Ökonom Christian Kreiß über neue Wirtschaftsethik

Die Sünden des Kapitalismus

Katharina Bourjau

Profitgier, Egoismus und Halbwahrheiten regeln den Markt. Eine lutherische Wirtschaftsethik ist wichtiger denn je, findet der ehemalige Investmentbanker Christian Kreiß

Ich erinnere mich noch an meine Studentenzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In einer Marketingvorlesung erzählte ein Professor mit Begeisterung, wie eine Beratungsgesellschaft dem US-Konzern Colgate-Palmolive die geniale Idee präsentierte, die Öffnung der Zahnpastatuben zu vergrößern. Das Resultat: Die Umsätze stiegen um über 30 Prozent. Der Professor stellte dies als ein cleveres Marketing dar, das es nachzuahmen gelte: Verbraucher dazu zu bringen, unfreiwillig mehr Zahnpasta zu verbrauchen als nötig, und sie dadurch um ein paar Mark pro Jahr zu erleichtern. Ob es für die Kunden gut ist oder nicht, das war ihm vollkommen egal. Hauptsache: Der Gewinn steigt.

Christian Kreiß

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962, studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte in München über die Große Depression 1929 bis 1932. Nach neun Jahren Berufstätigkeit als Bankier in verschiedenen Geschäftsbanken, davon sieben Jahre als Investment Banker, unterrichtet er seit 2002 als Professor an der Hochschule Aalen Finanzierung und Wirtschaftspolitik. 2004 und 2006 hielt er an der University of Maine, USA, Master of Business Administration (MBA)- Vorlesungen über Investment Banking. Autor von vier Büchern; zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge, Rundfunk- und Fernsehinterviews zu Finanzkrise, geplantem Verschleiß, gekaufte Forschung, Werbekritik und Wegen in eine menschengerechte Wirtschaft.

Wer heute Wirtschaft studiert, lernt genau das: dass Unternehmen ihre Gewinne und Verbraucher ihren Nutzen maximieren sollen. Lernt, dass Zins und Zinseszins nicht nur richtig und einwandfrei, sondern sogar zwingend nötig sind, damit der Markt funktioniert. Kurz: dass egoistisches Verhalten im Wirtschaftsleben nicht nur nicht falsch, sondern genau richtig und sogar absolut notwendig ist, damit der Markt funktioniert.

Kunden fällt es schwer, den Grußunternehmen noch zu glauben

Im Jahr 2017, in dem alle Welt das 500-jährige Reformationsjubiläum begeht und an Martin Luthers Thesenanschlag denkt, lohnt sich auch ein Blick auf seine Wirtschaftsethik. Und dort zeigt es sich, dass das eingangs beschriebene Prinzip der Gewinnmaximierung im vollkommenen Widerspruch zu praktisch allen wirtschaftsethischen Aussagen des Reformators steht, der genau diese Dinge aus tiefstem christlichen Empfinden heraus ablehnte. Es wäre für uns heute sehr viel besser, die Empfehlungen Luthers zu beherzigen als die der modernen Wirtschaftswissenschaften.

Dreh- und Angelpunkt für christliches wirtschaftliches Verhalten ist bei ihm das Gebot der Nächstenliebe. Luther spricht immer wieder mit großer Wärme und Nachdruck vom Dienst am Nächsten und bezieht sich dabei stark auf die Evangelien nach Lukas und Matthäus, insbesondere die Bergpredigt. An der Kaufmannsregel „Ich mag meine Ware so teuer verkaufen, als ich kann“ kritisiert er, dass sie „dem Geiz Raum“ mache und „der Hölle Tür und Fenster“ auftue. Vehement und leidenschaftlich wendet er sich gegen alle Arten, die Mitmenschen zu übervorteilen, gegen Habsucht, Geiz, Profitgier und Wucher (in: „Von Kaufshandlung und Wucher“, 1524).

Die Reformatoren trugen dazu bei, dass Arbeit und Privateigentum neu wertgeschätzt wurden. Doch den Kapitalismus ihrer Zeit konnten sie nur von seiner üblen Seite wahrnehmen. „Als Sozialkonservativer hat Luther mit Industrie und Handel, vor allem aber mit der Kapitalwirtschaft nichts anfangen können“, schreibt auch Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der evangelischen Kirche. Dennoch sind Luthers Mahnungen nicht überholt, sondern auf eine verblüffende Weise aktuell.

In den letzten Jahrzehnten haben die Konsumenten immer mehr Vertrauen verloren in die Produktqualität und ethischen Standards von Konzernen. Der VW-Abgasskandal hat Kunden verunsichert. Nach dem Motto „Werbung lügt sowieso“ – das heißt auch: Die Unternehmen dahinter lügen – fällt es Kunden schwer, den Beteuerungen der Großunternehmen zu glauben. Dazu Informationsasymmetrie. Die Unternehmen kennen ihre Produkte genau, die Kunden nicht. Ihren Wissensvorsprung nutzen viele Konzerne systematisch aus. Das lehren ja die Wirtschaftswissenschaften: Was zählt, ist die Gewinnmaximierung.

Ein Antidepressivum, dass die Suizidgefahr erhöht

Aus Konzernsicht sollen diejenigen Produkte verkauft werden, die für die Gewinne die besten sind. Das sind aber nicht zwingend jene Produkte, die für die Verbraucher die besten sind. Häufig ist das Gegenteil der Fall. Auch Verbraucherschutzverbände nennen unzählige Beispiele für Verbraucherbetrug und Kundentäuschung.

So verkaufte ein Pharmahersteller jahrelang ein Antidepressivum für Kinder und Jugendliche, von dem das Unternehmen durch interne Studien wusste, dass es unwirksam ist, jedoch besorgniserregende Nebenwirkungen, insbesondere eine Erhöhung der Suizidgefahr, hat. So hieß es in einem internen Dokument der Firma: „Es wäre wirtschaftlich inakzeptabel, einen Vermerk über die Unwirksamkeit aufzunehmen ...“ Anders formuliert: Ein Hinweis auf der Packung „Wirkt nicht – hat aber schlimme Nebenwirkungen“ würde die Umsätze einbrechen lassen. Dennoch wurde das Medikament allein in Großbritannien ein Jahr nach diesem Memo Zehntausende Mal Kindern verschrieben. Diese Vorgehensweise in der Pharmaindustrie ist die Regel, nicht die Ausnahme. Es werden mit großem Marketingaufwand diejenigen Medikamente mit den höchsten Gewinnspannen vermarktet, nicht diejenigen mit dem höchsten Patientennutzen.

Diese Vorgehensweise ist das Grundprinzip praktisch aller Konzerne: Konzernnutzen geht vor Kundennutzen. Genau wie es Martin Luther 1524 in seiner Schrift „Von Kaufshandlung und Wucher“ ausdrückte: „Was ist das anders gesagt als: Ich frage nicht nach meinem Nächsten? Hätte ich nur meinen Gewinn und Geiz voll, was gehets mich an, dass es zum Schaden meines Nächsten ist?“ Solche Strategien der Konzerne schädigen massiv unser tägliches Leben.

Profitgier führt zwangsläufig zu Egoismus

Viele Ökonomen verharmlosen oder ignorieren diesen Zusammenhang, indem sie mantraartig – oft mit Bezug auf Adam Smith – wiederholen: Ein funktionierender Wettbewerb im Markt lässt es auf Dauer gar nicht zu, dass Kunden übervorteilt werden. Diese Ansicht hat jedoch schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun. Die Ökonomie heute funktioniert nicht mehr so wie zu Adam Smiths Zeiten 1776 in einem schottischen Dorf, wo letztlich alles wieder ins Lot kommt.

Wie soll es gutgehen, wenn in einer globalisierten Wirtschaft Kunden übervorteilt, in der Werbung Lügen und Halbwahrheiten verbreitet werden, Produkte verdeckte Mängel aufweisen, während zugleich Gewinne der Unternehmen steigen und die Täter mit einem Aufstieg auf der Karriereleiter und Boni belohnt werden? Nach jahrzehntelangem Predigen wird das heute auch noch konsequenter gelebt als vor einer Generation, als die Skrupel meiner Einschätzung nach noch deutlich größer waren.

Ich war bis 2002 sieben Jahre lang Investmentbanker. Wenn wir ein Unternehmen in den Händen hatten, gab es hinterher nur noch drei Ziele: Profit, Profit und Profit. Alles andere war unwichtig. Das ist die logische Konsequenz aus dem ständigen Aufruf zu Egoismus und Belohnung von Egoismus im Wirtschaftsleben.

Mein Anliegen: Ein Feuer der Entrüstung

Eine Rückkehr zu den von Martin Luther mit großer Hingabe gepredigten christlichen Grundtugenden ist dringend geboten. Wir sollten umkehren zu seinem menschlichen Grundsatz: Richtig ist, was den Menschen dient. Dieser Grundsatz muss in den Wirtschaftswissenschaften und im Wirtschaftsleben wieder Geltung bekommen. Auch wenn die Chancen auf eine baldige Umsetzung gering sind, sollten wir heute damit beginnen.

Ich finde Luthers Wirtschaftsethik aktuell, modern – und sehr brisant. Luther urteilt radikaler und spricht bewegender, als es die Kirchen heute tun. Er verweigerte den Wucherern die Sakramente. Diese „Stuhlräuber“, wie er sie nennt, ruinieren die Gesellschaft. Die „Stuhlräuber“ von heute kassieren ungerechtfertigte Boni und vermeiden Steuerzahlungen in Milliardenhöhe. Das sind Skandale. Das Feuer der Entrüstung darüber wieder anzufachen, ist mir ein Herzensanliegen. Dazu gehört eine wirklich christliche Kritik an den Fundamenten unserer Ökonomie. Das würde für Wirbel sorgen.

Leseempfehlung

Der Ökonom Christian Kreiß kritisiert in seinem neuen Buch die Werbung. Für chrismon.de hat er zehn Thesen und eine christliche Kernthese gegen Werbung formuliert und fordert die Auflösung des deutschen Werberats
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Lesermeinungen

Dr. Peter Barrenstein - Vorsitzender Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland e.V. - macht echt christlich ehrliche Werbung für die Unternehmen:
"Tatsächliche Voraussetzungen für nachhaltigen Markterfolg und damit übergreifende Zielsetzungen sind aber das Angebot guter und wettbewerbsfähiger Produkte ... . Und hier decken sich dann, ganz im Gegensatz zur Meinung von Christian Kreiß, die Interessen von Unternehmen und ihren Kunden." So schreibt er - aber:
1. Weil jeder Konsument von diesem angeblich "harmonischen" Verhältnis so manches gewohnt ist, macht er sich lieber kundig bei Stiftung Warentest, Ratgeber in Zeitungen, Bewertungsportalen ...
2. Weil jeder Staat von den z.T. ruinösen Konsequenzen der unternehmerischen Kalkulationen für sich und sein Volk weiß, muss er seinen Firmen div. Auflagen aufzwingen, um deren "Liberalisierung" dann immer noch gestritten wird - u.a:
- Verbraucherschutz, Informationspflichen, Betrug ist ein zentraler Tatbestand des Wirtschaftsstrafrechts und ist minutiös ausgearbeitet
- Grenzwerte für Umweltbelastungen, Grenzwerte am Arbeitsplatz, Lebensmittelgesetz und -Kontrolle
3. Und weil die Unternehmen sich so "harmonisch" in ihre Gesellschaft einfügen, stellen sich alle größeren Unternehmen mit eigenen Rechtsabteilungen auf die sich notwendig ergebenden Gegensätze mit Kunden, Angestellten etc. ein.
Auch Christen brauchen Lügen, um die Marktwirtschaft zu preisen!

Lieber Herr Thomas 9, Sie bezichtigen einen meiner Glaubensbrüder eines Verstoßes gegen den Paragraphen 9 (orthodoxe, reformierte und jüdische) bzw. Paragraphen 8 (katholische und lutheranische Zählung) des Dekalogs. Um meinen Kommentar in forumsüblicher Kürze zu halten, möchte ich zunächst nur auf Punkt 1 Ihrer Anklageschrift eingehen. Die Unternehmen bringen Produkte auf den Markt. Sie buhlen um Käufer. "Eure Gunst ist unser Streben" könnte über dem ganzen Treiben stehen, auch wenn diese Werbeaussage aus einem nicht untypischen speziellen Marktsegment stammt.
--- Der Käufer greift nun zu verschiedenen, untereinander wiederum konkurrierenden, Test-, Beratungs- und Bewertungsprodukten. Dann weiß er sich informiert und trifft als mündiger, verantwortungsbewusster Kunde seine Kaufentscheidung. Das zunächst durchaus vorhandene Unbehagen, evtl. von allen Seiten nach Strich und Faden verkackeiert zu werden, weicht nun dem stolzen Durchblickerbewusstsein. König Kunde ist mal wieder gekrönt.
--- Was haben Sie daran auszusetzen?
Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Da hat Christian Kreiß, wie in seinen Ausführungen zu den „Sünden des Kapitalismus“ deutlich wird, in seinem Wirtschaftsstudium aber nicht richtig aufgepasst. Oberstes Ziel jedweden langfristigen und sinnvollen Wirtschaftens ist nur sehr vordergründig die Gewinnmaximierung. Die ist sicherlich ein Ausdruck erfolgreichen Wirtschaftens und auch wichtige Triebfeder für viele Unternehmer und Manager. Tatsächliche Voraussetzungen für nachhaltigen Markterfolg und damit übergreifende Zielsetzungen sind aber das Angebot guter und wettbewerbsfähiger Produkte oder Dienstleistungen, die Erstellung dieser Angebote in einer möglichst effizienten und nachhaltigen Art und Weise sowie die parallele kontinuierliche Hinterfragung vorhandener Angebote, das „Innovieren“. In der Betriebswirtschaftslehre spricht man dabei auch von der „schöpferischen Zerstörung“.

Und hier decken sich dann, ganz im Gegensatz zur Meinung von Christian Kreiß, die Interessen von Unternehmen und ihren Kunden. Nicht zuletzt deutlich werdend an den Errungenschaften unserer nun 70 Jahre lang so erfolgreichen Sozialen Marktwirtschaft.

Allerdings hat der Autor völlig Recht, wenn er das falsche und auch kriminelle Verhalten einzelner Unternehmen bzw. ihrer Führungskräfte geißelt. Dies aber als „Grundprinzip praktisch aller Konzerne“ zu titulieren, verunglimpft ungerechterweise das Gros der Führungskräfte unserer deutschen Unternehmen und negiert die Errungenschaften unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems inklusive der durch vielfältige Verbraucherschutzgesetze und eine wachsame Medienlandschaft marktmächtigen Konsumenten. Möglicherweise ist der Autor in seiner recht einfältigen Argumentationsweise zu sehr durch seine ja von ihm selbst kritisierte siebenjährige Tätigkeit im Investment-Banking beeinflusst und zielt somit mit seiner verallgemeinernden Kritik eher auf eigenes unethisches Verhalten der Vergangenheit denn auf die viel verantwortungsvollere Vorgehensweise der großen Mehrheit unserer Führungskräfte.

Dr. Peter Barrenstein
Vorsitzender Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland e.V.

 

Also alles gut? Finanzkrise, Eurokrise - alles kein Problem, alles im Griff. Wallstreet, TTIP, soziale Gleichverteilung in Deutschland und woanders: alles in Ordnung. Geplanter Verschleiß, Kundenübervorteilung: alles Märchen. Manager und Führungskräfte: Ehrenwerte Männer sind sie alle (Shakespeare), die wenigen unehrenwerten werden vom Gesetz bestraft. Boni, Renten, 7 Mio. überschuldete Bürger in Deutschland, alles bestens. 30 Billionen Dollar in Steuersparparadiesen, kein Problem. Dass an den Hochschulen Gewinnmaximierung und Nutzenmaximierung als Ziel gelehrt werden: hat alles keine Auswirkung auf die Ethik unserer Studierenden, werde auch alle ehrenwerte Manager.
Wozu unsere sensationelle soziale Marktwirtschaft in Frage stellen? Wer kritisiert hat irgendetwas Fundamentales nicht verstanden. Wozu christliche Fragen stellen? Alles läuft im Sinne der Evangelien. Alles gut. Weiter so.

Sie haben absolut recht. Doch WIE, ich stelle die Frage als völliger Laie, glauben, oder gedenken Sie dieses zu ändern ? Als Ökonom verfügen Sie sicher über das nötige Wissen, das Know How der Branche, welche sie anprangern. Sie kennen die Praktiken. Als Konsument ist ja nicht jederabetroffen. Es gibt Möglichkeiten, dieser Welt Adieu zu sagen, und mit einem blauen Auge davon zu kommen, nicht jeder hat auch mit dieser Marktwirtschaft zu tun. Wer will behaupten, dass man seine Lebenszeit für diesen weltwirtschaftlichen Größenwahnsinn opfern soll ? Als Christ bin ich nicht unbedingt ein Gläubiger Luthers. Ich glaube an Gott und Jesus, nicht aber an den Kapitalismus, oder das, was daraus geworden ist. Politik ist Menschenwerk und auch Luther ist nicht für diese Menschheit verantwortlich. auch er war nur ein `gewöhnlicher ` Sterblicher.
Was mich so unendlich überrascht, -und wer bin ich schon ?, kein Experte für Irgendwas -, ist die völlige Naivität, oder ist es schon Dreistigkeit, mit welcher Sie Dinge beim Namen nennen, die in dieser Welt heute Usus sind.
Meistens will man etwas verändern, wenn man selber Schiffbruch erlitten hat, dann geht man vor Gerichte, wird, zum Wistleblower u.s.w. Die Welt ist aber so durchorganisiert, dass es für alles eine `marktwirtschaftliche `Nische gibt, eine Ordnung, die das Prinzip Opfer und Täter beinhaltet. Mitgefühl ist DAS Spirituelle Prinzip aller Religionen, Sie aber wollen statt Mitgefühl ein Paradies auf Erden erschaffen, bestehend aus `ehrenwerten `( siehe Shakespeare ) Männern und Frauen, die alle absolut ehrlich und aufrecht sind. Das wollte der "ehrenwerte" Adolf auch, Sie erinnern sich ? Er wollte eine neue arische Rasse, den guten Deutschen kreieren ! Sie dehnen diesen Gedanken gleich auf die globale Wirtschaft aus !
Mag sein, dass Sie selbst in ihrem religiös gespeisten Ökonomieverständnis sich völlig erhaben über solch niedrige Gedanken glauben, doch diese Welt ist riesig, und Sie sind darin nichts als ein Winzling.
Bevor Sie also etwas ändern wollen, müssen Sie diese Winzigkeit bedenken. Sie ergreifen die Gunst der Stunde, rechnen eins und eins zusammen, schreiben ein Buch, und sind im Gespräch.
Offengestanden finde ich die Welt so wie sie ist, in Ordnung. Die Tatsache, dass Sie als Ökonom Ihre eigene Branche auf den Pranger stellen, erfordert sehr viel Mut , aber wie kann ich Ihnen helfen ?
Ich habe mein Konsumverhalten seit langem auf Qualität umgestellt. Schon vor Jahren begegneten mir Schlawiner, die mich sehr nachhaltig geprägt haben, ein offenes Europa habe ich etwas anders verstanden als das, was daraus geworden ist. Im Grunde ist die Gegenwart eine reine Konsequenz aus der Vergangenheit.
Vielleicht ist es so, dass man zuerst glaubt, was einem gesagt wird, bis man eines besseren belehrt wird. Und ab diesem Moment kommt es darauf an, wie man weiter vorgeht.

Die Evangelien : Die kapitalistische Marktwirtschaft habe ich nie, wahrscheinlich irrtümlich, als chrisitlich verstanden. Im Gegenteil, weshalb ich auch völlig mit Ihnen einverstanden bin, und erfreut darüber, dass Sie diese protestantische Ökonomie so frank und frei auf den Pranger stellen.
Zu folgenden Punkten möchte ich mich äußern :
- Wer mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen möchte, muss auf seinen Ehrgeiz verzichten, und Prioritäten setzen, d.h. entweder Familie oder Karriere ( seltsam, so neu ist das Thema doch gar nicht, das Raunen im Hintergrund ist unüberhörbar..., natürlich gibt es auch hier Lösungsmöglichkeiten, nur , bitte, keine unehrenhaften ! )
- schon als Student sich darüber klar werden, was man will, ohne zu glauben, diese Ziele seien unter allen Umständen realisierbar ;
Es streben ohnehin viel zu viele junge Leute ein Studium an. Und wer wirklich richtig in seinem Job ist, der darf auch die Früchte seines Erfolges tragen.
Wo keine Alternativen zur säkularen Weltsicht gegeben werden, weil die Kirchen ihre Ethik ebenso in den Dienst der weltlichen Erfolge stellen, dort wächst Werbung vielleicht um so mehr ?

Dr. Peter Barrenstein hat geschrieben: "Oberstes Ziel jedweden langfristigen und sinnvollen Wirtschaftens ist nur sehr vordergründig die Gewinnmaximierung." Gut zu wissen, dass es sich bei der Gewinnmaximierung um eine Vordergründigkeit handelt. Keine Vordergründigkeit ohne zugehörige Hintergründigkeit! Die kann man im Webauftritt des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland nachlesen. Christlicher Glaube, nachvollziehbare und wirkungsvolle Werteordnung, das Leben ethischer Werte werden genannt.
--- Dem kann ich mich nur anschließen. Der Hintergrund ist der Grund dafür, dass der Vordergrund prächtig gedeiht.
Fritz Kurz

Ich lese hier von einem Befürworter (Labudek) unserer Wirtschaftsweise: " Die soziale Marktwirtschaft ist praktische Ethik. Ansonsten wäre sie nicht so erfolgreich geworden."
Dazu fallen ihm solche Argumente ein:
1. Man hat 'als Verbraucher Rechte und Möglichkeiten, sich zu informieren und kundig zu machen'. Aber: Da hätte man viel zu tun als einzelner Verbraucher, bei jedem Produkt sich über mögliche Schäden zu informieren. Wäre es nicht besser diese Schäden durch kundige Menschen, die die Produktion (auch bei uns) planen, gar nicht erst zu möglich zu machen?

2. Ja: "Die Täuschung des Vertragspartners ist ... unter Strafe verboten!" - Dass das den Firmen verboten werden muss, weil es denen eben auf ihre Geldvermehrung ankommt, ist doch auch mal bedenkenswert - das ist auch bei den kleinen Unternehmen so, auch wenn die weniger Möglichkeiten zum Übervorteilen haben (obwohl das doch auch jeder Befürworter unserer Wirtschaftsweise weiß - jedenfalls dann, wenn er einkaufen geht). Und das führt auf die nächste Frage:

Auf welcher Seite steht unser Staat bei der Regelung dieser Gegensätze: "Der Dieselskandal ist genau das – ein Skandal und eben nicht die Regel".
- Das simmt einerseits gar nicht, denn diese Skandale kommen immer wieder vor, wegen ihrer Geldvermehrung - 'das muss aber so sein!' - Wieso? - dazu später.
- Andererseits wird sowas von unserem Staat verboten - aber eben nicht verhindert, sondern (gerade bei VW deutlich zu bemerken): Eben diese Firmenkalkulationen für ihren Profit 'darf man nicht zu hart anpacken'. Nein, deren Geschäft muss man fördern, denn: Das macht "unseren nationalen Standort stark" - von dem doch alles abhängt.
- Die Staaten fahren mit dieser Abhängigkeit evt. ganz gut, jedenfalls die erfolgreichen. Genau mit so einer Wirtschaftsweise für Überschuss (über den Konsum!) und für Steuern sind die reichen Staaten dann auch erfolgreich in ihrer Staatenkonkurrenz.
- Aber den normalen Menschen darin würde ich empfehlen, diese ihre Abhängigkeit mal genauer zu überdenken: Braucht man wirklich Firmeneigentümer als die Herren unserer Wirtschaft, die jeden Bedarf der Gesellschaft nur als Gelegenheit für ihren Profit kalkulieren? Kann man nicht ohne solche auch produzieren, was man braucht - auch gesamtgesellschaftlich?
Nebenbei zu: "Das funktioniert doch nicht!": Auch heute wird in Konzernen eine riesige Produktion geplant - nur eben für deren Profit.

 

Sehr geehrte Redaktion,

verehrte Herausgeberschaft,

ich bin Geschäftsführer und Inhaber einer Werbeagentur sowie Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen unter anderem im Bereich Designmanagement, dazu evangelischer Christ mit langjährigem Engagement in verschiedenen Kirchen und Kreisen.

Mit Grausen habe ich Ihren Artikel „Die Sünden des Kapitalismus“ in Ihrer Februarausgabe gelesen. Wir Werber sind Kritik gewöhnt, aber finde es nicht hinnehmbar, dass Sie mit Hinweis auf Martin Luther über eine Branche derart pauschal herziehen und über Ihr den Stab brechen. In unserem Gewerbe arbeiten viele Hunderttausend engagierte und sich mit ihrer Arbeit – durchaus auch kritisch – auseinandersetzende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ich gehe mal davon aus, dass – vereinfacht gesagt – Bildung in Gesellschafts- und Glaubensthemen eines Ihrer Oberziele ist. Vor diesem Hintergrund kann ich nicht nachvollziehen, wie sie ohne gleichwertige Darstellung einer anderslautenden Meinung diesem extrem einseitigen und vereinfachenden Autor diese Plattform zu seinem Thema geben. Jede Form von kritischer Abwägung vermissend, werden Erfahrungen vereinfacht, Halbwahrheiten als wissenschaftlich dargestellt und damit einfach schlechter Journalismus gemacht.

Ein paar Beispiele:

1. Erster Absatz, siebte Zeile: Die Vergrößerung der Zahnpastatubenöffnung wird als „Marketingidee“ dargestellt. Dabei handelt es sich bestenfalls um einen Eingriff in die Produktgestaltung, bzw. deren Verpackung. Es fehlt eine Beschreibung was Marketing eigentlich soll und ist.

2: Zweiter Absatz, zweite Zeile: Gewinnmaximierung und Nutzenmaximierung werden in einen Topf geworfen, ohne dass deren unterschiedliche Perspektiven erläutert oder voneinander abgegrenzt werden.

3. Dritter Absatz, siebte Zeile: Luthers „tiefstes christliches Empfinden“: Nicht erst durch die lesenswerte Biografie von Lyndal Roper „Luther der Mensch“ wissen wir, dass sich der Reformator werblich sehr effektvoll selbst in Szene setzen konnte und dazu ohne zu Zögern geschickt die Massenmedien der damaligen Zeit einsetzte. Es fehlt jeder Kontext zu dem, was damals geschah.

4. Achter Absatz, erste Zeile: Aus Konzernsicht sollen: Es wird der Eindruck erweckt „Konzerne“ bestimmen, was heute als Werbung bezeichnet werden. Dabei macht dies nur einen kleinen Teil aus. So fehlt bspw. eine Trennung in Konsum- und Industriegüterwerbung, obwohl diese fast 50 zu 50 ausfällt.

5. Neunter Absatz, zwölfte Zeile: Vorgehen der Pharmaindustrie ist die Regel: Eine solches hartes Urteil ist derart ungeheuerlich, dass hierbei unbedingt Quellen und anerkannte einschlägige Studien anzugeben sind, will man sich nicht aufs verschwörungstheoretische Glatteis begeben.

Abschließend finde ich es unfair und unglaubwürdig, dass Sie mit der Anzahl Anzeigen, die in Ihrem Heft stehen und die Ihnen helfen, Ihnen Ihre Existenz zu sichern, ein derartig oberflächliches und wohlfeiles Werbe-Bashing veranstalten.

Mit dieser Stellungnahme möchte ich an Ihr Verantwortungsgefühl als Redaktion und Herausgeberschaft appellieren, bei wichtigen gesellschaftlichen Themen einfach besser zu arbeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Dege

 

In Kürze:
Zu 1) Die Vergrößerung der Zahnpastatube, um Kunden zu übertölpeln wurde in einer Marketingvorlesung als hervorragende Marketingidee angepriesen.
Zu 2) Gewinnmaximierung und Nutzenmaximierung haben das gemeinsam, dass sie an den Egoismus apelllieren. Wie steht das mit den Evangelien in Einklang?
Zu 3) Das Vertreten geistiger Ideale, wie es Luther wundervoll und vehement tat ist etwas vollkommen anderes als das Anpreisen von Waren um seine Profite zu erhöhen. Man kann diese beiden Dinge m.E. nicht in einen Topf zu werfen.
Zu 4) Die multinationalen Konzerne bestimmen etwa 40% des Weltumsatzes. Die Aufteilung von Industrie- zu Konsumgütermarketing von 50 zu 50 ist mir neu, da würde mich die Quelle sehr interessieren.
zu 5) Dieses Vorgehen der Pharmaindustrie ist in vielen unabhängigen Büchern von renommierten Wissenschaftlern sehr exakt dokumentiert. Die Quellen dazu finden sich ausführlich in meinen Büchern.
Mögen die besseren Argumente sich durchsetzen.

Herr Professor Kreiß wünscht, dass die besseren Argumente sich durchsetzen. Das setzt voraus, dass Argumente zu lesen sind. Bei 1.) ist jetzt die Zahnpastatube größer geworden. Im ursprünglichen Artikel war es noch die Größe der Zahnpastatubenöffnung, was nicht dasselbe ist. Geschenkt, was soll daran der Aufreger sein?
*** Der Verbraucher soll mehr Zahnpasta verbrauchen. Warum? Weil dann der Umsatz steigt und damit auch eine Gewinnsteigerung verbunden sein kann. Das soll verwerflich sein? Und zwar gleich so, dass Luther sich darüber entrüstet hätte?
*** Ob der große Reformator vor 500 Jahren tatsächlich vor Wut Schaum vor dem Mund gehabt oder es beim Zahnpastaschaum im Mund belassen hätte, wenn es damals schon Zahnpasta gegeben hätte, entzieht sich meiner Kenntnis. Dem heutigen Zähneputzer sei Folgendes mitgeteilt: Die Firmen stellen keine Zahnpasta her, damit sich jemand damit die Zähne putzen kann. Das interessiert sie überhaupt nicht. Die Firmen stellen Zahnpasta her, damit sie damit ein Geschäft machen. Das können sie nur, wenn sie die Zahnpasta gewinnbringend verkaufen können. Das setzt voraus, dass sie Leute finden, die Zahnpasta kaufen. Leute kaufen Zahnpasta, damit sie nicht unangenehm aus dem Mund riechen und der Zahnarzt nicht so viel bohrt. Nur auf diesem Umweg kommt das Bedürfnis der Käufer überhaupt ins Spiel.
*** Der Kunde braucht nur einen kleinen Klecks Zahnpasta, um seine Zähne zu reinigen. Der Firma muss das zwangsläufig ein ziemlicher Dorn im Auge sein. Schließlich hängt ihr Gewinn davon ab, dass sie möglichst viel Zahnpasta verkauft. Also hat sie alle Register zu ziehen, um den Umsatz zu steigern. Welche Möglichkeiten hat sie dafür?
*** Wer sich je einer Marktforschungsfirma als Tester zur Verfügung gestellt hat, kennt die nicht enden wollenden Fragebögen: Wie empfinden Sie den Geruch der Zahnpasta? Nehmen Sie den Schaum als prickelnd, füllig oder störend wahr? Lässt sich die Tube gut ausdrücken? Fühlt sich die Riffelung am Zahnpastatubenverschluss griffig, rauh oder rutschig an? Erinnert Sie die Zahnpasta an Urlaub, Freiheit oder ewiges Menschenglück?
*** Warum die vielen Fragen? Weil das alles Stellschrauben für die Firmen sind, um mehr von der Zahnpasta losschlagen zu können. Selbstverständlich ist da auch die Größe der Tube und die Größe der Tubenöffnung von Interesse. Das einzig Besondere ist, wenn durch die Veränderung der Größe der Tubenöffnung der Umsatz gleich um 30 Prozent hochgejagt werden kann. Normalerweise bringen solche Veränderungen nur kleine Steigerungen des Umsatzes. Die Zielsetzung ist aber immer dieselbe: Der Gewinn soll gesteigert werden.
*** Es bleibt also unerfindlich, warum das eine moralisch anrüchig und das andere stinknormaler marktwirtschaftlicher, also ethisch hochstehender Alltag sein soll.
Traugott Schweiger

Lieber Herr Schweiger,
wollen wir das als Sinn unserer (Erwerbs-)Arbeit? Menschliche Gedanken, Fleiß, Intelligenz auf die Riffelung des Zahnpastadeckels usw. zu verwenden? Sollen wir dafür unsere Lebenszeit, unsere Talente einsetzen? Gäbe es da nicht Sinnvolleres? Die Zeit fehlt woanders: bei unseren Kindern, Senioren, Kultur, Religion usw. usw. Ich glaube, diese Art des Wirtschaftens ist höchst ineffizient und bringt unglaublich viel Unnötiges hervor. Dazu trägt Werbung und alle Arten von Absatzförderung zu Gewinnzwecken ganz maßgeblich bei. Ich fürchte, wir vergessen darüber leicht, weshalb wir eigentlich auf der Erde sind.

Christian Kreiß
P.S.: Sorry, es war nicht die Tubengröße gemeint, sondern die Tubenöffnung.

Haben Sie Dank für Ihre Klarstellung, was Sie an dem stört, was täglich in den Büros und Werkhallen abläuft: Fehlender Sinn. Ich hingegen teile nicht die Befürchtung, wir würden vergessen, weshalb wir eigentlich auf Erden sind. Ich bin weder eigentlich noch uneigentlich wegen eines Sinns auf Erden. Ich bin auf Erden, weil meine biologischen Eltern, Sie wissen schon was, miteinander getrieben haben und nach ca. 9 Monaten die bekannte Quittung in Form meiner Wenigkeit präsentiert bekamen. Ich habe noch nie einen Sinn in meinem Leben gesucht, somit auch keinen vermisst und dadurch alle gängigen Formen von Sinnkrisen verpasst.
*** Durch fehlende Sinnhaftigkeit haben ich übrigens im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung sonst nichts im Leben versäumt. Ganz im Gegenteil. Wer für sich und andere Sinn fordert, dem sind offenbar seine eigenen schnöden Interessen und die der Zweibeiner um ihn herum nicht Grund genug, sich ein paar Gedanken zu den Alltäglichkeiten und den Weltläuften zu machen. Ausgehend von diesen Gedanken wäre möglicherweise auch an das eine oder andere Engagement einschließlich der damit verbundenen Freuden und Leiden zu denken. Wer Sinn sucht oder findet, verpasst die interessengeleitete Wirklichkeit entweder gänzlich oder interpretiert sie im Lichte des wie immer gefassten Sinns falsch. Das ist sehr gefährlich.
*** Sie vermissen einen Sinn im Bemühen um die geeignete Riffelung der Verschlusskappe der Zahnpastatube. Ich putze mir völlig sinnfrei die Zähne. Ich habe aber ein Interesse daran, die Tube aufzukriegen, auch mit nassen oder altersgebrechlichen Fingern. Also bin ich froh, wenn ein Produktentwickler sich Gedanken zur Riffelung gemacht hat. Mich stört das Wissen, dass diese Gedanken nie angestellt werden, weil dadurch das Alltagsleben bequemer werden könnte, sondern ausschließlich deswegen, weil dadurch Konkurrenzerfolge der Herstellerfirmen angestrebt werden. So fallen die Produkte dann auch aus. Der brauchbare Verschluss ist bestenfalls ein Kollateralnutzen der Konkurrenz, nie Ziel der Bemühung.
*** Sie werfen der Wirtschaft Ineffizienz vor. Von Effizienz zu reden, setzt ein bewusstes Ziel voraus. Was ist denn Ihrer Meinung nach dieses Ziel? Vielleicht ist diese Wirtschaft sogar hocheffizient in der Verfolgung ihres Ziels oder ihrer Ziele. Der unzutreffende und ungerechte Vorwurf der Ineffizienz könnte daher rühren, dass Sie der Wirtschaft ein Ziel unterstellen, das sie nicht hat. Die Bereitstellung von durchaus sinnfreien, aber nützlichen, brauchbaren und erfreulichen Gütern für die Normalos ist nicht das Ziel unserer freien Marktwirtschaft.
*** Sie beklagen das Fehlen von Zeit für Jung und Alt, für Gottesdienst- und Konzertbesuch. Sie führen das auf fehlenden Sinn in der Wirtschaft zurück. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Erstens muss man eingefleischter Anhänger von Sinn sein, um den Gottesdienst überhaupt besuchen zu wollen. Zweitens muss man fest an die Sinngebung der freien Marktwirtschaft glauben. Sonst würde man sich nicht diesen Alltag gefallen lassen, wie er ist. Der schaut für den Normalmenschen so aus, dass er nach seinem Acht-Stunden-Arbeitstag und zwei Stunden im Berufsverkehr (Miete in Arbeitsplatznähe unbezahlbar) ziemlich erschöpft heim kommt. Dann muss noch allerlei im Haushalt und der Wohnung erledigt werden. Für alles den Reinigungsdienst oder den Handwerker kommen lassen reicht der Lohn nicht. Wenig verwunderlich, dass sich danach die Lust auf Kinder, Oma, den Liebsten oder die Liebste und das notorisch gute Buch in überschaubaren Grenzen hält.
*** Das sind eben die Früchte des Sinns. Nicht Folgen eines angeblich fehlenden Sinns.
Traugott Schweiger

Experimente zeichnen sich dadurch aus, das man in kleinem Maßstab versucht, was in größerem Umfang verheerend sein kann. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ein Experiment in einer politischen Einbahnstraße von Phantasten mit einer gewachsenen Gesellschaft als Spielball, mit einem Volk, der Demokratie, der Freiheit und mit dem Feuer der Zerstörung. Nach dem Krieg gab es mehrere Hasardeure, die versucht haben, sich damit für die Ewigkeit unsterblich zu machen.
1. Die chinesische Kulturrevolution. Sie war einem nahezu gottväterlichen Narziss geschuldet, dem Zig-Millionen seiner Schutzbefohlenen egal waren.
2. Ähnlich in Kambodscha. Den Roten Khmer war das Volk egal, allein ihre Wahnsinnsideen waren ihnen zum eigenen Wohl wichtig.
3. Der Kommunismus und der Sozialismus. Auch in Nikaragua und anderen mittelamerikanische Staaten. Die Ideale verkamen wie in der UDSSSR sehr bald zur asozialen Rücksichtslosigkeit. Schnell erkannt und dennoch daran fest gehalten. Stalins Experiment mit seinen Bauern.
4. Brexit. Auch in diesem Fall ein zwar freiheitlich demokratisches Experiment, dass aber ein ganzes Volk als Geisel nimmt. Den Wohlhabenden wird dieses Experiment am wenigsten schaden. Auch dieses Experiment ist nicht rückgängig zu machen.
5. Der Trumpismus in den USA. Ein Experiment mit dem hemmungslosen Sexismus des Präsidenten, mit seinen Lügen, Beleidigungen und absichtlichen Falschnachrichten, mit seiner fehlenden menschlichen und politischen Bildung und seiner kapitalistischen Bigotterie.
6. Wenn auch aus ganz anderen Motiven, so ist doch auch unsere Energiepolitik ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Man beobachtet uns. Geht es gut, sind wir wegen der Vorteile wieder einmal die „Bösen Buben“. Geht das Experiment ohne ein Vorbild oder ein überschaubaren Risiko schief, dann lachen alle über und unsere mühsam errungene Konkurrenzfähigkeit ist perdue.

Wird Derjenige, der sich an ein bedingungsloses Grundeinkommen gewöhnt hat, wieder zu einem normalen Erwerbsleben zurückfinden, wenn sich das Experiment als ein fataler Irrtum erweist? Oder ist dann derjenige mitsamt seinen Kindern für sein ganzes Folgeleben ein Kollateralschaden der Experimentatoren, die selbstverständlich immer auf der dauerhaft sicheren Seite sind? Wer hierfür die Verantwortung trägt, wird sich am Polarkreis oder auf einer kleinen Südseeinsel verstecken. Die Opfer wurden zum Ergebnis eines Experimentes. Dafür sind Menschen zu schade.

Ein Experiment ist immer ein Vabanquespiel. Es mit einem Menschen oder gar mit einem ganzen Volk zu spielen, ist bei Verlust kriminell. Diese Möglichkeit ist nicht auszuschließen. Das Risiko ist kein „good government“.

 

Ist es nicht eher so, dass es äußerst BEQUEM ist, immer nur das zu behaupten und zu tun, von dem man sich in der Regel den geringsten Widerstand erhofft ?
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Herr Kreiß schießt mit seiner Kritik einerseits weit übers Ziel hinaus, doch andererseits geht er das Problem an der Wurzel an, indem er die Ursache für den Missstand als ein ethisches Problem anprangert. Wer sich aber vor den Karren einer reinen Weltverbesserer - Ideologie spannen lässt, riskiert zum betrogenen Betrüger zu werden.
Die Rolle des Konsumenten beschränkt sich dabei auf reines Mitmachen.
Mit einem BGE besteht zumindest die Möglichkeit, dass allein durch verbesserte Lebensbedingungen, die Ansprüche der Käufer steigen, und eine gesündere Lebensweise sich zwangsläufig auf eine verbesserte Qualität auswirken muss, weshalb auch besser und wirkungsvoller geholfen werden kann, wo Hilfe nötig ist.

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1516 in "Utopia" von Thomas Morus kommt die Erwähnung eines "existenzsichernden Grundeinkommens" wohl zum ersten mal vor. Seitdem ein Thema, welches in unregelmäßigen Abständen, bis heute, immer wieder aktuell ist.
Außerdem gibt es positive Erfahrungen aus Indien und Namibia.
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Wo liegt das Problem ?

Man muss gegen diese s.g.n. " Hasardeure", wie Sie es nennen, ankämpfen, ebenso wie auch dagegen, wie einer von ihnen zu werden !
Ihre Beiträge vermitteln eine wenig hilfreiche fatalistische Passivität und ein Konsumverhalten, dass Sie schleunigst verbessern sollten.
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Der Begriff "Experiment" würde in diesem Falle bedeuten, Sie glaubten an Verschwörungstheorien.

 

Was sollen diese Angriffe? Ein Experiment ist m. W. immer noch ein risikoreiches Handeln ohne Vorbild mit ungewissem Ausgang. Wie man in diesem Zusammenhang auf den Begriff Verschwörungstheorie kommen kann, ist mir ein Rätsel. Warum soll ich mein spartanisches Konsumverhalten ändern, dass ausser mir und meiner Frau niemand kennt? Mit schönen Reden und hohlen Phrasen ist auf jeden Fall eine positive Opportunität (wenn man den Begriff als Pendant zu einer fatalistischen Passivität akzeptiert) nicht zu erreichen. Es macht keinen Sinn einer Utopie nach zu jagen, wenn die Realitäten jeden Tag die Brutalität der ohne Not unbeeinflussbaren menschlichen Schwächen beweisen. Den Konsumenten mit hohen Ansprüchen, mit ideologischen Verklärungen, mit der Aussicht auf ein imaginäres Paradies (und wenn es noch so erstrebenswert ist) erziehen zu wollen, ist müßig. Die Gefahr, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen letzlich nach altrömischem Vorbild zu einem Volk der "Brot und Spiele" eskaliert und dann irreparabel ist, ist letzlich das fatalistische Risiko eines Experimentes.

"Warum soll ich mein spartanisches Verhalten ändern, dass außer mir und meiner Frau niemand kennt ? "
Wenn Sie so denken ?
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Das Bedingungslose Grundeinkommen scheint mir ein sinnvoller Beitrag zu sein, um als Konsument dem marktwirtschaftlichen Treiben entgegen zu wirken. Sicher einer, der viel persönliche Verantwortung mit sich bringt, aber das wäre doch wenigstens ein lohnender Anreiz.

> Es wäre für uns heute sehr viel besser, die Empfehlungen Luthers zu beherzigen als die der modernen Wirtschaftswissenschaften.

Solch ein Satz von einem unabhängigen Fachmann sollte uns nachdenklich machen.

> Vehement und leidenschaftlich wendet er sich gegen alle Arten, die Mitmenschen zu übervorteilen, gegen Habsucht, Geiz, Profitgier und Wucher (in: „Von Kaufshandlung und Wucher“, 1524).

Gibt es hier jemanden, der Luthers Ansicht nicht teilt?

> In den letzten Jahrzehnten haben die Konsumenten immer mehr Vertrauen verloren in die Produktqualität und ethischen Standards von Konzernen.

Das sehe ich auch so.

> So verkaufte ein Pharmahersteller jahrelang ein Antidepressivum für Kinder und Jugendliche, von dem das Unternehmen durch interne Studien wusste, dass es unwirksam ist, jedoch besorgniserregende Nebenwirkungen, insbesondere eine Erhöhung der Suizidgefahr, hat.

Wenn diese Hinwiese stimmen, woran ich keine Zweifel habe, ist das Verhalten dieses Pharmaherstellers zu verurteilen.

> Es werden mit großem Marketingaufwand diejenigen Medikamente mit den höchsten Gewinnspannen vermarktet, nicht diejenigen mit dem höchsten Patientennutzen.

Auch diese Aussage sollte uns nachdenklich machen und uns anregen, darüber nachzudenken, was passieren müsste, dass Patientennutzen eine höhere Priorität hat, als die finanziellen Interessen der Aktionäre.

> Solche Strategien der Konzerne schädigen massiv unser tägliches Leben.

Genau so sehe ich das auch.

> Viele Ökonomen verharmlosen oder ignorieren diesen Zusammenhang, indem sie mantraartig – oft mit Bezug auf Adam Smith – wiederholen: Ein funktionierender Wettbewerb im Markt lässt es auf Dauer gar nicht zu, dass Kunden übervorteilt werden.

Ich halte es für unerlässlich, bei Diskussionen deutlich zwischen Meldung/Tatsachenbehauptung, Meinung/Mantra, Hypothese und Ziel zu unterscheiden. Von mir aus kann jeder jede Meinung vertreten. Wenn Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden, erwarte ich, dass diese nachweislich wahr/zutreffend sind.

> Diese Ansicht hat jedoch schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun.

Das sehe ich auch so.

> Die Ökonomie heute funktioniert nicht mehr so wie zu Adam Smiths Zeiten 1776 in einem schottischen Dorf, wo letztlich alles wieder ins Lot kommt.

Das meine ich auch.

> Wie soll es gutgehen, wenn in einer globalisierten Wirtschaft Kunden übervorteilt, in der Werbung Lügen und Halbwahrheiten verbreitet werden, Produkte verdeckte Mängel aufweisen, während zugleich Gewinne der Unternehmen steigen und die Täter mit einem Aufstieg auf der Karriereleiter und Boni belohnt werden?

Diese Frage stelle ich mir auch.

> Nach jahrzehntelangem Predigen wird das heute auch noch konsequenter gelebt als vor einer Generation, als die Skrupel meiner Einschätzung nach noch deutlich größer waren.

Diese Einschätzung teile ich.

> Wenn wir ein Unternehmen in den Händen hatten, gab es hinterher nur noch drei Ziele: Profit, Profit und Profit. Alles andere war unwichtig.

Das klingt für mich plausibel.

> Mein Anliegen: Ein Feuer der Entrüstung

Ich mache mir dieses Anliegen zueigen.

> Eine Rückkehr zu den von Martin Luther mit großer Hingabe gepredigten christlichen Grundtugenden ist dringend geboten. Wir sollten umkehren zu seinem menschlichen Grundsatz: Richtig ist, was den Menschen dient. Dieser Grundsatz muss in den Wirtschaftswissenschaften und im Wirtschaftsleben wieder Geltung bekommen. Auch wenn die Chancen auf eine baldige Umsetzung gering sind, sollten wir heute damit beginnen.
Ich finde Luthers Wirtschaftsethik aktuell, modern – und sehr brisant. Luther urteilt radikaler und spricht bewegender, als es die Kirchen heute tun. Er verweigerte den Wucherern die Sakramente. Diese „Stuhlräuber“, wie er sie nennt, ruinieren die Gesellschaft. Die „Stuhlräuber“ von heute kassieren ungerechtfertigte Boni und vermeiden Steuerzahlungen in Milliardenhöhe. Das sind Skandale.

Das sehe ich auch so.

> Das Feuer der Entrüstung darüber wieder anzufachen, ist mir ein Herzensanliegen.

Mir auch.

Am 24. September 2017 haben wir Gelegenheit unserer Entrüstung Ausdruck zu verleihen.

Notwendig wäre dafür aber, dass wir HEUTE mit den Vorbereitungsarbeiten beginnen!

 

Vor den Zeiten von Internet und Fernsehen fragte Kasperl zu Beginn seiner Vorstellung regelmäßig: "Seid ihr alle da?" Zuverlässig erfolgte aus krähendem Kindermund die erwartete Antwort: "Ja!"
--- Sie, lieber Herr Krause, stellen die Frage: "Gibt es hier jemanden, der Luthers Ansicht nicht teilt?" Da muss ich Sie enttäuschen. Ich wende mich weder vehement noch leidenschaftlich "gegen alle Arten, die Mitmenschen zu übervorteilen, gegen Habsucht, Geiz, Profitgier und Wucher". Warum?
--- Wer auf Profitgier schimpft, will einen Unterschied kennen zwischen dieser moralisch verwerflichen Profitgier und einem soliden, ehrlich erwirtschaftetem Profit, den er dann des besseren Klanges wegen Gewinn oder wirtschaftliche Vernunft nennt. Der moralische Vorwurf ist also gerade keine Kritik am Wirtschaften, das auf dem Erfolg der Geschäftswelt beruht, sondern eine Bekräftigung und Verteidigung dieses Treibens.
--- Wer gegen den Wucher wettert, will nicht sachlich klären, worum es sich bei Geld, Kapital, Kredit und Zins handelt. Er setzt all das als fraglos voraus. Er will an der Höhe bestimmter Zinsforderungen Anstoß nehmen und nicht ihren Grund ermitteln.
--- Wer den Geiz geißelt, will bestimmte Verfahren zur Vermeidung von Ausgaben in ein schlechtes Licht rücken. Den moralisch hoch im Kurs stehenden sparsamen Umgang mit allerlei Ressourcen, insbesondere den Appell an den Normalverdiener, gefälligst den Gürtel enger zu schnallen, meint er damit gerade nicht.
--- Die Habsucht soll von Übel sein. Die unabdingbare Grundlage von Habsucht, das Privateigentum nämlich, soll genau nicht Gegenstand irgendwelcher, schon gar nicht kritischer Erwägungen sein.
--- Tut mir leid, dass ich aus den genannten Gründen der empfohlenen Entrüstung fern bleiben werde. Sowohl am Tag der Bundestagswahl, wie auch davor und danach. Egal, ob Ihr Kommentar eine Vorbereitung für eine Wahlempfehlung für die AfD, Die Linke oder wen auch immer sein soll.
Friedrich Feger

Die folgenden drei Punkte möchte ich gerne anmerken:
1. Der Differenzierung eines anderen Foristen hier kann ich nur zustimmen: es gibt sehr wohl einen Unterschied zwischen lokal verorteten Klein- und Mittelbetrieben einerseits und den Strukturen großer Konzerne andererseits. Erstere müssen auf Anstand und Fairness bauen, um in einem überschaubaren Markt bestehen zu können. Wenn Herr Kreiß über eine neue lutherische Wirtschaftsethik spricht, sind damit wohl ausschließlich die herrschenden transnationalen Konzerne gemeint.
2. Die leitenden Mitarbeiter dieser Konzerne haben den einen übergeordneten Arbeitsauftrag, nämlich Profit und Wert des Unternehmens zu steigern. Der Mitarbeiter hat nicht die Freiheit, andere (eigene, ethische, christliche...) Werte über diesen Auftrag zu stellen. Das 'shareholder value' muß oberste Priorität haben, sonst handelt er gegen seine 'Stellenbeschreibung' und macht sich letztlich regreßpflichtig. Der Konzern bzw. die AG ist rechtlich gesehen eine juristische Person, und zwar ohne moralisches Bewußtsein. Besonders gut wird dies in dem kanadischen Dokumentarfilm: 'The Corporation' herausgearbeitet: https://www.youtube.com/watch?v=4PSxtJNp9Pc .
3. Daher ist es wohl auch zum Scheitern verurteilt, die Konzernlenker qua moralischem Appell zu einem anständigeren Verhalten zu bewegen; dadurch entsteht bestenfalls 'greenwashing' nach außen. Nein, die Veränderung muß durch politischen Zwang erfolgen, über ein geändertes Steuerrecht. Es gibt dazu ein ziemlich durchdachtes Konzept von Christian Felber, welches sich 'Gemeinwohl-Ökonomie' nennt. Es besagt, kurz formuliert, dass ein 'anständig' arbeitendes Unternehmen (dafür gibt es einen definierten Kriterienkatalog) deutlich niedrigere Steuern bezahlt als ein unanständiges. Hier wären Details: http://www.christian-felber.at/schaetze/gemeinwohl.pdf .

Der Schwenk jedoch zu diesen anstehenden politischen Veränderungen, den kriegen wir nicht ohne ein gewaltiges 'Feuer der Entrüstung'. Dieses Feuer immer wieder ein Stück weit anzufachen, dafür gebührt Christian Kreiß ein großer Dank!

 

Auch die Ökonomie, allen voran selbstverständlich die typischen globalen Kapitalisten, trägt den Begriff Ethik als Alibi vor sich her. Sie vereinnahmen den Begriff, um von ihren Zielen abzulenken. Ehrlich sind nur ihre Bilanzen. So weit es die Gesetze zulassen. Selbst für Kriege wurde dieser Begriff, wenn auch in differenzierter Auslegung, schon beansprucht. Ein einfacher Handwerker, der das Hohe Lied seines Poliers, seiner treuen Fachkräfte singt, hat die Personen nicht eingestellt, weil er ihnen vorrangig was Gutes tun wollte. Er braucht die Kräfte, um seinen Betrieb profitabel zu gestalten und verläßt sich auf sie, um im Urlaub auch mal etwas ruhiger schlafen zu können. Daran ist nichts Verwerfliches. Wir brauchen alle einander. Ohne diese Gemeinschaft ist der Einzelne nichts.

Von der Ethik des Beschäftigten gegenüber dem Arbeitgeber ist überhaupt nicht die Rede. Die Kapitalisten (was man immer darunter verstehen mag), die global Namenlosen Geld- und Besitzverschieber, die unter ihrer Fuchtel keinen der Arbeitnehmer kennen und würdigen, sehen die Arbeitnehmer als reine menschliche Manipulationsmasse. Von Ethik keine Spur.

Aber wie steht es eigentlich mit unserem eigenen ethischen Anspruch? Was ist mit der religiösen Ethik, wenn man Ungläubige oder auch nur Andersgläubige ins Fegefeuer verdammt, nur weil sie nicht folgsam oder gar nicht der gleichen Meinung sind? Wie sieht es denn mit der Ethik der Konsumenten aus, denen das Schicksal der Lieferanten (Kinderarbeit, weniger als Mindestlohn, unsere Landwirtschaftssklaven aus Osteuropa auf den Feldern) völlig egal ist, Hauptsache der Preis ist niedrig? Zum eigenen Vorteil, für das Einkommen, für die eigenen Produktionsbedingungen wird der Begriff Ethik in vollem Umfang beansprucht, aber für die eigenen Ausgaben (Konsum), für die Leistungen der Anderen wird der Begriff verleugnet. Das ist ebenso verlogen wie der internationale Großkonzern, der behauptet mit einer Unternehmensethik zu wirtschaften. Der Einzelne ist in seinem Rahmen keinen Deut besser. Allenfalls in der Familie, wenn sie denn noch funktioniert oder vorhanden ist.

Es wäre vermutlich ehrlicher, den Begriff Ethik nur für das normale Miteinander zu beanspruchen. Man sollte deshalb sehr viel vorsichtiger mit dem Begriff Ethik umgehen.

 

Christian Kreiß zeigt die typischen Widersprüche und Denkfehler der klassischen Kritik am „Kapitalismus“, die er uns als „christliche Kritik an den Fundamenten unserer Ökonomie“ vorstellt. Er blendet wesentliche Teile der Wirklichkeit aus. Die Täuschung des Vertragspartners ist nicht etwa erwünscht, sondern unter Strafe verboten! Steuerhinterziehung ist unter Strafe verboten! Das gleiche gilt für ein abgestimmtes Verhalten von Konkurrenten zu Lasten der Kunden! Die Rechte der Verbraucher und die Möglichkeiten, sich zu informieren und kundig zu machen, waren nie stärker heute. Die gesetzlichen Pflichten zu Angaben über Inhaltsstoffe und Verfahren werden immer ausgeprägter. Der Dieselskandal ist genau das – ein Skandal und eben nicht die Regel. Die Aufarbeitung der Verantwortung dafür hat erst begonnen!

Es ist einfach falsch, die Welt der Wirtschaft als das Spielfeld einiger weniger übermächtiger Konzerne und vieler kleiner, rechtloser Verbraucher darzustellen. Es gibt neben Großunternehmen zahllose kleine Dienstleister, Handwerksbetriebe, Kaufleute, Selbständige, Freiberufler, mit denen „der“ Verbraucher täglich tausendfach Geschäfte macht, ohne dabei über den Tisch gezogen zu werden. In vielerlei Hinsicht ist dies der wesentliche Teil unserer Wirtschaftsordnung. Der polemische Hinweis auf das schottische Dorf ignoriert, dass sich die Wirtschaft und die Wirtschaftswissenschaft seit Adam Smith weiterentwickelt haben. Die soziale Marktwirtschaft ist praktische Ethik. Ansonsten wäre sie nicht so erfolgreich geworden. Und was wäre denn die Alternative? Etwa eine Wirtschaftsordnung, die uns vorschreibt, was von wem zu welchem Preis in welcher Menge produziert und gekauft werden soll? Das hatten wir schon. Es funktioniert nicht!       

Gerade Luther als Autorität für diese Kritik heranzuziehen ist nicht nur historisch unzutreffend, es ist von geradezu entwaffnender Schlichtheit. Ach ja, wir verweigern heute dem Wucherer zwar nicht die Sakramente, aber immerhin den Schutz der Rechtsordnung. Wuchergeschäfte sind nichtig, siehe § 138 BGB.

Mit freundlichen Grüßen

Bernhard Labudek

 

"Steuerhinterziehung ist unter Strafe verboten": die Schwarzgelder in den Steueroasen werden auf derzeit etwa 30 Billionen Dollar geschätzt. Amazon und Co. haben Steuersparmodelle mit europäischem Rechtssitz, um Steuerzahlungen in großem Stil zu umgehen. Wie sah nochmal die Einkomensteuererklärung vor ein paar Jahren von Donald Trump aus?

"Die Täuschng des Vertragspartners ist ... unter Strafe verboten". Im "Stern" erschien 2013 eine siebenteilige Serie: Die große Abzocke, die Tricks der Industrie, sieben Branchen in sieben Wochen. Die Verbraucherzentrale NRW hat ein Schwarzbuch Lebensmittellügen herausgegeben usw. usw.
Die Aussagen von Hr. Labudek wirken doch etwas weltfremd.
Christian Kreiß

 

Ganz ohne Werbung wird man nicht auskommen, denn Fortschritte, Überzeugungen, Wahlen und Entscheidungen brauchen ein Publikum. Aber was wäre, wenn es nur noch "technische" Mitteilungen anstelle der ach so verlogenen Werbung gäbe? Da ist dann auch noch das Problem der hoffnungslos Dummen, die jeden Unsinn bereitwilligst glauben. Bitte in der Diskussion nicht vor der eigenen Türe halt machen! Wer sich angesprochen fühlt, wird protestieren.

Diese Fragen mit allen Konsequenzen durchzudenken, dass wäre doch eine Aufgabe für alle Gesellschaftskritiker, Politologen, Psychologen, Gesellschaftswissenschaftler und Futuristen!

Es gibt aber ein weiteres Problem! Was machen mit allen Sektierern, Idealisten, Religionen und unverbesserlichen Hoffnungsträgern, die mit ihren Werbeaussagen alles versprechen und verführen, für ihre Versprechungen aber nie einstehen müssen? Der Erfolg der Verschwörungstheoretiker (Reichsbürger!) beruht doch darauf. Ist es tatsächlich so, dass alle Menschen immer nur die Wahrheit wissen wollen? Wie viele Menschen belügen sich so lange selbst, bis die Dauerlüge zu ihrer eigenen Wahrheit wird. Eine Mutter, die die Kriminalität ihres Sohnes nicht wahr haben will, obwohl er nicht arbeitet und trotzdem Geld hat! Der Tod wird verleugnet, obwohl er schon klopft! Viele leben leichter mit ihren Lebenslügen.

Brauchen wir zur Wahrheit auch die Lüge? So ein Unsinn wird mancher sagen. Aber ohne Scheu zu Ende gedacht, wird sich mancher über das Ergebnis wundern.

 

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche, hat F.W. Bernstein einst so treffend gedichtet. Hier scheint es zu passen. Man kann auch verschärfend sagen: Typisch Konvertit. Von einem Extrem ins andere. Vom Investmentbanker zum fanatischen Kapitalismuskritiker. Den Fanatismus findet man bereits in der Überschrift: Der sündige Kapitalismus. Sünden können nur Menschen begehen, nicht soziale Systeme. Aber indem ich dem Kapitalismus sündenfähig mache, kann ich ihm nach alter Tradition auch andichten, dass der Teufel in ihm steckt, der ja immer irgendwo außerhalb von mir sein Unwesen treibt, nie in mir. Zumindest nicht mehr, wenn ich konvertiert bin. Soweit das Laien-Theologische der Sache. Zum Inhalt: Abgesehen davon, dass der Autor 100 000de von Unternehmern, die mit Freude, Umsicht, Verantwortung und sehr viel Energie mit dafür sorgen, dass es ihm und uns allen so gut geht, diffamiert, abgesehen davon, dass der Autor natürlich auch im Krankheitsfalle von den enormen Leistungen der verteufelten Pharmaindustrie profitiert, abgesehen davon, dass der Autor offenbar seinen im Finanzwesen verständlicherweise gewonnenen Eindruck ungefiltert auf alle Unternehmen überträgt, abgesehen also von diesen und anderen Ungereimtheiten, verhält es sich mit dem Kapitalismus einfach so wie mit dem Feuer: Das Feuer ist von Natur aus da, der Mensch konnte mit ihm die Hütte wärmen, aber auch die Hütte abbrennen, er konnte sich Essen zubereiten, aber auch an den Abgasen ersticken. Der Mensch musste lernen, die ungezügelte Energie des Feuers zu beherrschen. Aber verzichten kann er nicht darauf. Der Kapitalismus ist letztlich das natürliche Resultat der zunehmenden Arbeitsteilung, er ist ein Feuer, das ohne Frage immer wieder gebändigt werden muss, das aber nicht erlöschen darf, denn das hieße, dass das enorme Schaffenspotential des Menschen keine Freiheit hat sich zu entfalten. - Konvertiten können offenbar nur Schwarz-weiß sehen, Hölle Kapitalismus oder Paradies, ja welches denn?

Ich lese: "..dass der Autor natürlich auch im Krankheitsfalle von den enormen Leistungen der verteufelten Pharmaindustrie profitiert." Das wäre mir neu, dass der Kranke von der Pharmaindustrie profitiert. Ich dachte immer, die Pharmaindustrie profitiert davon, dass sie ihre Pülverchen insgesamt teurer verkauft, als sie für Forschung, Vorprodukte, Angestellte und sonstige lästige Kostenverursacher aufwenden muss. Der Kranke hingegen hat zu schauen, wie er seine Beiträge zur Krankenkasse zusammenbringt.
-- Aber vielleicht war gemeint, dass der Kranke der Pharmaindustrie gefälligst dankbar sein soll, dass es überhaupt Medikamente gibt. Da würde ich mich mal einbremsen mit der Dankbarkeit. Der Kranke ist gezwungen, denen die Pillen abzukaufen. Warum? Weil die segensreiche Marktwirtschaft es so eingerichtet hat, dass alles, was einer zum Leben braucht, also auch Medikamente, nur zu haben sind, wenn man das Zeugs zum geforderten Preis kauft. Es liegt also eine ziemlich bescheuerte Zwangslage vor.
-- Diese Zwangslage sich umzudeuten in einen Grund, der Pharmaindustrie dankbar zu sein und den Kapitalismus insgesamt als ein segensreiches natürliches Feuer zu sehen, das leider auch die eine oder andere unschöne Gefahr mit sich bringt, ist eine bemerkenswerte Sicht auf die Verhältnisse. Aber gang und gäbe ist diese Vorstellung. Das stimmt. Davon wird sie aber nicht richtig.
Thea Schmid

Liebe Frau Schmid. Sie nicht und auch all die anderen Linken, die die moralische Fahne so hoch hängen, können und wollen Millionen € investieren um z.B ein neues Medikament gegen Malaria zu entwickeln. Das tun nur die Pharmakonzerne (zuweilen in Zusammenarbeit mit nicht-profitorientierten Forschungseinrichtungen, die von den Konzernen finanziell gefördert werden). Würde sich bei einem solchen jahrelangen Vorhaben - mit ungewissem Ausgang! - nicht Profit ergeben, der zum Teil in weitere Projekte investiert wird, würde so etwas niemand machen. Gerade hofft ein amerikanisches Unternehmen einen Impfstoff gegen Malaria gefunden zu haben, aber auch dessen Wirksamkeit und Ungefährlichkeit bedarf noch einer Jahre dauernden Verifizierung. Die Menschen in diesen Unternehmen haben das sichere Gefühl, wirklich etwas für die Menschheit zu leisten, für sein höchstes Gut: Gesundheit. Und das sollte uns einiges Geld Wert sein. Ihre Haltung ist eine Geringschätzung, ja geradezu Verachtung dieser Menschen. Dass auch viel Blödsinn auf den Markt kommt, Unwirksames, Umetikettiertes, Nebenwirkungsbehaftetes - das hat die Pharmaindustrie gemein mit all den den alternativen Scharlatanen, die auch nur Geld schneiden, aber als altruistische Heilsbringer daher kommen. Das sind die eigentlichen Wucherer, gegen die sich der christliche Anspruch auf moralisch korrektes Wirtschaften richten sollte.

Sehr geehrter Herr Wedekind, haben Sie Dank für Ihre inhaltliche Erwiderung. In ihr steht der folgende, erfreulich richtige Satz: "Würde sich bei einem solchen jahrelangen Vorhaben - mit ungewissem Ausgang! - nicht Profit ergeben, der zum Teil in weitere Projekte investiert wird, würde so etwas niemand machen." Ihnen ist also durchaus bekannt und bewusst, dass Medikamente nur dann und insoweit entwickelt werden, wie sich dadurch eingesetztes Kapital vermehrt. Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Im Gegensatz zu Ihnen ist dies aber für mich kein Grund, jetzt begeistert zu sein. Im Gegenteil. Ich hätte gerne Medikamente, um gesund zu werden. Zu wissen, dass der Wunsch nach Gesundheit in dieser Gesellschaft überhaupt nichts zählt, ist mir kein Anlass zur Freude, sondern ein Grund, in eine gewisse Gegnerschaft zu diesen Verhältnissen zu geraten. Wenn sogar bei lebensbedrohenden Krankheiten der Wunsch nach Leben keine Rolle spielt, sondern damit beschieden wird, dass er sich nur als kaufkräftige Nachfrage äußern darf, dann möchte ich nicht verhehlen, dass mir ein gewisser Groll gegen diese Wirtschaftsweise in den Sinn kommt.
** Sie schreiben vom Höchstgut Gesundheit. Die Gesundheit ist dem hiesigen Wirtschaften piepegal. Das Höchstgut ist die Kapitalvermehrung. Wenn sich mit den Krankheiten der Leute Geschäfte machen lassen, dann werden diese Geschäfte gemacht. Wenn nicht, dann eben nicht. Das merken weltweit die nach Millionen zählenden Hungerleider, die die wenigen Dollar für Medikamente gegen triviale Wurmkrankheiten nicht aufbringen können und deren Kinder deswegen wie die Fliegen wegsterben. Das merken hierzulande die etwa 4 Millionen Kranken, die an sogenannten seltenen Krankheiten leiden. Da rechnet es sich für die Pharmaindustrie nicht, wegen der geringen Stückzahl Forschung zu betreiben. Also ab ins Dauerleiden oder in die Grube mit denen. Dass dies sogar dem Staat zuviel wurde und er per EU-Sonderregelung auch hier den Unternehmern das Verdienen ermöglicht, zeigt, was das Ziel der Unternehmen ist. Schließlich merken es die gewöhnlichen Kranken, die auf ärztliches Anraten Pillen bis zum Anschlag schlucken sollen und dann gesagt bekommen, dass es ziemlich unklar ist, was dieser Cocktail insgesamt im Körper anrichtet.
** Ihr Hinweis, dass das Treiben der Pharmaindustrie sich nicht grundsätzlich von dem der anderen Branchen unterscheidet, ist zutreffend. Spricht das jetzt für die Pharmaindustrie? Der von Ihnen erwähnte christliche Anspruch auf moralisch korrektes Wirtschaften ist genau das geistige Schmiermittel, das diese Gesellschaft braucht. Alles, was einem unangenehm aufstoßen könnte an dieser Wirtschaftsweise, soll nicht auf seine Ursachen hin untersucht, sondern als moralische Abweichung von einem sauberen Kern erklärt werden. Dann kann man auf alles Mögliche - Unternehmer, Gewerkschaften, Beamte, Rentner - kräftig schimpfen, dieses Schimpfen mit Kritik verwechseln und damit dem gesamten Laden zum ewigen Leben verhelfen. Dabei möchte ich nicht mitmachen.
Thea Schmid

Liebe Frau Schmid, auch die Ärzte, die Sie konsultieren, verdienen an Ihnen gutes Geld. Glauben Sie, dass denen (deshalb?) Ihre Gesundheit egal ist? Natürlich nicht. Geldverdienen und Verantwortung tragen schließen sich nicht aus. Nur in den Hirnen von - jetzt bin ich mal ein bisschen polemisch - Gutmenschen ist das so. Menschen, die die moralische Latte gerne sehr hoch legen, weil sie sie nicht überspringen müssen, weil sie zumeist wenig Verantwortung tragen. Dafür umso mehr Gesinnung. Wenn aber diejenigen, die wirklich Verantwortung tragen in den Spitzen von Politik und Wirtschaft, diese Latte reißen, ist die Empörung gleich groß. Dann wird gleich pauschal über eine ganze Menschengruppe gesagt, bei denen zähle "der Wunsch nach Gesundheit überhaupt nichts". So schwarz/weiß denken Menschen traditioneller Religionen und extremer Ideologien. Hier die Gläubigen, dort die Teufel, hier die Kommunisten, dort die Kapitalisten, hier die Deutschen, dort die Juden. Das ist die Menschenfeindlichkeit des Gutmenschen. Dass er keine Gnade für den fehlbaren Menschen kennt. Dass er Jesus nicht verstanden hat.

Geehrter Herr Wedekind, Sie möchten das Diskussionsthema von der Pharmaindustrie zum Kassenarzt verschieben? Gerne!
** Da haben Sie völlig recht, dass meinem Doktor meine Gesundheit und die der anderen Patienten nicht egal ist. Es gäbe nämlich nichts Fürchterlicheres für den Arzt, als wenn alle seine Patienten gesund würden. Dann bliebe das Wartezimmer leer und Herr Doktor müsste Privatinsolvenz anmelden. Meine kleinen und großen Leiden sind somit unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Herr Doktor gut verdient. Ich wollte natürlich sagen, dass Herr Doktor seine Verantwortung gegenüber den Patienten wahrnimmt.
** Herr Doktor hat aber nicht nur eine Verantwortung gegenüber seinen Patienten, sondern auch gegenüber seinen Mitarbeitern und seiner Familie. Die Einen müsste er entlassen und seiner Frau und den Kindern könnte er kein standesgemäßes sorgloses Dasein bieten, wenn seine Praxis nicht brummt. Also muss er beide Verantwortungen unter einen Hut bringen. Darin ist er sehr geübt.
** Solange die Praxis gut läuft, ist jede Untersuchung, jede therapeutische Maßnahme und jedes verschriebene Medikament ein Ausweis des Verantwortungsbewusstseins des Arztes gegenüber seinen Patienten. Der wachsende Kontostand ergibt sich dann von selbst. Heutzutage ist eine einmal eröffnete Praxis aber keine gesicherte Goldgrube auf Lebenszeit. Es gibt Ärzte, die Pleite machen oder denen die Pleite droht. Wie wird das jetzt mit den zwei Verantwortlichkeiten gehandhabt?
** Zunächst stellt Herr Doktor fest, dass an den Kassenpatienten nicht so großartig zu verdienen ist. Also muss ein bestimmter Prozentsatz an Privatpatienten her. Je mehr, desto besser. Wo die hernehmen? Da muss man eben seine Praxis dorthin verlegen, wo die besser Verdienenden, ich wollte sagen, die Verantwortungsträger der Gesellschaft wohnen. Also die Praxis im Arbeiterviertel schließen und in die Innenstadt oder die bekannten Nobelvororte ziehen. Da hat man dann zwar den Ärger, dass die lieben Kollegen denselben glorreichen Einfall hatten und auf einen Arzt nur noch ein paar Hundert Einwohner kommen, aber einen Versuch ist es allemal wert.
** Nicht ganz zufällig sind die, die wegen ihres geringeren Einkommens Kassenpatienten sein müssen, auch die, die im Schnitt etwas kränker sind als die gutverdienenden Verantwortungsträger. Ist aber nicht schlimm. Sie haben freie Arztwahl. Sie können in Wohnortnähe frei wählen zwischen lauter Ärzten, die nicht mehr da sind. Die längere Anfahrt mit dem Rollator im Taxi ist je nach Einzelfall aus eigener Tasche zu zahlen und verhindert unnötige Arztbesuche.
** Ja, ja, die Verantwortungsträger haben es schwer bei uns.
** Da Sie, lieber Herr Wedekind, Jesus sicher verstanden haben, noch ein Wort zum Gottessohn. Die beliebte Frage, was Jesus heute machen würde, ist nicht ohne Reiz im Zusammenhang mit der ärztlichen Verantwortung. Aus berufenen Theologenmündern und -MünderInnen erfahren wir, dass man von Jesus nicht viel weiß, aber eines schon: Er war als Wunderheiler tätig. Da wäre ihm heute dringend ein guter Rechtsanwalt anzuraten. Einfach drauf los zu heilen ruft sofort die Bundesärztekammer und die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Stichwort: Unerlaubte Ausübung der Heilkunde. Bliebe noch ein Auftritt in einer Realityshow im Fernsehen unter dem Kunstvorbehalt. Das aber nicht wiederholt, sonst ist das berühmte "Steh auf, nimm dein Bett und wandle!" als gewerbsmäßig anzusehen.
Thea Schmid

Hallo Herr Kreiß,
Ich teile mit Ihnen erstens, dass möglichst viele "auch unsere Ökonomie kritsch ... überdenken" sollen und zweitens auch die Einsicht, dass man "niemandem moralische Vorwürfe" machen sollte, weil "das bestehende Wirtschaftssystem ... die Akteure in zunehmend egoistisches Verhalten" treiben.
Die Akteure sind doch die Eigentümer der Firmen. Und die setzen die Anreize so, dass die Manager das jeweilige Unternehmen so führen sollen, dass deren beider "Egoismus" herauskommt: Profitmaximierung & Boni. Und das machen sie systematisch sowohl gegen (den Egoismus der) Kunden, an deren Geld sie rankommen wollen, als auch gegen (den Egoismus) ihrer Angestellten. Denn die müssen dafür billig & willig sein, weil sonst die angebotene Ware o. Dienstleistung nicht konkurrenzfähig ist - und sie werden entlassen, wenn sie für diese Gewinnproduktion nicht mehr nötig sind. Der Lebensunterhalt der Angestellten wird als Kostenfaktor behandelt. So wird der "Egoismus" der einen durchgesetzt gegen den "Egoismus" der anderen.
Aber daher würde ich weder die einen noch die anderen Interessen mit dem abwertenden Titel "Egoismus" bezeichnen. Denn mit diesem Titel wendet man sich doch eigentlich gegen jedes dieser gegensätzlichen Interessen - und zwar für ein allgemeines Interesse. Aber für welches?
1. Das herrschende Allgemeinwohl jedenfalls, also das, was alle Politiker verfolgen, ist die Förderung des Standorts Deutschland = eben die Förderung der Gewinnproduktion "unserer Firmen" - die zwar, wenn man sie ließe, sehr schnell Land und Leute ruinieren würden, denen deshalb gesetzliche Grenzen gesetzt wurden - schon zu ihrer eigenen Überlebensbedingung. Innerhalb dieser Grenzen aber wird ihr Interesse an Gewinn nach Kräften staatlich gefödert, und innerhalb dieser Grenzen sollen sie auch mit den anderen beteiligten Interessen nicht zimperlich sein.
Welches also ist ein allgemeines Wohl? - Gibt es ein für alle vorteilhaftes Ziel überhaupt angesichts so eines systematischen Gegensatzes?
Wahrscheinlich denken Sie diesen Gegensatz gar nicht so grundsätzlich in unserer Marktwirtschaft verankert, sogar als Zwang der Konkurrenz, den sie sich dabei gegenseitig bereiten - sonst kämen Sie nicht auf die Idee, dass eine "Wirtschaftsethik" da helfen könnte.
2. Was spricht denn gegen die Gewinnmaximierung, wenn nicht das Interesse (der Egoismus?) der dabei Geschädigten sonstigen Bevölkerung? Mit dem Begriff "Egoismus" will man sich aber weder auf die eine Seite, noch auf die andere Seite schlagen. Sondern man beurteilt damit jedes Interesse als 'bloß ein Interesse' im Gegensatz zu etwas Besserem, einem gedachten allgemeinen Wohl - worin das auch immer bestehen mag.
Indem ein Egoismuskritiker sich so kritisch gegen alle beteiligten Interessen stellt, gibt er aber kund, dass das von ihm gemeinte "allgemeine Wohl" gar nicht zum wirlichen allgemeinen Vorteil für die (von ihm abgeurteilten!) Interessen sein soll, sondern für irgendetwas Höheres - aber was soll das sein? Wahrscheinlich halt doch das herrschende Allgemeinwohl, für das aber eben "unsere Unternehmen" nicht zimperlich sein sollen.

An die Kontrollinstanzen und die Zensurleute von Chrismon

Gestern konnte man noch 12 Lesermeinungen lesen. Heute nur noch 2. mit einer unerträglichen Redundanz zum Kreiß-Artikel. Was ist da passiert?
Sie glauben doch nicht, dass ich für Chrismon noch jemals mir die Mühe mache, eine fundierte Lesermeinung zu schreiben. Danke für diesen guten Morgen, DANKE.
P. Kroll

 

Lieber Herr oder Frau Kroll,

Sie können sich beruhigen, es wurde nichts gelöscht. Sie sind lediglich unter dem falschen Artikel gelandet. Die vielen Kommentare, die Sie meinen befinden sich unter den "Zehn Thesen gegen Werbung". Dieser Artikel (oben) ist ebenfalls von Herrn Kreiß und in der Print-Ausgabe erschienen, wohingegen die Zehn Thesen nur auf chrismon.de zu finden sind. Hier ist der Link:

http://chrismon.evangelisch.de/werbung-nein-danke

Ob Sie sich weiterhin die Mühe machen wollen, fundierte Meinungen zu schreiben, liegt ganz bei Ihnen. Bitte für diesen guten Morgen, BITTE.

Herzliche Grüße

Ihre Kontrollinstanz und Zensurabteilung von chrismon.de

 

Eine sehr unfreundliche, unhöfliche Antwort , Herr Guethlein, auf eine doch recht verständliche Leserkritik. Angesichts des sehr oft rüden Tons vieler Artikel, Beiträge und Kommentare kann es schon passieren, dass man sich voreilig aufregt. Es gibt keinen Grund als Redakteur der Zeitung, sich im Ton zu vergreifen.
Gelten Respekt und Achtung hier nicht etwa für beide Seiten ?
Und glauben Sie nicht, dass Ihre Zeitung ohne die Leser NICHTS wäre ? Im Grunde ist der Leser Ihr Brötchengeber !
Die Sache schon man aus dieser Perspektive betrachtet ?

Sehr geehrter Herr oder Frau G.L.,

eine verständliche Kritik wäre es, wenn tatsächlich Kommentare im Nachhinein gelöscht wurden. Das war schlichtweg nicht der Fall.

Auf welchen rüden Ton Sie sich in unseren Artikeln beziehen, weiß ich nicht. Ich sehe daher auch keine Rechtfertigung, sich voreilig aufzuregen.

Uns pauschal Zensur vorzuwerfen, ist hingegen äußerst rüde. Ich finde, dass es auch als Leser keinen Grund gibt, sich im Ton zu vergreifen. Alle Kommentare, die sich im Rahmen unserer Netiquette bewegen, werden veröffentlicht.

Freundliche Grüße

 

"Verständliche Kritik " heißt in diesem Falle aus der Sicht des Lesers gesehen. Er wähnte sich im Recht, Sie im Unrecht. Nachdem das geklärt ist, kann man die Situation auflösen, indem man erkennt, dass es ein Missverständnis war. Darüber könnte man z.B. lachen, oder ein kleines `Sorry ´, oder ein `war ein Versehen, tut mir leid !`Intermezzo folgen lassen ...( eine kleine Übung für den Leser P.Kroll ) ist sicher nicht leicht, aber dennoch eine Übung wert. Der Vorwurf der Zensur steht schon lange im Raum, wen wundert*s also, dass es auch mal zu einem solchen Missklang kommen konnte ? Manche nehmen es ernst, andere weniger. Smalltalk über wichtige und weniger wichtige Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, inmitten einer vom Terror bedrohten Welt, fällt eben nicht jedem leicht.
Eine Zeitung, will sie die Leser behalten, darf ihnen nicht nur schmeicheln, aber doch nach Möglichkeit sachlich und höflich begegnen. Mit Unfreundlichkeiten auf beiden Seiten läuft gar nichts !
Andererseits ist eben zu viel Freundlichkeit unnatürlich und den Themen unter Umständen wenig gerecht.
Es ist ein tolles Übungsfeld für interessierte Leute, finde ich.

"Ein tolles Übungsfeld für interessierte Leute " habe ich das genannt . Ich nehme es zurück: es ist brutal, gnadenlos, hemmungslos unzivilisiert. Und Sie als Zeitschrift tragen die volle Verantwortung für diese miserable deutsche Arroganzkultur, denn Sie geben den Menschen nicht nur ein Forum, nein, Sie provozieren sie auch noch dazu.
Ich will von jetzt an, mit dieser abscheulichen sinnlosen Idiotenkultur nichts mehr zu tu haben.
Als Journalist wäre ich da schon längst weg! Freiwillig.
Das sollten Sie Ihren `Schwätzern `und `Brummern und Ottens`, verzeihen Sie die kleine satirische Einlage, aber manchmal muss man sein Programm ändern, wenn es andere, die Verantwortlichen nicht tun ! Achtung und Respekt gelten grundsätzlich, doch im Speziellen, vor allem wenn einem dauernd nur was vorgegaukelt wird, ohne Aussicht auf eine auch noch so geringe Veränderung, gelten Ausnahmeregeln ! ), deutlich klar machen.
Das ist nicht der richtige Weg in eine friedliche Demokratie. Manche Menschen kann man nicht ändern, und gibt man ihnen dauernd Sprachrecht, zerstören sie alles, was vorher noch gut war.
Hier geht es auch um Ihre eigenen Kinder, denen der Mist sicher irgendwann einmal anhängen wird.
" Arbeit macht Spaß !" Unter allen Umständen ?

Sehr geehrter Herr Guethlein

Ihre Antwort auf meine Unruhe über eine fälschlicher Weise angenommene Zensur hat mich nicht nur gefreut, sondern mir auch ein gerüttelt Maß an Respekt abgenötigt, weil ich es außerordentlich mutig und aufrichtig finde, sogar meinen "Empörungsartikel" ins Netz eingestellt zu haben. Für meine tatsächlich voreilige Annahme der Zensur kann ich ich mich bei Ihnen nur entschuldigen, und ich werde sicher mir die "Mühe" wieder mal machen, meine Lesermeinung zu Artikeln von CHRISMON zu schreiben. Der Morgen begann wiedermal mit DANKE. An dieser Stelle auch mal ein DANKE an den kürzlich verstorbenen Komponisten dieses "ach ja so einfachen Liedes" , das gerade wohl deswegen vielen Christen so viel gegeben hat und sicher noch geben wird.
Freundliche Grüße
Peter Kroll

 

Die Bedeutung der Werbung ist gesunken. Für was wird denn noch Werbung gemacht? Für die Artikel des täglichen Bedarfes kaum noch. Für Waschmittel, Zahnbürsten, Mehl, Zucker, Kaffee, Tee, Joghurt, Käse? Fehlanzeige. Stattdessen sind es in den Versorgungstempeln die Regalmeter, die diese Funktion übernehmen sollen. Die über- und regionalen Zeitungen und Zeitschriften leiden unter Anzeigenschwund und mußten ihre Tarife erheblich reduzieren. Durch den Auflagenla-genschwund von bis zu 50% in den letzten 20 Jahren wird nur noch ein kleiner Teil der Bevölke-rung von der Printwerbung erreicht. Die Erreichbarkeit der Verbraucher durch die Flut der Postkastenwerbung ist miserabel. Schaufenster als Werbeträge haben ihre früher übliche Be-deutung schon längst eingebüßt. Wer im Internet kauft und deshalb den Einzelhandel nicht mehr oder doch weniger besucht, wird von der dortigen Werbung nicht mehr erreicht. Der Werbeaufwand im Vergleich zum Erfolg ist sehr fraglich geworden. Die TV-Werbepausen werden für das WC genutzt. Die Wege der Information sind unsicher geworden. Die verbliebene früher übliche Werbung konzentriert sich vorrangig auf die Imagepflege für Marken. Auch die Markentreue ist häufig nur noch eine Frage des Alters. Vorrangig Kinder und Jugendliche und die sogenannten Urbaniaks (hedonistische städtische Schichten die immer "IN" sein wollen) rennen jedem modischen Hype nach sind aber auf Dauer nicht "werbeverläßlich". Selbst für RTL und Ihresgleichen ist die durch die TV-Werbung zuverlässlich ansprechbare Altersgrenze auf ca. 50 Jahre gesunken. Die regionale und örtliche Werbung hat dagegen eine weitgehend unveränderte Bedeutung. Das ist auch die Aufgabe der kostenlosen "Geschäftsanzeiger" und der kommunalen Info-Blätter. Ja, es wird auch noch überregional geworben und es wird auch noch verführt! Aber die Kosten hierfür sind immens gestiegen. Mit der Tante-Emma-Werbung erntet man nur noch Lachsalven und Häme. Allein aus diesem Grund hat ein extremer Strukturwandel der Werbung eingesetzt. Automobil-, Kommunikations- und Touristikfirmen sind in der breiteren öffentlichen Werbewahrnehmung gut vertreten. Auch der Werbeaufwand für die eigenen TV-Programme ist hoch. Ähnlich wie sich die Kauf-Prioritäten (in der Summe jammern nahezu alle Textiler) verändert haben, hat sich auch die Werbung verändert. Der inzwischen notwendige TV-Aufwand schnürt insgesamt sowohl den Erfolg als auch die Zahl der Auftraggeber zusammen.
Die Internetkäufe führen zusätzlich zu einer Reduzierung der Frequenzen von städtischen Besu-chern, die auch tatsächlich größere Einkäufe tätigen wollen. Dieser Entwicklung wollen nahezu alle Städte und Einkaufszentren mit einer Flut von Events, von Sonderveranstaltungen, von Sonntagsshopping begegnen. Selbst in München wird geklagt, obwohl die Stadt proppenvoll ist. Aber der Anteil der Touristen und "Sightseeer" vertreibt zusehends das Publikum aus der Peri-pherie. Die Städte sind vielfach in einer "Eventfalle". Ohne Event kommen zu wenige, die dann beklagen, dass nichts los ist. Aber das "Eventpublikum" sitzt in den Strassenkaffees und genießt den Trubel. Kaufen tun die am wenigsten. Die Werbung ist kurzwirksam geworden. Eine Lang-fristwirkung, wie früher auf den Litfaßsäulen, war einmal. Die überregionale Bedeutung der Werbung für die täglichen Kaufentscheidungen schwindet.

Hallo Herr Kreiß,
ich finde es toll, dass Sie sogar als ehemaliger Investment Banker und als Professor der Volkswirtschaftslehre unsere Wirtschaftsweise mal nicht nach den Lehren Ihres Fachs betrachten, in dem es offenbar übich ist, wie Sie sagen, "mantraartig – oft mit Bezug auf Adam Smith – (zu) wiederholen: Ein funktionierender Wettbewerb im Markt lässt es auf Dauer gar nicht zu, dass Kunden übervorteilt werden."
Dagegen weisen Sie zurecht darauf hin, dass wegen des Profits der Firmen (meinen Sie wirklich nur die Größten kalkulieren so, die Konzerne?) für die Kunden massenweise Schäden systematisch produziert werden - und dass das deshalb "die Regel und nicht die Ausnahme" ist.
Wenn Sie aber daran kritisieren, dass das ungehöriger "Egoismus" sei, dann mag das eine übliche Kritikweise sein, aber widersprüchlich ist diese schon auch, denn:
Nur von einem geschädigten Interesse aus spricht man doch gegen solch gemeine Behandlung durch "unsere Wirtschaft", der man als Verbraucher ausgeliefert ist. Aber: Ist dieser Standpunkt der Kritik nicht auch "egoistisch" (schließlich will man einen Schaden von sich abwenden), oder geht das in Ordnung, weil man ja bescheiden ist? (Ich meine das ist ein Widerspruch jeder Egoismuskritik) - Ist da Bescheidenheit eigentlich angebracht?
Nebenbei: Über ihr Verbraucherdasein hinaus werden v.a. die Angestellten auch noch zusätzlich gemein behandelt, denn aus dem gleichen Grund (Profit) wird ihr Lebensunterhalt von diesen Firmen systematisch als Lohnkost reduziert (wenn technisch möglich und die Investition nicht teurer als die eingesparten Löhne und Gehälter). Und nur deshalb gibt es ein weiteres für viele Menschen sehr dringendes Problem: Arbeitslosigkeit und die Angst davor, weswegen man sich auch noch die Arbeitshetze in den Firmen gefallen läßt.
Ich meine also, man sollte lieber zur Kenntnis nehmen, dass es sich da um einen dieser Marktwirtschaft eigenen systematischen Gegensatz handelt zwischen 'unserer Wirtschaft' (den Firmen) und auf der anderen Seite den Verbrauchern - jedenfalls denen, die nicht selbst genauso kalkulieren können (wie z.B. andere Firmen), sondern nur ihren Schaden von 'unserer Wirtschaft' haben (die Angestellten etc.).
Daher finde ich die Art Ihrer Kritik an dieser "unserer Wirtschaft", dass sie "egoistisch" sei, nicht eine diesen Erkenntnissen angemessene Konsequenz. Denn:
1. Jeder Unternehmer kann und wird den Vorwurf des Egoismus zurückweisen: Er müsse den Profit der Firma maximieren, um auch in Zukunft die Arbeitsplätze zu erhalten, für die er selbstverständlich hohe Verantwortung trägt (jedenfalls immer für diejenigen, die nach der neuesten Investition noch übrig sind). Und wer in unserer Republik widerspricht so einem Argument? Das ist (fast) allgemein anerkannt und wird leider selbstverständlich auch mit solchen Argumenten so praktiziert!
2. Wer sich da einerseits als Geschädigter sieht, seinen Schaden aber als Ergebnis 'gemeiner Rücksichtslosigkeit und unchristlichem Egoismus von profitgeilen Konzernen' versteht, der verplichtet sich selbst zu Rücksicht. Dann macht man nämlich den wirklich herrschenden Gegensatz zu seinem Interesse nicht zum Grund seines Aufbegehrens, sondern legt sich darauf fest, nicht selbst auch egoistisch sein zu wollen, indem man auf seinem Interesse dagegen beharrt.
3. Stattdessen möchte man sich gegen die eigene Schädigung auf einen allgemeinen Standpunkt berufen, der da geschädigt werde: Das Allgemeinwohl, Unser Gemeinwesen, Unser Staat. Und natürlich finden sich da in den Betriebskalkulationen genug Gründe für Steuerflucht und auch für diverse Schäden an Umwelt und Gesundheit, so wie sie sogar "unserem Staat" nicht egal sind - darum kümmert sich dieser Staat dann mit seinen Gesetzen und Grenzwerten.
4. Aber: Auch hier sollte man lieber zur Kenntnis nehmen, dass "Unser Gemeinwesen" es als Allgemeinwohl betrachtet, dass an unserem deutschen Standort die Wirtschaft wächst. Da sollen doch "unsere Firmen" auf ihre Konkurrenzfähigkeit achten und dürfen geradezu nicht zimperlich sein. Das ist doch das anerkannte Allgemeinwohl, dem sich jede Regierung verpflichtet weiß (auch wenn es nicht zum allgemeinen Wohl ist). Denn schließlich hängt ja alles vom Konkurrenzerfolg 'unserer Firmen' ab - jedenfalls so wie es bei uns eingerichtet ist: Jeder Lohn, jedes Gehalt und v.a. auch der ganze Staatshaushalt. Daher ist die Sorge um den heimischen "Standort" auch keiner falschen Betrachtungsweise geschuldet (höchstens für die Betroffenen), die zu korrigieren ist, sondern leider inzwischen auf der ganzen Welt Staatsraison. Denn vom Konkurrenzerfolg heimischer Unternehmen gegen alle anderen hängt die Finanzierung jedes freiheitlichen Staates ab. Und daher stellen sich die Staaten auch zunehmend radikaler gegeneinander auf - insbesondere in Krisenzeiten wie heute.
5. Die "ungerechtfertigten Boni" - die nur aus "sozialen" = Neid-Gründen oder aus allgemeiner Kritik an "Egoismus" problematisiert werden, möchte ich hier lieber weglassen, denn sowohl Neid als auch die Kritik am Egoismus (vgl. oben) halte ich für Konsequenzen aus den geschädigten Interessen. Aber: Mit solcher Kritik erklärt man sich doch nur mit noch mehr "Gürtel enger schnallen" einverstanden - und das zu Gunsten des wirklichen Allgemeinwohls (vgl. oben) und nicht zu Gunsten eines nur gut gedachten allgemeinen Wohls!
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PS: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir antworten würden - und noch mehr, wenn man meinen Leserbrief in Chrismon lesen könnte. Mir ist das Thema sehr wichtig, weil ich erstens sehe, wie Menschen ihre Schädigung durch das Gewinnprinzip der Unternehmen diese so komisch kritisieren, dass sich an dem worunter sie leiden 100%ig nichts ändert. Nur die Kritiker selbst ändern sich: Sie werden bescheiden(er), was wiederum sowohl der Gewinnmaximierung als auch deren staatlicher Förderung dienlich ist - also gerade denen, die einem systematisch die Schäden zufügen, weswegem man ja kritisch geworden ist.
Und zweitens weil heute sehr viele Menschen gerade wegen ihres in der Krise zunehmenden Schadens immer nationalistischer auf "ihren" Staat und "ihre" Wirtschaft setzen gegen den Rest der Welt - wo genauso gedacht wird. Manchmal sehen diese sich dann wechselseitig als Brüder im Geiste (erstmal), und am Ende dann doch als Feinde, ganz so wie "ihre" konkurrierenden Staaten, die in unseren Krisenzeiten mit ihren Erfolgen auch immer unzufriedener werden und sich zunehmend gegeneinander aufstellen. Die können solche Bürger dann gut gebrauchen. Das Ergebnis davon möchte ich lieber nicht erleben müssen - aber ich finde es auch jetzt schon schlimm genug - nicht nur für mich.
Viele Grüße
Thomas

Sehr geehrter Herr Thomas, mir ist nicht ganz wohl, wenn ich unter 4.) und 5.) von einem Gegensatz zwischen dem Allgemeinwohl, also dem national erfolgreichen Geschäftsverlauf, und einem allgemeinen Wohl lese. Das Allgemeinwohl als schlechte Realisierung eines allgemeinen Wohls? Das wäre glatter Idealismus und würde ihre korrekten Argumente zum geschädigten Interesse konterkarieren. Ansonsten war mir bei Ihrer Darstellung dessen, was täglich im Lande und weltweit abgeht, sehr wohl zumute.
Sie merken an, dass der von Herrn Prof. Dr. Christian Kreiß erhobene Egoismusvorwurf "nicht eine diesen Erkenntnissen angemessene Konsequenz" sei. Könnte es sein, dass Sie Ihre Erkenntnisse zum Marktgeschehen mit den Erkenntnissen des Herrn Professors verwechseln? Sollte Herr Professor die von Ihnen erbetene Antwort tatsächlich geben, wird sich diese Frage sehr schnell und eindeutig klären lassen. Der Autor schreibt: "Das Feuer der Entrüstung darüber wieder anzufachen, ist mir ein Herzensanliegen." Klingt das auch nur ansatzweise nach sachlicher Erfassung der bestimmenden Merkmale und unterschiedlichen Verlaufsformen des Marktgeschehens?
Thea Schmid

Lieber Thomas
ich unterscheide streng Systemfragen und individuelle Ethik. Das bestehende Wirtschaftssystem und die Ökonomielehre treiben die Akteure in zunehmend egoistisches Verhalten, setzen die Anreize so, dass Egoismus belohnt wird und die Hochschulen lehren das auch. Das finde ich schlecht und spreche ich an.
Ehtisch davon zu trennen ist, ob und in welchem Maße jeder Einzelne sich egoistisch verhält. Das spreche ich nicht an, das ist eine Moralfrage jedes Einzelnen, ich mache niemandem moralische Vorwürfe, weder Unternehmern noch Arbeitnehmern, Boni-Empfängern oder sonst jemandem. Das ist jedermanns individuelle Herzensangelegenheit.
Luther prangert Zinssnehmen und anderes egoistisches Verhalten mit Recht vor allem ethisch individuell an, wie man es von einem solch starkem geistigen Vorbild auch erwarten kann. Nur am Rande weist er auf die ökonomischen Folgen hin.
Ich finde Luther ein großartiges Vorbild und hoffe, dass sein Enthusiasmus ansteckt, auch unserer Ökonomie kritsch zu überdenken.
Herzliche Grüße
Christian Kreiß

Ich möchte Herrn Professor Kreiß ganz herzlich danken für seine Klarstellung, was unter Kritik der Ökonomie zu verstehen sei. Zum Reformationsjubiläum eine von Luther inspirierte Anklage gegen den Egoismus der Akteure! Arbeit-, Gehalt- und Boninehmer und -Geber sind zu geißeln wegen fortschreitender Selbstsucht. Und diese Vorwürfe sind mit Enthusiasmus vorzutragen. Jawohl! Nicht so langweilig und trocken wie die gängigen Ökonomiebücher!
-- Das Schöne an dieser Sorte von engagierter Kritik ist, dass sie niemandem wehtut und keine Gegnerschaft aufkommen lässt außer der gegen den Egoismus. Steht jetzt an, sich einen Hartz-IV-Empfänger oder einen Normalverdiener oder einen Unternehmer vorzuknöpfen? Denen ihren jeweiligen Egoismus vorzuwerfen? Den einen beim sich Einteilen, den anderen beim Geld scheffeln? Nein, das wäre ganz verfehlt, das gehört in die Individualethik. Geht es also vielleicht darum, das von uns allen geliebte System namens soziale Marktwirtschaft gedanklich zu sezieren? Nein, das schon zweimal nicht, das sind streng von der Egoismuskritik zu unterscheidende Systemfragen.
-- Da lacht das Herz, wenn alles getrennt wird, was getrennt gehört. Ich bin nicht leicht zu begeistern. Aber bei dieser Verdeutlichung dessen, was eine Kritik der Ökonomie zu leisten hätte, wollte ich meine Begeisterung zum Ausdruck bringen. Also nochmals vielen Dank, Herr Professor!
Lisa Müller

Sehr geehrte Frau Müller, Sie haben geschrieben: "Das Schöne an dieser Sorte von engagierter Kritik ist, dass sie niemandem wehtut". Nein, diese Sorte von Kritk hat sehr wohl ihre Opfer. Ziemlich viele sogar. Und man kann auch klar ausmachen, wer sie sind und warum sie zwangsläufig zu Opfern werden.
** Als "Sorte von Kritk" ist hier der moralische Vorwurf des Egoismus gemeint. Ins ethische Abseits sollen also die gestellt werden, die für sich selbst etwas fordern. Der Gegenpol sind die Altruisten, die für andere etwas verlangen. Das klingt zunächst ganz harmlos. Ist es aber nicht. Der typische Fall ist die moralische Bewertung von Tarifauseinandersetzungen. Die Beschäftigten fordern für sich eine Lohn- oder Gehaltserhöhung. Die Arbeitgeber weisen diese Forderung, zumindest der Höhe nach, zurück. Steht hier Egoismus gegen Egoismus? Droht ein ethisches Null zu Null? Nein, denn die Arbeitgeber weisen darauf hin, dass sie ja nicht aus Egoismus nicht höher Löhnen wollen, sondern weil sie für andere Verantwortung tragen. Vom ökonomischen Erfolg der Arbeitgeberseite hängt ab, ob jemand überhaupt einen Job hat und behält. Von diesem Erfolg hängt ab, ob reichlich Steuern in die Staatskasse sprudeln. Vom erfolgreichen Geschäftemachen hängt ab, ob eine Region oder ein Standort weitere Geschäftemacherei auf sich zieht. Weil also sehr viele und sehr vieles abhängig ist vom Erfolg der einen Seite, kann diese Seite - durchaus nicht nur aus propagandistischen Gründen - ihren Standpunkt als altruistisch darstellen. Und tut das auch regelmäßig. Und kommt damit auch regelmäßig durch bei den Ethikwächtern. Und nicht nur bei denen, sondern allen, denen die Egoismusschelte einleuchtet.
** Kann die Gegenseite, also die gewöhnlichen Normalverdiener, etwas dagegen setzen? Selbstverständlich nicht. Wer nichts hat, von dem ist auch niemand abhängig. Also stehen die Gewerkschaften von vornherein auf der moralischen Verliererseite. Sie können nur egoistisch sein. Und wenn es vorherrschende Meinung ist, dass der Egoismus ziemlich igitt-baba ist, haben die gewöhnlichen Leute von vornherein schlechte Karten.
** Und immer wenn man denkt, der Irrsinn dieser Zwickmühle könnte nicht mehr schlimmer werden, kommt noch ein ethischer Zusatz daher. Die Gewerkschaften haben es schon lange aufgegeben, schlichtweg für ihre Mitglieder Forderungen zu erheben. Nein, mit schöner Regelmäßigkeit weist die Gewerkschaft darauf hin, dass auch sie nicht allein für ihre Leute Forderungen aufstellt, sondern um die Konjunktur, die Binnenachfrage und noch so ein paar edle Zwecke zu beflügeln. Bei so etwas landet man also, wenn der Egoismus landesweit geächtet ist. Ein Arbeiter darf nicht mehr sagen, dass er gerne ein paar Kröten mehr hätte. Nein, er muss sich hinstellen und darauf hinweisen, dass es ihm angeblich ein Herzensanliegen sei, die Discounterbesitzer glücklich zu machen.
** Also von wegen, Egoismusschelte treffe niemanden. Den Egoismus als schlecht zu erklären heißt, die gewöhnlichen Leute in die Pfanne zu hauen. Und damit das nicht auffällt, müssen auch irgendwelche Arbeitgebergewohnheiten (Größe der Zahnpastatubenöffnung!) als egoistisch getadelt werden. Als wenn der Normalverdiener davon auch nur einen Euro mehr hätte.
Clara Neu

Beispiel 1:
Sehen wir uns die aktuelle Situation bei VW an. Da wird eine "Schummel Software" eingebaut, damit die Autos bei der Abgasprüfung besser da stehen. Wer hat die veranlasst? Die Vorstände weisen alle Verantwortung zurück. Ihre Vorgaben an die Ingenieure war aber die Ursache. Die Ingenieure haben sich zu dem Zeitpunkt nicht besser zu Helfen gewusst. Hätten sie zugegeben, dass sie die Abgaswerte nicht regulär einhalten können, wäre die Vorgabe des Vorstandes über die Zahl zu verkaufenden Autos nicht zu erreichen gewesen. Jetzt ist der Schaden groß und die Ingenieure schuld.
Beispiel 2:
Ich habe 1973 als Entwicklungsingenieur für die großen Netzbetriber Produkte entwickelt. Die Vorgabe der Kuinden war: 20 Jahr Nutzungszeit bei mazimal 1 Stunde Totalausfall. Daran haben wir gearbeitet. Da kam ein Kollege aus dem Konsumbereich, der sich über unsere Bemühungen wunderte. Er hatte mit folgender Vorgabe Rundfunkgeräte entwickelt: Die Geräte sollten spätesten 5 Monate nach der Garantiezeit ausfallen.
Welche Moral ist jetzt besser? Als Entwickler folge ich immer den Vorgaben meiner Unternehmensleitung
Hochachtungsvoll D. Linck