In Monheim ist der Bürgermeister von der Schülerpartei

Was macht der Nachwuchs?
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Daniel Zimmermann fühlt sich im Ratssaal fast wie zu Hause. Er ist hier der Chef; schon seit sieben Jahren

Henning Ross

Den Kindern gehts gut. Kitas sind jetzt umsonst, aber Seniorentanz wurde abgelehnt: In Monheim bei Düsseldorf läuft vieles anders. Hier regiert ein Bürgermeister von der Schülerpartei. Das fanden fast alle toll. Bis er diese Idee mit der Moschee hatte

Das Holzgerüst ist schon montiert, viele Rollen Wellpappe liegen bereit. Orientalisch wird diesmal der Rosenmontagswagen der Monheimer Jugendpartei „Peto“. Das Motto: „Aladins Wunderlampe“. Passt schon. Im Märchen aus Tausendundeiner Nacht gibt es einen Dschinn, der Aladin reichlich Wünsche erfüllt. In der rheinischen Version 2017 sind diese Wünsche: ein Glasfasernetz, ein Sportplatz, ein Kindergarten. Passt aber auch, weil die jungen Leute, die seit Weihnachten mit Heißkleber und Bastel­draht werkeln, keine gewöhnliche Partei sind. Durchschnitts­alter: 25. „Wir sitzen oft bis halb elf abends im Ausschuss“, sagt Daniel Zimmermann, 34, „schon o. . Aber in unserem Alter will man auch mal Spaß haben zusammen.“ Zum Beispiel beim Karnevalsbasteln.

Es wurde keine Hiphop-Band, sondern eine Partei

Als „Juxaktion“, so Zimmermann, hat es tatsächlich begonnen, im Jahr 1999, als eine Clique gelangweilter Elftklässler überlegte, was man denn mit seiner Zeit noch so anstellen könnte. Monheim, das muss man sagen, ist für einen 16-Jährigen nicht der Burner. 40 000 Einwohner, eine Schlafstadt für Arbeiter, die entweder zu Bayer nach Leverkusen oder zu den Ford-Werken nach Köln pendeln. „Wir haben damals in der Clique Aufgaben verteilt“, erinnert sich Zimmermann, „einer sollte checken, wie man eine Band gründet, einer wollte nach Theaterstücken gucken.“ Daniel hatte die Idee mit der Partei. In Nordrhein-Westfalen war gerade das Wahlalter bei Kommunalwahlen gesenkt worden auf 16. Also marschierte der Gymnasiast ins Rathaus und machte sich schlau.

Daniel war am Ende der Einzige, der seine Hausaufgaben gemacht hatte – also wurde es keine Hiphopband, keine Theater­truppe, es wurde eine Partei. Name: „Peto“, lateinisch für „ich fordere“. Schüler eben! „Als wir überraschend zwei Sitze im Rat kriegten, guckten alle so: Ach, das geht bald vorbei. Und das dachten wir ja selber auch.“

 Monheim am Rhein: der Nabel der Welt?Henning Ross
Das denkt jetzt keiner mehr. 2017 hat Peto die Mehrheit im Stadtrat, von fünf Fachausschüssen sind vier mit Peto-Vorsitzenden besetzt. Zimmermann, 2009 der jüngste Bürgermeister in Deutschland, wurde 2014 mit 94,6 Prozent der Stimmen wieder­gewählt. Dabei ist er keine Rampensau wie der österreichische Außenminister, kein notorischer Klassensprecher wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg. Eher der ideale Schwiegersohn, man würde ihm sofort einen Gebrauchtwagen abkaufen. Unter­schätzt wird er bestimmt nicht mehr.

Er wird bundesweit ge­feiert als Wunderknabe, der mit einer radikalen Senkung des ­Gewerbesteuersatzes die kommunalen Finanzen saniert hat. Wird beschimpft und diffamiert, weil er zwei Sahnegrundstücke an Moscheegemeinden vergeben hat. Er wird geliebt, gehasst und von mütterlichen Sekretärinnen der Stadtverwaltung schon mal überschwänglich in den Arm genommen: „Mein Bürgermeister! Pass auf dich auf! Es ist doch bisher alles so gut gegangen, oh je.“

"Jetzt muss er die Ochsentour durchmachen"

Mit Zimmermanns Moscheeidee im Sommer 2016 kam ein bisschen tausendundeine Nacht in die rheinische Provinz: Die Moscheegemeinden, die bislang in Hinterhöfen zum Freitags­gebet luden, werden in die Mitte der Stadt geholt. Ein türkischer und ein marokkanischer Verein bekommen je ein Grundstück. Grundstückswert: rund 800 00 Euro. Unter strengen Auf­lagen. Sollten die Gemeinden verkaufen wollen, pleitegehen oder Hass­prediger beschäftigen, fällt es zurück an die Stadt. Zimmermann ist stolz auf die Aktion, stolz auch auf seine islamischen Gesprächs­partner: „Das sind einfache Arbeiter, die haben sich hier mit 900 Leuten auf der Bürgerversammlung wacker ge­schlagen.“ Und die müssen jetzt die Spendentrommel rühren, je­weils über zwei Millionen Euro sammeln, um Architekten und Bauleute zu be­zahlen. „So geht Verantwortung“, glaubt Zimmermann.

Die Bürgerversammlung im Sommer 2016 war der erste echte Dämpfer für Zimmermann. 700 passen ins Bürgerhaus, 900 ­kamen, die Wogen schlugen hoch. Danach bekam der Bürgermeister so üble Mails, dass er Kripo und Staatsschutz einschalten musste. Kurt Arnold Holz, Presbyteriumsvorsitzender der evangelischen Kirche, war dabei im Bürgerhaus. „Der junge Mann wollte das hau ruck durchziehen, das geht nicht. Er musste dann die Ochsentour machen durch die Ausschüsse. Das hat er jetzt verstanden.“

Bald gibt es Breitbandinternet! Aber, o je, die Moschee...

Die evangelische Kirche findet den Moscheebau inzwischen gut, wenn auch ein bisschen groß – „als ob wir ein Gebäude bauen würden extra für Heiligabend“. Beim Kirchenvorstand hat sich der Bürgermeister jedenfalls Respekt verschafft. Seit Zimmermann mit seiner Jugendtruppe regiert, „wird hier alles umgekrempelt“, sagt der Presbyter, „das ist ein cleverer Junge. Er ist schnell im Kopf.“

 Erst mal wurden Dienstfahrräder angeschafft. Akten kommen in die Satteltaschen. O.k., es gibt auch einen E-roller im Fuhrpark. Aber der Bürgermeister fährt RadHenning Ross
Und schnell auf dem Dienstrad. Wer mit Zimmermann das komplexe Moscheethema besprechen will, muss gut bei Puste sein. Ein eisiger Dezembertag, der Bürgermeister vorneweg, die Rheinpromenade entlang zum ehemaligen Raffineriegelände, auf das er besonders stolz ist: Der Chemiemulti Oxea hat sich hier mit 110 Arbeitsplätzen angesiedelt, die Deutsche Anlagen-Leasing, im Rohbau steht ein 3-Sterne-Hotel mit 178 Zimmern. Monheim blüht auf.


Die Stadt hat zu den „Monheimer Mittagsgesprächen“ ­geladen. Ein Heimspiel – einerseits. Die Mittelständler, 29 Männer und eine Frau, die hier bei Minischnitzel und Avocado-Wraps netz­werken, sind voll des Lobes. Bald wird es Breitbandinternet ­geben! Der Logistiker UPS hat sich gegen London entschieden, für Monheim! 140 neue Arbeitsplätze!

Andererseits – ein Besuch auf fremdem Terrain. Dass der Bürger­meister zwischen den Sparkassenberatern und den Immobilien­maklern der einzige Mann ohne Jackett und Krawatte ist, daran haben sie sich offenbar schon gewöhnt. Aber, o je, die Moschee!

Nur der Handwerker unterstützt die Idee

Kaum ist der offizielle Teil mit Powerpoint, Leasingstrategien und dem Austausch von Visitenkarten beendet, wird am Stehtisch Tacheles geredet. „Geben Sie jetzt jedem eine Million, der die Hand aufhält?“, fragt der eine, der andere gibt zu bedenken, dass „diese Menschen“ auch am neuen Moscheestandort alles zuparken werden, weil „diese Menschen das eben so tun“. Eine der netteren Einlassungen am Stehtisch ist noch die, dass Integration erst dann gelinge, wenn auch die muslimischen Mitbürger in Monheim Haus und Familie haben. „Die müssen Angst um etwas haben, Angst! Dann klappt das.“ Ein Einziger am Tisch, ein Handwerker, outet sich als Unterstützer der Moscheeidee, „ich war die ganze Zeit stolz auf meinen Bürgermeister, der hat Rückgrat. Ich habe alle seine Posts geliked auf Facebook!“

 Wir bekommen UPS nach Monheim! Ins alte Shell-Gebäude zieht ein Hotel! Die Busse fahren öfter! - Der Mittelstand schätzt den jungen BürgermeisterHenning Ross
Zimmermann schüttelt allen die Hand, dem Fan und den Skeptikern, er muss weiter, im Bürgerhaus Baumberg warten schon die Rentner, die einmal im Jahr geehrt werden. Vorher schnell noch mal ins Rathaus, Post machen, gegen den Winterwind anradeln. Gegenwind macht dem jungen Mann ja nichts. „Wenn die alle gegen mich wären, weil ich irgendwo schwarze Kassen hätte, das würde mich stressen. Aber so? Nö.“ Außerdem, das wollen wir mal nicht vergessen, hat der junge Aladin nicht nur die Wünsche der Muslime erfüllt. Der Sportverein hat einen Kunstrasen bekommen. Die Feuerwehr kriegt eine neue Wache. Die katholische Kirche einen Zuschuss für die Tafel, die evangelische ein Dach für die Altstadtkirche. „Und jetzt“, sagt er mit seiner leisen Stimme, die offenbar gar nichts aus der Ruhe bringen kann, „jetzt waren eben die Moscheegemeinden mal dran.“

Zimmermann hält das Moscheethema auch für ein Generationenthema. „Die Älteren sind einfach anders aufgewachsen“, glaubt er, „in meiner Klasse hatte ein Drittel einen ausländischen Pass. Und dann kamen noch die Kinder aus dem Balkankrieg dazu. Meine Generation ist gelassener.“

Demografischer Wandel heißt nicht: Geld für Alte

Und in Monheim hat seine Generation das Sagen. Fast überall in Deutschland stöhnen Eltern über zu hohe Kitagebühren, hier sind Kitas umsonst. Überall fehlen Jugendtreffs, hier durften sich die Jugendlichen per Facebook die neue Skaterbahn zusammenstellen. Dagegen: Kulturtaxi für Rentner? Die können mit dem Bus fahren, findet Zimmermann. Tanztee für Senioren? Sorry, dafür gibt es gerade „keine Ressourcen“, beschließt die Peto-­Mehrheit. „Jugendwahn“, schäumt die Senioren-Union der CDU.

Die jungen Leute wollen keineswegs Senioren-Apartheid betreiben. „Aber demografischer Wandel heißt nicht Geld für Alte. Es heißt auch: Kinder müssen bolzen können, ohne dass die ­Alten sich beschweren. Junge Eltern müssen sich hier wohlfühlen. Unsere Firmen brauchen neue Auszubildende.“

Viele Ideen sind schlicht gut. Gut für alle. Zum Beispiel das Breitband und das geplante WLAN in der ganzen Stadt. „Das nutzt auch Müttern, die von zu Hause aus arbeiten – und älteren Menschen mit Einschränkungen, einfach allen mit Homeoffice.“ Oder die Idee mit der Heimat-App, mit der man im Gänsemarsch durch den historischen Ort gehen kann. Die Gans gehört zum Stadtwappen von Monheim, „Tradition ist mir wichtig“, betont der Jungspund, „aber wir wollen auch touristisch attraktiv werden“.

Ungewöhnlich, dass sich ein junger Mensch das alles antut. Gewerbe­steuerhebesatz, Kommunalwahlgesetz, Radwegeplan. „Ich finde das halt alles wahnsinnig interessant“, behauptet Zimmer­mann. Auch die Friedhofsordnung? Wahnsinnig interessant? „Klar“, antwortet er sofort, „da sehen Sie, wie sich die Bestattungsformen verändert haben.“ Aber Müllgebühren? Wahnsinnig interessant? „Total“, sagt Zimmermann, „seit wir nach Gewicht berechnen, hat sich der Restmüll um acht Prozent verringert.“ Stimmt, der will was.

 Der Zebrastreifen ist zu schmal. Im Hallenbad fliegen zu viele Bälle durchs Wasser. Die Nöte der BürgerHenning Ross
Im Bürgerhaus Baumberg warten die Pensionäre schon, warten auf den Bürgermeister, auf die Sahnetorten und auf die ­Musik. Schnell das Rad abschließen, zwei Hände schütteln, hoch auf die Bühne, da steht schon der Personalratsvorsitzende Peter Viertel und kokettiert mit seiner Kurzsichtigkeit: „Ich kann das mit ­meiner Brille schlecht lesen, Herr Bürgermeister, können Sie das übernehmen?“ – „Immer wieder gerne“, sagt der junge Mann, lächelt kurz und macht seinen Job. 15 Jubilare, 15 Geschenke. Und eine weitere Motivationsrede zum Thema Moschee.

Der Mann bringt Glanz in die Hütte

Die Freude darüber ist auch hier gedämpft. „Die nächste Wahl wird der nicht mehr gewinnen!“, grummelt ein alter Feuerwehrmann. Aber erstens ist die nächste Wahl erst 2020. Und zweitens hat der junge Mann ja was Richtiges studiert, Französisch und Physik, er kann sich auch ein Leben als Lehrer vorstellen. Nun gut: als Schulleiter, „ich mag schon gern was gestalten“.

Und solange er die Stadt gestalten kann, nutzt er seine Jugend. „Manchmal hilft das“, weiß er, „sonst wären die Tagesthemen nicht nach Monheim gekommen“. Es hilft sogar an diesem trüben Winternachmittag in Baumberg. Einerseits finden sie das alles blöd mit der Moschee. Andererseits erzählt ein Pensionär vom Bauamt, wie er beim Bergwandern war am Königsee. Und auf der Hütte Wanderfreunde traf, die beim Stichwort Monheim entzückt waren. Das Monheim? Das mit dem jungen Bürgermeister? Kein Zweifel, der Mann bringt Glanz in die Hütte.

Jetzt noch schnell die Band der Musikschule ansagen, das ­Buffet eröffnen, dann weiter. Ab aufs Rad, den Rhein entlang, wo jetzt ein dramatischer Sonnenuntergang die Leverkusener Bayer­werke in Blutrot und Gold taucht. Kurzer Stopp, schön ist es hier. Ob er nie wegwollte? So wie andere Jugendliche? „Warum?“, sagt er. „Wenn ich abends ausgehen will, fahre ich nach Köln oder Düsseldorf.“ Und außerdem: „Ich bin ja ein Einzelkind, das wäre doch traurig für meine alten Eltern, wenn ich wegginge.“ Also: Jugendwahn klingt anders.

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