist also spätestens mit Vollendung des 40. Lebensjahrs verjährt (d.h. am Tag vor dem 40. Geburtstag). Schwerer sexueller Missbrauch ist mit dem 50. Geburtstag verjährt.
  • Diese aktuelle Gesetzgebung gilt für alle Missbrauchsstraftaten an Kindern (also an Menschen unter 14 Jahren), die am 27.1.2015 noch nicht verjährt waren oder erst nach dem 27.1.2015 begangen wurden.
  • Die entsprechenden Gesetzesparagrafen: Strafrahmen: § 176 I StGB und § 176 a StGB. Ruhefrist: § 78 StGB.
  • Etwas ausführlichere Infos auf der Betroffenenseite "Gegen Missbrauch".

Hier eine unverbindliche Beispielrechnung - ohne Gewähr für ihre Richtigkeit:

Ein Kind, geboren 1989, wird im Alter von vier Jahren schwer missbraucht, also 1993. Damals, 1993, gab es das Ruhen der Verjährung noch nicht, die Tat wäre also nach 10 Jahren verjährt, nämlich 2003. Noch bevor die Tat verjährt war, wurde aber 1994 die Ruhensfrist für Missbrauchstaten eingeführt (Ruhen bis zum 18. Geburtstag), das würde also auch für diesen Fall zutreffen. Die Verjährung ruht damit, bis das Opfer 18 ist, also bis 2007 – erst dann lief die Verjährungsfrist, damals 10 Jahre, die Tat wäre 2017 verjährt gewesen. Nun wurde aber 1998 (als die Tat noch nicht verjährt war) die längere Verjährungsfrist von 20 Jahren für schweren Missbrauch eingeführt. Die Tat wäre damit 2027 verjährt. Noch während die Verjährungsfrist läuft, wird 2015 die Ruhensfrist verlängert bis zum 30. Geburtstag, erst dann liefe die 20-jährige Verjährungsfrist, also bis zum 50. Geburtstag. Das hieße in diesem Fall: Das Opfer hätte prinzipiell noch Zeit bis zum Jahr 2039.

Will man eine Anzeige sehr lange hinausschieben, sollte man bedenken: Lebt der Täter, die Täterin dann noch? Leben mögliche ZeugInnen noch? Gibt es dann noch Spuren?

Viele Opfer trauen sich ein Gerichtsverfahren mit seinen Belastungen nicht zu. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren mehrfach (in kleinen Schrittchen) die Rechte von Opfern sexuellen Missbrauchs gestärkt. So haben OpferzeugInnen (das Opfer hat in einem Strafprozess die Rolle einer Zeugin, eines Zeugen) nun ausdrücklich das Recht, sich zu den Tatfolgen zu äußern. Auch die Möglichkeiten einer Vernehmung durch das Gericht per Video wurden erweitert, um den Opfern z.B. eine Konfrontation mit den TäterInnen zu ersparen. Und es gab weitere Verbesserungen.

FALSCHBESCHULDIGUNGEN

Jeden Tag wird an vielen Gerichten über Missbrauch und Vergewaltigung verhandelt. In die Medien kommen meist nur große, eher spektakuläre Prozesse, wenn zum Beispiel Prominente oder ganze Gruppen angeklagt sind. Im Gedächtnis bleiben tendenziell eher die Falschbeschuldigungen. Daraus mag der Eindruck entstehen, die Falschbeschuldigungen machten einen großen Anteil der Anzeigen aus. Dem ist nicht so. Studien fanden heraus, dass zum Beispiel beim Delikt Vergewaltigung von Erwachsenen deutlich unter 10 Prozent der Anzeigen Falschbeschuldigungen waren (Studie in Großbritannien: 3 Prozent, Studie Bayern: 7,4 Prozent). Quellen hierzu im Wiki-Artikel zu Vergewaltigung, Unterkapitel Falschbeschuldigungen und –verdächtigungen. Bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen könnte es ähnlich sein.

TABUTHEMA MISSBRAUCH

Sexueller Kindesmissbrauch erschien vielen Menschen lange nur eine Tat von fremden, pädophilen Tätern zu sein. Wie häufig nahe Verwandte und Menschen im sozialen Umfeld Kinder/Jugendliche missbrauchen, das wurde lange Zeit nicht Teil des gesellschaftlichen Bewusstseins. Eine Geschichte darüber in der Zeitschrift Emma 1978 blieb eine Nischenveröffentlichung. Allerdings gründeten sich ab 1983 Selbsthilfevereine, zuerst "Wildwasser" in Berlin. Daraus wurden später oft Fachberatungsstellen. Mittlerweile sind es über 250 in Deutschland, bei vielen ist aber die Finanzierung ungesichert.

Einen spannenden Text zu dieser Geschichte hat Barbara Kavemann, Professorin und Mitglied der Aufarbeitungskommission, 2014 geschrieben: "Individuelle Aufdeckung und gesellschaftliche Aufarbeitung – die zwei großen Herausforderungen bei sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend", online auf den Seiten 24-39 nachzulesen in der Kongressdokumentation "30 Jahre Arbeit gegen sexuelle Gewalt – viel erreicht?!"

Erst als 2010 das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs an Schulen/Internaten bekannt wurde, reagierte die Politik. Am 24. März 2010 richtete die Bundesregierung den Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" ein und berief die erste Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann. Über 20 000-mal wandten sich Betroffene – telefonisch oder schriftlich – an Christine Bergmann und ihre MitarbeiterInnen. Deutlich wurde dabei auch das hohe Ausmaß an sexualisierter Gewalt in den Familien.

Seit 2011 ist Johannes-Wilhelm Rörig der Unabhängige Beauftragte  für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Er hat den Betroffenenrat eingerichtet und schiebt viel an, zum Beispiel im Bereich Kinderschutzkonzepte. Berufen ist er nun bis 2019.

Und dann? Alles ungewiss. "Weite Teile in Politik und Zivilgesellschaft meinen, das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs sei politisch eigentlich ‚durch‘", sagt der Beauftragte Rörig. "Das kann nicht sein. Der wirksame Schutz vor sexuellen Übergriffen bedarf eines wachen und aktiven gesellschaftlichen Bewusstseins." Prävention vor sexueller Gewalt und für verbesserte Hilfen gehörten in jedes Partei- und Wahlprogramm von Bund, Ländern und Kommunen sowie in Koalitionsvereinbarungen – und sie müssten gleich mit einem Haushaltstitel versehen sein, so fordert er.

Es gibt noch viel zu tun. So ist noch nicht mal klar, welche der bisher ergriffenen Maßnahmen Kinder/Jugendliche wirklich schützen. Denn die Zahl der Missbrauchsopfer ist in den letzten Jahren nicht gesunken. Das ergab die jüngste Befragung einer repräsentativen Zahl von Menschen, durchgeführt vom Kompetenzzentrum Kinderschutz in der Medizin beim Uniklinikum Ulm. Die Ergebnisse sind zusammengefasst in einem Factsheet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland davon aus, dass eine Million Mädchen und Jungen sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben. Das bedeutet: Wahrscheinlich sitzen in jeder 20-köpfigen Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder. Noch mal anders ausgedrückt: So viele Menschen es in Deutschland mit einer Diabetes-Erkrankung Typ 2 gibt, so viele Kinder und Jugendliche erleben sexualisierte Gewalt.

BETROFFENENRAT

Die 15 Mitglieder des Betroffenenrats haben alle selbst sexualisierte Gewalt erlebt - ob in der Familie, im Heim, in der Schule, im Sportverein, im sozialen Nahfeld, in organisierter oder sogar ritualisierter Form etc. Sie wurden berufen vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs. Der Betroffenenrat arbeitet derzeit noch immer rein ehrenamtlich, was an die Grenzen der Belastbarkeit geht. Die Arbeit ist in erster Linie politisch. (Wer individuelle Beratung und Unterstützung braucht, wende sich an das Hilfetelefon oder suche über das Hilfeportal. )Das Gremium setzt sich vor allem dafür ein, sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche als massives gesellschaftliches Problem sichtbar zu machen und zu enttabuisieren. Auf Anregungen und Rückmeldungen, auch zu noch unbearbeiteten Problemfeldern, freut sich der Betroffenenrat: kontakt (at) betroffenenrat-ubskm.de

Auf dem ungemein produktiven ersten Kongress, den der Betroffenenrat im November 2016 ausgerichtet hat, sammelte allein der Workshop "Sexualisierte Gewalt in Familien" zahlreiche offene Fragen, auf die dringend Antworten gesucht werden. Zum Beispiel:

  • Was müsste passieren, damit MitwisserInnen sprechen? Die gibt es nämlich fast immer. Cousins, Geschwister, Mütter… Sie sind fast alle zunächst nicht solidarisch mit dem Opfer, sondern halten zum Täter, zur Täterin. Welche Slogans müsste eine Kampagne haben, um Mitwissende/Eingeweihte zum Sprechen zu ermutigen?
  • Was bedeutet ein Outing in der Familie?
  • Gibt es typische Mechanismen, die Familien zu Tatorten machen? Sind diese Familien zum Beispiel besonders autoritär, überhierarchisiert, vernachlässigend, ohne Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen usw.?
  • Unterscheiden sich familiäre und kirchliche/institutionelle TäterInnen?
  • Wie kann das Wissen erwachsener Betroffener dazu beitragen, dass Kinder sich heute leichter offenbaren können.

AUFARBEITUNG: "JEDE GESCHICHTE ZÄHLT"

  • Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs lädt ein, die eigene Geschichte in einer vertraulichen Anhörung zu erzählen. Nach dem Grundsatz: "Wir hören Ihnen zu und glauben Ihnen." Bis März 2017 hatten sich schon rund 870 Menschen für eine Anhörung angemeldet, weitere rund 150 Menschen haben schriftliche Berichte eingereicht. Die meisten sind zwischen 30 und 50 Jahren alt, viele auch älter. Man kann sich weiterhin melden.
  • Wer hört einen an? Anhörende sind die Kommissionsmitglieder sowie 12 über die Republik verstreute OpferrechtsanwältInnen. In der ein- bis zweistündigen Anhörung wird gefragt nach dem Missbrauch, nach den Folgen, wem man von dem Missbrauch erzählt hat, wie die Reaktion war, und was sich ändern müsste, damit den Betroffenen besser geholfen wird und damit in Zukunft weniger Kinder/Jugendliche Opfer werden. Das Berichtete wird anonymisiert bei der Aufarbeitungskommission gesammelt und ausgewertet. Auf Wunsch ist eine Mitarbeiterin einer Fachberatungsstelle bei Anhörung anwesend für den Fall, dass es einer/m Betroffenen nicht gut geht. Etwaige Reisekosten werden erstattet. Etwa 870 Menschen haben sich bislang bei der Kommission gemeldet. Infotelefon Aufarbeitung (kostenfrei und anonym): 0800 40 300 40. www.aufarbeitungskommission.de. Einen Zwischenbericht will die Kommission im Sommer 2017 veröffentlichen.
  • Die siebenköpfige Aufarbeitungskommission ist von 2016 bis 2019 beauftragt. Sie ist finanziell mager ausgestattet im weltweiten Vergleich: Sie bekommt für drei Jahre Laufzeit etwas mehr als drei Millionen, während die australische Kommission ein Budget von rund 97 Millionen Euro zur Verfügung hat. Dabei untersucht die deutsche Kommission nicht nur sexuellen Missbrauch in Institutionen (wie Schule, Sportverein, Heim), sondern, und das ist bislang weltweit einzigartig, auch und vor allem den Missbrauch in Familien. Der Unabhängige Beauftragte sieht die Laufzeit von drei Jahren für zu kurz an für all die Fragen, die untersucht werden müssen.

Leseempfehlung

Das sagten die Täter zum Kind. Jetzt ist Lea erwachsen. Und sie leidet noch immer an den Folgen des jahrelangen sexuellen Missbrauchs. Die Geschichte eines ungesühnten Verbrechens. (TRIGGERWARNUNG für Betroffene!)
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Lesermeinungen

Mit in Interesse habe ich ihren Artikel gelesen und obwohl es mir sehr schwer fällt war es mir doch wichtig eine Antwort zuschreiben.
Ob eine Dissoziative Intentitätsstörung(DIS) heilbar ist hängt von vielen Faktoren ab! Das führt meistens
zu einem Kampf der Therapeuten mit den Krankenkassen und deren Gutachtern.Leistungen nach dem Opferententschädigungsgesetz zuerhalten ist extrem schwierig. Es gibt Gerüchte nach dem die Versorungsämter überhaupt nicht die finanzellen Möglichkeiten haben jeden positiven Antrag statt zugeben!?
Was macht das alles mit der Würde der Überlebenden? Der Staat vertreten durch die Versorungsämter verletzt die Würde der Überlebenden und damit das Grundgesetz.Würde bedeutet auch das man das Recht bekommt das einen zusteht.Stattdessen müssen viele Überlebebende von Hartz leben während die Täter feucht fröhlich weiterfeiern.

Sehr geehrte Frau Holch,

vielen Dank für den intensiv recherchierten und beunruhigenden Artikel. Beunruhigend deshalb, weil so etwas offenbar so leicht passieren kann und der spätere Nachweis so schwierig ist. Auch wenn die Taten gerichtlich vielleicht nicht mehr beweisbar sind, könnte eine Anzeige gegen den Onkel und eine Beschlagnahmung seines Rechners vielleicht dazu führen, dass diesem und dessen Mittätern (zumindest) wegen Kinderpornographie der Prozess gemacht wird. Was bleibt, ist allerdings die Sorge nach Racheakten vor/während eines Strafprozesses sowie nach Ablauf einer etwaigen Haftstrafe oder die Ausgrenzung aus der Familie.

Lea kann man nur für den starken Willen bewundern, trotz allem sich ein eigenes positives Leben aufzubauen. Ich würde die Betroffene oder über eine entsprechende Stiftung vergleichbar betroffene Opfer gerne mit einem kleinen Beitrag finanziell unterstützen, damit z.B. Studium oder Therapie fortgeführt werden können. Wenn Sie dazu eine Möglichkeit z.B. über Chrismon sehen, lassen Sie es mich bitte über meine email-Adresse wissen.

Freundliche Grüße,

Nicole Sommerschuh, Bensheim

Der Artikel - vielen Dank dafür! - hinterlässt mich auch schockiert und mit den Gefühlen "das darf nicht sein!", "da möchte ich helfen!".

Sehe das in allen Punkten genauso wie Nicole Sommerschuh (ist Anzeige, Hausdurchsuchung und Rechnerbeschlagnahmung nicht wirklich eine Option!?) und würde ebenfalls gerne (finanziell und ideell) unterstützen - weiß aber nicht wie. Über fachkundige Empfehlungen der Autorin / Chrismon per Mail wäre ich auch sehr dankbar!

Lieber Maximilian, liebe Frau Sommerschuh,

das ist großartig, dass Sie Lea unterstützen möchten! Ich habe Ihnen eine Mail geschickt, wie wir Spenden an Lea abwickeln - über unser Verlagskonto. Wir dürfen ja Leas richtigen Namen nicht weitergeben. Wir leiten das Geld dann ungekürzt und sofort an Lea weiter.

Wer gern auch für andere Betroffene von sexuellem Missbrauch etwas tun möchte, könnte zum Beispiel an eine der immer unterfinanzierten Fachberatungsstellen spenden, zum Beispiel eine Beratungsstelle in der Nähe des eigenen Wohnorts. Die findet man über das Hilfeportal unter Angabe der eigenen Postleitzahl hier: https://beauftragter-missbrauch.de/nc/hilfe/beratung-und-hilfe

Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft!
Christine Holch/ Redaktion chrismon