Leben mit einer Depression

Bis die Gefühle explodieren
Depression

Gerald von Foris

Er dachte, die Qual hört nie mehr auf. Jetzt geht es ihm wieder besser. Meistens

Als ich stundenlang auf meinem Bett lag und selbst nach vier Stunden nicht mal zum Pinkeln aufstehen konnte, wurde mir klar, dass ich Hilfe brauche. Es ist schwierig, anderen diese krasse Schwermut begreifbar zu machen. Ich denke: Das hört nie mehr auf. Ich denke: Ich habe keinen Platz in diesem Leben. Ich denke: Herr, erlöse mich mit dem Tod.

Schließlich wies ich mich selbst in eine Klinik ein. Dort beschäftigen sie einen die ganze Zeit, das können die gut: Sport, Gesprächsrunden, Ergotherapie – den ganzen Tag hatte ich zu tun. In dieser depressiven Phase brauchte ich auch jemanden, der mich antreibt, auch wenn ich das in dem Moment gehasst habe.

Als ich nach sechs Wochen wieder zu Hause war, musste ich mich selbst antreiben, damit ich nicht wieder abrutsche. Ich darf mich nicht verkriechen! Freunde treffen hilft, das Medikament hilft, gutes Wetter hilft, Fahrradfahren hilft. Am besten wäre ein Apparat, der einen zum Rumrennen und Rumwuseln zwingt. 

Gefühlsduseleien? Krankheit!

Ich bin Ingenieur. Vor sechs Jahren musste ich mich zum ­ers­ten Mal wegen einer Depression krankschreiben lassen. Ich ließ mich von einem niedergelassenen Psychotherapeuten behandeln. Als ich danach wieder arbeiten konnte, sagte ich meinem Chef ganz offen: „Du, mich hat eine Depression zerbröselt.“

Ein paar Tage später nahm mir die Firma plötzlich Kontakte zu Kunden weg. Es hieß: Den brauchst du nicht mehr anzurufen, das machen wir wieder. Eineinhalb Wochen später teilte mir die Firma mit, dass mein Zweijahresvertrag nicht verlängert wird. Da konnte ich kaum noch an einen Zufall glauben, zumal ich ganz gute Arbeit geleistet hatte, das hatte mir vorher auch mein Chef gesagt.

Eine Depression ist eine Krankheit. Jeder kann sich darüber informieren, es gibt unzählige Berichte, Bücher, Filme. Trotzdem bleibt Depression für manche Leute ein Tabu. Nach meinem ­Klinikaufenthalt habe ich einigen davon erzählt, die es noch nicht wussten. Ein Kumpel nippte an seiner Bierflasche und sagte gar nichts dazu. Ein anderer Kumpel meinte: „Mit solchen Gefühlsduseleien kann ich nichts anfangen.“

Vor meiner Freundin tue ich manchmal so, als sei alles in ­Ordnung

Zum Glück habe ich andere tolle Freunde. Sie besuchten mich in der Klinik, sie sagten mir, dass ich auf sie zählen kann. Das hat diesen Freundschaften eine ganz neue Qualität gegeben.

Die Tiefs kommen schleichend. Ich denke dann zum Beispiel, dass ich für meine Freundin, meine Freunde und meine Eltern nur eine Last bin, dass ich unzumutbar bin. Selbst wenn mir jemand seine Zuneigung schenkt, zweifele ich in solchen Momenten daran. Die ersten Tiefs dieser Art hatte ich als Student. Ich machte dann eine Verhaltenstherapie. Das kann helfen, aber die Tipps meines Therapeuten fand ich nur platt. Ich habe das abgebrochen, es ging auch so ein paar Jahre. Zurzeit suche ich einen neuen ­Therapeuten, was schwierig ist, die meisten sind ausgebucht.

Vor meiner Freundin tue ich manchmal so, als sei alles in ­Ordnung. Das ist anstrengend, aber ich habe die Befürchtung, dass sie mich sonst irgendwann nicht mehr ernst nimmt. Der Vorteil daran: Sie schleppt mich dann vielleicht irgendwohin mit, obwohl ich mich fühle, als hätte ich Blei am Körper hängen.

Gefühle wegschieben bringt gar nichts

Vor kurzem habe ich das Medikament gewechselt. Ich wollte ein leichteres. Antidepressiva haben nämlich Nebenwirkungen. In meinem Fall: Lustlosigkeit. Meine Libido ist rapide gesunken, und ich habe Angst, dass meine Gefühle stumpf werden. Die Ärzte sagen zwar, das passiere nicht, aber unwohl fühle ich mich trotzdem damit. Die ersten Wochen mit dem neuen Medikament ging es stimmungsmäßig bergab. Zurzeit geht es mir wieder gut. So ist das mit den Medikamenten: Ich muss ausprobieren. Das ist saunervig. Mein Ziel: Ganz ohne Medikamente auskommen, da will ich hin. Die Chancen stehen aber schlecht, sagt mein Arzt.

Bei meinem aktuellen Arbeitgeber bin ich nun schon seit fünf Jahren. Ich habe viele gute Kollegen – aber von den Depressionen sage ich niemandem etwas. Das Arbeiten klappt im Moment gut.

Wenn ich mal mies drauf bin, gehe ich kurz vor die Tür und überlege, woran es liegen könnte: Ärgert mich etwas, habe ich Angst vor etwas? Solche Gefühle lasse ich dann bewusst zu, ­wegschieben bringt gar nichts, das macht die Gefühle nur größer, bis sie explodieren.

Protokoll: Felix Ehring

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Lesermeinungen

Die Depression überfällt keinen Patienten, sie entsteht aus Ängsten. Die nur an Profit orientierte Pharmaindustrie suggeriert den gut gläubigen Medizinern: Depression ist eine Stoffwechselstörung des Gehirnes, und Antidepressiva heilen. Wenn dem so wäre, gäbe es so gut wie keinen depressiven Patienten. Auch die veralteten  Psychotherapien - meistens zusätzlich mit Psychopharmaka kombiniert - dauern mitunter Jahre. Was wir brauchen sind wirkungsvolle  Kurzzeit-Psychotherapien. Es gibt solche Therapien.

Dr. med. Paul Bernard, Schneverdingen