Jasmin Tabatabai über Wut, Schuld und Musik

"Wenn du wütend wirst, musst du gucken: Was bedeutet das?"
Jasmin Tabatabai lächelt

Foto: Dirk von Nayhauß

"Dann ist Religion schön, wenn es keinen Zwang gibt": Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai wurde 1967 in Teheran geboren. 1978, mit dem Beginn der Revolution, verließ die Familie den Iran. Nach ihrer Schauspielausbildung in Stuttgart kam sie bald zum Film, bekannt wurde sie 1997 mit dem Kinoerfolg „Bandits“, für den sie auch die meisten Lieder komponierte und textete. 2012 erhielt sie als „beste nationale Sängerin“ den Echo Jazz Award. Zuletzt erschien ihr ­Jazz­album „Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist“. Seit 2012 ist sie regelmäßig in der ZDF-Serie...

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mit meinem kleinen Sohn auf dem Sofa liege und er schläft. Das sind Momente, in denen ich nichts anderes brauche, da fließt die Liebe. Ich weiß schon jetzt, dass es später mal diese Augenblicke sein werden, an die ich mich erinnere. In meinem Beruf fühle ich mich lebendig, wenn ich singe und ich weiß, dass ich nichts falsch machen kann, weil ich ganz entspannt bin und mich verbunden fühle mit der Musik, mit den Musikern, dem Publikum. Jazz gefällt mir in dieser Phase meines Lebens so gut, weil es für mich eine Offenbarung war, dass man nicht immer etwas darstellen muss. Am Anfang habe ich gefragt: Was mache ich, wenn ihr die Soli spielt? Als Schauspielerin muss ich ja immer irgendetwas machen, wenn ich auf der Bühne bin. David Klein, mein musikalischer Partner, hat nur gesagt: zuhören. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Man kann einen Abend damit verbringen, Leuten zuzuhören. Das ist sehr entspannend.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich weiß, dass es ihn gibt. Ich kann nicht erklären, wie ich zu ­dieser Gewissheit komme, das möchte ich auch gar nicht. Ich ­wurde nicht religiös erzogen, ich habe eine katholische Mutter und bin in einem islamischen Land aufgewachsen, allerdings in einer säkularen Familie, meine Tanten haben bereits vor 80 Jahren den Schleier abgelegt. Muslimin bin ich trotzdem, als Tochter eines Iraners bin ich das automatisch, und es gibt keine Möglichkeit auszutreten. Durch meine Mutter haben wir immer Weihnachten und Ostern gefeiert. Ich mag diese lebensbejahenden Feste sehr gern. Ich habe in Kirchen nie etwas Negatives gehört, nie eine Hassbotschaft, sondern es ging immer um Liebe, dass man sein Herz öffnen soll für den anderen. Und ich finde es schön, dass die Familien in der Kirche zusammen sind, dass ich neben meinem Mann sitzen kann. Es ist egal, ob wir verheiratet sind, niemand fragt mich, ob ich überhaupt Christin bin, niemand guckt mich schief an, wenn ich das Vaterunser nicht mitspreche. So sollte es sein. Dann ist Religion schön: wenn es keinen Zwang gibt.

"Ich rege mich wahnsinnig schnell auf"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Wenn ich mich wirklich schuldig fühle, dann hilft es mir, auf diesen Menschen zuzugehen und mich aufrichtig zu entschul­digen. Es regt mich wahnsinnig auf, wenn Leute herumlaborieren und Fehler nicht eingestehen. Vor allem Männer tun das, weil das Eingestehen von Fehlern für sie oft ein Zeichen von Schwäche
ist, und ein Mann darf keine Schwäche zeigen. Es ist aber wichtig, dass man sich selbst verzeihen kann. Kein Mensch ist frei von Fehlern. Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass man schlechte oder verletzende Sachen gemacht hat. Mich haben Leute aus der Schauspielschulzeit angerufen, die wollten sich für irgendetwas entschuldigen. Ich konnte mich aber überhaupt nicht mehr daran erinnern – und das haben die so lange mit sich herumgetragen! Diese Energie, die manche verwenden, um sich über Fehler in der Vergangenheit zu grämen, die könnten sie ­besser dafür verwenden, etwas Positives zu gestalten.

Wohin mit der eigenen Wut?

"Hat das Leben einen Sinn?“

Politikerinnen und Schriftsteller, Sängerinnen und Schauspieler, Musikerinnen und Sportler sprechen in diesem Buch freimütig über ihre Begeisterung und ihre Zweifel, über magische Momente und tiefe Krisen und warum es immer wieder ein Glück ist, sagen zu können: Ich lebe.

Dirk von Nayhauß: Ich lebe - Wofür es sich lohnt. edition chrismon, 12,90 Euro.

Selbstgespräche sind super. Und Spaziergänge, Laufen, Bewegung. Ich rege mich wahnsinnig schnell auf, ich kann ziemlich wütend werden. Andi, mein Mann, würde wahrscheinlich sagen: jähzornig. Da kann es auch ungerecht und laut werden. Ich finde aber einen reinigenden Streit besser als einen hegenden Groll und diese passive Aggressivität. Wenn man alles wütend raushaut – dann ist es raus, und dann kann man ver suchen, wieder in die Sanftmut zu gehen. Wut ist ja ein Kompass. Wenn du wütend wirst, dann musst du gucken: Was bedeutet das? Wenn du dir das genau anguckst, dann kannst du es vielleicht verändern.

Was bedeutet Freiheit für Sie?

Geile Frage. Freiheit ist auf jeden Fall nicht, immer das zu ­machen, was ich gerade will. Die größtmögliche Freiheit ist, das zu entdecken, was mich wirklich ausmacht. Sich selbst zu kennen und angstfrei zu handeln. Ob mir das gelingt? Manchmal! Ich habe mal eine Lesereise mit der britischen Autorin Zadie Smith gemacht, die hat mich sehr beeindruckt durch ihren Intellekt, ihren Geist. Sie hat gesagt: Glück ist etwas, das man immer in Relation sehen muss. Im Vergleich zu vielen anderen Frauen bin ich sehr frei. Und dann wiederum treffe ich jemanden, wo ich denke: Wow, das ist ein freier Mensch.

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