Kampf gegen Fake News im Internet

Schöne falsche Welt
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Jan Robert Dünweiler

Brauchen wir neue Gesetze, um erfundene Geschichten im Netz zu bekämpfen? Bernhard Pörksen stellt das infrage

Ich war kürzlich einmal wieder im seltsamsten Land der Welt unterwegs, dem Fake-News-Land. Millionen von Menschen leben hier, tauschen sich aus, klären sich auf über die Abgründe der Politik und die Gemeinheit des Menschen. Im Fake-News-Land ist alles möglich. Hillary Clinton führt hier einen Pädophilen-Club, getarnt als Pizzeria in Washington. Und der Papst liebt Donald Trump. Angela Merkel ist die Tochter von Adolf Hitler, und aus den Kondensstreifen der Flugzeuge regnet es Gift auf unschuldige Bürger. Flüchtlinge braten sich Kaninchen, die sie aus Streichelzoos geklaut haben, und werden ansonsten wahllos mit Handys versorgt – ein Skandal, über den die Lügenpresse nicht schreibt, weil ihr dies die Regierung oder auch die CIA im Verbund mit geheimen ­Finanz-Mächten der amerikanischen Ostküste untersagt hat.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er gemeinsam mit Hanne Detel das Buch „Der entfesselte Skandal“.

Es ist ein Land, in dem das Drama die neue Normalität geworden ist, die spektakuläre Enthüllung zur alltäglichen Erfahrung. Kürzlich wurde bekannt, dass auch der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif einen derartigen, gefälschten Artikel für bare Münze nahm. Hier heißt es, Israel werde Pakistan mit Atomwaffen zerstören, sollten pakistanische Bodentruppen in Syrien einmarschieren – wohlgemerkt, nichts davon stimmt.

Tatsächlich erschütternd war jedoch der Ad-hoc-Tweet, den Khawaja Asif daraufhin schrieb. Israel, so seine kaum verhüllte Drohung, solle nicht vergessen, dass auch Pakistan eine Atommacht sei. Das also ist die reale Gefahr des Irrealen: Wenn das Erfundene vorschnell für wahr gehalten wird, wenn in Zeiten umherwirbelnder Falschnachrichten der kommentierende Sofortismus regiert und nicht die Frage, ob das Gesagte überhaupt stimmt, dann hat dies Folgen in der wirklichen Welt. Dann wird der Reaktionsreflex im Verbund mit Erfundenem zum echten Drama. Bis hin zur Drohung mit einem atomaren Krieg.

Was also tun? Fake News verbieten, wie Politiker fordern? Die Lüge bestrafen? Ein Abwehrzentrum gegen Desinformation ein­richten, wie durch das Innenministerium geplant? Vielleicht sogar, wie ein Wissenschaftler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ernsthaft vorschlug, das allgemeine Wahlrecht an einen Wissenstest koppeln, der abfragt, ob man echte News sauber von wahnhaftem Verschwörungsdenken zu unterscheiden vermag? („Wer besteht, darf wählen.“)

Fake News gab es schon immer

Solche Vorstellungen von einer Herrschaft der Wissenden, die sich bis zu Platons Idee des Philosophenkönigs zurückver­folgen lassen, offenbaren ein strikt autoritätsgläubiges Denken. Sie wollen das Richtige in Gestalt der Vorschrift durchsetzen und machen deutlich, dass in diesen überhitzten Zeiten nicht nur das Ideal der Wahrheit bedroht ist, sondern auch das der Mündigkeit. Beide Ideale gehören jedoch elementar zu einer Demokratie. Sie sind aufs Engste miteinander verknüpft, weil auf einem Marktplatz der Wahrheiten und Ideen, so die natür­lich immer etwas utopische Vorstellung, mündige Bürger darüber entscheiden, was ihnen als richtig und wichtig erscheint.

Wie also kann man das Ideal der Wahrheit im Zeitalter der Desinformation bewahren, ohne das Ideal der Mündigkeit zu zerstören? Die ernsthafte Lösungssuche – ­jenseits der lautstarken Symptompolitik – beginnt, so meine ich, mit einem dreifachen Eingeständnis. Zum einen muss man feststellen, dass es immer schon Fake News gegeben hat und sie sich nie ganz verbannen lassen werden; dies zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte der Propaganda oder auch auf die große Zahl der nichtdigitalen Klatsch- und Promi-Magazine, die mit Erfundenem Auflage machen.

Zum anderen unterstellt der Begriff Fake News eine Trennschärfe, die oft nicht existiert. Wahrheiten sind – jenseits der glasklar erkennbaren Propaganda – in der Regel strittig, der Debatte unterworfen. Sie bewegen sich gleichsam im Meer der relativen Uneindeutigkeiten. Müsste nun auch ein Homöopath, der fröhlich postet, zu den Fake-News-Produzenten gerechnet werden? Geriete jemand, der eine religiöse Überzeugung formuliert, aus der Sicht eines strengen Empirikers unter Verdacht? Kurzum: Die Verbotsforderung ist nicht wirklich praktikabel und nur um den Preis autoritärer Entscheidungen zu haben, die niemand wollen kann.

Google und Facebook müssen ihre Verantwortung ernst nehmen

Schließlich ergibt sich die gegenwärtig erlebbare Wahrheitskrise, auch das ist ein notwendiges Eingeständnis, aus einem Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren. Es gibt nicht nur eine Ursache, die sich durch ein paar Einzelmaßnahmen bekämpfen ließe. Fake News können nur zu einem so gra­vierenden Problem werden, weil ein allgemeines Medienmisstrauen regiert, der klassische Journalismus schwächer wird, die PR-Industrie aufrüstet und einzelne Plattformen (Google, Facebook) zu Wirklichkeitsmonopolen geworden sind, die den Nachrichtenkonsum von Milliarden Menschen durch undurchsichtige Algorithmen regulieren.

Was also ist zu tun, so lässt sich nun noch genauer fragen, wenn man die liberale, offene Gesellschaft nicht gefährden will und doch erkannt hat, dass hier ein systemisches Problem vorliegt? Es braucht, erstens, das Engagement der Plattform-Betreiber, die momentan noch zwischen dem Eingeständnis und der Abwehr von Verantwortung schwanken. Sie müssen das große Geschäft mit den Fälschungen energischer blockieren, nicht nur, indem sie, wie gegenwärtig in Deutschland geplant, ein paar Journalisten bitten, mögliche Falschnachrichten zu prüfen, um sie dann zu kennzeichnen.

Dazu muss man wissen: Die rein kommerziellen, nicht auf politische Desinformation zielenden Fake-News-Profis verdienen ihr Geld durch Werbeeinnahmen. Sie betreiben eine Art Aufmerksamkeitspoker vor Weltpublikum, getrieben von dem Ziel, mit freihändig zusammenfantasierten Geschichten und aggressivem Clickbaiting („Du wirst nicht glauben, was dann passierte...“) den nächsten viralen Hit zu landen, um die ermittelte Reichweite schließlich in Werbeerlöse umzumünzen.

Grundfragen des Journalismus gehören schon in den Schulunterricht

Die Plattform-Betreiber könnten (und eben für diesen Weg gibt es Ansätze) die entsprechenden Organisationen, die oft den Namen und den Netzauftritt von seriösen Medien kopieren, durch den Entzug von Werbegeldern bestrafen. Auch damit sind natürlich konstant Entscheidungen über Wahrheitsfragen durch ohnehin bereits sehr mächtige Privatunternehmen notwendig – Entscheidungen, die in einer idealen Welt besser im offenen Streit getroffen würden. Und doch: In einem ersten Schritt wäre damit zumindest der kommerzielle Anreiz für die Fake-News-Anbieter blockiert, die mit Fälschungen und Schrill-Schrill-Stories einfach nur möglichst viel Geld verdienen wollen.      

Sehr viel wichtiger erscheint mir jedoch die Einsicht, dass sich in der aktuellen Medienrevolution ein gigantischer, gesellschaftspolitisch noch gar nicht verstandener Bildungsauftrag verbirgt. Heute ist jeder Mensch zum Sender geworden und kann sich mit seinen Themen und eben auch mit Fälschungen und Fakes barriere­frei an die Öffentlichkeit wenden. In dieser Situation müssen die Grundfragen des Journalismus nach der Glaub­würdigkeit, der Relevanz und der Publikationswürdigkeit von Informationen zu einem Element der Allgemeinbildung werden, sie sollten an den Schulen gelehrt werden. Was ist wirklich ­wichtig, was eine seriöse Quelle? Welche Nachricht verdient es verbreitet und geteilt zu werden, welche nicht?

Dies sind heute nicht mehr nur die Spezialprobleme einer ­einzigen Profession, sondern Grundfragen unserer Zeit. Sie in den Lehrplänen von Schulen zu verankern bedeutet einen langen, mühevollen Weg zu gehen. Aber eben erst diese Sisyphusarbeit der fortwährenden Aufklärung ist den Idealen eines demo­kratischen Miteinanders wirklich angemessen. Warum? Weil Bildungsanstrengungen dieser Art die Mündigkeit des anderen voraussetzen, ihn als selbstständiges Gegenüber betrachten und den Sinn einer gemeinsamen Wahrheitssuche erfahrbar machen. Die autoritäre Bevormundung beim Sortieren von Propagandamüll, die gegenwärtig so leichtfertig gefordert wird, wäre dann überflüssig. Sie ist einer offenen Gesellschaft unwürdig.

 

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