Portugal, das Land der Daheimgebliebenen

Ronaldo und die Folgen
Jubelnde portugiesische Fans

Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP/Getty Images

Cristiano Ronaldo soll das moderne Portugal verkörpern. Doch noch hat die Wirtschaftskrise das Land fest im Griff

Ach, Ronaldo... was wäre die EM ohne dich gewesen. Und was war sie dann wirklich, ohne dich, im letzten, entscheidenden Moment... Lissabon bebte, jubelte, tanzte die Nacht durch. Und wir feierten mit, beim Public-Viewing mit portugiesischen und deutschen Freunden.

Nora Steen

Nora Steen, geboren 1976 in Braunschweig, ist Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Lissabon. Sie lebte nach dem Abitur für ein Jahr in Südindien. Dort arbeitete sie bei verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. Dieser Blick in eine andere Welt prägte ihr Bild von Kirche als einer einzigartigen, weltweiten Gemeinschaft, die durch gänzlich andere als rein wirtschaftliche Interessen zusammen gehalten wird. Ihr Theologiestudium führte sie nach Leipzig, Berlin und Göttingen. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und hat an internationalen Schulungen für ökumenische Führungskräfte auf Kuba und in Südafrika teilgenommen. Im Anschluss an das Vikariat in Hameln (Südniedersachsen) arbeitete sie für ein Jahr im Ökumenischen Institut Bossey in Genf, einem Studienzentrum für Pfarrerinnen und Pfarrer.
Foto: Privat
Europameister! Das war eine Explosion der Gefühle in einem Alltag, der sonst eher gedrückt ist. Die Wirtschaftskrise hat Portugal fest im Griff. Die meisten kommen nur mit Mühe grad so über die Runden. Viele versuchen es im Ausland. Portugal – das einstige Land der Entdecker – empfinden manche zurzeit eher als ein Land der Daheimgebliebenen. Und sogar die Flüchtlinge machen um Portugal offenbar einen Bogen – es hat sich wohl herumgesprochen, dass hier wirtschaftlich nicht viel zu erreichen ist. Bitter, wenn ich an all die für Geflüchtete schön hergerich­teten Wohnungen denke, die seit Monaten leer stehen.  

Und dann ist da eben Ronaldo, dieser strahlende, athletische Jüngling. Ein Siegertyp. Ganz anders als der typische Portu­giese, der unaufdringlich und in sich gekehrt daherkommt. Viele sehen in ihm eine Verkörperung eines modernen Por­tugals, das sie sich wünschen. Ronaldo steht für Mut und Aufbruch. Und damit identifizieren sich vor allem die jungen Leute lieber.

Dass sich viele im Ausland über den Stürmer aufregen, stört die Portugiesen übrigens nicht. Ich finde auch: Was ist so schlimm daran, dass einer mit einem beneidenswerten Körper gesegnet ist und einem Charisma, das zwar nicht alle toll finden, aber alle bemerken? Er liebt seine Familie, er engagiert sich sozial in verschiedenen Bereichen. Man sollte sich da in der urtypischen portugiesischen Lebensweise üben, der Gelassenheit. Lassen wir doch den Portugiesen ihren Helden. Freuen wir uns mit ihnen über einen Sieg, der dem Land einfach mal guttat. Heute hat uns die Normalität schon wieder. Aber mir geht es so wie vielen anderen: Wenn ich in dem einen oder anderen Fenster einen von der EM hängen gebliebenen rot-grünen Schal sehe, durchzieht mich immer wieder ein kleiner Freudenschauer.

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