Eröffnungsgottesdienst und Festakt zum Reformationsjubiläum in Berlin

Glut unter der Asche
Beim Eröffnungsgottesdienst zum Reformationsjubiläum in der Berliner Marienkirche, überreicht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, die Martin-Luther-Medaille der EKD an Kardinal Karl Lehmann.

Foto: Jens Schlueter/epd-bild

Die Reformationsfeiern begannen mit fulminanter Kritik an jeder Form von Intoleranz

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und in der chrismon-Redaktion leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Zuletzt war er dort Leiter des Ressorts "Theologie und Kirche". In der chrismon-Redaktion in Frankfurt am Main ist er insbesondere verantwortlich für die Rubriken "Doppelpunkt" (Essay), "Religion für Einsteiger", "Vorbilder", für die Herausgeber-Kolumne "Auf ein Wort" und die Leserbriefe. Auch ist er zuständig für die Volontärsausbildung im "Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik" (GEP). Besondere Interessengebiete: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. Jahrhunderts, Krieg und Frieden, Religionspädagogik.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017
Es war ein charmanter Versprecher des obersten evangelischen Bischofs in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm. Bei der Übergabe der revidierten Lutherbibel an die Öffentlichkeit lobte der Ratsvorsitzende der EKD in der Georgenkirche von Eisenach das Buch als idealen Start für das „Revolutionsjubiläum“. Einen Sekundenbruchteil später hatte er sich bereits korrigiert. Da war das Jahr 2017 wieder zum Jahr des Reformationsjubiläums geworden.

Dabei hatten das Jahr 1517, in dem Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, und die folgenden Jahre durchaus ihre revolutionären Seiten. Sie stellten den herkömmlichen Glauben, die kirchliche Praxis, die kirchliche Macht in Frage. Sie machte aus der Angstmaschine Glaube wieder eine Hoffnungs- und Heilungsinstanz. Sie verdrängte die Geschäftemacherei der Kirche zugunsten eines ernsthaften, persönlichen Glaubens. Sie sägte nach und nach an den Säulen der vatikanischen Macht, die sich selbst soeben mit dem Petersdom in Rom ein gigantisches Denkmal setzte. Wenn das mal keine Revolution ist. Hatte Ähnliches nicht bereits Papst Franziskus gesagt: „Ein Christ, der kein Revolutionär ist, ist kein Christ“ - Monika Grütters, die Kulturstaatsministerin, zitiert es einen Tag später beim offiziellen Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt begeistert gleich zwei Mal.

Katholiken und Protestanten pusten in die "Glut unter der Asche"

Die geläuterte katholische Kirche würde heute keinen Martin Luther mehr hervorbringen. Denn die theologischen und machtpolitischen Entgleisungen der Kirche von damals sind Geschichte. Der Beginn des Reformationsjubiläums mit dem 31. Oktober 2016 steht vielmehr unter ökumenischen Vorzeichen. Katholische Bischöfe und Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche wallfahrten gemeinsam in das Heilige Land. Am Reformationstag 2016 erhält zum ersten Mal ein Katholik, Kardinal Karl Lehmann, der langjährige Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz,­ die Martin-Luther-Medaille verliehen. Es ist so, als wolle die evangelische Seite mit der Ehrung dieses reformorientierten Theologen den Geist der Versöhnung beschwören.

Heinrich Bedford-Strohm würdigte beim Berliner Festgottesdienst in St. Marien am Alexanderplatz Lehmanns ökumenische Verdienste. Schon sehr früh habe er das Reformationsjubiläum als ökumenische Chance gesehen.  „Uns bringt niemand auseinander“ sei ein oft zitiertes Wort des „Dear Brother Cardinal“ (wie es in der verteilten englischen Übersetzung heißt): „Wir Protestanten sind dankbar für das Vertrauen, das wir in Sie hatten und das Sie uns geschenkt haben.“

Karl Lehmann, heute 80 Jahre alt, ist ein Ökumeniker der ersten Stunde, lobte Bedford-Strohm. Schon als Student sei Lehmann aufmerksam geworden auf die „pastorale Herausforderung“ der sogenannten Mischehen, der katholisch-evangelischen Ehepaare. Rückschritte, beschnittene Freiheiten und unterbrochene Dialoge: Trotz solcher Erfahrungen habe er die Hoffnung auf Annäherung nicht aufgegeben, habe auf die „Glut unter der Asche“, auf den „langen Atem“ vertraut. Dafür dankte er ihm „ganz persönlich von Herzen“. Eine Ehre sei es für die evangelische Seite, dass Karl Lehmann die Martin-Luther-Medaille annehme.

Den politischen Angstmachern das Handwerk legen

Martin Luther hat keinen Masterplan für die Welt entworfen, sagte der Berlin-Brandenburgische Bischof Markus Dröge in seiner Predigt, aber jedem zugeraten, Mut zu fassen und das Gegebene nicht einfach hinzunehmen. Er sprach von den Menschen, die gegen Angstmacher aufstehen. Wen er mit den „Kräften in unserer Gesellschaft“ meinte, „die Angst verbreiten“, war jedem Zuhörer klar: Ausländerfeinde, Flüchtlingshasser aus den rechten politischen Lagern. „Aber die Zuversicht ist stärker“, sagte Dröge. Und da schloss sich der Bogen wie von selbst zur Geschichte, die die Reformationsbotschafterin der EKD, Margot Käßmann, von dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King erzählte. Er predigte drei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer in der Marienkirche, beschwor „unsere gemeinsame Menschlichkeit“ von Ost und West.

Katholiken wie Protestanten ist heute deutlich: Wenn es mehr an Gemeinsamkeiten geben kann, dann unter dem jetzigen Papst Franziskus. Vergessen sind die Demütigungen, die sein Vorgänger, Papst Benedikt, der Protestanten in Deutschland bereitete. Zum Beispiel bei seinem Deutschlandbesuch, bei dem er sich jedes noch so bescheidene ökumenische Zugeständnis verkniff wie ein gemeinsames Abendmahl von gemischt-konfessionellen Ehepaaren. Die evangelische Kirche überspielte damals ihre tiefe Enttäuschung, die Opfer waren die betroffenen Eheleute.

 Bundespräsident Joachim Gauck, Kardinal Karl Lehmann und Kardinal Reinhard MarxFoto: Jens Schlueter/epd-bild
Noch zwölf Monate Jubiläum – bis zum 31. Oktober 2017: Genug Zeit für jubiläumskritische Christen beider Konfessionen, noch auf den Zug der Feierlichkeiten aufzuspringen. Entscheidend ist aber, dieses Jahr für die eigentlichen Herausforderungen zu nutzen: dem Nationalegoismus vieler europäischer Staaten die humanitäre Hilfe für Flüchtlingen entgegenzusetzen; gegen den Virus des Fundamentalismus anzugehen; die zunehmende Spaltung Deutschlands in Arme und Reiche zu bekämpfen; Menschen mit der faszinierenden Welt des Glaubens bekannt zu machen; Kindern und Jugendlichen Mut für die Zukunft zu machen. Die Gespenster von heute zu vertreiben, so wie Luther die Angst der Menschen zu seiner Zeit vertrieb?

Die Kirchen der Reformation empfehlen sich, nicht erst im Jubiläumsjahr, aber dann ganz sicher, zudem als Widerstand gegen Nationalismus und Intoleranz. Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, zitierte beim offiziellen Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt den Fußballer Jérôme Boateng: „Es ist sehr wichtig, dass wir Toleranz zeigen.“ Demokratie, so Müller, brauche Bürger, die auf das eigene Gewissen hören und sich einmischen. Sie lebe auch vom Nein-Sagen.

Das Resumée wird in einem Jahr gezogen

Es gibt ein einfaches Kriterium, dieses Reformationsjubiläum zu bewerten. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der evangelischen Synode 2012 dafür votierte, das Reformationsjubiläum solle auch eine missionarische Komponente haben („wenn man das heute so sagen darf“), war ihr die Zustimmung der Kirche sicher. Schön wäre es, wenn in zwölf Monaten das Ergebnis so hieße: Es ist uns gelungen, viele Menschen für die Reformation und den christlichen Glauben zu öffnen, sie zu einer geballten Kraft gegen Ausländerhass und Nationalegoismus zu machen. Dann hat sich eine ganze Reformationsdekade – nicht weniger als zehn Vorbereitungsjahre (!) – gelohnt.

Die evangelische Freiheit: Für die Geschichte der Emanzipation sei die Reformation außerordentlich wirksam gewesen: Sie machte aus Betreuten mündige Menschen, sagte Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Es war Luthers Entdeckung: Der einzelne ist im Letzten nur seinem Gewissen verantwortlich. Gnade, ein weiterer von Luthers Leitworten, sei heute vielen Menschen fremd. "Wir hätten", so sagt der Bundespräsident, "nichts so sehr so nötig wie Gnade": Gnade mit uns selbst wie mit anderen Menschen. Damit es weder eine verzweifelte Suche nach Selbstperfektionierung gebe noch Verachtung gegenüber anderen Menschen. Es mache sich - zum Beispiel im Internet - ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, ein Geist der Selbstgerechtigkeit, der Verachtung.

Eine schöne, und treffende Predigt im politischen Gewand: Der Bundespräsident wünscht den Menschen in dieser großen Festversammlung mit seinen ungezählten Politikern und Kirchenvertretern, dass sie Gnade von ihren Mitmenschen erfahren und auch selbst Gnade walten lassen.

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Lesermeinungen

Da treffen sich also die höchsten Repräsentanten, Würdenträger und Amtsmachtinhaber von Staat, katholischer Kirche und evangelischen Kirchen. Sie feiern die Reformation. Dazu beglückwünschen und loben sie sich kreuz und quer gegenseitig, händigen sich Medaillen aus und preisen an sich und am verehrten Gegenüber alle Tugenden und Werte, die der anständige Bürger kennt. Freiheit, Demokratie, Menschlichkeit, Vertrauen, Toleranz, alles ist versammelt. Keiner ruft dazu auf, Flüchtlingsheime anzuzünden. Welch Überraschung!
Und was ist das Ganze jetzt? Das steht gleich in der Unterüberschrift des Artikels: "fulminante(r) Kritik an jeder Form von Intoleranz". So geht also Kritik! Fulminant heißt nach Duden: "sich in seiner außergewöhnlichen Wirkung oder Qualität schlagartig mitteilend; ausgezeichnet, glänzend, prächtig, großartig"
Friedrich Feger

Luther war ein Verkörperer religiöser Intoleranz

Eduard Kopp schreibt u.a. im obigen Artikel:

“Die Kirchen der Reformation empfehlen sich, nicht erst im Jubiläumsjahr, aber dann ganz sicher, zudem als Widerstand gegen Nationalismus und Intoleranz.”

Wenn Vertreter der Reformationskirchen heute als Anwälte für Toleranz und als Warner vor Intoleranz auftreten, so ist das gewiss zu begrüßen, sie können sich dabei auf Martin Luther jedoch nicht berufen.

Denn die Äußerungen Luthers über die Juden (und Muslime) muss man zunächst einmal aus ihrem geschichtlichen Kontext betrachten. Denn genau genommen hat sich der Reformator mit seiner Judenfeindschaft durchaus in Gesellschaft mit dem Geist seiner Zeit befunden, allerdings in keiner guten. Aber es kann und darf uns nicht trösten, dass Bevölkerung und Obrigkeit damals oft noch intoleranter über Juden dachten und noch grausamer mit ihnen verfuhren als Luther. Die volle Übereinstimmung mit dem Zeitgeist entschuldigt ihn jedoch keineswegs. Mit christlicher Ethik wären schon damals seine "wutgeborenen" Ratschläge, wie Juden zu behandeln seien, nicht zu begründen gewesen.

Die Wahrheit gebietet den Hinweis, dass Luther nicht immer judenfeindlich gesonnen war. Denn in seiner 1523 publizierten Schrift "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei" empfahl er den Christen, Juden nicht zu verachten, "denn aus ihnen kam das Heil, nicht aus uns." In dieser Epoche seines Lebens - sie währte mehr als ein Jahrzehnt - hat Luther auch jene gehässigen mittelalterlichen Verleumdungen bekämpft, die Juden Hostienschändung, Ritualmord und Brunnenvergiftung nachsagten. Er missbilligte den Bau "wilder Kirchen und Feldkirchen" an sogenannten Wallfahrtsorten, die wie in Sternberg (Mecklenburg) und Regensburg aufgrund von Ritualmordbeschuldigungen nach Judenmord und Judenvertreibung entstanden waren.

Freilich darf dabei nicht übersehen werden, dass Luther nur deshalb zum Judenfreund geworden war, um die Juden für das Christentum zu gewinnen. Denn immer wenn Luther davon sprach, brüderlich mit den Juden zu handeln, folgte der Nachsatz, "ob wir etliche bekehren möchten". Sein Verhalten Juden gegenüber war also alles andere als zweckfrei.

Luther in all seinen Denk- und Handlungsweisen zu verstehen und freizusprechen, fällt schwer. Gerade ein Mann wie er sollte an seiner individuellen Intelligenz, Einsichtsfähigkeit und seinen eigenen moralischen Ansprüchen gemessen werden. So bleibt Trauer, dass ein großer Mensch nicht weiser war, weil er nicht erkannt hat, dass der Absolutheitsanspruch seiner Religionsauffassung mit der Freiheit des Menschen, die er so gerne für Christen in Anspruch nahm, nicht zu vereinbaren ist. Luther war eben nicht nur genial und ein großer Erneuerer auf kirchlichem Gebiet. Er war auch rechthaberisch und fand selten Zwischentöne, wenn er über andere urteilte.

Heinz Zahrnt befasst sich in seinem 1983 erschienenen Buch "Martin Luther in seiner Zeit - für unsere Zeit" auf immerhin drei Seiten mit Luthers Sinneswandel, von dem er meint, dass er sich mit "rationalen Gründen überhaupt nicht erklären" lasse. Dieses traurige Kapitel fasst Zahrnt folgendermaßen zusammen: "Die volle Übereinstimmung mit seiner Zeit....entschuldigt ihn nicht. Er hat in jedem Fall zur Erhöhung des Schuldkontos der Christen gegenüber den Juden beigetragen." Luther war in seiner Grundeinstellung der Verkörperer der religiösen Intoleranz. Er konnte es nicht verkraften, dass jemand die Messianität Jesu ablehnte.

Paul Haverkamp, Lingen