Muss man die "Reichsbürger" ernst nehmen?

Bekloppt oder gefährlich?
Sie akzeptieren die Gesetze der Bundesrepublik nicht, sie weigern sich, Steuern oder Strafzettel zu bezahlen. Manche "Reichsbürger" gründen ihren eigenen Staat, ihre Ideologie ist eine Mischung aus Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
Rechte Reichsbürger

Foto: Christian Ditsch/Imago

200 bis 300 rechte "Reichsbürger", Neonazis, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker versammelten sich am deutschen Nationalfeiertag 2014 zu einem Sturm auf den Reichstag.

Jan Rathje

Jan Rathje, Politikwissenschaftler, verfasste für die Amadeu-Antonio-Stiftung die Broschüre „‚Wir sind wieder da‘. Die ‚Reichsbürger‘“. Sein derzeitiges Thema: Verschwörungstheorien.

chrismon: Leute, die ihr eigenes Königreich gründen: Muss man die ernst nehmen?  

Jan Rathje: Ja. Der Staat muss es, denn "Reichsbürger" können, wie tragisch deutlich wurde, gewalttätig werden. Und die Zivilgesellschaft auch: Wenn um die Ecke jemand die Reichsfahne hisst, provoziert er die Nachbarschaft.

Wie viele solcher "Reichsregierungen" gibt es?

Der Bundesinnenminister geht von 10 000 aus. Wie viele Menschen in diesem Milieu unterwegs sind, kann niemand sagen.

Was steht dahinter?

Reichsideologen denken, die Bundesrepublik Deutschland sei ein Instrument der Verschwörung gegen die Deutschen und deshalb als Staat nicht zu akzeptieren. Dahinter sollen in letzter Instanz "die Juden" stecken, die im Hintergrund vermeintlich die Fäden ziehen, unsere Presse lenken.

Das ist doch absurd!

Verschwörungsideologien sind nicht rational. Man meint zu begreifen, wie die Welt funktioniert: Eine kleine Minderheit manipuliert die Mehrheit, und so ist die ganze Welt gestrickt. Zudem verortet man sich selbst auf der Seite des Guten (das Volk, die Mehrheit, das Deutschsein). Demgegenüber steht das Böse (die Minderheiten, das Finanz­kapital, die gierigen Banker...). Diese Menschen konstruieren sich eine Identität, und die anzugreifen ist extrem schwierig. Man erreicht sie nicht mit Gegenrede.  

Was kann man dann tun?

Weiter widersprechen, etwa in den sozialen Netzwerken. Dann merken wenigstens die stummen Mitleser, dass Leuten mit menschenverachtenden Ansichten nicht das letzte Wort bleibt.  

Lenkt die mediale Fokussierung auf die kleine Gruppe der "Reichsbürger" von den viel zahlreicheren Neurechten ab?

Ja, damit wird ignoriert, dass manche Einstellungen der Reichs­ideologen auch in anderen Teilen der Bevölkerung Zuspruch finden. Die "Neue Rechte" verbreitet ständig die Mär von der fehlenden Souveränität der Bundesrepublik Deutschland. So steht es übrigens auch bewusst wolkig formuliert im AfD-Grundsatzprogramm. Ein internationales Phänomen – Trump etwa ist auch mit Verschwörungserzählungen an die Macht gekommen.

Lesermeinungen

Danke für dieses sehr lesenswerte Interview mit dem Politikwissenschaftler Jan Rathje. Das Phänomen der Reichsbürgerbewegung scheint so abstrus, dass es fast selbst Teil der Fake News sein könnte. Ein ersponnenes Konstrukt, so irreal wie die selbst ausgerufenen Regierungen und Königreiche der Reichsbürger, die die Existenz der BRD verleugnen und als Teil einer weltweiten Verschwörung ansehen. Warum es aber heutzutage immer mehr Anhänger solcher Verschwörungstheorien gibt und die Gefahr immer größer wird, Fake News, Socialbots und anderen virtuellen Realitäten auf den Leim zu gehen, wird im Interview nicht erwähnt. Wir leben in einer Zeit, in der viele politische Inhalte unausgesprochen bleiben. Stattdessen aber symbolhafte Gesten und "Rauten" der Spitzenpolitiker auf jedem Bild präsent zu sein scheinen, sogar unkommentiert auf Wahlkampfplakaten. Das lädt dazu ein, sich seinen eigenen Reim auf das zu machen, was unverständlich bleibt, was nicht verstanden wird.
Ein gerüttelt Maß mehr an Tranparenz und Tacheless in der Politik und mehr echter Bezug zur Bevölkerung und ihrer Lebensrealität, dafür etwas weniger Ausrichtung auf die Lobbyisten und andere Machtinteressen wäre sicherlich hilfreich, um Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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