Schauspielerin Senta Berger über Schuldgefühle und Streit

"Man darf sich nicht beschimpfen, man muss gescheit streiten"
Senta Berger

Dirk von Nayhauß

Jedenfalls nicht mit sich selbst. Wenn Senta Berger Schuldgefühle hat, dann richtig

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Meine Großmutter starb bei einer Abtreibung. Sechs Kinder ­waren schon da, die Familie war verarmt, mein Großvater an Tuberkulose erkrankt. Sie ging zu einer Frau in der Nachbarschaft, zwei Tage später war sie tot. Als sich meine Mutter beim Religionslehrer entschuldigte, weil sie ohne Hausaufgaben kam, sagte dieser nur: „Das macht nichts, du bekommst deswegen keine Strafe. Gott hat dich schon genug gestraft.“ Wer aber war dieser grausame Gott, der sie mit dem Tod ihrer Mutter bestrafte? Und was hatte sie getan? Sie verstand es nicht.

Meine Mutter hat mir das alles erzählt, als ich 19 oder 20 Jahre alt war. Es ist gar nicht so, dass sie mir in irgendeiner Weise den Weg zum Glauben versperrt hätte. Aber nach dem Tod ihrer Mutter hat sie nie wieder eine Kirche betreten. Und ich? Nein, ich glaube nicht. Ich habe auch nie das Gefühl, etwas Göttliches zu spüren, das ist mir völlig fremd. Ich beneide aber Menschen, die das können. Das wäre doch wunderbar, weil man sich dann geborgen, auch in einer Gemeinschaft geborgen fühlt. Das gibt ein großes Gefühl der Sicherheit.

Muss man den Tod fürchten?

Ich fürchte ihn. Dann ist es aus, dann ist es dunkel. In der letzten Zeit denke ich häufiger an den Tod, Freunde sind im letzten Jahr gestorben. Vor zwei Jahren hatte ich eine Lungenentzündung, ich wusste nicht, ob ich es überleben würde. Ich hatte damals das Gefühl: Ich bin noch nicht bereit, es ist zu früh. Nachts kamen die Angst und die Hoffnungslosigkeit, weil es wirklich unklar war, ob ich es schaffen würde. Ich war aber auch wütend, ich dachte: Mein Leben wird abgekürzt, ohne dass ich gefragt worden bin!

Heute wache ich nicht jeden Morgen auf und sage: „Oh Gott, wie viele Jahre, wie viele Sommer noch?“ Aber solche Gedanken überfallen mich heute öfter als noch vor zehn Jahren. Jetzt kommen auch so Gespräche: Wo willst du begraben sein? Willst du verbrannt werden? Welche Musik soll gespielt werden? Doch je mehr man darüber spricht, desto abstrakter wird das Ganze. Wir können uns den eigenen Tod, das eigene Ende nicht vorstellen.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Ich bin seit 50 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Man geht durchs Leben, man entfernt sich, man sucht einander, man ­findet sich wieder. Am Anfang war es heftig, oft dachte ich damals: Dann eben nicht, dann eben hinwerfen, dann geht es eben nicht. Diese Einstellung tut einem selber weh, aber am Anfang denkt man sehr stark an seine eigenen Notwendigkeiten. Wir lernten ganz langsam durch dieses unendliche Vertrauen, das wir uns gegenseitig schenken, die Notwendigkeiten des anderen zu er­kennen und zu respektieren. Ich habe Michael niemals – auch nicht im schlimmsten Streit, und es gab schlimme Streitigkeiten – mit vulgären Worten beschimpft. Man muss sich gescheit streiten.

Wenn wir nicht mehr reden konnten, dann haben wir uns geschrieben. Beim Schreiben überdenkst du die Situation noch einmal, das Schreiben macht die Gedanken klarer. Vielleicht ist es blöd, dass ich das jetzt anspreche, aber es ist auch eine große körperliche Anziehung da. Wenn es nicht stimmt in der Erotik, dann haben all diese gut gemeinten Gedanken der Toleranz und des Verstehens und des Entgegenkommens gar keinen Sinn, weil dann im Zusammensein etwas ganz Existenzielles fehlt.

Ist der Mensch gut?

Wünsche ich mir, ich versuche es. „Edel sei der Mensch“, nicht wahr? Wir haben zu Hause diskutiert, ob wir einen Flüchtling aufnehmen wollen. Aber es geht ja nicht nur um den Raum, es geht doch darum, da zu sein, hilfreich zu sein in den kleinen und den großen Dingen. In diesem Jahr habe ich so viel gearbeitet, ich hätte diese Aufgabe nicht übernehmen können. In unserem Film „Willkommen bei den Hartmanns“ versucht jeder, hilfreich und gut zu sein, sie nehmen einen jungen Mann aus Nigeria auf. In seiner Gegenwart erkennen sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten. Natürlich bleiben viele Fragen. Und auch ich stelle mehr Fragen, je älter ich werde. Fragen, ohne dass ich Antworten weiß.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Schlecht, die begleiten mich mein Leben lang. Morgens ist die Stunde, da sie kommen. Ich habe Menschen unrecht getan. Das kann ich nicht mehr gutmachen. Manche leben nicht mehr. ­Damals war ich sicher, das Richtige zu tun, ich habe nicht absichtsvoll jemanden verletzt. Und ich habe da keine Nachsicht mit mir selbst. Nein. Diese Schuldgefühle gehören nun zu mir.

Senta Berger

Senta Berger, 1941 in Wien geboren, spielte in weit über 100 Kino- und Fernsehfilmen mit. Seit 2002 ist sie die Kommissarin Eva Maria Prohacek in „Unter Verdacht“. Senta Berger erhielt viele Preise, dar­unter den Grimme-Preis, zweimal den Bayerischen Fernsehpreis und dreimal den Bambi. Sie ist verheiratet mit dem Regisseur ­und Drehbuchautor Michael Verhoeven, hat zwei Söhne und lebt in ­München und Berlin. Zurzeit ist Senta Berger zu sehen in der ­Kinokomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ – ihr Sohn, Simon ­Verhoeven, schrieb das Drehbuch und führte Regie.

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Lesermeinungen

Ein denkenswertes und dankenswertes Interview. Ein Mensch muß nicht mit Gott sein, um ein guter Mensch zu sein.

Joachim Schoenfeld, Neumünster