Warum Theologie an die Uni gehört

Eine Revolte gegen Denkverbote
Zentrum zur Ausbildung islamischer Religionslehrer in Tübingen

Foto: Gerhard Bäuerle / epd-bild

Ist Theologie eine Wissenschaft, gehört sie an die Universität? Unbedingt, sagt der Pädagoge Volker Ladenthin und beruft sich ausgerechnet auf den Koran: Wer an der Theologie spare, fördere den Fundamentalismus

Theologie als Wissenschaft an heutigen Universitäten?! Bei vielen Menschen löst das Erstaunen aus: Wie kann man etwas, das man nur glaubt, wissenschaftlich erforschen? 

Religion ist notwendig, wenn eine Gesellschaft funktionieren soll: Religion durchbricht die Konventionen, die Machtverhältnisse, den Konsens, die disziplinierten Diskurse. Durch die Suche nach dem Anderen, nach dem Besseren, durchbricht sie die gängigen Kompetenzen und provoziert dazu, das, was ist, von dem aus zu ­betrachten, was vollkommen wäre. 

Religion erstellt einer Gesellschaft Fremdgutachten. Sie ist eine Art externer Beratung. Sie sagt, was nicht gehen kann – und dass es anders gehen sollte. Aber wie, das müssen die Fachleute dann vor Ort herausfinden, dafür ist der Berater nicht zuständig, dazu fehlen ihm die Kompetenzen.

Religion sagt, dass alles vollkommen sein soll. Nicht perfekt, sondern vollkommen. Sie ­revoltiert gegen menschengemachte Grenzen, die sich schon endgültig dünken. Sie zweifelt an der gemachten Wirklichkeit. Religion entzieht den angeblich absoluten Normen die ­Legitimation. Sie lässt sich nicht durch verab­solutierte Diskursregeln einschüchtern.

Religion ist Revolte aus der Perspektive der Freiheit. Und zwar nicht nur der realen, poli­tischen Freiheit, sondern auch der gedanklichen Freiheit. Der Freiheit des Denkens. Religion revoltiert gegen Denkverbote. Sie stellt alles und jedes fremddisziplinierte Denken infrage und bezweifelt es: „Bist du dir sicher?“ Die Theologie ist die wissenschaftliche Artikulation des Zweifels. Zweifel muss gut begründet sein. Einfach bezweifeln geht nicht. Theologie muss mit Wissenschaft den Allmachtsanspruch von Wissenschaft prüfen. Also auch sich selbst.

Der Glaube lehrt, Dinge in Frage zu stellen

Unsere Vernunft fasst die Dinge nicht so, wie sie sind. Da wird es immer einen Unterschied zwischen der Welt und dem geben, was wir von ihr wissen und je wissen können. Zwischen dem eigenen Leben und dem, was wir über uns denken und wissen. Auf diesem Unterschied besteht die Religion. Er sollte uns zu denken geben. Denn nichts ist endgültig. Wir wissen nicht, wie die Dinge letztlich sind.

Prof. Dr. Volker Ladenthin

Volker Ladenthin ist Professor ­für Historische und Sys­tematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn.
Foto: PR
Theologie ist der immer­währende und nie abschließbare Versuch, dem Unmittel­baren nicht zu trauen und dem eigenen Denken und Erleben auf die Spur zu kommen. Die erste Sure des Korans lautet: „­Dies Buch, daran ist kein Zweifel, ist eine Leitung für die Gottesfürchtigen, die da glauben an das Ver­borgene und das Gebet.“

Eine „Leitung“ wird angekündigt. Zudem der Glaube an das Verborgene, also daran, dass das, was wir wissen, nicht alles ist, was es zu wissen gäbe! Und für die, die aus diesem Wissen um das Ungewusste ein neues Sprechen entwickelt haben, zum Beispiel das Gebet. 

Es ist sittlich und eine angemessene Um­setzung der Bildungsidee, wenn eine konfes­sionelle Institution von ihren Gläubigen Kenntnisse und Einsicht einfordert. Wenn sie zwischen Verkündigung und Erkenntnis unterscheidet, aber das eine auf das andere bezieht. Wenn sie die eigenen Grundlagen wissenschaftlich herauspräpariert. Wenn sie offen und öffentlich Argumente formuliert, so dass man bezweifeln oder sogar widerlegen, diskutieren und prüfen kann. Wenn sie die Sache des Glaubens allen denkbaren Prüfungen unterzieht. 

Religion bedarf des Denkens

Es reicht nicht aus, einfach irgendwas zu ­glauben. Man muss richtig glauben. Wer leitet, reflektiert; er muss zwischen richtig und falsch unterscheiden, sonst bräuchte er nicht zu leiten. Religion verlangt Bildung: „Mein Herr, mehre mich an Wissen!“, heißt es in Sure 20, 114. ­Religion bedarf des Wissens und Denkens. ­Man ist nicht religiös, wenn man nur an etwas glaubt. Daran sei kein Zweifel, sagt der Koran.

Das hat eine lange, auch christliche Tradition: „Es gibt gewisse Regeln, die man meines Erachtens einem, der sich mit Schriftstudium befasst, nicht ohne Nutzen mitteilen kann. Man tut sich dann leichter, sowohl bei der Lektüre solcher Autoren, die den in den göttlichen Schriften ruhenden Wahrheitssinn bereits erschlossen haben, als auch dann, wenn man ihn andern seinerseits wieder erschließen soll. Diese Regeln nun will ich denen übermitteln, die sie kennen lernen wollen und sollen“, schrieb Augustinus im Vorwort zu seinen vier Büchern „Über die christliche Lehre“ (De doctrina christiana, 397/426) aufs Pergament. 

Sodann fuhr er im ersten Kapitel fort: „Um zwei Punkte dreht es sich bei jeglicher Beschäftigung mit den (heiligen) Schriften: einmal um die Auffindung dessen, was verstanden werden soll, und dann um die Darstellung des Verstandenen. Ich will nunmehr zuerst von der Auffindung und dann erst von der Darstellung sprechen.“ 

Eine Konfession ohne Wissenschaft nähert sich dem Aberglauben

Überzeugt sein und überzeugend sein sind zu unterscheiden! Religion bedarf der Reflexion und der Lehre. Religion ist als Bekenntnis absolut und zugleich menschliches Stückwerk. Für diesen Widerspruch muss man eine Lösung finden. Wie kann etwas absolut und zugleich relativ sein? Das Zweifeln betrifft sich selbst – der theologische Kopf zweifelt am menschlichen Vermögen, die Gedanken des theologischen Kopfes angemessen darstellen zu können: Was lässt sich glauben, und was nicht? Was lässt sich lehren, und was nicht? Hier wirkt Wissenschaft, lange bevor es Universitäten, Studentensekretariate und Modulbeauftragte gab. 

Angesichts der langen Tradition in allen Kulturen wird man zu dem Schluss kommen, dass die Religion zu den am meisten beachteten und daher am besten erforschten Gebieten mensch­lichen Empfindens, Denkens und Lebens gehört. Seit jeher haben die Menschen nicht nur geglaubt, sondern sie wollten immer genauer wissen, was ihr Glaube zum Inhalt hat, ob sie glauben dürfen oder sollen und wie „glauben“ geht. 

In der Theologie gehört es zur Fachdisziplin, sich nicht auf Üblichkeiten und Traditionen zu verlassen, sondern diese immer wieder zu rekonstruieren, zu prüfen, zu verbessern. Eine Konfession ohne eine dem Prinzip Wissenschaft verpflichtete Institution – eben der Theologie – nähert sich dem Aberglauben, dem Zufall und der Beliebigkeit. Eine Konfession ohne Theologie ist vermutlich nicht mal religiös. 

Dass nicht alle Konfessionen diesen Weg gehen, dass dieser Weg mühsam ist, ändert nichts daran, dass er derjenige ist, der eine aufgeklärte Welt weiterführt. Außerhalb von Institution und Wissenschaft bleibt die religiöse Reflexion be­liebig, zufällig und gerät in die Nähe des Aberglaubens und der Beliebigkeit des Unreflektierten. Ohne Theologie fiele der Gläubige hinter das zurück, was die Verkünder der Religion durch die Verkündung wollten: vernünftige Aufklärung über die letzte Bedingung der Vernunft. 

Wer an der Didaktik und Methodik spart, lässt die Theologie verkümmern. Man kann ­diesen Gedanken auch politisch auslegen: Wer an der Theologie spart, finanziert den Fundamentalismus.

Auszug aus dem Buch von Volker Ladenthin: „Zweifeln, nicht verzweifeln. Warum wir Religion brauchen“, Echter-Verlag, Würzburg, 176 Seiten, 14,90 Euro. Auch als eBook erhältlich.

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