Kaufsüchtig, Schülerin, schwanger – und jetzt?

"Ich musste etwas tun. Sofort."
Krise überwinden

Foto: Valeska Achenbach

Kaufsüchtig, Schülerin, schwanger – und jetzt? Erst war sie wie gelähmt, dann machte es klick

Glücklich war ich nur, wenn ich im Internet shoppen konnte. Es war ja so einfach: Ein Klick, und die Shirts und Handtaschen gehörten mir. Die Rechnungen ließ ich unbezahlt liegen.

Angefangen hatten meine ganzen Probleme mit Liebeskummer. Ich hätte alles für meinen Freund getan, aber er nicht für mich. Nach unserer Trennung fiel ich in ein Loch. Meine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten brach ich ab. Aber ich erzählte niemandem davon. Vor Freunden und der Familie gab ich die Starke, tat, als wäre alles bestens. In Wirklichkeit kam ich morgens oft nicht aus dem Bett und verbrachte die Tage auf dem Sofa. Ich kapselte mich immer mehr ab.

Jetzt wird alles gut, dachte ich wieder

Irgendwann ertrug ich mich selbst nicht mehr und zog kurzerhand von Bremen nach Hamburg. Jetzt wird alles super, dachte ich, ich fange ganz neu an. Aber der Stadtwechsel allein brachte keine Wunder. Ich kellnerte jetzt und arbeitete auf Messen als Hostess, um mich finanziell über Wasser zu halten. Aber immer noch blieb ich morgens oft antriebslos liegen und ließ Jobs platzen. Um wenigstens einen Teil meiner Interneteinkäufe zahlen zu können, lieh ich mir Geld bei meiner Mutter.

Ich fühlte mich verloren in der neuen Stadt. Und ich sehnte mich nach festen Strukturen. So kam mir die Idee, mich auf der Abendschule anzumelden und das Abi nachzuholen. Einfach um wieder aufgehoben zu sein, wie früher in der Schule. Und dann lernte ich beim Partymachen Adam kennen. Er war gerade dabei, eine mehrmonatige Reise in die USA zu planen. Wir verliebten uns und genossen drei herrliche Monate. Jetzt wird alles gut, dachte ich wieder, jetzt habe ich einen Freund. Als Adam in die USA flog, fiel ich in alte Muster zurück, schwänzte die Abendschule, schrieb schlechte Klausuren und kaufte neue Handtaschen. Als er zurückkam, wurde ich ungeplant schwanger.

Wie soll ich ein Baby lieben, wenn ich micht nicht selbst liebe?

Es war so unwirklich. Ich war 25, Schülerin, kaufsüchtig, hatte einen Freund, den ich sechs Monate kannte, von denen er drei in Amerika gewesen war. Nun saß ich im Bad und starrte auf den positiven Test in meiner Hand. Ich dachte: Wie soll ich ein Baby lieben, wenn ich nicht mal mich selbst lieben kann? Aber Adam sagte: „Wir kriegen das hin!“ Abtreibung war nie ein Thema.

Ich hätte jetzt reinen Tisch machen und ihm meine Probleme erzählen müssen. Immerhin wurden wir bald Eltern. Aber ich verheimlichte ihm weiterhin meine Käufe, meine Schulden, das Schwänzen und das Ausmaß meiner Stimmungstiefs. Bis er sich enttäuscht über mein fehlendes Vertrauen acht Wochen vor der Geburt von mir trennte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich heulte und war wie gelähmt. Aber nach drei Tagen machte es klick. Ich verstand, dass ich etwas tun musste. Sofort. Ich rief das Jugendamt an und die Beratungsstelle für psychische Krisen und organisierte mir erst mal einen Therapieplatz.

Ich merkte, dass ich auch ohne Mann glücklich sein kann

Dann kam Malia auf die Welt. Adam und ich, immer noch ­wütend aufeinander, hielten unsere gesunde Tochter in den ­Armen. Er weinte vor Glück, und da wusste ich: Jetzt kann alles nur gut werden, auch wenn wir getrennt sind. Und dieses Mal wurde es gut. Und das lag an mir. Wenn ich meinem Kind schon keine heile Familie bieten konnte, wollte ich zumindest alles tun, um eine gute Alleinerziehende zu sein. Ich verpasste keine ­Therapiestunde. Ich raste nach der Abendschule nach Hause, um Malia zu stillen. Und war froh, dass Adam uns jeden Abend besuchen kam. Wir stritten nicht mehr über unsere Fehler, wir versuchten, gut für Malia zu sein. Und ich hörte auf, im Netz zu shoppen.

Nach ein paar Wochen merkte ich, dass ich glücklich sein kann auch ohne Mann. Eine wichtige Erkenntnis. Sechs Monate später bestand ich meine Abiprüfungen. Adam schenkte mir eine Platte von Adele, er war so stolz auf mich. Er fragte mich, ob wir wieder zusammenziehen wollen.

Wir sind jetzt eine normale Familie. Malia wird in der Kita eingewöhnt, denn ich studiere nun Soziale Arbeit. Aus meiner Krise habe ich gelernt, dass man den Mut aufbringen muss, auch offen über das zu sprechen, was gerade nicht gut läuft. Meine Therapeutin sagte mal: „Sie sind nicht die mit den schlimmsten Problemen!“ Jahrelang hatte ich das gedacht.

Protokoll: Silia Wiebe

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