Reformation für Einsteiger: Rechtfertigung ist das Gegenteil von Selbstgerechtigkeit

Was ist Rechtfertigung?
Wer sich für besser hält als andere, ist schnell selbstgerecht. Die Reformatoren hielten wenig von Leuten, die sich religiös in Szene setzten
Wer aus eigener Kraft gerecht sein will, kreist um sich.

Illustration: Andree Volkmann

Wer aus eigener Kraft gerecht sein will, kreist um sich.

Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen?“ Wenn der Richter so fragt, steht es schlecht um den Delinquenten. Die Schlägerei im Parkhaus, ein Schwerverletzter; eine Videokamera hat alles aufgezeichnet. Wie soll sich der Angeklagte da rechtfertigen?

Das ist Rechtfertigung: "Die Hoffnung, dass Gott mein Leben in seiner Hand so hält, dass es am Ende zurechtgebracht wird", sagt Pastor Henning Kiene.

Ähnlich hilflos steht nach christlicher Vorstellung jeder noch so anständige Mensch vorm göttlichen Richter. Er hat sich zwar selbst nichts vorzuwerfen, hat transparent gewirtschaftet, niemanden benachteiligt, gegen kein Gesetz ver­stoßen, war nie Rassist, Kinderschänder oder Mörder. Doch der Schein trügt. 

„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner“, betet der Pharisäer im Tempel, so erzählt es Jesus in einem Gleichnis (Lukas 18,9–14). Der Pharisäer hat alle Gebote erfüllt, der Zöllner gegen sie verstoßen. Nun fleht der Zöllner: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Aber der Pharisäer ist selbstgerecht und Gott fern. Der reuige Zöllner hat alles Selbstvertrauen verloren und richtet seine ganze Hoffnung auf Gott. Für Jesus: wahrer Glaube. 

Einen Gott braucht dieser Mensch nicht

In der „Heidelberger Disputation“ von 1518 prangerte der Reformator Martin Luther die Selbstgerechtigkeit als die größte Sünde an und formulierte: „Die Werke der Gerechten wären Todsünden, würden sie nicht in frommer Gottesfurcht von den Gerechten als Tod­sünden gefürchtet.“ Das bedeutet: Wer aus eigener Kraft gerecht sein will, kreist um sich. Erst wo Selbstsicherheit erschüttert ist, entsteht Raum für Gottvertrauen, für Glauben. Die Reformatoren sprachen von „Rechtfertigung allein aus Glauben“. 

Die Denkfigur setzt allerdings voraus, dass überhaupt ein göttlicher Richter exis­tiert. Seit der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert sieht sich der Mensch zunehmend im Zentrum des Universums. Er schafft sich seine eigene Moral. Er will selbst mit seinem Leben im Reinen sein. Einen Gott braucht er nicht. 

Solche Bedenken waren schon den Reformatoren bekannt. Philipp Melanch­thon schrieb 1521 in den „Loci Communes“, einer Zusammenfassung reformatorischer Theologie: „Die Natur des Menschen begehrt nichts Göttliches.“ Sie „wird durch das Wort Gottes nicht erschreckt, noch ermutigt, zu vertrauen“. Nur die Erfahrung macht den Theologen – die Erfahrung von „Humilitas“: Demut, Niedrigkeit, Erniedrigung. Erst in der Not sucht der Mensch einen Halt außerhalb seiner selbst. 

Vermeintliche Lösungen ziehen neues Unheil nach sich

Noch etwas lässt die „Rechtfertigung allein aus Glauben“ auf den ersten Blick veraltet erscheinen. Moderne Erziehung setzt auf Selbstvertrauen und „Ich-­Stärke“. Man mag übersteigerten Egoismus kritisieren. Aber was die Reformatoren diesem Ideal entgegensetzen, scheint auch wieder überzogen. Denn wer Selbsterniedrigung predigt, züchtet Menschen mit Untertanengeist heran. Das kann niemand mehr wollen. 

Trotzdem bleibt die reformatorische Theologie ein wichtiger Gegenpol zu moderner Selbstoptimierung. Dem Geist nach passt manche Empfehlung sogar noch heute in Lebensratgeber. „Weichst du nicht deshalb ab und wendest du nicht deshalb das Herz zu deinen Begierden, bist du nicht deshalb um Unterhalt, ­guten Ruf, Leben, Kinder, Ehepartner ängstlich besorgt, weil du Gott zu wenig vertraust?“, schreibt Philipp Melanchthon in den „Loci Communes“: eine Warnung vor dem Egotrip einerseits und vor über­zogener Sorge andererseits. 

Aus der reformatorischen Rechtfertigungslehre spricht eine tiefe Skepsis gegenüber jedem Bemühen, sich selbst aus seiner Not zu erlösen. Luther und Melanchthon wollten niemanden davon abhalten, die Welt zu verbessern. Sie versuchten es mit der Reformation ja auch selbst. Aber gerade wenn es um die Lösung von Menschheitsproblemen geht, den Hunger zu besiegen, Kriege zu bannen und Umweltkatastrophen abzuwenden, zeigt sich: Viele vermeintliche Lösungen von heute ziehen morgen neues Unheil nach sich. Und am Ende allen Bemühens steht nicht selten die Erkenntnis: „Ich habe mein Bestes getan. Nur Gott kann meine Seele retten.“

Das ist Rechtfertigung: "Die Hoffnung, dass Gott mein Leben in seiner Hand so hält, dass es am Ende zurechtgebracht wird", sagt Pastor Henning Kiene.

Information

Die 14-teilige Serie Reformation für Einsteiger folgt den Kapiteln des Buches von Philipp Melanchthon „Loci Communes 1521“ (Grundbegriffe der Theologie).

Lesermeinungen

Im Artikel steht: "Dem Geist nach passt manche Empfehlung sogar noch heute in Lebensratgeber." Das ist unbestritten, dass das sehr gut passt. Es fragt sich aber, ob das für die reformatorische Theologie oder gegen die heutigen Lebensratgeber spricht. Der Ratschlag lautet, äußerst skeptisch zu sein, wenn die Menschlein sich an die Lösung von Menschheitsproblemen machen. Heutige Lösungen sind vermeintlich, morgen ist dann das Unheil offensichtlich. Am Ende muss Gott die Seele retten.
-- Gegenvorschlag: Die Rede von den Menschheitsproblemen in genaueren Augenschein nehmen. Die Menschheit soll Probleme haben? Hunger, Kriege, Umweltkatastrophen? Die Menschheit als handelndes Subjekt, dem immer wieder Probleme eingebrockt werden? Von wem eigentlich? Wer oder was ist der Problemmacher? Wer hat denn die Probleme?
-- Hunger wird gemacht, der kommt nicht mehr wie früher als Folge unbeherrschbarer Natur. Wer macht den Hunger? Die Menschheit? Sicher nicht. Es sind sehr wohl zu benennende Interessen, die gesellschaftlich hoch anerkannt sind und den Hunger verursachen.
-- Kriege sind schon zweimal kein der Menschheit von außen übergebratenes Problem. Staaten, Bürgerkriegsparteien und Staatsgründungsorganisationen führen Kriege. Für die sind Kriege überhaupt kein Problem, sondern wohlkalkuliertes Mittel zum Zweck. Verlorene Kriege und Niederlagen sind deren Problem. Den Kriegstoten und -Versehrten ist nicht anzusehen, ob Sieger oder Verlierer ihnen das Leben oder die Gesundheit genommen haben.
-- Umweltkatastrophen werden im Regelfall auch nicht von Vulkanen oder groß geratenen Meteoriten erzeugt. Auch hier ist nicht die Menschheit der Verursacher. Es ist eine sehr hoch im Kurs stehende Produktionsweise, die Boden, Luft, Wasser, Flora, Fauna und Klima ruiniert. Auch als Betroffener ist die Menschheit die falsche Adresse. Eine Billigmietwohnung an der großstädtischen Durchgangsstraße hat eine andere Feinstaubbelastung als die teure Privatvilla im Luftkurort.
-- Bevor einer in das beliebte und grundlose "Eitel ist der Menschen Wahn" ausbricht und Hilfe bei Gott sucht, könnte er es abwechslungshalber mit einem Gedanken an die Gründe der fälschlich als Menschheitsprobleme bezeichneten Widerwärtigkeiten probieren.
Thea Schmid

religiös in Szene setzten ."
Was tut die EKD mit Ihrer kollektiven Erneuerung anderes als das ?

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