Das Seniorenorchester Karlsruhe spielt gerne laut

Himmel voller Geigen
Seniorenorchester Karlsruhe

Christoph Püschner

Freiluftkonzert im Pavillon: Passend zu Edward Elgars Pomp and Circumstance hat Konzertmeister Wolfgang Hannemann, 76, den Briten­zylinder aufgesetzt. Die Hörer sind begeistert

Seit vierzig Jahren zeigt das Seniorenorchester Karlsruhe, wie man kreativ alt wird

Mitten im Schlosspark haben Riesen Mikado gespielt. Zwischen alten Linden, Kastanien und Eichen türmt sich ein Stapel aus mannsdicken Balken fast bis in Höhe der Wipfel. Aus seinem Inneren weht Musik herüber. Die Balken bilden einen Pavillon. Wo er sich zum Park hin öffnet, liegt die Bühne, auf der an diesem sonnigen Nachmittag dreißig Musiker spielen.

Der Autor

Erdmann Wingert, Jahrgang 1936, traf auf sehr jugendliche Altersgenossen – und hätte am liebsten noch viel mehr erzählt
Das Konzert beginnt mit Beethovens Türkischem Marsch. Die Partitur schreibt vor, der Marsch solle kaum hörbar einsetzen, langsam anschwellen und in ein fulminantes Fortissimo münden. Doch schon nach dem ersten Takt steigert sich die Lautstärke, bis allein Pauken und Trompeten, Posaunen und Hörner den Ton angeben. Die Frauen und Männer dieses Ensembles spielen mit viel Feuer. Dabei haben die Jüngsten von ihnen gerade das Renten­alter überschritten, die Mehrheit ist um die achtzig.

Vor vierzig Jahren gründete ein Dutzend Musiker das Seniorenorchester Karlsruhe, die meisten von ihnen passionierte Laien, dazwischen auch ehemalige Profis. Zunächst war es eine Art Salon­orchester für Musik im kleinen Rahmen. Mit den Jahren haben sie die Dimension eines Kurorchesters gewonnen.

Konrad Stark ist mit 95 Jahren der Älteste der Runde. Als er achtzehn war und im Krieg, zerfetzte ein Schuss seine linke Hand und damit die Hoffnung, Chirurg zu werden und Geige zu ­spielen. Er wurde Sportarzt. Seit elf Jahren bläst er hier das Horn, bei dem die Linke nur eine Nebenrolle spielt. 

Der Dirigent hat die meisten Streichinstrumente selbst gebaut

Julius Supper, 83, war Maler und Lackierer. Als die Karlsruher in den Hungerjahren nach dem Krieg silberne Löffel gegen Kar­toffeln tauschten, erhandelten seine Eltern auf ihrem Hof ­Unterricht von einer Geigenlehrerin. Sie bekam dafür Obst und Gemüse. Nach zwei Jahren durfte Julius das Konservatorium in Karlsruhe besuchen, danach unterrichtete ihn ein Konzert­meister, der dem Jungen das Zeug zum Berufsmusiker be­scheinigte. Doch der Familienrat beschloss, er solle beim Handwerk bleiben. Die Musik ließ Supper nicht los. Daheim arbeitete er als Lackierer, abends und an Wochenenden lernte er in einem Salonorchester Trompete und Flügelhorn, ließ sich als Dirigent ausbilden, paukte Komposition und Harmonielehre.

Als er vor zweiundzwanzig Jahren in Rente ging, wurde er im Seniorenorchester mit offenen Armen empfangen. Es sprach sich herum, dass er auf einer selbst gebauten Geige spielte. Inzwischen halten fast alle Cellisten und die drei Kontrabassisten ein Instrument aus seiner Werkstatt ­in den Händen. Außerdem sorgt er für die Noten. „Macht viel Arbeit“, sagt er, „weil ich jede Stimme mit der Hand schreibe. Einen ­Computer will ich nicht.“

„Bei uns darf jeder mitmachen, der sein Instrument einigermaßen im Griff hat“, sagt Supper. Manchmal führt das auch zu Problemen. Als ein Tubist ins Orchester eintrat, beschwerten sich die Kontrabassisten: „Der bläst uns ja zu Tode!“

Die nächste Nummer im Schlosspark klingt auf: der Marsch Pomp and Circumstance. Die heimliche Nationalhymne der Briten, eine Domäne der Bläser, auch der Frauen an Posaune, Trompete und Horn, Klarinette und Fagott. Keine ungewöhnliche Besetzung in modernen Orchestern, ungewöhnlich aber für die Zeit, in der die Frauen des Seniorenorchesters aufwuchsen. Allenfalls einer Harfenistin hätte sich vor fünfzig Jahren die Chance geboten, in ein Berufsorchester aufgenommen zu werden. Frauen blieben Hauskonzerte zur musikalischen Erfüllung, und als Instrumente die Geige oder das Klavier.

Über jeden gibt es lustige und traurige Geschichten zu erzählen

Für Brigitta Thalmann, seit acht Jahren erste Fagottistin, gab es nicht einmal das. Als Teenager fing sie mit einer billigen Blockflöte an, spielte Volkslieder nach Gehör und war mit neunzehn so weit, selbst zu unterrichten. Von ihren Honoraren leistete sie sich Stunden bei einer guten Flötenlehrerin.

Vierzig Jahre lang brachte sie Kindern und Erwachsenen das Flötenspiel bei – neben ihrem Beruf als Hauptschullehrerin. Mit dem Fagott fing sie erst Mitte dreißig an, weil sie nicht nur Barockes spielen wollte, sondern auch mal Mozart und Beethoven – und zusammen mit ihrem Mann, der als Oboist in einem Orchester arbeitet. Für daheim arrangiert sie Duette für Fagott und Oboe.

Heute schwärmt Birgitta Thalmann für ihre Kollegin an der Geige, für Svetlana Vus-Vansovic. „Wenn sie den Bogen ansetzt, wird sie zur echten Zigeunergeige und begeistert das Publikum“, sagt sie. „Dann vergisst sie alles andere.“

Svetlana Vus-Vansovic stammt aus Russland und hat sechzehn Jahre am Staatstheater Bukarest gespielt. Das hat sie offensichtlich geprägt. Wenns um persönliche oder politische Fragen gehe, so erzählt man sich, ziehe sie sich zurück – als fürchte sie noch immer, dass ihr die Geheimagenten von KGB oder Securitate auflauerten. Anfangs sei sie nicht mal ans Telefon gegangen und wenn, dann habe sie nichts gesagt. Den anderen aus dem Or­­ches­ter blieb nicht verborgen, dass Svetlana in letzter Zeit mit dem Schlagzeuger Horst Friedel kommt und geht, dessen Frau vor ein paar Jahren gestorben ist.

Über jeden gibt es viel zu erzählen: lustige, traurige, auch ermutigende Geschichten. Die Flötistin Gertraute Strobelt ist erst kürzlich zum Cello gewechselt und reist mit dem Motorrad an. Alle rätseln, wie sie es schafft, ihr neues, großes Instrument zu transportieren. Eine andere Kollegin soll eine Tochter haben, ­die ohne Daumen zur Welt kam und dennoch eine erfolgreiche Cellistin wurde.

"Leise spielen können sie nicht"

Das Konzert ist gerade vorbei, noch im Überschwang erzählt Uta Löffler von der Löffelente, die ihr Dr. Stark um achtzigsten Geburtstag geschenkt hat, sie meint ein Aquarell. Der alte Herr malt, beschert jedem Orchestermitglied eines seiner bunten Bildchen, jedes mit einem Motiv, das zum Beschenkten passt.

Der Fotograf

Christoph Püschner, geboren 1958, musste immer wieder an das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten denken
Im Seniorenorchester spielt Uta Löffler seit sechzehn Jahren. „Am Anfang dachte ich, na gut, alle zwei Wochen kann ich ja mal mitmischen. Aber bald merkte ich, was für eine nette Gemeinschaft das ist. Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren Witwe, da droht die Gefahr, hässlich zu vereinsamen.“ Musik und eine ­Gemeinschaft aus Gleichgesinnten bauen auf. Dafür nehme sie hin, dass das Orchester vor allem Märsche, Walzer und Ouver­türen im Repertoire habe. Und wenn mal ein Mozart oder Haydn dabei sei, werde er zu grob und laut gespielt. „Aus voller Lunge loslegen können sie alle“, schimpft Löffler, „nur leise spielen meist nicht. Ihre Lautstärke macht mich manchmal wahnsinnig.“

„Irgendwann stehen wir ja alle vor einer natürlichen Grenze“, sagt Pianist Wolfgang Hansen. Und wenn das Gehör altersbedingt nachlasse, seien vor allem Bläser schnell zu laut. Wer Klavier oder ein Blasinstrument spielt, trifft den Ton per Tastendruck, ein Streicher dagegen muss ihn nach Gehör finden.

Musik von Alten für Alte

Mit 67 Jahren ist Wolfgang Hansen einer der Jüngsten im Kreis der vielen Achtzigjährigen, vielleicht haben sie ihn auch deshalb zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Hansen möchte das Orchester für ein größeres Publikum öffnen. Bisher spielt es seine wichtigsten Konzerte im Karlsruher Kongresszentrum. Das Publikum kommt aus Altersheimen. Vor der Bühne staffelt sich eine dreifache Reihe aus Rollstühlen. Schirmherr der Veranstaltung ist das Seniorenbüro, das die Pflegedienste der Stadt verwaltet und das Seniorenorchester für Weihnachtskonzerte in Altenheimen engagiert.

„Das soll auch so bleiben“, sagt Hansen. „Denn gerade dieses Publikum erlebt durch uns, welches Potenzial noch in alten Menschen steckt.“ Dennoch fände er es schön, für neue Konzert­besucher auch mal Mozart und Haydn zu bieten, statt Polka, Marsch und Walzer. Karlsruhe, die alte Beamtenstadt mit ihren kulturbeflissenen und wohlhabenden Bürgern, wäre dafür der richtige Ort.

Einige Karlsruher stellen ihre alten Klaviere der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie stehen an Haltestellen, auf Plätzen und in Parks. Wer will, kann auf ihnen loslegen: mit Flohwalzer, Blues oder einer Invention von Bach. Jedes Mal, wenn Hansen von der Mittwochsprobe nach Haus radelt, parkt er sein E-Bike am ­Straßenrand und spielt den zweiten Satz aus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur.

„Das Stück liebe ich heiß und innig“, sagt er. „Und wenn ich gut drauf bin, scharen sich die Zuhörer um den alten Kasten – und lieben es auch.“

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Lesermeinungen

Sehr   geehrte   Damen   und   Herren !

Ein   ganz   besonderes   Kompliment   an  die   engagierten   Mitglieder   des  Seniorenorchesters  Karlsruhe!  Sie   erinnern   mich ein   wenig  an   diese   Lebensweisheiten: „Alt   macht   nicht   das   Grau   der  Haare,  alt   macht   nicht   die   Zahl   der   Jahre,   alt   ist,   wer   den   Humor   verliert   und   sich   für   nichts  mehr   interessiert.“ (G.E. Lessing) „Alles  was   Spaß macht, hält   jung.“ (C.Jürgens)

Schon   immer   hat   Musik   den   Menschen   gut   getan,   vor   allem   das   Spielen  eines   Instrumentes.  Musik  verbindet, lockert   auf,  entspannt, bildet, schult   die   Sinne, regt   zu   Bewegung   und  Kreativität  an,   macht    froh, bereichert   das  Leben,  insbesondere   das   der   Älteren. „Wo   die   Sprache   aufhört, fängt   die   Musik   an“ ,   sagt   uns  E.Th Amadeus   Hoffmann.   So   gesehen  unterstützt   sie   auch   die   Kommunikation   zwischen   Menschen unterschiedlicher  Sprachen,  Interessen    und    Generationen.

Gerade   heutzutage   im   Zeitalter   der   digitalen   Revolution   ist   es   wichtig,  den  Kontakt  zur   realen   Welt  nicht   zu   verlieren.   Wenn   die   Älteren   auch   nicht   ständig   ohrverstöpselt,   das   Smartphone   liebevoll   streichelnd,    durch   die   Gegend   ziehen,   machen   sie   doch  mit   ihren  wundervollen   Tönen   in   besonderer   Weise   auf   sich   aufmerksam,   rütteln   dadurch   vielleicht   auch   diejenigen   wach,   die „lebendige“   Musik   aus   ihrem   Leben   verbannt   haben.

In   diesem   Sinne   den   begeisterten   Spielern   des   Seniorenorchesters   weiterhin   viel   Freude   und   Erfolg!

Mit   freundlichen  Grüßen

Gabriele   Gottbrath,  Rektorin   i.R., Gladbeck