Zum ersten Mal Weihnachten in Deutschland

Wie im Film!
Weihnachten und Silvester in Deutschland: Wie sieht das aus, wenn man vor kurzem aus Syrien, Afghanistan oder Ägypten angekommen ist?

Illustration: Sebastian Haslauer - Fotos: Benny Golm

Es  sieht fast so aus wie in „Kevin allein zu Haus“ oder wie im Zeichentrickfilm. Sechs geflüchtete Journalisten, die am Projekt „Amal, Berlin!“ der Evangelischen Journalistenschule teilnehmen, ­erzählen von ihrer Weihnachts­premiere. Seltsam fanden sie: Es lag kein Schnee! Im Fernsehen hat es zu Weihnachten doch immer geschneit. Und das eindrucksvollere Fest war eindeutig Silvester: der Tag, an dem alle auf die Straßen gehen und der Himmel leuchtet. Weihnachten ist einsam für die, die keine Familie haben. Gut, dass es Menschen gibt, die andere an ihren Tisch einladen...

 

"Jeden Abend schaltete meine Tochter den Baum an und aus"

Von Weihnachten hatte ich schon als Kind in Kabul gehört. Aber ich verband nichts damit. Auf die Fragen meiner Kinder konnte ich nur antworten: Die Deutschen feiern Weihnachten und Neujahr etwa zur gleichen Zeit.

Meine Tochter kam kurz vor Weihnachten in Berlin in die Schule. Sie erzählte mir, dass dort ein Baum mit Lichtern stehe. Sie wollte auch so einen Baum haben und ihn schmücken. Wir haben ihn besorgt. Jeden Abend saß meine Tochter davor und schaltete die Lichter an und aus.

Wir alle liebten es, um den Weihnachtsbaum herumzusitzen. Es war ja etwas Neues und Schönes. Weniger schön ist unsere Erinnerung an den Neujahrsabend. Wir gingen zum Brandenburger Tor. Aber als dort von allen Seiten Feuerwerke und Raketen losgingen, sprang meine Tochter in meinen Arm und schrie. Sie hatte in ihrer Kindheit zweimal heftige Schießereien erlebt. Das erste Mal 2010, als wir die Heimatstadt meiner Eltern besuchten. Dort überfielen Taliban einen amerikanischen Militär­konvoi. Es wurde eine dreistündige Schießerei – praktisch vor unserem Haus.

Kurze Zeit später erlebten wir eine ähnlich schockierende Situation in unserem Viertel in Kabul. Es geschah frühmorgens. Ein ausländischer Militärkonvoi kam ­vorbei, vermutlich von der Nato-Schutztruppe. Auf die Schießerei folgte ein Selbstmordattentat. Die Fensterfront, die zur Straße ging, zersplitterte.

Beide Male hielt sich unsere Tochter die Ohren zu und warf sich in meine Arme und in die Arme meiner Frau.

Vorm Brandenburger Tor versuchte ich meine Tochter zu beruhigen und ihr zu erklären, dass dies alles nichts mit Krieg zu tun hat. Vergebens. Wir kehrten vorzeitig heim.

Das war im Jahr 2011. Seither hat meine Tochter sich an den Silvesterlärm gewöhnt. Sie liebt sogar den Trubel am Brandenburger Tor. Wir feiern jetzt beides, Weihnachten und Silvester der Deutschen und unser Neujahrsfest. ­Und zweimal muss ich Geschenke kaufen!

 

"In Lauras Wohnung roch es wie im Hamidiya-Basar"

Ich wohne in einem Neubau in Berlin-Tempelhof im dritten Stock. Von meinem Fenster aus sah ich in den gegenüberliegenden Wohnungen die Lichter blinken. Es war der 24. Dezember 2015.

Jemand klopfte an meine Tür. Ich glaubte, ich hätte mich verhört und blieb am Fenster. Doch dann schellte die Klingel. Bis dahin hatte mich noch nie jemand besucht. Vor der Tür stand meine Nachbarin Laura. Sie lud mich ein, mit ihr Weihnachten zu feiern. „Am Heiligabend soll niemand allein sein“, sagte sie.

Der Duft von frisch gebackenen Keksen zog aus ihrer Wohnung herüber – ganz wie in Damaskus im Hamidiya-Basar, wenn wir zum Ende des Fastenmonats Ramadan das Zuckerfest feiern. Ich sagte sofort zu.

Lauras Mann Moritz, ihre Schwester Sara, ihr Schwager Johannes und die Töchter der beiden Paare erwarteten mich in ihrer Wohnung. Der Weihnachtsbaum glitzerte. Darunter lagen Geschenke in unterschiedlichen Größen, unterschiedlich verpackt, wie zufällig ausgeschüttet.

Ein Truthahnbraten stand auf dem Esstisch, dazu viele Schüsseln, Snacks, Chips, auch Süßigkeiten. Laura musste einen Kranz mit vier unterschiedlich langen Kerzen wegtragen, weil sie immer mehr auftischte. Sie erklärte mir, was ein Adventskranz ist. Ich fühlte mich reich beschenkt – wie im Inneren einer Glaskugel, in der silber­nes Konfetti herumschwirrt, nachdem man sie ge­schüttelt hat.

Ein Päckchen unter dem Baum trug meinen Namen. ­Es war ein Spaßgeschenk. Als ich es öffnete, sprang mir ein Kasper entgegen. Ich erschrak. Es muss sehr lustig ausgesehen haben. Wir haben die Szene mehrmals wieder­holt – und viel gelacht. 

 

"Der Himmel über Berlin ­leuchtete in vielen Farben"

Der Silvesterabend hat mich am meisten beeindruckt. Ich verbrachte ihn mit Verwandten, die ­ich vorher nie gesehen hatte; sie waren schon vor meiner Geburt ausgewandert. Ich saß mit ihnen an einem Tisch und aß Ente – zum ersten Mal in meinem Leben. Mit Reis und Bohnen, lecker!

Es war ein fröhlicher Abend. Wir saßen, unterhielten uns und tranken etwas zusammen. Gegen 23 Uhr schlug ein Cousin vor, zum Brandenburger Tor zu gehen. Das war gar nicht einfach. Zehntausende Besucher strömten auf den Platz vorm Tor. Wir kamen erst gegen Mitternacht an.

Das Feuerwerk begann. Der Himmel über Berlin leuchtete in vielen Farben. Ich war glücklich und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gleichzeitig erfasste mich ein brennender, innerer Schmerz. Ich weiß bis heute nicht ­warum. Vielleicht war es die Erinnerung an das letzte ­Opferfest in meiner Heimatstadt. Vielleicht war es auch nur der Wunsch, dazuzugehören.

Jetzt wohne ich in dieser europäischen Hauptstadt. Und ich möchte in diesem Jahr diese schöne Erfahrung noch einmal erleben. Ich warte sehnsüchtig auf die Advents- und Weihnachtszeit. Ich möchte auch gern noch mal Glühwein trinken. Er hat mir gut geschmeckt.

 

"Das Weihnachten in meiner Fantasie war schöner"

Meine Vorstellung von Weihnachten entstand zu Hause, auf dem Sofa in der Wohnung meiner Eltern. Meine jüngere Schwester lehnt den Kopf an meine Schulter, wir sehen „Kevin allein zu Haus“. Meine Mutter bereitet in der Küche Süßspeisen vor, der Duft zieht durch die Wohnung. Immer wenn ich seither das Wort „Weihnachten“ höre, entsteht vor meinem inneren Auge eine Zauberwelt aus europäischen Straßen, schneebedeckt, mit Fachwerkhäusern und in den Wohnzimmern Weihnachtsbäume voller Geschenke, Kerzenlicht. Und noch ­etwas aus all diesen romantischen Filmen hat meine Fantasie geprägt: dass mir jemand die Hände wärmt – mein Geliebter. Es ist ein Traum. Aber eines stimmt: Ich habe immer kalte Hände, auch im Sommer.

2013 habe ich Weihnachten in Stockholm erlebt. Es war sogar verschneit. Ein schönes Bild. Aber es fühlte sich nicht so an wie in meiner Fantasie.

Dann Berlin. Es war ein Dienstag im Dezember 2015, als ich die atmosphärische Veränderung erstmals wahrnahm, auch an mir. Komisch, das Datum weiß ich noch. Es war Abend, ich schlenderte durch Charlottenburg, die Menschen erschienen mir leutseliger als sonst. Sie rannten nicht so rasch, viele hatten ein freundliches Lächeln im Gesicht. Vielleicht hat auch die Weihnachtsdekoration in den Straßen meine Stimmung verändert, das weiße Pulver in den Schaufenstern, das wie Schnee aussehen soll. Jedenfalls schien alles plötzlich so wundervoll! Aber irgendetwas fehlte. Meine Finger waren starr vor Kälte. Ich vermisste die Hände, die mich wärmten. Die aus den vielen Weihnachtsliebesfilmen, die ich als Kind zu Hause auf dem Sofa gesehen habe, die Hände meines Geliebten. Er ist so fern, ebenso wie meine Familie, zu der ich nicht kann und die nicht zu mir kommen kann.

An all das musste ich auf der weihnachtlich dekorierten Straße in Berlin-Charlottenburg denken. „Entschuldigung“, schrie jemand hinter mir und riss mich aus meinen Ge­danken. Ich stand auf dem Fahrradweg.

 

"So viele gute Wünsche. Mein Heimweh war vergessen"

Je näher das Weihnachtsfest rückte, desto leerer ­wurden die Straßen. In die kleine Stadt in Westdeutschland, in der ich damals lebte, kehrte Stille ein. Die Studenten, die normalerweise einkaufen oder in den Bars rum­hängen, waren nach Hause gefahren, nach Düsseldorf oder Köln zu ihren Familien.

Ich war weit weg von zu Hause. Die Weihnachtszeit erinnerte mich an alles, was ich verloren habe und vermisse. Ich war an den harten, kalten Winter noch nicht gewöhnt und fühlte mich sehr fremd in der stillen Stadt.

Aber statt darüber weiter nachzudenken, beschloss ich, mein Herz zu öffnen und mein erstes deutsches Silvester zu erleben. Eine Familie hatte mich eingeladen, sie lebte am Stadtrand, ein großes Haus voller Spielzeug und würziger Gerüche. Als ich ankam, sah ich, wie Atina, die Mutter, Champagnergläser auf dem Tisch verteilte und gleichzeitig versuchte, ihre sechsjährigen Zwillinge davon zu überzeugen, dass sie Jacken anziehen müssten, wenn sie gleich nach draußen zum Feuerwerk wollten. Ich half ihrem Mann, leere Flaschen einzusammeln, für die Knaller. Seit die Kinder da sind, erzählte Stefan, ver­suchen sie, zwei Traditionen zu pflegen, die von Atinas kenianischer Großmutter in Mombasa und die Bräuche seiner eigenen Großmutter aus Aachen.

Nach und nach kamen die anderen Freunde. Wir ­sprachen darüber, wie oft man Weihnachten weit weg von zu Hause verbringt. Naomi, eine Journalistin aus dem Sudan mit traurigen Augen und tiefen Narben an ihrem Nacken, ermutigte ihre Tochter, mit den anderen Kindern zu spielen. Atinas Tisch bog sich unter all den Speisen. Sie selbst hatte ein afrikanisches Gericht mit Fisch und Ge­müse gekocht. Die anderen hatten auch Essen mitgebracht, Weihnachtsessen aus ihrer Heimat.

Ein paar Minuten vor Mitternacht leuchtete der ganze Himmel, die Kinder lachten, dazu der Krach von draußen, das Feuerwerk. Alle erhoben ihre Gläser, um sich ein gutes neues Jahr zu wünschen. Mein eigenes Heimweh und meine Einsamkeit waren fürs Erste vergessen.

 

"Die Bäume werden nach Größe sortiert, wie bei uns die Schafe"

Ich kam Ende November 2014 in Berlin an. Von Weihnachten wusste ich nicht viel. In unserem Dorf im südlichen Syrien, nahe der jordanischen Grenze, gab es keine Christen. Und die Christen in den Nachbar­dörfern leben sehr für sich. Wir hatten keinen Kontakt.

Trotzdem ist der Weihnachtstag auch für uns Muslime in Syrien ein Feiertag. Meine Mutter hat da immer Harissa zubereitet, eine Süßspeise. Alles, was ich über das christliche Weihnachtsfest wusste, stammte aus Zeichentrickfilmen. Da hat es immer geschneit. Auch in Berlin war es vor Weihnachten sehr kalt. Es fehlte nur der Schnee. Aber ich sah Lichterketten in den Fenstern, Weihnachtsmannfiguren und Tannenzweige. Wie in den Filmen.

Während des Zuckerfests und des Opferfests in meiner Heimat quellen die Märkte über von Menschen, die Süßig­keiten, Kleider und Geschenke kaufen. Das ist in Berlin auch so. Nur dass auf den Weihnachtsmärkten hier tradi­tionelle Gerichte und traditionelles Kunsthandwerk angeboten werden. Die Verkaufsstände sind aus Holz, ländlich wirkt das und wie aus einer anderen Zeit. Und wie in diesen Zeichentrickfilmen. Da fühlt man sich irgendwie geborgen.

In jedem Stadtteil wird ein Platz eingerichtet, auf dem Weihnachtsbäume angeboten werden, nach Größe und Umfang sortiert. Auch da musste ich an unser Opferfest denken, wo Plätze für den Verkauf von Schafen einge­richtet werden. Auch die Schafe werden nach Größe und Gewicht sortiert.

Ich war überrascht, dass die Straßen am Weihnachtsabend menschenleer waren. Ich hätte gern gewusst, was genau die Leute jetzt tun, wie sie das Fest begehen. Am Heiligabend 2014 war ich allein zu Hause. Ich vermisste die Harissa meiner Mutter. Und ich habe den Abend verbracht wie immer: Auf Facebook verfolgte ich die Nachrichten meiner Familie, die Nachrichten vom täglichen Artilleriebeschuss. Seit dem Frühjahr 2015 hat der Beschuss leicht nachgelassen, aber inzwischen hat Assads Armee unser Dorf zu 70 Prozent vernichtet. Mein Bruder starb vor einem Jahr, weil er keine medizinische Ver­sorgung bekam, das Krankenhaus war zerstört.

Nach den Feiertagen werfen die Berliner ihre Weihnachtsbäume einfach auf die Straße. Man nimmt den Baum, solange er einem gefällt – und wirft ihn dann weg. Ein trauriger Anblick. Die Schafe in meiner Heimat er­leben beim Opferfest ein ähnliches Schicksal. Sie werden schon auf den Verkaufsplätzen geschlachtet. Man nimmt nur das Fleisch. Das Fell wird achtlos entsorgt.

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