Wie hat sich die Kommunikationskultur verändert?

Netzbürger im Sittentief
Die evangelische Kirche übt scharfe Kritik an Flüchtlingsausgrenzung und an den Hasskampagnen im Internet

Heinrich Bedford-Strom, der evangelische Bischof, ist viel im Internet und in sozialen Medien wie Facebook unterwegs. Er postet persönlich, was er als Kirchenmann tut, und deshalb treffen ihn gelegentlich gehässige Kommentare. Schlimmer noch: Sie treffen Menschen, die er in seinen Texten erwähnt. Obwohl er mit einem hohen Maß an Geduld gesegnet ist, bleibt ihm dann nur eine Möglichkeit: Er sperrt den Verfasser. Gerade erst ist es ihm passiert, dass er einen Hasskommentar zu einem seiner Texte löschte und darauf vom Autor des Kommentars hart angegangen wurde. Doch der kam dann unerwartet zur Besinnung und entschuldigte sich bei Bedford-Strohm. Ungewöhnlich, meint Bedford-Strohm. Aber es hat ihn gefreut.

Die medialen Debatten um den Flüchtlingszustrom haben offenbar manchen Netzbürger Moral und Anstand vergessen lassen. Im Schutz der Anonymität beschimpfen sie Flüchtlinge und die Regierung, die sie nicht rauswirft, gleich mit. Zwar ist es völlig unklar, wie viele Personen hinter den Hasskommentaren stehen. Aber das ist auch schwer herauszufinden.

Klare Kante zeigen gegenüber rechter Kampfretrhorik

Auf der jährlichen Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die diesmal in Magdeburg stattfindet, gab Heinrich Bedford-Strohm seinen Bericht als Ratsvorsitzender ab. Er beklagte unmissverständlich, dass rechtspopulistische Bewegungen und ihre Führungsgestalten das politische Klima in Deutschland vergifteten. „Wir müssen klare Kante zeigen gegenüber allen Versuchen, 'völkisches' Gedankengut und rechtsextremistische Kampfrhetorik in unserem Land wieder salonfähig zu machen“, sagte der Ratsvorsitzende. Wie in solchen politischen Debatten, so gehe es gelegentlich auch im Internet zu.

Bedford-Strohm spricht von einem „Zusammenbruch des Wertesystems im Internet und speziell bei Social Media“. In den Hasswellen, wie gegenwärtig in den Kommentarspalten mancher Internetseiten zu erleben, finde eine Enthemmung ihren Ausdruck, die sicher auch damit zu tun habe, dass Menschen im Internet anonym bleiben und über ihre Worte keine Rechenschaft ablegen müssen. Offensichtlich werde das Internet als ein Raum gesehen, in dem alles erlaubt sei. Echte Kommunikation werde so zum Versiegen gebracht. „Es geht nicht um Diskussionsverbote. Um Hetzverbote geht es schon“, fügt Bedford-Strohm hinzu. Wer Hass gegen Menschen schüre, die ohnehin zu den Schwächsten gehörten, der setze sich „in klaren Widerspruch zu den Grundorientierungen, für die unser Staat und unsere Gesellschaft stehen“. Dass dieser Ausländerhass unter dem Vorwand geäußert werde, das christliche Abendland zu verteidigen, sei für ihn unerträglich.

"Ein Alptraum für die politische Kultur Amerikas" 

Eine Synode ist kein Partei- oder Medienkongress, aber dieses Thema ist der evangelischen Kirche so wichtig, weil Hass an die Wurzeln einer Gesellschaft rührt. Deshalb bringt den Theologen auch der amerikanische Wahlkampf auf die Zinne (­die Wahl wird in zwei Tagen stattfinden): „In seinen frauenfeindlichen und ganze Menschengruppen diskriminierenden Tiefpunkten war er ein Alptraum für die politische Kultur eines Landes“, sagt Bedford-Strohm.

Und er erinnert an eine biblische Geschichte: die Pfingstgeschichte, in der, von Gottes Geist bewegt, die Menschen über ihre Sprachgrenzen hinwegsteigen. „Herkunft und Sprache, die Unterschiedlichkeit der nationalen und kulturellen Hintergründe stehen der Kommunikation nicht im Weg“. Biblische Texte wie dieser stünden „in klarer Spannung zu heutigen Renationalisierungsphantasien, die an Homogenität orientiert sind und gerade keine Sensibilität gegenüber Unterschiedlichkeit zeigen“. Und die biblische Sensibilität für die Schwachen zeigten sie ganz bestimmt nicht.

Überwindung des Ausländerhasses: ein wichtiges Thema auch für 2017

Die Themen Ausländerhass und Rechtspopulismus passen sehr genau zu dem, worum es im soeben begonnenen Reformationsjubiläum 2017 geht. Bedford-Strohm nennt es die „Überwindung der Selbstrechtfertigung“, ergänzen könnte man: der Selbstverteidigung, der Selbstüberhöhung. Die Reformation setzt genau den gegenteiligen Akzent: den der kritischen Selbstprüfung und der „Lernbereitschaft, wie wir sie dringend brauchen“. Der Ratsvorsitzende der EKD sagt: „Wenn die Rechtfertigung allein aus Gnade unsere öffentliche Kultur bestimmte – man darf ja mal träumen! – dann hätten wir ein selbstkritisches, ein barmherziges und ein zuversichtliches Deutschland“. In ihm könnte der Geist der „Freiheit eines Christenmenschen“ seine heilende Wirkung entfalten.

Mit dem Tagungsort Magdeburg hat sich die evangelische Synode in ein Bundesland begeben, in dem die AfD zweitstärkste parlamentarische Kraft ist. Ein Bundesland, das berühmt ist für seine zahlreichen mittelalterlichen Kirchen. Die christliche Kultur ist hier überall präsent, jedenfalls in Stein. Der Einladung zum Eröffnungsgottesdienst waren Vertreter aller demokratischer Parteien gefolgt, nicht aber Vertreter der AfD.

Irmgard Schwaetzer: Wo bleiben die Werte in der Türkei?

Man spürt, wie sehr dem evangelischen Kirchenmann und vielen in der Synode das Herz brennt bei diesem Thema. Der Applaus für Bedford-Strohm ist groß. Und er kündigt an, dass die Kirche sich nie mit den toten Flüchtlingen im Mittelmeer abfinden wird – im Reformationsjahr so wenig wie zu anderen Zeiten. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass dieses Land gastfreundlich bleibt.“

Und das Pochen auf christliche Werte und Menschenrechte gilt auch für die Verhältnisse in der Türkei und den „Säuberungen“ dort nach dem Putschversuch. Irmgard Schwaetzer, die Präses der Synode, betont: „Die massiven Übergriffe des türkischen Staates rücken die Frage ganz weit in den Vordergrund, wie weit die christlichen Werte in der Zukunft die Grundlage unseres Zusammenlebens bleiben und dass wir diese Werte auch verteidigen müssen.“ Eine hoch brisante Frage angesichts des Flüchtlingsdeals der Bundesregierung mit dem türkischen Staat. Es ist gut, dass sich die evangelische Kirche da vom Staat nicht in die Pflicht nehmen lässt.

 

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Lesermeinungen

Ich möchte der Redaktion und dem Herrn EKD-Ratsvorsitzenden und Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm vielmals danken für Ihre klaren Worte bezüglich Sitte, Anstand und Werten. In einer Welt, die oft als komplex bezeichnet wird, machen solche Worte Mut und Hoffnung ohne oberflächlich zu sein. Wir liegen richtig. Die anderen liegen falsch. Wir liegen deshalb richtig, weil wir Sitte, Anstand und Werte haben. Die anderen liegen deshalb falsch, weil es ihnen an Sitte, Anstand und Werten mangelt. Diese Überzeugung überzeugt. Und sie verbindet. Richtig gut. Also nochmals vielen Dank! Und weiterhin Gottes reichen Segen für Ihr Wirken!
Lisa Müller

Diesem Lob kann ich mich nur anschließen, liebe Frau Müller. Insbesondere Ihre Anmerkung, dass die genannte Überzeugung verbindet, ist sehr treffend. Die Gewissheit der eigenen moralischen und wertemäßigen Überlegenheit über dem anderen ist eine Gemeinsamkeit von Positionen, die sich ansonsten ziemlich unversöhnlich gegenüberstehen können. Wer die metaphorische Ausdrucksweise bevorzugt, spricht dann statt von Gemeinsamkeit eben von verbinden oder von einem gemeinsamen Band.
In das große Lob einschließen möchte ich noch die Leserschaft. Kein einziger Widerspruch wird laut gegen die Hochschätzung von Werten und Moral. Sehr beruhigend!
Mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Bei so viel Lob für den Herrn Bischof, die Redaktion und die chrismon-Leserschaft möchte auch ich nicht zurückstehen. Auch ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der ausbleibende Widerspruch gegen die Hochschätzung von Moral und Werten im Wesentlichen auf dem gesunden moralischen Leserempfinden beruht. Ihrer präzisen Beobachtung, dass kein einziger Widerspruch laut wird, kann ich nur zustimmen. Es ist nämlich nicht von vornherein auszuschließen, dass irgend ein Leser oder irgendeine Leserin vielleicht doch zur Moral und zu den Werten einen anderen Gedanken hat als den landesüblichen. Der geht bekanntlich so, Werte und Moral sich selbst zuzuschreiben und dem jeweiligen politischen Gegner abzusprechen. Vielleicht lässt sich ein Leser sogar zu Zweifeln an den grundsätzlich segensreichen Wirkungen von Moral und Werten hinreißen. Solcher abwegiger Kritik würde das umsichtige Moderationswesen der Redaktion aber entschlossen entgegentreten. Dessen bin ich mir gewiss.
Sepp Stramm

„Überwindung des Ausländerhasses: ein wichtiges Thema auch für 2017“,

so heißt eine der Überschriften im obigen Artikel.

War es zur Zeit Luthers der von ihm beflügelte Hass gegenüber Juden und Muslimen, so sollte das Jahr 2017 auf ökumenischer Basis dafür genutzt werden, dass man gemeinsam sich der Verantwortung zur Abwehr von Xenophobie, Rassenhass, Ausgrenzungen und Gewalt aller Art bewusst wird.
Das 20. Jahrhundert hat ein an Traurigkeit und Beschämung kaum zu überbietendes Bild geliefert, wohin genau die obigen sündhaften menschlichen Eigenschaften führen können. Bis auf den heutigen Tag passieren Vergehen dieser Art – auch in Deutschland.

Es besteht somit großer Handlungsdruck, dass gerade die christlichen Kirchen – in Erinnerung ihres eigenen Versagens – das Jahr 2017 dafür nutzen, in der Vergangenheit geduldetes und selbst begangenes Unrecht sich auf „jesuanische“ Weise zu engagieren, dass nicht nur Worte in Sonntagsreden feilgeboten werden, sondern man durch konsequentes alltägliches Handeln ein Zeugnis ablegt, das die Bibel immer wieder anmahnt:

„Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25,34)

Paul Haverkamp, Lingen

Sie hat die Reformation inhaltlich ausgekerbt. Bei ihrer Tagung in Dresden ging die EKD-Synode die 500 Meter zur Pegida-Demonstration nicht.. Das wäre ein Zeichen gegen den Hass gewesen. Barth und Bonhoeffer hätten es gesetzt. Aber für die war Christologie ja auch keine "Leerstelle". Bischof Bedford-Strohm ist kein "Schwacher". Er ist in politischen und gesellschaftlichen Kontexten ein sehr mächtiger Mensch. Nur hat sein Amt längst den Rückhalt in der Gesellschaft verloren. Das von Oben doktrinieren macht die Menschen wütend. Sie wehren sich. Und das publizisitsche Gatekeeping ist Vergangenheit. Nur haßt die Evangelische Kirche die Demokratie in den eigenen Reihen mehr als der Teufel das Weihwasser - siehe Beschluss zu den Jugenddeligierten. Dieser Artikel hier beweist einmal mehr, dass weder der warmherzige Christusglaube noch die kühne und diskursfähige Intellektualität eines Barth, Gollwitzer, Moltmann hier noch eine Heimat haben.