Ethikfilm "Terror" in der ARD

Freispruch oder Strafe?
drama berlin de 30 09 2015 Deutsches Theater Berlin TERROR von Ferdinand von Schirach Regie Hask

Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

ARD-Zuschauer stimmen ab über ein Gerichtsurteil im Film. Fragwürdig!

Diemut Roether

Diemut Roether leitet das Team Medien und Kultur in der Frankfurter Zentralredaktion des epd.
Foto: Norbert Neetz/epd-bild
„Terror“ ist das Erfolgsstück der Theatersaison – und nun auch ein ARD-Film: Ein Terrorist entführte ein Flugzeug, um es in ein voll besetztes Münchener Fußballstadion stürzen zu lassen. Zwei Piloten der Luftwaffe versuchten vergeblich, die Maschine abzudrängen. Trotz anderslautender Befehle schoss einer der Piloten das Flugzeug ab, 164 Menschen starben. Nun muss sich dieser, gespielt von Florian David Fitz, wegen Mordes vor Gericht verantworten. Ferdinand von Schirach hat „Terror“ geschrieben. Es wurde und wird an vielen Theatern gespielt, fast überall sollen die Zuschauer danach abstimmen: Freispruch für den Piloten oder Verurteilung?

Für das Fernsehen, das nach neuen Formen der Publikumsbeteiligung sucht, scheinbar ein idealer Stoff. Das Erste sendet „Terror“ mit dem reißerischen Untertitel „Ihr Urteil“ am 17. ­Oktober, und während die Zuschauer noch abstimmen, wird Frank Plasberg das Thema in seiner Sendung „Hart aber Fair“ diskutieren lassen. Er wird auch das Ergebnis mitteilen, danach ist die entsprechende Begründung des Richters zu sehen.

Der Film von Regisseur Lars Kraume verhandelt den komplizierten Prozess sehr ernsthaft. Er nimmt auch Bezug auf das Luftsicherheitsgesetz von 2005, das in einem solchen Fall den Abschuss eines Passagierflugzeugs erlaubt hätte. Das Bundesverfassungsgericht kippte den Paragrafen – Menschenleben dürften nicht gegen Menschenleben aufgerechnet werden.

In „Terror“ geht es um die Werte der Republik, um das Grundgesetz. Es geht, wie die Staatsanwältin (Martina Gedeck) erläutert, um die Menschenwürde. Es ist fragwürdig, ob man darüber abstimmen kann wie über einen Gesangswettbewerb. Natürlich ist es attraktiv, das Publikum stärker einzubeziehen, doch suggeriert die ARD, dass es sich hier keineswegs nur um eine Meinungsumfrage handele, sondern dass die Zuschauer in der Lage wären, tatsächlich ein Urteil zu fällen, das recht­lichen Bestand haben könnte. Fraglich ist aber auch, ob ­„Hart aber Fair“ das richtige Forum ist, einen solchen Fall zu diskutieren. Frank Plasberg ist bekannt dafür, dass er in seiner Sendung den Populisten Zucker gibt. Aber dieses Thema ­eignet sich nicht für populistische Kurzschlüsse.

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Lesermeinungen

Ich habe mir die Diskussion nach dem Film in hart-aber-fair ein Jahr später noch einmal angeschaut. Auch deshalb, weil ich mich gerade mit moralischen Dilemmasituationen befasse, von denen es eine Vielzahl - auch im normalen Alltag - gibt. Sie sind mir bislang nur weniger aufgefallen.

Wahrscheinlich deshalb ist mir in der Diskussion nach dem Film erst jetzt aufgefallen, dass die Bischöfin Fr. Bahr für mich eine tragende Säule des Christentums zusammengefaßt hat :
1. Menschen machen sich in solchen und ähnlichen moralischen Dilemma-Situationen schuldig. Sie können durch das was sie gewissenhaft tun, unterlassen oder an andere delegieren Opfer wie Täter/Zeuge zugleich werden.
2. Die Rolle der Kirche besteht in diesem Falle nicht darin, eine mögliche säkular notwendige Sanktion innerhalb des Rechtstaates zu kommentieren oder zu bewerten, sondern z.B. die Bedeutung des Kreuzes hervorzuheben.

Um diesen "dritten Weg" innerhalb unserer Gesellschaft zu betonen bin ich Teil der Kirche.

Hierzu gehört für mich auch, Menschen die beruflich vermehrt in solche ethisch gravierenden Opfer-Täter-Zeugen-Situationen geraten können wie z.B. Ärzte, Pfleger, Polizisten, Soldaten öffentlich den Rücken zu stärken.
Es ist z.B. nachgewiesen, das in Folge des Erlebens moralischer Ausweglosigkeit ein Teil der Soldaten in Kriegseinsätzen ebenso mit langwierigen traumatischen Reaktionen zu kämpfen hat wie ein Teil der Helfer von traumatisierten Menschen.

Für den fiktiven Fall des betoffenen Soldaten im Film kann daher die moralische Solidarität der Bevölkerung ein wichtiger Schutzfaktor sein, der ihn vor massiver köperlich-seelisch-sozialer Schädigung seiner Gesundheit bewahrt.

Daher stimme ich dem Einwand der Autorin über die Publikumsabstimmung aus dieser Perspektive nicht zu und aus einer anderen, die ich hier nicht erläutern will, zu; d.h. ich muss mit dieser moralischen Zwiespältigkeit leben.