ChrisTine Urspruch und Bjarne Mädel über Glück und Größe

Bitte nicht "niedlich" sagen
ChrisTine Ursprung und Bjarne Mädel

Jim Rakete

ChrisTine Urspruch und Bjarne Mädel über kleine Menschen, große Klappe und warum Glück für Schauspieler uninteressant ist

chrismon: Herr Mädel, Sie haben mit 18 bei der Musterung dem Arzt häufige Migräneanfälle vorgeschwindelt. Warum Migräne?
Bjarne Mädel: Migräne kann man nicht nachweisen. Ich musste nur die Symptome beschreiben, und die kannte ich von meiner Mutter. Ich habe denen gesagt: Im Kriegsfall brauche ich einen ruhigen Raum, wo kein Licht und kein Lärm reinkommt. Da wurde ich sofort ausgemustert.

Frau Urspruch, Sie spielen im ZDF „Dr. Klein“. Der Kinder­ärztin wird auch oft was vorgespielt, hätten Sie den Mädel als ­Simulanten entlarvt?
ChrisTine Urspruch: Ich habe feine Antennen. Wenn einer lügt – mir zum Beispiel zu viel schmeichelt – da werde ich misstrauisch.
Mädel: Als Schauspieler merkst du, wenn einer nur vorgibt, glücklich zu sein. 25 Jahre Abiturfeier – da erzählen alle, wie super es läuft, Familie, Haus abbezahlt, bla, bla, bla, und nach sechs Bieren heißt es, du, ich bin kurz vor der Scheidung, meine Kinder wollen mich nicht mehr sehen, ich bin verschuldet, das Auto ist kaputt . . .
Urspruch: . . . und das mit dem kaputten Auto ist das Schlimmste!
Mädel: Genau. Und dann bröckelt die Fassade. Ich glaube schon, dass Frau Urspruch und ich beide so direkte Spieler sind – also: Wir merken früh, wenn was nur Fassade ist. Drum spiele ich privat überhaupt keine Rollen, das wäre mir viel zu anstrengend. Ich bin auf dem roten Teppich genau wie zu Hause in der Küche.
Urspruch: Daheim schreibt einem ja auch keiner ein Drehbuch. Manchmal wäre das ganz praktisch, wenn man bessere Texte hätte privat . . .

ChrisTine Urspruch, 46, spielt im Tatort aus Münster den „Alberich“, also die Assistentin von Gerichtsmediziner Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers. Und sie ist die Kinderärztin „Dr. Klein“ in der gleichnamigen ZDF-Serie. Mit ihren 1,32 Metern spielte sie außerdem das „Sams“. Mit der Schreibweise ihres Namens will sie spielerisch mit ihrer Größe umgehen. Sie lebt mit ihrer Tochter im Allgäu.
Jim Rakete
Bjarne I. Mädel, 43, ist Schauspieler. Seine bekannteste TV-Rolle ist die des Berthold „Ernie“ Heisterkamp in „Stromberg“ – ein Tolpatsch, der von seinen Kollegen gemobbt wird; die Serie hat den Deutschen Fernsehpreis gewonnen. Der gebürtige Hamburger dichtet auch, sein 2011 erschienenes Buch heißt: „Glück reimt sich nicht auf Leben: Na ja, so ist das eben“. Bjarne Mädel lebt in Berlin.
Jim Rakete

Wenn Sie blöd angemacht werden wegen Ihrer Größe?
Urspruch: Ja. Meistens fällt mir spontan ein Spruch ein. Aber nicht immer. Dann schalte ich auf Durchzug. Kürzlich haben im Bahnhof Jugendliche rumgekichert über mich. So total doof. Ich saß auf einer Bank, und ich hab die dann einfach ganz durchdringend angeguckt, das hat sie irritiert. Das war in dem Moment die richtige Waffe.

Was müssen Sie sich denn anhören?
Urspruch: Am schlimmsten ist: „Zwerg.“ Oder: „Du siehst so ­niedlich aus.“ Als ob mir einer so über den Kopf streichelt. Ich fühle mich dann entmenschlicht. Und entfraulicht.

Im Tatort sagt der Boerne ja „bessere Hälfte“ zu Ihnen . . .
Urspruch: Nö, er sagt „besseres Viertel“. Da kann ich kontern, oder ich grinse in mich hinein. Boerne hat großen Respekt vor Alberich, er könnte „not with you not without you“. Wir kommen ja nie als Liebespaar zusammen, dafür ist unser Ego zu groß.

Jetzt echt nicht?
Urspruch: In der nächsten Folge jedenfalls nicht, und Sie müssen auch nicht alles wissen, oder?

"Kleine oder große Flasche Champagner? Sehen Sie mich an - die Große!" - ChrisTine Urspruch

Im Tatort hat ja auch kein Kommissar eine glückliche Ehe. Muss man als Kommissar sein privates Glück opfern fürs große ­Ganze, den Kampf gegen das Böse?
Urspruch: Klingt ja wie bei katholischen Pfarrern. Dabei braucht jeder eine Schulter zum Anlehnen, gerade in Berufen, die mit dem Seelenheil zu tun haben oder mit Gerechtigkeit. Eigentlich brauchte jeder Kommissar – und jeder Priester! – eine glückliche Beziehung! Wie siehst du das, Bjarne?
Mädel: Na ja, als Schauspieler sage ich: Glück ist uninteressant. Interessanter zu spielen ist immer eine Krankheit, ein Kind, das man aus Versehen überfahren hat, ein psychischer Defekt. Bei „Mord mit Aussicht“ haben wir damals bewusst entschieden: Wir sind ein glückliches Paar! Und das hat auch Spaß gemacht. Aber wenn ich einen erfolgreichen Geschäftsmann spielen müsste, ­
die Rolle würde ich absagen. Oder ich würde mir sagen: Wie jetzt, glücklich? Da stimmt was nicht!

Sie haben im echten Leben mal Putzmittel verkauft, „Magic“. Wenn Sie an eine Tür gekommen wären, und Frau Urspruch hätte da gestanden, mit ihren 1,32. Wie hätten Sie reagiert?
Urspruch: Ist doch klar. Er hätte gesagt: „Oh, it’s magic.“
Mädel: Oder: Das Mittel kann Sie auch nicht größer machen, aber es macht selbst kleinen Schmutz weg. Aber wissen Sie was – ich wäre gar nicht auf Frau Urspruchs Körpergröße eingegangen, weil ich mir denken kann, dass genau das nervt! Wenn ich gewollt hätte, dass sie das Zeug kauft, hätte ich so getan, als ob ich das gar nicht merke mit der Größe.
Urspruch: Das ist irgendwie auch bescheuert, so zu tun, als ob man das gar nicht merkt. Ich stand neulich in einer Umkleidekabine,
jemand machte den Vorhang auf – an sich schon eine Unverschämtheit – und guckte an mir rauf und runter, als ob ich ein Kind wäre. Hat aber nichts gesagt! Eine echte Irritation ist mir dann lieber.

Wann werden Sie selber unsicher anderen gegenüber?
Urspruch: Neulich habe ich mich mit einer ganz tollen Referentin unterhalten. Die saß im Rollstuhl, und ich hatte Angst, dass alle denken, ah, die Behinderten haben sich wieder gefunden und tauschen sich untereinander aus. Ich mache mir schon viele Gedanken, wie andere mich sehen. Muss ich mich mit einem ver­stehen, der nur ein Bein hat? Ich würde das auch so gerne bei mir selber abstellen, dass ich gleich diese Bewertungen im Kopf habe.
Mädel: Ich habe ein Bühnenstück gespielt, „Fettes Schwein“. Die Kollegin ist sehr dick. Als wir abends essen waren, hat sie Pommes bestellt und wurde gefragt: „Kleine oder große Portion?“ Und sie konnte sagen, was sie wollte. Sagte sie „klein“, dachten alle: Jo, gut so! Hätte sie eine große Portion bestellt, hätten alle gedacht, na, die soll man lieber eine kleine bestellen. Das ist nicht immer böse gemeint. Das ist ein Reflex. Wenn man nicht der Norm entspricht, wird man immer bewertet. Wahnsinnig anstrengend.
Urspruch: Stimmt!

Werden wir immer normierter, immer gleicher?
Mädel: Ich habe im Kinofilm „24 Wochen“ einen Vater ge­spielt, der ein Baby mit Downsyndrom erwartet, und seither fällt mir auf den Straßen auf: Man sieht kaum noch Menschen mit ­Downsyndrom. Über 90 Prozent der Paare, die die Diagnose „Down“ bekommen, entscheiden sich gegen das Kind.

Künftig soll der Bluttest auf Downsyndrom von der Krankenkasse bezahlt werden. Richtig oder falsch?
Mädel: Wir wollen immer mehr wissen vorher, aber denken nicht über die Konsequenzen nach. Schwierig. Wenn ich ausschließen kann, dass mein Kind schlimme Zahnschmerzen haben wird, warum soll ich dann nicht ein bisschen in den Genen fummeln? Ich habe auf diese Frage keine einfache Antwort.
Urspruch: Wenn es von der Krankenkasse bezahlt wird, finde ich das gut. Denn es wäre doch schlimm, wenn der Test vom Geldbeutel abhängt. Aber ich selbst würde ihn nicht machen lassen. Ich habe auch nicht untersuchen lassen, ob mein Kind kleinwüchsig wird. Jetzt wächst mein Kind ganz normal, das hat mich in ­meiner Sichtweise bestätigt. Ich mag nicht, wenn der Mensch Gott spielen will.

Im Film „24 Wochen“ ist am Ende offen, ob das Paar zu­sammenbleibt. Ganz viele Paare, die eine Spätabtreibung oder eine Fehlgeburt erleben, trennen sich. Warum?
Mädel: Weil man das in letzter Konsequenz nicht zusammen entscheiden kann. In letzter Instanz ist es die Entscheidung der Frau – was ich richtig finde. Das musste ich in dem Film als Figur feststellen. Aber auch als Bjarne! Du bist als Mann total hilflos, du hast damit gar nichts mehr zu tun. Das bringt die Paare auseinander. Und du wirst immer daran denken: Jetzt wäre der Geburtstag, jetzt würde er oder sie in die Schule kommen. Und dann noch die Fehlerquote – vielleicht wäre das Kind doch gesund gewesen? Du machst dir Vorwürfe. Und der andere erinnert dich immer genau daran. Drum gehst du weg.

Den beiden Eltern im Film hilft ja auch Humor. Wenn sie sagt: Dürfen wir eigentlich Downie sagen? Oder Mongo? Und er sagt: Also wir als Eltern dürfen das. In Bethel – wo Behinderung zum Alltag gehört – redet man untereinander sehr direkt . . .
Urspruch: Sagen die dann auch: du alter Downie?

Kann passieren. Hier treffen Menschen mit den verschieden­sten Behinderungen oder psychischen Problemen aufeinander. Und wenn da einer vom anderen genervt ist, dann knallts schon mal richtig! Auch mit einem direkten Spruch.
Mädel: Ich finde, für Betroffene gibt es keine Grenze von Humor. Wer in Fukushima lebt, darf jeden Witz über Verstrahlung er­zählen. Genauso beim Holocaust. Überlebende dürfen Witze darüber machen. Ich nicht. Und bei dir, ChrisTine, kommt es doch darauf an, ob jemand Witze mit dir macht oder über dich.
Urspruch: Gott sei Dank ist mir das in die Wiege gelegt worden mit dem Humor, drum sage ich in der Kneipe: „Also für mich nur eine halbe Portion.“ Auf die Frage „Kleine oder große Flasche Champagner?“ sag ich: „Schauen Sie mich an – die große natürlich!“ Humor ist wie ein Händereichen, man eröffnet einen neuen Kosmos, in dem die Größe dann gar kein Problem mehr ist.
Mädel: Es kommt doch immer darauf an, wie die Beziehung ist. Wenn ich einem Schwarzen die Hand gebe und hinterher sage, „oh, färbt das eigentlich ab?“ – dann kann das ein Spaß miteinander sein. Wenn ich aber ein weißer Bewohner der Südstaaten bin und das sage, ist es vermutlich nicht witzig gemeint.

"Mich haben sie im Mülleimer aufs Lehrerpult gestellt - das macht robust!" - Bjarne Mädel

Herr Mädel, Sie waren als Jugendlicher auch eher klein . . .
Mädel: Ja, ich war bis zur fünften Klasse nur 1,33.
Urspruch: Bin ich heute noch. Ach, nee, bin ich noch nicht mal!
Mädel: Noch nicht mal, o. k.
Urspruch: Ich bin 1,32.
Mädel: Ich wurde damals in den Mülleimer gesteckt und aufs Lehrerpult gestellt. Da kommt man gar nicht mehr raus, das war blöd. Aber mich hat das robust und schnell gemacht. Und ich war ja trotzdem beliebt . . .
Urspruch: Das kann ich verstehen!
Mädel: Ich bin dann in zwei Sprüngen gewachsen. Auf 1,55 und dann auf 1,75. Wenn ich heute Bilder von meiner Fußballmannschaft angucke, dann stehen alle in einer Reihe, und ganz hinten der Kleine, das bin ich.
Urspruch: Was ich auch nervig finde: diese Rekorde, die manche Menschen mit Behinderungen anstreben, als ob man etwas ausgleichen müsste. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich meine ­Körpergröße zum Kult mache und noch Geld dafür bekomme. Hey, keine Ahnung! Ich muss nichts kompensieren! Ich habe ­einfach Lust an der Schauspielerei!
Mädel: Wann warst du eigentlich ausgewachsen?
Urspruch: Mit neun oder zehn.
Mädel: Dann hast du gemerkt, dass die anderen weiterwachsen?
Urspruch: In der Grundschule war ich zwar klein, aber es gab eine Spanierin, Maria, die war noch kleiner. Im Gymnasium war ich dann geplättet, wie groß die anderen waren. Dann habe ich auf dem Schulhof einen alten Kastanienbaum gefunden, der war riesig, an den habe ich mich immer gestellt. Der hat mir Schutz gegeben die ganze Schulzeit über. Und die Verbindung: Down to earth! Alles wird gut! Man hätte später die Beine verlängern können mit einer Schiene, ein bisschen wie ein Heizkörper-­Thermostat, an dem man jeden Tag ein bisschen dreht, da hätte man noch zehn Zentimeter rausholen können. Das hätte mich ein Jahr lang im Leben eingeschränkt. Und es tut auch weh. Ich werde nun mal nicht so groß wie andere. Mit dem was ich habe, mache ich was draus.

Es wird ja viel operiert, eine Brust-OP zur Konfirmation . . .
Urspruch: Grauenvoll! Da bin ich sprachlos. Auch wenn es klingt wie aus dem Märchenbuch: Kinder, es kommt auf innere Werte an! Und darauf, was man aus seinem Leben macht.
Mädel: Wir Schauspieler sind ja gewohnt, mit dem Thema Schönheit zu spielen. Also, ich seh dann nicht immer vorteilhaft aus . . .

Ernie bei Stromberg hat Achselschweißflecken!
Mädel: Das ist demütigend, wenn die Maske kommt und dir Schweißflecken macht. Am Anfang haben wir das mit Wasser gemacht, aber das trocknet zu schnell weg, dann haben wir Glyzerin genommen, das hält den ganzen Tag. Und diese Frisur! Bei „Mord mit Aussicht“ hat mich mein Regisseur gefragt, ob ich mir das vorstellen kann, einen dicken gemütlichen Polizisten zu spielen.

Und dann werden Sie dick?
Mädel: Ja, ich muss dann zunehmen, und dann hau ich richtig rein. Zunehmen geht ganz schnell!

Und wie nehmen Sie für den Tatortreiniger wieder ab?
Mädel: Keine Kohlenhydrate und jeden Tag Sport. Eine echte Quälerei, gerade im Sommer, du hast in Italien Nudeln vor dir und darfst nicht. Aber es zwingt mich ja keiner, Schauspieler zu sein.

Wären Sie, Frau Urspruch, im echten Leben auch gerne Ärztin?
Urspruch: Ich bin leidenschaftlich gerne Schauspielerin. Aber manchmal denke ich: Ja, das muss schön sein, wenn man ­jemanden heilen kann, ein Leben retten. Ich könnte mir das ­vorstellen, Kinderärztin zu sein.

Und was wären Sie, Herr Mädel, wenn nicht Schauspieler?
Mädel: Früher dachte ich: Schriftsteller. Ich denke mir tolle Romane aus, warte auf die Eingebung und sitze solange am Strand . . .
Urspruch: Das Bild habe ich auch! Ich sitze an der Küste.
Mädel: Kalifornien!
Urspruch: Neuengland! Aber Küste! Ich geh spazieren mit dem Hund.
Mädel: Golden Retriever!
Urspruch: Danach sitzt man auf einem großen Balkon.
Mädel: Mit frisch gepresstem Orangensaft.
Urspruch: Und fängt an zu schreiben.
Mädel: Dann tippt man so los. Aber irgendwann habe ich ver­standen, dass das doch sehr viel mit Fleiß zu tun hat. Dann habe ich das aufgegeben.

Waren Sie, Frau Urspruch, schon mal in einer Pathologie?
Urspruch: Ja, aber ich war noch nie bei einer Obduktion dabei. Ich werde immer wieder eingeladen. Aber ich habe zu großen Respekt vor der Leiche.

Und Sie, Herr Mädel, kennen Sie einen echten Tatortreiniger?
Mädel: Ja! Kein schöner Beruf! Dieser Geruch, den kriegst du nie wieder weg. Der echte benutzt daher privat sehr viel Parfum.

Wovor ekeln Sie sich?
Urspruch: Vor meiner Biotonne.
Mädel: Ich esse ungern Fisch. Die Szene in der „Blechtrommel“, wo Angela Winkler den Aal isst, diese Rolle würde ich ablehnen, weil ich diesen Fisch nicht essen könnte.
Urspruch: Na, gut, Bjarne, dass der Film schon abgedreht ist.

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