Mission Blue: Wie wir vielleicht noch die Ozeane retten können

Sauber machen!
Mittelmeerküste

Foto: Fautre / Le Figaro Magazine / laif

Das Meer – lebenswichtig ist es, ein Urlaubstraum. Und hoffnungslos verseucht? Nein, sagt die amerikanische Biologin Sylvia Earle. Sie vergibt Auszeichungen für vorbildlichen Gewässerschutz. Zuletzt auf Mallorca: Die Ballermann-Insel steht jetzt für ein artenreiches, vielfältiges Meer

Erdölfilme auf den Meeren nehmen Fischen die Luft. Sie verkleben das Gefieder der Seevögel. Phosphat- und stickstoffhaltige Düngemittel aus der Landwirtschaft nähren Algen, die dann andere Meeresbewohner verdrängen. Abwasser und Klärschlamm verursachen Fäulnis. 150 Millionen Tonnen Plastikmüll verbreiten sich über die Ozeane, ein erheblicher Teil der vermeintlichen Sandkörner an britischen Stränden sollen schon kleingewaschener Kunststoff sein. Planen auf dem Meeresgrund ersticken Korallenriffe.

Schwermetalle, Dünnsäuren und chlorierte Kohlenwasserstoffe vergiften Tiere und Pflanzen. Radioaktive Stoffe aus Atombombenversuchen, Abfallfässern und von havarierten Reaktoren breiten sich aus. Fangflotten durchpflügen mit riesigen Schleppnetzen das Meer, sie haben bis zu vier Fünftel vieler Bestände leergefischt. Und sie fischen weiter. Manch ein Meeresschützer hat die Hoffnung für die Ozeane längst aufgegeben.

 Infografik: chrismon Grafik
Sylvia Earle lässt sich von solchen Schreckensszenarien nicht entmutigen. Das Prinzip der 80-jährigen promovierten Meereskundlerin: Gegenden schützen, die noch intakt sind. Das Wasser dort rein halten. Der Natur Zeit geben, sich zu regenerieren, und Fauna und Flora, sich zu erholen. Es sind viele kleine Flächen, die sich wie Puzzleteile über die Welt verteilen. Ihre Botschaft lässt sich etwa so zusammenfassen: „Es ist nicht zu spät. Es liegt in deiner Macht, das Meer zu retten. Jeder Schritt hilft.“

Vor ein paar Jahren hat Sylvia Earle die Organisation ­Mission Blue gegründet. Mit ihr vergibt sie die Auszeichnung „Hope Spots“, Hoffnungsflecken – für nachhaltiges Wirtschaften mit der Ressource Meer. Die dortigen Küsten- oder Inselbewohner und ihre Verwaltungen sollen für ihren Umweltschutz gewürdigt werden. Und die Auszeichnung soll ein Ansporn sein, noch mehr zu tun. Bis 2020 will Earle auf diese Weise weltweit 20 Prozent des Meeres ausgezeichnet haben. Noch sind es vier Prozent.

„Sie leben an einem wunderbaren Ort, bewahren Sie ihn!“, rief die alte Dame vor einigen Monaten einem großen Publikum auf Mallorca zu. Auf der Insel, die den Massentourismus erfunden hat, strömen jedes Jahr mehr als zehn Millionen Urlauber an die Strände – Strände mit kristallklarem Wasser.

„Es ist unglaublich, wie schnell sich die Bestände erholen“

Mission Blue hat Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera ausgezeichnet. Die spanische Inselgruppe ist der erste „Hoffnungsflecken“ im Mittelmeer – und der zweite in Europa. Der andere ist der Ytre-Hvaler-Nationalpark vor der norwegischen Küste. Die Auszeichnung „Hope Spot“ hat rein symbolischen Wert. Wer an einem „Hope Spot“ lebt und von ihm lebt, der gewinnt an internationaler Aufmerksamkeit: Mission Blue ist weltweit mit rund 150 Organisationen vernetzt und bekommt Unterstützung von großen Firmen wie Google.

Die US-Amerikanerin Sylvia Earle hat mehr als 7000 Stunden unter Wasser verbracht und gehört wie Jacques-Yves Cousteau zur ersten Generation der Meeresschützer. 66 Orte der Hoffnung hat sie bislang ausgemacht. Die meisten Orte hat sie selbst besucht, unter Wasser versteht sich. Die zierliche Frau kleidet sich oft in Blau- oder Grüntöne, spricht deutlich und mit Pausen und holt mit ihren Armen weit aus. Bevor sie nach Mallorca kam, hat sie für ihre Vision auf den Salomon-Inseln im Südpazifik geworben, auf den Exuma-Inseln in der Karibik und am Kap der Guten Hoffnung, Südafrika.

Sylvia Earle hat in den vergangenen 50 Jahren gelernt, dass ihr Publikum mehr auf gutes Zureden reagiert als auf Schelte. Deshalb münzt sie schlechte Nachrichten in Aufforderungen zum Handeln um. „Im Lauf meines Lebens habe ich erlebt, wie ­Arten ausgestorben und Lebensräume verschwunden sind“, sagte ­Earle. „Aber wir verfügen heute über mehr Wissen als unsere Vorfahren. Das sollten wir einsetzen, statt einfach weiterzu­machen wie bisher.“

Weitermachen wie bisher – damit meint sie Überfischung, Verschmutzung, Zerstörung. „In den vergangenen 50 Jahren ­haben wir Menschen mehr kaputt gemacht als in Tausenden ­Jahren ­zuvor“, sagt Earle, „aber wir können auch bewahren.“ Schon ­relativ kleine Schutzgebiete zeigten enorme Wirkung. „Es ist unglaublich, wie schnell sich die Bestände erholen.“ Sie selbst esse seit mehr als 40 Jahren keine Meerestiere mehr: „Sie spielen im Wasser eine wichtigere Rolle als auf meinem Teller.“

Neptungras: Der Mangrovenwald des Meeres

Mission Blue hat die Inseln vor der spanischen Küs­te wegen der vergleichsweise guten Verfassung ihrer Ökosysteme ausgesucht. „Die Balearen haben eine unglaubliche Biodiversität“, sagt Carl Gustaf Lundin aus Earles Beraterteam. Der Schwede ist bei der Weltnaturschutzunion für globale Meeres- und Polarprogramme zuständig. Er und die Wissenschaftler von Mission Blue haben auch andere Gegenden im Mittelmeer untersucht, die Küste vor Sardinien etwa und die Meerenge von Gibraltar. „Nirgends ist der Reichtum so groß wie hier.“

Die Autorin

Brigitte Kramer hat Sylvia Earle auf Mallorca getroffen. Die 80-jährige Dame hat sie sehr beeindruckt.
Das hat viele Gründe. Zunächst die Lage der Inselgruppe zwischen verschiedenen Meeresströmungen. Der Meeresboden rundherum senkt sich stellenweise auf bis zu 2000 Meter ab. Dort leben seltene Arten von Tiefseefischen. Und auf den Inseln fehlt es an Flüssen, die Sedimente ins Meer spülen könnten. Deshalb ist das seichte Küstengewässer klar. Das erleichtert wiederum das Wachstum der Unterwasserpflanze Posidonia oceanica, auch Neptungras genannt. Sie betreibt Photosynthese und wächst ­normalerweise bis in Tiefen, in denen auf dem Meeresgrund noch elf Prozent des Sonnenlichtes ankommen.

Weil auf den Balearen das Wasser besonders transparent ist, finden sich dort Neptungraswiesen bis in eine Tiefe von mehr als 40 Metern. Sie binden Kohlendioxid und geben Meerestieren Schutz. Sie sind Nahrung, sie nehmen auch Nährstoffe auf und schützen das Meer vor Überdüngung. In ihrer Bedeutung sind die dichten grünen Unterwasserfelder vergleichbar mit Mangrovenwäldern und Korallenriffen. Zwischen Ibiza und Formentera wächst eine riesiger Neptungrasteppich. Er ist als Unesco-Welt­erbe anerkannt. 13 600 Hektar Wasserfläche sind dort geschützt.

Auch vor der Südküste Mallorcas, im maritim-terrestrischen ­Nationalpark Cabrera, stehen Tausende von Hektar Wasserfläche unter besonderer Beobachtung. Die Regionalregierung will die Flächen nun noch verdoppeln. Die unbewohnte Naturschutzinsel Dragonera vor Mallorcas Westküste soll um einen maritimen Teil erweitert werden. In ihren Gewässern leben bedrohte Arten wie die Unechte Karettschildkröte, der Saumrochen und der Rote Thun. Meeresbiologen haben sieben Fischereireservate um den Archipel ausgewiesen, insgesamt 60 000 Hektar.

Eigentlich müssen auch die Ankerplätze für Luxusjachten weg

Die ökologisch orientierte Regionalregierung, seit Juli 2015 an der Macht, führt jetzt eine Touristentaxe ein und will einen Teil der Einnahmen in den Umweltschutz investieren. Widerstand regte sich vor allem bei den mächtigen Hoteliers. Sie fürchten um Mallorcas Konkurrenzfähigkeit im Billigsektor.

Mission Blue

Die von Sylvia Earle gegründete Allianz vereint weltweit mehr als 100 Organisationen für Meeresschutz. Etwa 66 „Hope Spots“ weist Mission Blue inzwischen auf seiner Internet-Weltkarte aus.

Vicenç Vidal, 35 und Leiter der balearischen Umweltbehörde, will ein neues, 5000 Hektar großes Reservat vor Mallorcas Nordwestküste rund um Sóller schaffen. Dort sind die Tierbestände in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten um drei Viertel zurückgegangen – auch wegen Überfischung. Vor allem Rote Garnelen und Kaiserhummer werden rar. Das Reservat soll die Fischerei reglementieren und auf herkömmliche Methoden beschränken. „Wir hoffen, dass sich die Bestände in drei Jahren um 20 Prozent erholt haben“, sagt Vidal. Die Fischer stehen an seiner Seite. Sie haben begriffen, dass die Bestände insgesamt bedroht sind – und damit auch ihr Berufsstand.

Für einen „Hope Spot“ muss man eigentlich auch die Zahl der Ankerplätze für Luxusjachten vor Formentera drastisch reduzieren. Man muss die Strände auf Ibiza vor trinkenden und laut feiernden Touristen schützen, an Mallorcas Steilküste Vogelschutzgebiete ausweisen und Wanderwege stilllegen. Das alles ist wenig populär.

Nichts ist für eine Insel, die vom Tourismus lebt, schlimmer als Touristen, die sich nicht willkommen fühlen. Um den Imageschaden abzuwenden, müssen die Behörden auf den Balearen solche Verbote positiv kommunizieren: Nicht nur Fischer profitieren vom Meeresschutz, sondern auch die Touristen. Sylvia Earle sagt es ihrem Publikum auf Mallorca auf ihre Weise: „Nur mit einem intakten Meer können Sie hier weiter Geschäfte machen.“

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