Schauspielerin Anke Sevenich über individuellen Glauben

"Ich gehe gern in alte Kirchen. Je älter, desto besser"
Anke Sevenich

Foto: Dirk von Nayhauß

Heutzutage mischt man sich seinen Glauben selbst zusammen, sagt Schauspielerin Anke Sevenich

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mich vom Beckenrand ins Schwimmbad gleiten lasse und der Kopf ganz ins Wasser eintaucht. Ich springe nicht rein, sondern lasse mich hineingleiten, und sobald ich unter Wasser bin: buff! Pures Glück. Ich freue mich jedes Mal auf den Moment, ganz unter Wasser zu sein und die ersten Schwimmzüge zu ­machen. Und am allerbesten ist es, wenn das Wasser ein bisschen zu kalt ist, wenn es so ein kleiner körperlicher Schock ist, dann bin ich sofort im Hier und Jetzt. Was vorher war und hinterher zu tun ist – alles weg. Manchmal schwimme ich auch, wenn ich in schwierigen Situationen bin oder vor Entscheidungen. Früher bin ich dann Auto gefahren, aber heute sind die Autobahnen zu voll und Schwimmen ist auch ökologisch verträglicher. Ich gleite in den Pool und ziehe meine Bahnen.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich habe ein dankbares Verhältnis zu Gott. Ich bete, wenn etwas auf der Haben-Seite steht, wenn etwas gelungen ist. Ich bin zum Beispiel einfach dankbar, dass ich meinen Sohn habe, ein ganz großes Geschenk. Eine Vorstellung von Gott? Nein. Auch kein klares Bild. Aber ich glaube an einen christlichen Gott und an das, was die Bibel vorgibt. Das sage ich so dezidiert, weil ich den Eindruck habe, dass es nicht mehr so angesagt ist, Christ zu sein.

Heutzutage mischt man sich seinen Glauben selbst zusammen, ähnlich wie im Coffeeshop: ein bisschen Steiner, ein bisschen ­laktosefreies Yoga und zum Abschluss mit New Age aromatisiert – irgendwas von irgendwie. Ich gehe nicht regelmäßig, aber ich gehe gern in die Kirche, das ist Teil meiner kulturellen Identität. Mich berührt es, wenn ich in alten Kirchen bin. Je älter, desto besser. Mir gefällt der Gedanke, dass da schon vor Hunderten von Jahren Menschen gesessen und nach dem Sinn des Lebens gefragt haben. Auch Menschen, die zu meiner Familie gehörten. Das ist für mich Anlass genug zu sagen: Okay, kannst du auch mal versuchen, da ist vielleicht was dran.  

Muss man den Tod fürchten?

Mein Vater ist in dem Alter, in dem ich jetzt bin, ganz plötzlich tot umgefallen, das war ein sehr prägendes Erlebnis. Das Sterben meines Vaters, das hatte etwas von Gewalt. Die Lücke, die er hinterlassen hat – es kam mir vor, als wenn ein Flugzeugmotor plötzlich ausgesetzt hätte: fertig, bumm, Ende. Ich versuche, eine Haltung zum Tod zu finden. Ich arbeite daran, meinen Tod als Teil des Lebens zu begreifen. Es wäre schön, wenn es mir gelingen würde zu sagen: Das ist das letzte Kapitel, das gehört auch dazu, das ist nicht der maximal eintretende Unfall. Ich bin keine, ­die es wegschiebt und wegpackt. Zurzeit lese ich ein Buch, in dem beschrieben wird, was mit dem Körper im Moment des Todes passiert. Ich habe mal Medizin studiert und fand es im anatomischen Präparierkurs absolut beeindruckend, wie ein Körper organisiert ist, wie alles funktioniert. Es ist notwendig zu sterben, unser Körper ist darauf angelegt.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Mir gelingt es ganz gut, um Entschuldigung zu bitten. Wenn ­irgendetwas evangelisch ist an mir, dann das. Na gut, ich muss es einsehen, aber wenn ich schließlich meinen Stolz herunterge­brochen kriege, dann fällt es mir nicht schwer. Es kommt ja auch darauf an, bei wem man sich entschuldigen muss. Es gibt Menschen, die machen es einem leicht, da kommt kein: „Siehste!“ Und es gibt Menschen, die machen es einem ungleich schwerer, da spielt dann noch etwas anderes hinein als nur die Situation. Wenn beispielsweise mit moralischen Werten gehandelt wird, dann kann Schuld ein Mittel sein, um Machtstrukturen aufzubauen. Ich habe das nicht selbst erlebt, aber ich habe es bei anderen beobachtet.

Wer oder was hilft in der Krise?

Muss ich mit Schicksalsschlägen zurechtkommen, schalte ich auf Autopilot. Ich glaube, das ist am Anfang eine ganz normale Reaktion. Ich bin dann ruhig, souverän, sachlich – ich drücke die Gefühle weg. Ich bin handlungsfähig, ich funktioniere. Irgendwann muss man es natürlich bearbeiten, dann rede ich viel, ich habe im Laufe meines Lebens gute Berater gefunden – ehemalige Lebensgefährten, aktuelle Lebensgefährten. Ich spreche oft mit Männern über Schwierigkeiten, über Probleme. Ich bin Sprechdenker. Kleists Text „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ ist mir ganz nah. Ich rede mir die Probleme von der Seele. Ich finde zu einer Haltung, indem ich rede.

Anke Sevenich

Anke Sevenich, 1959 geboren, besuchte die Schauspielschule in Hannover. Bekannt wurde sie 1992 mit der Edgar-Reitz-Saga ­„Die zweite Heimat“. Sie arbeitet für Theater und Film und hat in zahlreichen preisgekrönten Produktionen mitgewirkt, u. a. unter der Regie von Dominik Graf, Christoph Waltz und Heiner Carow. 2016 erhielt sie mit Stephan Falk die „Goldene Lola“ für das beste unverfilmte Drehbuch. Zurzeit arbeitet sie an der Realisierung dieses Projekts, einem modernen...
Foto: Dirk von Nayhauß

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Damen und Herren!

Ganz herzlichen Dank für diese Wahl! Ich lese ja regelmäßig chrismon als Beilage der SZ. Immer mit besonderem Interesse die "fragen an das leben". Nicht jedesmal finde ich  Antworten, die mich interessieren oder berühren. Diesmal haben die Antworten mich aber wirklich angerührt. Frau Sevenich gibt, glaube ich Antworten, denen viele herzlich zustimmen können. Ich habe mich auch gefreut, ihr Bild zu sehen, das mich sofort an, hier muß es richtig heissen: "Heimat 2" von Edgar Reitz, erinnert hat. Diese DVD oder besser noch die "Die Heimat Trilogie" von Edgar Reitz kann ich wärmstens empfehlen.

Josef Sattlegger, Passau