Reformation für Einsteiger: Jüdisch-christlicher Dialog

Was ist neu am Neuen Testament?
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Andree Volkmann

Es gibt Situationen, in denen alles stimmt. Das Gespräch mit der Tochter am Abendbrot­tisch über ihre Freunde und über die eigenen, über Glück und Enttäuschungen. Und erst hinterher fällt einem auf, wie außergewöhnlich diese Nähe war. Das Teenie-Mädchen ist sonst eher einsilbig.

Ebenso die Wohngemeinschaft, in der alle ihre Aufgaben sehen und ungefragt erledigen – und erst auf Nachfrage einer Besucherin kommt einem in den Sinn, dass man ganz gut auch ohne Putzplan auskommt. Die Nachbarschaft, in der die Leute klingeln, wenn einer im Sterben liegt. Wo sie die Suppe auf den Tisch stellen, damit man selbst nicht an so etwas denken muss. Und man kommt ungeschützt ins Erzählen: Wie ist es dir ergangen, als deine Schwester starb?

„Kongruent“ nennen Psychologen die Haltung, mit der Menschen selbstvergessen ins Gespräch kommen, ihre Äußerungen nicht berechnen, ganz bei der Sache sind und aufeinander hören. Es sind geschenkte Augenblicke. Sie lassen sich nicht erzwingen. Das Neue Testament ist eine durch und durch jüdische Schrift. Fast nichts daran ist wirklich neu gegenüber dem, was das antike Judentum schon kannte. Auch seine Utopien gelingenden Lebens finden sich im Judentum. Feindesliebe? Die fordert schon das Buch der Sprüche (25,21): „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser.“

Christen feiern, als breche das Reich Gottes schon an

Dass der Mensch nicht für den Sabbat, sondern der Sabbat für den Menschen gemacht ist – ein Rabbi im zweiten Jahrhundert formulierte es ganz ähnlich: „Euch ist der Sabbat übergeben, nicht ihr dem Sabbat.“ Dass einer sein Leben für andere dahingibt: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen“, heißt es beim Propheten Jesaja (53,4) über den leidenden Gottesknecht, „er ist um unsrer Missetat willen ver­wundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“

Nur an einem Punkt hebt sich das Neue Tes­tament vom übrigen Judentum ab: mit der Behauptung, ein zu Unrecht Hingerichteter sei bereits zum Leben erweckt und ins Recht gesetzt worden, Jesus von Nazareth. Von der erhofften gerechten, besseren Welt, dem Gottesreich, sei schon jetzt ein Rockzipfel zu ergreifen. – Ist es so, dass sich das ersehnte Heil abzeichnet, obwohl die Welt ringsherum noch lange nicht erlöst ist?

Wenn die Religionen Judentum und Christentum überhaupt die ­Mentalität von Menschen prägen, dann vielleicht so: Christen sehen Zeichen des anbrechenden Gottesreiches. Juden bleiben skeptisch. Auch zu Recht. In dem Moment, wo man aus der Situation heraustritt und der Tochter sagt: „So toll haben wir uns lange nicht mehr unterhalten“, ist die Stimmigkeit weg.

Christen feiern ihre Feste, als breche das Reich Gottes schon an. Sie feiern Gottesdienste nicht am Ruhetag des Schöpfers, sondern am Sonntag, dem ersten Tag der neuen Schöpfung. Sie haben die jüdischen Feste umgedeutet: Passah zum Fest der Auferstehung, das Wochenfest zu Pfingsten, als sich die „Gemeinschaft der Heiligen“ bildete.
Und das Lichterfest Chanukka zur ­Ankunft des göttlichen Lichts auf ­Erden, Weihnachten.

Das Gute ohne Bedingung

Christen haben sich oft an der Skepsis der Juden geärgert. Ihr Ärger schlug in Hass um. Als sie in der Mehrzahl waren und Juden eine schutzlose Minderheit, begannen sie, Juden zu verfolgen. Mit ihrem Hass straften sie den eigenen Glauben Lügen.

„Im Alten Testament wurde das Gute verheißen“, schrieb der Reformator Philipp Melanchthon 1521 in den „Loci Communes“, einem Werk über die Grundbegriffe des Glaubens, „aber zugleich vom Volk die Erfüllung des Gesetzes gefordert; im Neuen wird das Gute ohne Bedingung verheißen, weil nichts von uns im Gegenzug gefordert wird.“ Um eine bessere Welt muss man sich bemühen, lernen Juden von ihrer Religion. Man kann die bessere Welt nicht erzwingen, ­betonen Christen; plötzlich spürt man etwas von ihr. Es ist an der Zeit, die jüdischen Anfänge des Christentums wieder zu entdecken. Und es ist für Christen an der Zeit, auch die Skepsis der anderen gelten zu lassen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren, 

bezüglich des Artikels "Was ist neu am Neuen Testament?" möchte ich ergänzend sagen, dass grundlegend für die Christen im Gegensatz zu den Juden ist, dass sie an einen Messias glauben, der am Kreuz gelitten hat und daran gestorben ist. Dies steht im völligen Gegensatz zu der alttestamentlichen Aussage in Dtn 21,23, nach der einer, der am Kreuz hängt, verflucht ist bei Gott. So einer kann nicht der verheißene Messias sein. Im konservativen Judentum (Sadduzäer) des ersten nachchristlichen Jahrhunderts war es ein wirkliches Problem, dass einer, der von den Römern als Räuber gekreuzigt wurde, nun als Messias verkündigt wird. 

Mit freundlichen Grüßen

Franziska Neudert

Es stellt keineswegs eine Spezialität der Christen dar, auf bessere Zeiten zu hoffen und felsenfest davon überzeugt zu sein, dass die ausgerechnet von Gott geliefert werden. Das ist im Gegenteil eine Gemeinsamkeit der entwickelten Religionen. Woran man diese Erwartungshaltung festmacht, das ist in der Tat von Religion zu Religion verschieden. Der zum Leben erweckte Hingerichtete ist christenspezifisch. Weiße Traumelefanten, von Bergbesteigungen mitgebrachte Steintafeln usw. dienen in anderen Kreisen als Zeichen dafür, dass das Gute, Wahre und Schöne unaufhaltsam im Anmarsch ist und gegenteilige Alltagserfahrungen sich was zu schämen haben.

Sich die Welt als Jammertal vorstellig zu machen, das der Erlösung durch heilbringende Gottheiten bedarf, ist eine sehr verbreitete Denkfigur. Wer von solchen Deutungen den Nutzen und wer den Schaden hat, wäre einiger Überlegungen wert. Die stelle ich jetzt selbstverständlich nicht an.

Mit Freude stelle ich fest, dass das neue Web-Erscheinungsbild von chrismon die Kommentare in besser lesbarer Gestalt liefert. Absätze werden durch Leerzeilen getrennt. Ein alter Traum von gefühlten Generationen von Kommentatoren wird wahr. Einen dreifach donnernden Dank hierfür an die Redaktion. Sollten die Fachleute in der Redaktion wissen, dass es sich bei dieser erfreulichen Entwicklung um einen "Rockzipfel" der "besseren Welt" handelt, dann bitte ich höflich um die Weiterleitung meines Dankes und Lobes an die korrekte höhere Instanz.
Thea Schmid

Zitat: „Mit Freude stelle ich fest, dass das neue Web-Erscheinungsbild von chrismon die Kommentare in besser lesbarer Gestalt liefert.“

Ich hatte es bei meiner Zuschrift noch nicht gewusst und verfuhr noch nach alter behinderter Art. Danke für diese Information.

Ich finde Ihren Beitrag sehr gut und pflichte bei.

Vor allem das Jammertal finde ich ehrenrührig, denn es sagt ja nichts anderes, als dass die Schöpfung entweder hinterhältig fies ist (unsere tägliche Softfolter gib uns heute) oder Gott ein Stümper ist, der nichts Besseres fertiggebracht hat.

So wie eben Erlösung dann versuchen soll, nachträglich die gröbsten Mängel zu reparieren.

Betrachtet man, was im Alten (und Neuen) Testament Gott alles an Scheußlichkeiten unterstellt wird (einschließlich eines Planetozid, auch wenn die Geschichte aus dem Gilgamesch-Epos abgeschrieben ist), kann man nur vermuten, dass Gotthasser die Texte verfassten.

Zitat chrismon: „Christen feiern ihre Feste, als breche das Reich Gottes schon an.… wird das Gute …verheißen“

Leider bleibt der chrismon-Artikel die Antwort schuldig, weshalb Gott damit schon so lange und immer noch wartet, bis das „Gute“ kommt (die Kulturgeschichte der Menschheit ist schon länger als 20 000 Jahre). Geiz? Freude am Leiden? Weil Vorfreude die schönste Freude ist (und besser als die Erfüllung)? Ein Ressourcen-Problem? Ein Kompetenz-Problem?
Ohne Fachmenschen ist das für mich nicht zu verstehen.
In der DDR hieß es: Jetzt ist Sozialismus, da ist noch manche Anstrengung nötig. Doch danach kommt der Kommunismus, da ist alles suuuuuper-prima. Meint das Gott auch so?

Ihre Frage "Meint das Gott auch so?" ist zu beantworten mit: Gott meint es so. Er meint es sogar noch trickreicher.

Die von Ihnen erwähnte Tour der verflossenen, volksbeglückenden DDR-Machthaber, fehlende Einmachgläser und Fahrradersatzteile mit dem Verweis auf das ankommende Reich des Kommunismus dem DDR-Insassen schön zu reden, war den BRD-Insassen wohl bekannt. Bildzeitung, Spiegel und Tagesschau wurden nicht müde, diese Rechtfertigungsversuche der Lächerlichkeit preis zu geben.

Die tägliche Tour der fest im Sattel sitzenden, volksbeglückenden BRD-Machthaber, die Härten des Alltags einer Verkäuferin oder sonstigen Normalverdienerin schön zu reden mit dem Verweis auf das ankommende Reich des Wohlbefindens für die, die es zu etwas Besserem in der Konkurrenz gebracht haben oder bringen werden, gilt leider nicht als Lächerlichkeit.

In beiden Fällen wird nicht erklärt, warum es keine Ersatzteile in der Zone gab und warum es das bequeme Leben im goldenen Westen nur für eng umrissene Kreise gibt. Statt dessen wird versprochen, dass das Heil schon noch kommen wird, vorausgesetzt, man macht artig mit bei dem, was vom anständigen Menschen erwartet wird. Soweit ist das bei Gott nicht anders.

Gottes besonderer Trick liegt allerdings darin, dass das von ihm versprochene Heil sich nicht beschränkt auf schnöde gefüllte Einmachgläser oder das teure Eigenheim. Das sind bestenfalls Zeichen, Symbole oder Rockzipfel von was viel Suuuuupermäßigem. Gott ist nicht umsonst CEO der Transzendenz. Auf das von ihm verkündete ankommende Reich muss man noch ganz anders warten. Erwogene Mahnbescheide wegen 20 000-jährigen Verzugs sind Argumente der Immanenz. Dazu wurde die Jenseitigkeit schließlich erfunden, um die Diesseitigkeit auflaufen zu lassen.

Thea Schmid

Sehr geehrte Frau Thea Schmid, Dank für Ihre Wertschätzung durch Antwort auf meinen Re-Beitrag.
Ich verstand Sie im Großen und Ganzen, doch am entscheidenden Punkt – Zitat:“ Dazu wurde die Jenseitigkeit schließlich erfunden, um die Diesseitigkeit auflaufen zu lassen.“ – versagt meine intellektuelle Fähigkeit. Leider. Entschuldigung.

Da sage ich es doch einfach mal so, wie ich mir das denke:

• Das Reich Gottes hat es nie gegeben - bzw schon immer gegeben, denn alles ist Gott, was ist. Es gibt nichts was nicht Gott ist. Was sollte dieses Nichtgott auch sein? Materie? Ins Kleinste zerlegt, ist diese nur Energie.

• Die Theologie von Reich Gottes (unabhängig von seiner zeitlich und örtlich vermuteten Präsenz) spiegelt für mich ein 2 – 3 000 Jahre altes Denken wieder. =Wie auf Erden – so im Himmel =. Da gibt es Herrscher (nie Bundeskanzlerinnen) und Gegner zum besiegen und Lohnversprechen an Günstlinge bei Wohlverhalten und schreckliche Strafen für Abtrünnige.

Es ist aus meiner Sicht sinnlos, sich überhaupt damit zu befassen, da es zwar Weltkulturerbe ist, doch für unsere Gegenwart und Zukunft unnütz. Wir brauchen ein neues Gottesbild.

Wäre das nicht mal ein chrismon-Thema in der Reihe „Religion für Einsteiger“?
= Die Religion der Zukunft =. Also in 50 Jahren, in 100 Jahren in… reicht erst mal.

Dabei braucht man nur die Änderungen der letzten 50 Jahre hochrechnen (das war zB ein neues Frauenbild, Verschweigen der Hölle, Bewahrung der der Schöpfung, Menschenrechte, in Fragestellung der Sühneopfer-Theologie, Toleranz bezüglich Andersgläubiger, auch Atheisten*innen, ua).

Wird man die Sünde halten können? Extrem schlimm: die Erbsünde.

Wird man die Hölle endlich ersatzlos streichen?

Bleibt das Jüngste Gericht? Ohne Hölle ist es doch blanker Unsinn.

Ein wirklich (glaubhaft) liebender Gott ist mit der Bibel nicht ehrlich zu glauben.

Mich würde sehr interessieren, was da prognostiziert würde. Auch wenn Vorhersagen immer schwierig sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Sie bringen eine Reihe von diskussionswürdigen Themen auf. Ich greife zwei heraus.

1.) Sie schreiben einerseits: "Es gibt nichts was nicht Gott ist.". Andererseits lese ich "Ein wirklich (glaubhaft) liebender Gott..." Das widerspricht sich. Wenn alles, was ist, Gott ist und der ein liebender Gott ist, dann liebt mich alles, was ist. Da hätte ich spätestens beim Finanzamt, bei der Staatsanwaltschaft, beim Arbeitgeber und beim Vermieter erhebliche Zweifel.

2.) Sie haben geschrieben: "Wir brauchen ein neues Gottesbild." Wer braucht das zu welchem Zweck? Der springende Punkt beim Gottesbild - egal ob bronzezeitlich, antik, mittelalterlich oder neuzeitlich - ist das Bild. Wissen über Gott kann für manchen erfreulichen oder unerfreulichen Zweck nützlich sein. Das Wissen könnte darin bestehen, Gottes wesentliche Bestimmungsmerkmale zu kennen oder zu erkennen, dass es sich bei Gott um einen des Weltkulturerbes würdigen und sehr gefährlichen Irrtum handelt. Ein Gottesbild will aber von vornherein Kritik ausschließen. Einwände gegen Gott werden grundlos zurückgewiesen mit der Behauptung, man habe ja gar nicht über Gott was ausgesagt, sondern nur über ein Bild von Gott.

Es mag unterhaltsam sein, die verschiedenen Gemälde und Fotografien, die es vom Mond gibt, zu vergleichen. Wer aber etwas über den Mond wissen will, muss über den Mond reden, nicht über Mondbilder.

Thea Schmid

Wenn im Neuen Testament nur die Auferstehung neu ist, haben wir also nicht nur eine Religion mit antikem Denken (seitdem war kein Update), sondern sogar eine mit dem Denken aus der Bronzezeit. Da Jesus das bestätigt Matthäus 5,17-18 „17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“---Also sind wir alle immer noch zum „Ehren“mord verpflichtet: 5.Mose 22,20-21 „20 Ist's aber die Wahrheit, dass sie nicht mehr Jungfrau war, 21 so soll man sie heraus vor die Tür des Hauses ihres Vaters führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen, weil sie eine Schandtat in Israel begangen und in ihres Vaters Hause Hurerei getrieben hat; so sollst du das Böse aus deiner Mitte wegtun.“---Könnte da chrismon nicht jeweils eine Monatsübersicht über geplante Steinigungen veröffentlichen? Und wenn da die Verfassung dagegen sein sollte (von wegen Menschenrechte und so): Apostelgeschichte 5,29 „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“