Als Scheidungskind zwischen den Eltern

"Ich stand zwischen Vater und Mutter"
Die Eltern hätten sie nicht in ihre Konflikte reinziehen dürfen, weiß das erwachsene Scheidungskind
Scheidungskind

Foto: Ralph Sondermann / VISUM

Als Kind musste Lisa, heute 23, zwischen den geschiedenen Eltern vermitteln. Sie fühlte sich sehr einsam

Ich weiß noch, wie ich mit neun Jahren bei meiner Freundin ­am Fenster stehe und sage: „Guck mal, mein Papa zieht aus.“ Er fuhr da gerade mit dem Wohnwagen von unserem Hof. Nach der Trennung wurde meine Mutter depressiv. Sie kam jeden Abend von der Arbeit nach Hause und weinte. Und ich war für sie da. Ich habe mir alles angehört, die Beziehungsprobleme, die Verfehlungen meines Vaters. Auch für meine zwei kleinen Geschwister war ich immer mit zuständig. Dann zog meine Mutter mit uns Hals über Kopf in eine Stadt 400 Kilometer weit weg.

Weil meine Mutter nicht mit meinem Vater reden wollte, musste ich das in ihrem Namen machen. Egal ob es um Besuchszeiten oder Unterhalt ging. Rückblickend weiß ich, dass ich dieser Rolle nicht gewachsen war. Ich habe mir damals einen Schutz zugelegt: Ich las den ganzen Tag lang Mangas und lief als Comic­held Inu Yasha über den Hof.

Mein Vater kam alle zwei Wochen und holte uns zu sich oder verbrachte das Wochenende in einer Ferienwohnung in unserer neuen Stadt. Es war schön mit ihm. Zu Hause war es schwierig. Für meine Mutter war mein Vater an allem schuld. Sie redete und redete. Wenn ich in mein Zimmer ging, weil ich das nicht mehr hören konnte, redete sie vor der geschlossenen Tür weiter. Natürlich hatte sie auch mit vielem recht: Mein Vater war jähzornig, hat viele Fehler gemacht. Aber es war nicht in Ordnung, mich so sehr in diesen Konflikt hineinzuziehen. Ich schrieb damals ins Tagebuch: „Ich will nie wieder zu der dummen Bärbel fahren.“ Die Bärbel war die neue Freundin meines Vaters. Ich schrieb den Satz nur, um ihn anschließend meiner Mutter zu zeigen. Weil ich von ihr geliebt werden wollte.

Bei unserem Wiedersehen weinte er

Mit zwölf zog ich zu meinem Vater. Ich sehnte mich danach, dass sich endlich jemand um mich kümmert, für mich da ist. Aber mein Vater arbeitete Vollzeit, und seine Lebensgefährtin bekam ein Baby. Als dann noch Probleme mit Freundinnen dazukamen, bin ich nach eineinhalb Jahren zu meiner Mutter zurückgegangen.

Wir Geschwister hatten immer seltener Kontakt zu unserem Vater. Am Telefon war er aufgebracht, dass er uns nicht sehen konnte. Einmal sagte er: „Dann hole ich dich einfach.“ Als er tatsächlich in meiner Schule stand, war das für mich eine furchtbare Situation. Ich weinte vor der ganzen Klasse. Meine Mutter wiederum hat die Geschichte als Anlass genommen, das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zu beantragen. Im Gerichtssaal bin ich, das erste Mal auf hohen Schuhen, an meinem Vater vorbeigelaufen. Ich wollte ihm zeigen: „Ich brauche dich nicht.“ Ich war in dieser Zeit sehr unglücklich. Die Schule war der einzige Ort, an dem es nur um mich ging. Ich war gut, habe ein super Abi gemacht.

Zu meinem 18. Geburtstag schenkte mir mein Vater ein Foto­buch – mit Bildern von der ganzen Familie, sogar von meiner Mutter. Ich freute mich sehr. Mein erster Freund hat mich er­mutigt, meinen Vater anzurufen. Bei unserem Wiedersehen nach vier Jahren, ich war inzwischen 20, weinte er und entschuldigte sich für seine Fehler. Er sagte: „Ich bin so froh, dass du da bist.“

Zu meiner Hochzeit lade ich beide ein

Seitdem habe ich zu meinem Vater ein gutes Verhältnis. ­Meiner Mutter – ich war inzwischen ausgezogen und studierte – erzählte ich nichts von den Treffen. Um sie zu schützen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass sie sich nicht weiterentwickeln kann, wenn ich sie beschütze. Ich habe in einer Beratungsstelle eine Familienaufstellung gemacht. Ich stand in der Mitte zwischen Mutter und Vater, ein Seil in der Hand, an dem beide zogen. Die Therapeutin fragte mich, was passieren würde, wenn ich zur Seite träte. Ich sagte: „Dann ziehen die beiden nur an sich!“

Seit kurzem bin ich verlobt. Mein Partner hat einen neunjährigen Sohn. Es ist schön zu sehen, dass seine Eltern das gut machen. Der Junge ist abwechselnd bei seiner Mutter und bei seinem Vater. Seine Eltern klären ihre Probleme selbst oder holen sich Hilfe. Das ist nicht immer leicht. Wenn meine Eltern es geschafft hätten, miteinander zu reden, wäre mir viel Kummer erspart geblieben.

Vor ein paar Tagen habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich erwarte, dass sie zu meiner Hochzeit kommt. Dass mein Vater auch kommen wird. Sie sagte, sie wird es versuchen.

Protokoll: Anke Lübbert

Lesermeinungen

Beide Eltern zu ihrer Trauung einzuladen, mag für Scheidungskinder zwar einerseits ein Wagnis mit ungewissem Ausgang sein; andererseits birgt die Einladung aber auch eine einzigartige Chance zur Versöhnung! Angesichts des strahlenden Brautpaares inmitten der Hochzeitsgesellschaft könnten die Eltern sich auf ihre eigene Trauung besinnen. Bei der Trauzeremonie würden sie sichtbar und hörbar an ihr eigenes Ehegelöbnis erinnert; das könnte den Wunsch in ihnen wecken, ihre damalige Liebe zueinander von Grund auf zu erneuern. Ihnen würde bewusst werden, dass sie sich beide nach umfassender Versöhnung sehnen. Gebe Gott, dass geschiedene Eltern dieses innere Verlangen nicht verdrängen, sondern Frieden miteinander schließen; dies wäre für die Brautleute das kostbarste aller Hochzeitsgeschenke!

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