Iranischer Rapper am Pranger wegen kritischer Texte

Hundert Peitschenhiebe für eine Freiheitshymne
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Uli Kreikebaum

Seit mehr als vier Jahren lebt Shahin Najafi mit Todes­drohungen. Fanatiker kündigten an, ihm das Genick zu brechen, der Instagram-Account des iranischen Rappers wurde gehackt. Ein Besuch in seinem Kölner Versteck

In Shahin Najafis Kölner Wohnung befinden sich: eine Matratze, davor zwei Türme aus Büchern in vier Sprachen, eine Gitarre, ein Verstärker, ein Synthe­sizer, ein Laptop, ein Tisch, ein Klappstuhl, Zigaretten und ein offener Koffer. Najafi sitzt auf der Matratze und spielt ein Stück aus seinem neuen Album „Radikal“ an. Radikal, sagt er, heiße für ihn „nicht extremistisch. Im Gegenteil!“ Morgen fliegt er nach Mailand. Er fühle sich in Köln im Moment nicht sicher, sagt er.

Najafi schreibt und rappt Lieder gegen islamischen  Extremismus und gegen die Vermischung von Religion und Politik. „Die ist absurd“, sagt er. „Ich kann nicht anders, als mit meinen Liedern gegen diese Absurdität anzugehen.“ Seine Songs sind im Gottesstaat Iran verboten. Aber gerade dort, in seiner Heimat, wird Najafi von vielen verehrt. Seine Lieder sind Freiheitshymnen für ein Millionenpublikum. Aufgetreten ist er bislang nur vor kleinerem Publikum im Westen.

Ein Herz-Furz zum Tode

Vor viereinhalb Jahren erließen iranische Ajatollahs ein Todesdekret gegen Najafi und schrieben 100 000 Dollar Kopfgeld aus – wegen „Gotteslästerung und Abfall vom Glauben“. Der heute 36-Jährige hatte über den Imam Naghi getextet, einen direkten Nachfahren des Propheten Mohammed, der ein Leben lang unter Hausarrest lebte und seinen Humor nicht verlor.

Nach „Hausarrest“ sieht auch Najafis Wohnung aus. Aber Najafi kann raus. Derzeit schläft und arbeitet er allerdings jeden Tag woanders. Das Cover der Single über den Imam Naghi zeigte eine Moscheekuppel in Form einer nackten weiblichen Brust, auf der eine Regenbogenfahne weht. „Ich habe Naghi in dem Lied angerufen, wiederaufzuerstehen, um die Unterdrückung zu beenden und wieder Freude ins Leben der Iraner zu bringen.“ Najafi singt von „den weit gespreizten Beinen der Ergebenen“, von „der verlorenen Ehre, die wir eigentlich nie hatten“, vom „herzfurzenden Ableben des Imams“ – damit spielt er auf den Versprecher eines Moderators an, der im Fernsehen seine Anteilnahme am Tod des Revolutionsführers Khomeini ausdrücken wollte und die Worte „herzzerreißend“ („Dschansooz“) und „Herzfurz“ („Dschangooz“) verwechselte.

Najafis Haut ist mit Tätowierungen übersät. Seine Kleidung ist schwarz: Hose, Rollkragenpullover, Stiefel, Socken. Wenn er durch Kölns Straßen geht, verhüllt er sein Gesicht bis zur Nase mit einem Schal. „Ich bin Rebell bis zum Tod“, hat er in einem Brief auf Facebook nach einer der ungezählten Drohungen geschrieben.

Radikal, das heißt für Najafi: sich nicht den Mund verbieten lassen. Worte suchen, die noch nicht verbraucht sind, die weder ironisch noch dahergesagt und austauschbar sind. Manchmal ist ihre Nebenwirkung, dass sie angeblich religiöse Gefühle verletzen. Najafi sagt: „Die Menschen im Iran leben in einer Scheinwelt wie bei Kafka. Schönheitschirurgen hätten viel zu tun, in Bordellen herrsche Hochbetrieb. Gepredigt wird aber Enthaltsamkeit, Demut vor Gott, Ehrfurcht vor der Ehre.“

40 Najafi-Fans wurden festgenommen

Was ist für ihn Ehre? „Kunst“, sagt er. „Meine Musik. Auszudrücken, was in mir ist, auch wenn es gefährlich ist, das hat etwas mit Ehre zu tun.“ Als Teenager hatte Najafi Ehre noch anders definiert. Damals trat er mit Koranrezitationen auf. „Gott, der Allmächtige, war mir vertrauter als meine Halsschlagader“, schreibt er in seinem Buch „Wenn Gott schläft“. Damals bedeutete für ihn Ehre, strikt nach dem Koran zu leben.

In seinen Liedern fordert Najafi freie Sexualität. Wenn man nachfragt, klingt das bei ihm aber etwas anders. „Sexualität
ist für mich sehr vieles“, sagt er. „Jeder Mensch spürt seine Sexualität in fast ­jedem Moment, bei jeder Begegnung. Ich glaube, dass Monogamie ein gutes Konzept sein kann. Aber nicht die Unterdrückung der Sexualität durch Religion.“

Nach der Fatwa gegen ihn bekam Shahin Najafi in Köln für ein halbes Jahr Polizeischutz. Er lebte eine Zeit beim Kölner Investigativjournalisten Günter Wallraff. Die Behörden verschafften Najafi eine neue Identität. Wallraff besorgte ihm eine geheime Wohnung.

Am 29. September 2016, während eines Aufenthaltes in London für ein Interview mit der BBC, erfuhr er: Internet-Hacker hatten den Code für seinen Instagram-Auftritt, den über 500 000 Menschen abonniert haben, geknackt. Seither wissen sie mehr über sein Leben in Deutschland.

"Sogar im Schlaf bin ich wachsam"

Najafi sieht müde aus. Er zuckt nervös. Eine Woche nach dem Hacker-Angriff seien im Iran 40 Najafi-Fans, die seine Instagram-Seite abonniert hatten, festgenommen worden. „Einem von ihnen wurde inzwischen mit Hinrichtung gedroht“, sagt er. Am 11. Oktober, während des Aschura-Festes (wenn Schiiten des Märtyrertodes des dritten Imams Husain gedenken) tauchte ein Video im Netz auf. Darin fordern Fanatiker mit Sprechchören Najafis Tod: „Wir werden dich finden und dir das Genick brechen, wir werden dich töten!“ Mehrere Zehntausend Mal wurde das Video angeklickt.

Kürzlich bat ihn ein angeblicher Fan auf der Straße um ein Selfie-Foto. Wenig später tauchte das Bild in den iranischen Medien auf. Eine iranische Zeitung zeigte Najafi und Wallraff und beschrieb detailliert, wann der Musiker mit dem bekannten Journalisten wo gewesen war. „Es stimmte jeder Ort und jede Zeit“, sagt Wallraff.

2015, als Najafis Album „Sade“ erschien (nach dem französischen adeligen Pornographen und Kirchenfeind Marquis de Sade) bedrohten ihn Fanatiker aufs Neue. Damals sagte er, er träume davon, eines Tages wieder in seine Heimat zu reisen. Heute sagt er: „Das liegt jenseits meiner Vorstellungskraft.“ Najafi war inzwischen  bei einem Psychotherapeuten in Behandlung, er sagt: „Ich lebe seit vier Jahren in ständiger Unruhe, sogar im Schlaf bin ich wachsam. Ich träume davon, wie jemand vor mir steht und mir den Bauch aufschlitzt. Das kann dich fertigmachen, und genau das ist das Ziel der Extremisten.“

Shahin Najafi war im Jahr 2005 nach Deutschland geflohen, weil er für sein Lied „Ich habe einen Bart“ zu drei Jahren Gefängnis und hundert Peitschenhieben verurteilt worden war. „Gerade in Zeiten, in denen der IS Angst und Schrecken verbreitet und in ganz Europa Furcht vor Anschlägen herrscht, sollte ich kein schlechter Botschafter für eine freie Welt sein“, sagt der 36-Jährige.

Auf seinem neuen Album textet Shahin Najafi darüber, dass „Frauen nicht mehr ein Leben lang Puppen“ sein sollen, und dass die Unterdrückung im Iran irgendwann ein Ende haben möge. „Natürlich bin ich besorgt um mein Leben“, sagt er, „sogar sehr. Aber was ist mein Leben? Es geht um das Leben von Millionen.“

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