Alleinerziehende mit drei Jobs

Geld spielt eine Rolle
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Drei Jobs! Wie Karin Schubert, Mutter einer 16-Jährigen, ihre Familie managt und finanziert

Anne-Sophie Stolz

Drei Jobs! Wie Karin Schubert, Mutter einer 16-Jährigen, ihre Familie managt und finanziert

Karin Schubert fährt viel Fahrrad. Das ist gesund, und sie spart Geld. Aber auf dem Rad kommt auch das Grübeln. Sie denkt viel nach, über die Gesellschaft, über Politik und über sich. Und eben an das Geld. Einmal fuhr sie bei Regen und Kälte durch Berlin. Sie war mit ihrer Tochter am Rathaus Steglitz verabredet, Lea blieb trocken – Schülerticket. Karin Schubert wurde nass, weil eine Monatskarte zu teuer war. Der Dynamo an ihrem alten Rad war schon lange kaputt. Das Anstecklicht rutschte bei der Nässe immer nach unten, und die Bremsen quietschten, dass es in den Ohren wehtat. Eine Gruppe von jungen Leuten rief ihr hinterher: „Sollen wir dein Fahrrad reparieren?“

Acht Euro blieben ihr noch bis zum Ende der Woche, das reichte nicht mal für eine Fahrradreparatur! Als sie ankam, sagte Lea: „Ach, Mama, hast du wieder ans Geld gedacht?“

Ein anderes Mal fuhr Karin Schubert Rad, als sie gerade ­chrismon gelesen hatte. Ihr fiel der Berliner Regen ein, die ­Schamgefühle. Sie beschloss, der Redaktion zu schreiben.

Von: Karin Schubert

An: Kontakt

Betreff: Artikel über Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Sehr geehrte Damen und Herren,

warum schreiben Sie so oft über Gutverdiener, die es schaffen, Familie und Beruf zu vereinbaren? Was ist mit denen, die viel ­arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt zusammenzube­kommen – und nicht, weil die Arbeit so wahnsinnig Spaß macht, das Ego befriedigt oder man sich Luxus leisten will? Diese Eltern, oft Alleinerziehende, können ihr schlechtes Gewissen nicht durch tolle Urlaube und tolle Geschenke besänftigen. Mir kommen die Tränen, vor Wut und Schmerz und Trauer um all das, was ich meiner Tochter nicht bieten kann.

Mit freundlichen Grüßen

Karin Schubert

In Deutschland gibt es mehr als 1,6 Millionen Ein-­Eltern-Familien, in denen 2,2 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben. Neun von zehn Alleinerziehenden sind Frauen. Karin Schubert, 49 Jahre alt, ist eine von ihnen. Sie sieht nicht aus wie jemand, die sich schämt und grämt. Sie unterrichtet Schauspielschüler an der Theaterakademie Mannheim, sie ist Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin. Karin Schubert hat dunkelblonde Haare, die manchmal verwuschelt aussehen, sie ist klein und zierlich, ihre sportliche Figur und ihre aufrechte Haltung wirken dynamisch.

Sie war ­wieder mit dem Rad unterwegs an diesem Morgen. Nicht mehr in Berlin, sondern in ihrer neuen alten Heimat Dossenheim bei Heidelberg. Karin Schubert ist umgezogen – einer von vielen ­Schritten, mit denen sie ihr Leben ver­bessern will. Um Viertel nach acht ist sie losgefahren, und das war schon spät. Aber vor ihrer Tochter Lea, 16 Jahre, aus dem Haus zu gehen – das findet sie ungünstig. Das hatte sie lang genug, weil es nicht anders ging.

Wenn Karin Schubert spricht, setzt sie oft ein Lachen ans Ende ihrer Sätze, „hehe“. Auch zu Beginn des Unterrichts ist das so. Aber je länger der dauert, desto bestimmter tritt sie auf.

In Berlin hatte sie mal fünf Jobs gleichzeitig

Neun Schauspielschüler haben ihre Matten ausgerollt, zuerst machen sie ­Yoga. Dann sollen sie sich in Partnerübungen aufrichten, dabei muss einer dem anderen mit einem brummenden Geräusch an die Wirbelsäule atmen. „Als würdet ihr Energie hineinblasen“, sagt Karin Schubert, „und nicht wieder schrumpfen!“ Im Raum klingt es, als flögen Rieseninsekten umher. Tatsächlich: Die, deren Wirbelsäule gerade aufge­richtet wurde, stehen eine Weile ganz gerade. Karin Schubert sagt, sie helfe anderen, ihre Stimme zu entdecken. Es fasziniert sie, was alles ­damit zusammenhängt: der Atem, die Körperspannung, die ­Haltung, die Stimme. Sie liebt ihre Arbeit.

Mehr als ein Drittel der Alleinerziehenden sind auf Hartz IV angewiesen. In Haushalten mit Vater und Mutter ist dieser Anteil fünfmal geringer, hat die Bertelsmann-Stiftung festgestellt. Es gab eine Zeit, in der Karin Schubert auch erwogen hat, einfach nicht mehr zu arbeiten. Viel weniger Geld hätte sie nicht gehabt, dafür aber mehr Zeit für Lea.

 Karin Schubert hat drei Jobs gleichzeitig, sie hilft zum Beispiel anderen, ihre Stimme zu entdeckenAnne-Sophie Stolz
Ihre Unterrichtsstunden sind vorbei, sie sitzt vor einer ­Bäckerei in Mannheim und trinkt einen Kaffee. Die zwei Wochenstunden als Dozentin an der Theaterakademie sind einer ihrer drei Jobs. Gleich muss sie nach Heidelberg in eine Praxis. In Berlin hatte sie mal fünf Jobs gleichzeitig, in logo­pädischen Praxen und an Schauspielschulen. Als Honorarkraft in einer Praxis bekam sie in Berlin pro Patient keine 13 Euro pro Therapiestunde, in Baden-Württemberg ist es gut ein Euro mehr. Die Zeit, in der sie für Patienten kämpft, mit Kassen und Ärzten um neue Verordnungen ringt, damit sie Behandlungen fortsetzen kann, wird nicht bezahlt. „Neulich habe ich in einer Zeitschrift den Satz gelesen: Menschen mit sozialen Berufen erkennt man daran, dass sie kein Geld haben.“

Karin Schubert versucht, möglichst viel zu ­lesen, sie ist gebildet und schlau, Abinote: 1,8. Sie schließt häufig Probeabos ab, damit sie sich den Lesestoff leisten kann. In einer Frauenzeitschrift las sie von einer Mutter, die mit ­ihrer Tochter einmal die Woche im Restaurant essen ging, um in Ruhe zu reden. „Ein schönes Ritual. Vielleicht klappt es ja irgendwann.

Von: Karin Schubert

An: Husmann, Nils

Betreff: Ihr Besuch

Hallo, Herr Husmann,

Danke für den Besuch! Mein Hirn rattert die ganze Zeit weiter. Ich habe nachgeschaut, der Kalender von 2014 sieht gruselig aus, so voll war der. Mein Einkommen betrug trotzdem nur 10 000 Euro. Im Jahr davor hatte ich immerhin fast 17 000 Euro.

Sie haben mich nach meinen schönsten Erfolgserlebnissen ­gefragt. Was mir in Erinnerung bleibt, sind aber oft nicht die „großen Erfolge“, sondern kleine Momente, in denen sich etwas gelöst hat, weil der Patient eine wichtige Erkenntnis hatte (nicht nur in Bezug auf die Stimme). Es kommt vor, dass ich das Gefühl hatte, den Menschen zu erfassen, zu be­greifen, zu spüren, wie er ist. Manchmal schafft es jemand, wirklich wahrhaftig zu sein, was man sofort an der ­Stimme hört. Das ist dann fast schon ­unheimlich und sehr ergreifend.

Viele Grüße

Karin Schubert

Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin ist der zweite Beruf von Karin Schubert, ihr erster: Schauspielerin. Niemand hatte der jungen, schüchternen Frau zugetraut, dass sie die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule schafft. Angenommen! Die Eltern ließen sie fahren, mit 19 Jahren, nach Berlin. Sie hatte einen Koffer in der Hand und kam nicht mehr zurück. Sechs Jahre arbeitete sie an verschiedenen Theatern. Gutes Geld hätte sie nur mit Werbefilmen verdienen können, aber das wollte sie nicht. Weil sie selbst Stimmprobleme hatte, bekam sie 20 Stunden Stimmtherapie verschrieben. So lernte sie den Beruf kennen und beschloss, noch eine neue, drei Jahre lange Ausbildung zu machen.

20 Stunden Therapie! Karin Schubert sagt, ein Rezept über 20 Stunden Stimmtherapie zu erhalten, sei nach diversen Gesundheitsreformen heute die Ausnahme. Zehn Stunden seien üblich, für ein weiteres Rezept muss sie kämpfen. Und das tut sie auch – aber jetzt in Eigenregie.

Ein paar Monate sind vergangen seit ihrer Unterrichtsstunde in Mannheim. Sie arbeitet weiterhin für die Theaterakademie in Mannheim. Und für eine Logopädieschule in Stuttgart, auch wöchentlich. Aber sie hat nun die Praxisräume eines Logo­päden übernommen, in Schriesheim, einem Nachbarort von Dossenheim.

Sie nahm einen Gründungskredit auf. Nun steht sie unter Druck

Im Jahr 2014 dämmerte es Karin Schubert, dass sie nicht in Berlin würde bleiben wollen. Das Geld reichte nicht, die Aufmerksamkeit für Lea ebenfalls nicht. Oft sah Karin Schubert ihre ­Tochter erst abends um sieben oder acht. Auf vielen Eltern­abenden war sie staunende Zuhörerin. „Da ärgerten andere Eltern sich über die letzte Klassenarbeit, und ich wusste nicht, wovon die sprachen.“ Zugleich begriff sie in den Osterferien, dass ihre Eltern Hilfe gebrauchen könnten. „Ich fühlte: Wenn ich alt bin, würde ich bereuen, wenn ich sie nun nicht unterstützt hätte.“

 In Dossenheim sind sie glücklich. Es war richtig, in die Heimat zurückzukehrenAnne-Sophie Stolz
Es ist dann aber so gekommen, dass die Eltern auch ihre Tochter unterstützen. Karin Schubert lebt mit Lea in einer Wohnung in einem der elterlichen Häuser. Gegen Miete, das war ihr wichtig. Weil sie für sie allein zu hoch wäre, haben sie Mitbewohner, meistens aus einer nahen Sprachschule. ­Ihr Vater, gelernter Elektromaschinenbaumeister, hat mit anderen Verwandten und Freunden geholfen, die Praxisräume schöner zu machen, heller. Karin Schubert nahm einen Gründungskredit auf, 25 000 Euro.

Nun steht sie unter Druck. 30 Patien­ten braucht sie, mit 15 hat sie angefangen. Zum Glück werden es schnell mehr. Pro Behandlung bekommt sie aber nun nicht mehr nur 13,75, sondern – je nach Krankenkasse – etwa 40 Euro. Dafür liegt das Risiko bei ihr. Sie wird also weiterhin viel arbeiten müssen. Aber von Bedeutung ist auch die Küche in der Praxis. „Da kann ich Lea in meiner Nähe haben, wenn sie aus der Schule kommt“, sagt Karin Schubert. Sie ist den Krankenkassen gegenüber verpflichtet, 32 Stunden in der Woche in den Praxisräumen präsent zu sein.

Barfuß in der eigenen Praxis

Berlin – Heidelberg, wieder zurück in die Nähe der ­Eltern, das ist ein Sprung. Aber keine Niederlage, findet Karin Schubert. Sie mag Berlin, aber sie mag auch das Ländliche in ihrer alten ­Heimat. Nur manchmal merkt sie dann doch, dass Schriesheim und ­Dossenheim keine Metropolen sind. Sie ist gern barfuß in ­ihrer Praxis unterwegs. Neulich fragte ein Patient verwundert: „Na, haben sie Ihnen in Berlin die Schuhe geklaut?“ Aber das findet sie eher zum Lachen, das hindert sie nicht daran, sich hier wohlzu­fühlen. Zumal sich schon zu Berliner Zeiten eine alte Freundin bei ihr gemeldet hatte, nach jahrzehntelanger Funkstille. Und bald will sie Tanzkurse machen, um mehr Menschen kennenzulernen. Dafür war bisher keine Zeit.

Am Abend kommt noch eine junge Patientin, Lehrerin. Die ­beiden Frauen sitzen sich gegenüber. Die Lehrerin erzählt, dass ihre Stimme im Laufe des Tages an Kraft verliert, bis sie heiser klingt. Das Fenster des Behandlungsraumes steht offen, und wer unten auf dem Bürgersteig vorbeikommt, mag sich über die ­Geräusche dort oben im Haus wundern, „pffft – schtttt – ssstt“. Aber es hilft, sagt die Lehrerin.

Dann soll sie erst mit dem einen, dann mit dem an­deren Fuß auf einer Holzkeule balancieren. Karin Schubert ermutigt sie: Sie werde schon merken, dass sich etwas verändere. „Ich stehe fester“, sagt die Lehrerin. Genau, erklärt Karin Schubert, bei verbessertem Bodenkontakt arbeite das Zwerchfell besser, und das helfe dann der Stimme. Spricht es, schiebt ein „hehe“ hinterher und steht dabei selbst kerzengerade in ihrer Praxis.

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