Autorin Amelie Fried schreibt über Dankbarkeit

Das Leichteste und das Schwierigste
Amelie Fried

Annette Hornischer

Über die Dankbarkeit. Gastkolumne von der Moderatorin und Buchautorin Amelie Fried

Schon die Allerkleinsten lernen es. „Wie heißt das Zauberwort?“, fragen Mütter, wenn sie ein ­„Bitte“ hören wollen. „Hokuspokus“, antwortete mein Neffe mal darauf, was ja auch nicht falsch ist. Trotzdem wurde er schnell eines Besseren belehrt. Und wenn der Keks in die kleine Kinderhand gewandert ist, kommt un­weigerlich die Frage „Wie sagt man?“, und brave Kinder sagen dann: „Danke.“

Die beiden winzigen Wörter sind die tragenden Säulen unserer Alltagskommunikation, denn viele Male am Tag wollen wir etwas von anderen, und das kriegen wir leichter, wenn wir freundlich darum bitten. Wenn wir es bekommen haben, quittieren wir gewissermaßen den Empfang und zeigen, dass wir dankbar für das Erhaltene sind. Über dieses alltägliche Bitten und Danken denken wir gar nicht weiter nach, das kommt – eine halbwegs gute Erziehung vorausgesetzt – ganz von alleine. Nicht immer aber fällt es uns leicht, Dankbarkeit zu zeigen oder auch nur zu empfinden, wenn es um die Bedingungen unserer Existenz geht – obwohl die meis­ten von uns Grund dazu hätten. Wir haben zu essen, ein Dach über dem Kopf, wir ­leben in einem freien, sicheren Land und sind gesund. Viele Gründe, um dankbar zu sein, jeden Tag.

"In Bethel sind Menschlichkeit, Empathie und Nächstenliebe keine leeren Worte"

Aber es ist nicht leicht, ständig daran zu denken, wie gut wir es eigentlich haben. Der Alltag zerrt an uns, es gibt Dinge, die uns anstrengen, Angst machen, oder über die wir uns ärgern. An das, was gut ist, gewöhnt man sich schnell, und sieht es dann oft nur noch verschwommen. Erst, wenn Krankheit, Behinderung oder Tod in der eigenen ­Fa­milie oder im Freundeskreis einschlagen, wird uns bewusst, wie kostbar und fragil das Leben ist, wie viel Dankbarkeit es verdient hat.

In Bethel ist man ständig mit der Zerbrechlichkeit des Lebens konfrontiert, hier arbeiten Tausende von Mitarbeitern dafür, dass es Menschen, die von Krankheit, Behinderung und sozialer Benachteiligung betroffen sind, besser geht. Hier weicht man auch dem Tod nicht aus, im Sterbehospiz können Menschen unter würdigen Bedingungen einen so weit wie möglich schmerzlosen Tod sterben. Wie viel Einsatz das von den Betreuenden verlangt, kann man sich wohl vorstellen. Wir alle können zutiefst dankbar dafür sein, dass es Bethel gibt und Menschen, die sich beruflich und ehrenamtlich in dieser Einrichtung engagieren. Bethel repräsentiert den Teil unserer Gesellschaft, für den Empathie, Menschlichkeit und Nächs­ten­liebe keine leeren Worte sind, sondern Werte, die gelebt werden.

Einrichtungen wie Bethel müssen oft das Zauberwort „bitte“ sagen, denn sie sind auf Unterstützung und Spenden ange­wiesen. Dort hat man deshalb eine besondere Kultur des Danke-Sagens entwickelt: Aus einem eigens eingerichteten Büro, dem „Dankort“, werden Dankesbriefe an Spenderinnen und Spender verschickt. Jede – auch die kleinste – Spende wird honoriert, und es herrscht der Grundsatz, dass ein Dankesbrief kein erneutes „Bitte“ enthalten darf. Ein Danke ist ein Danke, nichts anderes. Kein Hokuspokus nötig. Liebe Mitarbeiter von Bethel, machen Sie bitte weiter so, wir brauchen Sie und Ihre Arbeit dringend. Und nehmen Sie an dieser Stelle unser aller Dank entgegen.

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