Aleida Assmann über vergessene Menschenpflichten

Die goldene Regel
Goldene Regel

Foto: Frauke Thielking / plainpicture

Menschenpflichten sind so wichtig wie Menschenrechte, werden aber immer wieder vergessen. Aleida Assmann holt sie aus der Schublade

chrismon: Vor fast 20 Jahren erarbeitete der InterAction Council, ein Kreis von ehemaligen Staats- und Regierungschefs, die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“: Man soll unter anderem alle Menschen menschlich behandeln, Gutes fördern, Böses meiden, sich für die Würde anderer einsetzen. Eigentlich selbstverständlich, oder?

Aleida Assmann: Leider ist diese Erklärung völlig in Vergessenheit geraten. Solche Pflichten der Mitmenschlichkeit standen aber schon bei den alten Ägyptern hoch im Kurs: Sie rühmten sich, dass sie den Nackten gekleidet und dem Durstigen etwas zu ­trinken gegeben haben. Sie wussten, dass Menschen bedürftig und auf den Schutz ­anderer angewiesen sind.

Das findet sich auch im Christentum.

Ja, es gibt das Gebot der Nächstenliebe und die Werke der Barmherzigkeit, man unterstützt Kranke, Schwache und Ausgegrenzte. Diese Haltung steht im Zentrum des Chris­tentums, aber sie ist kein Alleinstellungsmerkmal in der Geschichte der Menschenpflichten. Sie steigern das uralte Prinzip, dass der Stärkere sich zurückhält zugunsten des Schwächeren.  

Sie meinen die goldene Regel?

Genau. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Diese Regel gilt in allen Religionen, in allen Kulturen. Wenn man Kinder aufwachsen sieht, erlebt man genau das Gegenteil. Wie du mir, so ich dir – das ist das erste Spiel, das im Sand­kas­ten gespielt wird. Der Egoismus ist in den Menschen drin. Aber die große Kulturleis­tung besteht darin, den Egoismus zu zähmen und umzukehren in diese goldene Regel.

Es gibt sie seit Jahrtausenden – und sie wirkt trotzdem nicht?

Menschen haben eben beide Kräfte in sich, Egoismus und Altruismus. Und die Kulturen stärken mal die eine, mal die andere Seite. In der westlichen Welt ist nicht die Seite der ­Kooperation gestärkt worden, sondern immer die Seite des Wettbewerbs. Was in unserer Kultur zählt, ist die Förderung des Indivi­duums, der Leistung und Konkurrenz. Das Ergebnis ist ein freigesetzter Egoismus, der das Gemeinwohl nicht immer im Blick hat.

"Die Umgangsregeln müssen an Schulen und Universitäten gelernt werden"

Für den ehemaligen Bundeskanzler ­Helmut Schmidt, der damals zu den ­Unterzeichnern gehörte, war das 1997 ­ein Grund für die Formulierung der Menschenpflichten.

Die Staatsmänner schickten damals diese Erklärung der Menschenpflichten als eine notwendige Ergänzung zu den Menschenrechten an die Vereinten Nationen, wo sie in einer Schublade verschwanden. Heute brauchen wir sie nötiger denn je. Denn mit der großen Zahl neuer Migranten verstärkt sich auch die Vielfalt der Religionen und Kulturen. Damit wir diese Vielfalt leben und achten können, brauchen wir einen Konsens über gegenseitigen Respekt und praktische Grundregeln friedlichen Zusammenlebens.  

Und wie würden Sie sie verbreiten?

Sie müssen wie eine Hausordnung bekannt gemacht, gelernt, umgesetzt und weitergegeben werden – in den Schulen und den Kindergärten, an Universitäten und in Vereinen – überall, wo Menschen zusammenkommen.

Welche Menschenpflicht gefällt Ihnen am besten?

Die goldene Regel. Die ist 5000 Jahre alt, und es gibt sie in allen Kulturen. Mit ihr kann man überall anfangen. Zumal in einer Zeit, in der sich Verachtung und Hass ausbreiten und offene Gewalt zunimmt. Vor 20 Jahren sprach man vom „Kampf der Kulturen“, aber es war noch nicht absehbar, dass unsere Gesellschaft und Demokratie daran zerbrechen können. Jetzt brennt es an vielen Orten, und wir brauchen eine Feuerwehr, die nicht erst kommt, wenn ein Asylbewerberheim in Flammen steht. Wir müssen, um zu über­leben, die einfachen Regeln des Zusammenlebens stärken. Dafür kann das Abc der ­Menschenpflichten eine Stütze sein. 

Aleida Assmann

Aleida Assmann ist emeritierte Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Anglistik. Zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann, einem Ägyptologen, erinnert sie die Menschen immer wieder ­daran, das Gemeinwohl im Blick zu behalten.
Foto: Jussi Puikkonen / Knaw

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Lesermeinungen

Zitat: "...Egoismus und Altruismus. Und die Kulturen stärken mal die eine, mal die andere Seite. .... Was in unserer Kultur zählt, ist die Förderung des Individuums, der Leistung und Konkurrenz. Das Ergebnis ist ein freigesetzter Egoismus, der das Gemeinwohl nicht immer im Blick hat".

Das sollte ergänzt werden. Ganz sicher, unsere derzeit anerkannte Kultur stärkt vorrangig den Egoismus und die Forderung nach FUN. Zweifellos waren der Konsum und der Wohlstandswahn entscheidende kapitalistische Triebfedern. Aber diese Motive sind wahrlich nicht neu. Wer hat denn wann zusätzlich damit begonnen, für diese Entwicklung die Büchse der FUN-Pandora mit pseudomoralischen Begründungen zu öffnen? Vor über 60 Jahren begann mit der ideellen Herrschaft der Progressiven das Zeitalter des nahezu ungebremsten Egoismus. Zwar war eine Änderung der verstaubten Nachkriegszeiten bitter notwendig, aber Änderungen nur um der Veränderung Willen und ohne eine gute bestätigte Gegenkultur zu haben, ist ein Vabanquespiel mit der Gesellschaft.

Schon ganz vergessen, dass sich seit damals die Balance der Rechten und Pflichten gegenüber dem Staat zugunsten der Rechte erheblich verschoben haben? Fun war als neues beherrschendes Lebensziel angesagt. Die Berufe sollten keine Erfüllung geben. Arbeit und Geld wurden zu einem notwendiges Übel um den täglichen FUN-Anspruch zu befriedigen. Lust- und Frust-Käufe, kann es einen größeren Unsinn geben, als diesen persönlichen moralischen Offenbarungseid? Am fernen Horizont leuchtete schon die 30 Stundenwoche mit der Tendenz zum möglichst ewigen Urlaub. Sport im Verein, womöglich noch mit der Anmaßung von Pflichten? Da ist es doch viel angenehmer, sich in Studios gegen hohe Beiträge der eigenen Pflichten zu entledigen. Selbst noch kochen? MacDonalds macht es einfacher. Eine Mitarbeit in ehrenamtlichen kommunalen Körperschaften? Igittegitt. Familienpflichten? Ein (beruflicher) Umzug lässt leicht alle Bande reißen. Die ganze Entwicklung wurde dann auch noch verniedlicht und verbrämt mit der grenzenlosen Liberalität und der persönlichen Freiheit bis an die Grenzen der Freiheit des Nächsten. Ein Ergebnis ist auch die ausufernde Anrufung der obersten Gerichte, um die persönlichen eigenen Rechte zu sichern. Das geht dann hin bis zu einer Einzelfallgesetzgebung.

Der Einzelne ist sich selbst genug und der Staat, die Gesellschaft hat dafür zu dienen. Mein Haus ist meine Burg. Allenfalls braucht man noch ein widerspruchsloses Haustier, um sich den eigenen Egoismus bestätigen zu lassen. So kann man es auch sehen, wenn mangels anderer persönlicher Alternative auch selbst die tierische Zuneigung gut tut. Mit eigener Leistung ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, warum das denn? Die Mehrheit des Volkes ist zum Glück nicht so! Aber der zunehmende Egoismus kostet Gemeinsinn.
mit pseudomoralischen Begründungen

Lieber Herr Ockenga, Sie haben mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. "Die Mehrheit des Volkes ist zum Glück nicht so!" Richtig, das gesunde Volksempfinden lebt ungebrochen fort. So unerhörte Ansprüche wie Spaß am Leben haben da nichts verloren. Mutti steht am Herd und kocht tagein tagaus. Die Wohnung ist durchaus nicht meine Burg, sondern die Miete frisst mehr als die Hälfte des Lohns auf. Und die Klofrau ist deswegen Klofrau, weil im Beruf Erfüllung winkt.

Sepp Stramm

In Matthäus 7,12 formuliert es Jesus umgekehrt (positiv) "Alles, was ihr wollt, dass die Leute euch tun sollen, das tut ihnen auch." Übrigens, das symbolträchtige Bild von den sich umarmenden Mänteln in der Garderobe gefällt mir ausgesprochen gut, es sagt mehr als viele Worte.

Sehr   geehrte   Damen   und   Herren !

Schön,   dass   Frau  Prof. A. Assmann   an  die   für   ein   harmonisches   Miteinander   besonders   wichtige „Goldene   Regel“   erinnert !

„Was  du   nicht   willst, was   man   dir   tut, das   füg   auch   keinem   anderen   zu.“

Niemand   will   fehlende   Hilfsbereitschaft,    mangelnde   Rücksicht- und   Anteilnahme.  Niemand  will     Neid,   Hass   und   Zorn,    Angeberei, Missgunst  und   Unfreundlichkeit.

Jeder   möchte   beachtet   werden,   möchte   Zuwendung  und   Anerkennung,   nicht   zuletzt   gute   Umgangsformen.

Die   genannte   Regel,  positiv   verfasst,   ähnelt   dann   dem   Biblischen:  „Liebe   deinen   Nächsten   wie   dich   selbst!“

Ein   Altruist   ist   demnach  immer zugleich ein   kleiner   Egoist, macht ihn doch die Zuwendung zum Mitmenschen auch selbst glücklich.  

Schließlich ist  es  ja   auch   Aufgabe   jedes   einzelnen,   auf   sich   aufzupassen,   sich   zu   schützen   und   alles   zu   tun,   um  „Schaden   an   Leib  und   Seele“   zu   vermeiden.

Mit   freundlichen   Grüßen   und    guten  Wünschen   zu   Weihnachten

Gabriele   Gottbrath,   Rektorin   i.R., Gladbeck