Talking Plants: Sprache der Pflanzen entschlüsseln

Pflanzen sprechen
Apfelbaum

Foto: Imago/Blickwinkel

Sie teilen sogar mit, wenn sie krank sind. Das birgt viele Chancen

chrismon: Talking Plants heißt das Forschungsfeld, dem Sie sich widmen. Pflanzen sprechen – wie ist das gemeint?

Mascha Bischoff: Sie kommunizieren mit Hilfe von Düften. Genauer: über die Verteilung von Molekülen in flüssiger und flüchtiger Form. Lange ist uns das nicht aufgefallen. Menschen sind Augentiere. Die Nase leitet uns weniger durchs Leben. Dabei ist gerade für Pflanzen Kommunikation wichtig. Sie können sich ja nicht einfach besuchen, um sich fortzupflanzen.

Dass Pflanzenduft Insekten anlockt, ist doch bekannt.

Stimmt. Pflanzen kommunizieren aber noch viel mehr: zum Beispiel mit Artgenossen, mit Fressfeinden... Und ihre Botschaften ­gehen über die Fortpflanzung ­hinaus. Der Forschung war lange nicht bewusst, wie komplex und spezifisch die Kommunikation ist. Die Messmethoden, um diese Prozesse abzubilden, sind erst seit etwa 25 Jahren verbreitet.

Wie sieht das Vokabular einer Pflanze aus?

Es setzt sich zusammen aus ­unzähligen Variationen mole­kularer Verbindungen. Auch die Konzentration, sogar äußere Umstände scheinen eine Rolle zu spielen. Die chemischen Verbindungen zu kategorisieren ist schwierig. Wir haben noch kein eindeutiges Schema gefunden. Das zeigt, wie komplex Pflanzen kommunizieren.

Was für Chancen birgt die ­Entschlüsselung der Pflanzensprache?

Mit dem Analyseverfahren können wir unter anderem den Duft gesunder Pflanzen mit dem erkrankter vergleichen und Maßnahmen entwickeln, die die Ausbreitung von Infektionen verhindern.

Bitte ein Beispiel!

Die Apfeltriebsucht ist verheerend für Apfelbauern: Die Früchte bleiben klein und faulen. Es gibt kein Gegenmittel. Kollegen konnten zeigen, dass der Duft der infizierten Blätter Schädlinge anzieht, die die Erreger verbreiten. Wenn wir entschlüsseln, dass die Bäume die Krankheit bereits über die Blüten mitteilen, kann man künftig viel früher Maßnahmen ergreifen. Sensationell wäre die Erkenntnis, dass sogar Bestäuber die Erreger im Nektar weitertragen.

In zehn Jahren...

...sind vorsorgende Analyseverfahren für pflanzliche Infek­tionskrankheiten, auch über den Duft, weiter verbreitet. Und wir werden mehr darüber wissen, wie unsere Umweltverschmutzung sich auf die Kommunikation der Pflanzen auswirkt.

Mascha Bischoff

Mascha Bischoff, 1979 zur Welt gekommen, erforscht an der TU Darmstadt die Zusammensetzung von Pflanzendüften. Sie hat sich auf die Bestäubungsbiologie spezialisiert.
Foto: PR

Information

chrismon fragt junge ­Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können.

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