Bertha Pappenheim kämpfte gegen die Zwangsprostitution

Am schlimmsten ist schweigen

Digital auf den Spuren des internationalen Frauenhandels: Die Bertha-Pappenheim-App

Bertha Pappenheim, Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin, kämpfte gegen die Zwangsprostitution
"We should all be feminists" – das steht auf einem Shirt des französischen Luxuslabels Dior, mit dem Models und Schauspielerinnen sich gerade gerne zeigen. Für Leute, die nicht schlappe 550 Euro ausgeben wollen für ein einfaches Shirt, gibt es auch günstigere Varianten. Ist halt hip gerade, Feminismus ist plötzlich Mainstream. Aber welchen Feminismus brauchen wir denn nun, haben wir die Feministin Margarete Stokowski im Doppelinterview mit Konstantin Wecker gefragt. "Wir brauchen den nicht", sagte sie, "wir machen den." Also bitte: lauter Texte übers Machen.

Im März 1906 reist Bertha Pappenheim im Auftrag des israelitischen Hilfsvereins von Frankfurt am Main bis in die Region der heutigen Ukraine. Mit dabei ist eine Kollegin, die beiden Frauen sind allein unterwegs, bei Eis und Schnee, mit Bahn, Kutsche, Schiff – ein Wagnis. Sie treffen auf halb verhungerte jüdische Familien, geflüchtet vor den blutigen Pogromen in Russland. Viele von ihnen sehen nur einen Ausweg aus der Armut: die eigene Tochter an einen Zuhälter zu verkaufen. Von denen gibt es mehr als genug. Ein Händlerring verschachert die Mädchen in die mondänen Hauptstädte der Welt. Nach Buenos Aires ebenso wie ins Frankfurter Rotlichtviertel am Hauptbahnhof.

Der Kampf gegen Zwangsprostitu­tion ist eines der Lebensthemen von Bertha ­Pappenheim. „Niemand darf still bleiben, der weiß, daß irgendwo ein Unrecht geschieht – nicht Geschlecht, nicht Alter, nicht Konfession noch Partei dürfen ein Grund sein zu schweigen“, schreibt sie 1924 in einem Aufsatz mit dem Titel „Von Unrecht wissen und schweigen macht mitschuldig“.

Geboren wurde Bertha Pappenheim als Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie 1859 in Wien. Die ältere Schwester starb früh; dann, da war sie 22 Jahre alt, der angehimmelte Vater. Bertha fiel in eine Depression, wurde schwer krank – und dank einer neuen Therapie wieder gesund. ­„Talking cure“ taufte sie die Gespräche mit ihrem Therapeuten. Es war die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Bertha Pappenheim ist „Fräulein Anna O.“, ihr Arzt Josef Breuer gab später zusammen mit Sigmund Freud die „Studien über Hysterie“ heraus. Ihr Pseudonym als Patientin ist weltbekannt. Doch Bertha Pappenheim? An die Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit, an die Schriftstellerin und Mitgründerin des Jüdischen Frauenbundes und an ihren ­richtigen Namen erinnert heute ein Fußweg im Frankfurter Riedbergviertel. Und in Neu-Isenburg bei Frankfurt steht das Bertha-Pappenheim-Haus.

Provokant und mit Witz kritisierte sie das Patriarchat

Eine Villengegend mit schönen alten Häusern. Am 25. November 1907 eröffnete Bertha Pappenheim hier ihr „Schutz- und Erziehungsheim“ für „gefallene Mädchen“ und ihre Kinder. Eines der Häuser ist ihrem Gedenken gewidmet. Mit auf dem Grundstück ein Kita-Neubau, im Garten wuseln Kinder herum. Das hätte Bertha Pappenheim gefallen. Als Leiterin eines Waisenhauses und ehrenamtliche Mitarbeiterin des Städtischen Wohlfahrtsamtes hatte sie viel mit Kindern zu tun. Sie schrieb viele Aufsätze über Kindeswohl, Erziehung und Familienleben. Ein Kind zu schlagen war undenkbar für sie. Provokant und mit Witz kritisierte sie das Patriarchat: „Es scheint mir sprachpsychologisch sehr bedeutsam, daß es ein Wort ‚bemuttern‘, aber kein Wort ‚bevatern‘ gibt.“ In der Pogromnacht von 1938, zwei Jahre nach ihrem Tod, fackelte ein bürgerlicher Mob eines der drei Häuser ab. Die Feuerwehr rückte damals an – um die Nachbarhäuser zu schützen.

Bertha Pappenheim hat sich in Neu-Isenburg nie wirklich zu Hause gefühlt. Täglich reiste sie mit der Waldbahn, heute die Frankfurter Straßenbahnlinie 17, an. Im städtischen Frankfurt führte die gläubige Jüdin mit ihrer Mutter einen großbürgerlichen Haushalt. Zu diesem ­Lebensentwurf passte ihr großes, immer ehrenamtliches Engagement. Verheiratet war sie nicht. „Mir ward die Liebe nicht...“, dichtete die Vielbegabte.

Gabriele Loepthien ist Frauenbeauf­tragte in Neu-Isenburg und leitet die Gedenkstätte. Sie weiß: Lebte Bertha Pap­penheim heute, würde sie für Flüchtlingsfrauen Pakete packen und Hilfsangebote organisieren, aber sie würde sich auch politisch engagieren. Strukturen ändern und nicht an Symptomen herumbasteln. Als Mitglied des Armenamtes hat Bertha Pappenheim an Entwürfen von städtischen und gesamtstaatlichen Wohlfahrtsgesetzen mitgearbeitet, alles Grundlagen für die heutige deutsche Sozialgesetzgebung.

1936 starb Bertha Pappenheim, 77-jährig, nach langer Krankheit. Kämpferisch war sie bis zum Ende: Eines der Neu-Isenburger Mädchen war wegen angeblicher Beleidigung Hitlers denunziert worden. Das Kind war geistig behindert. Im Verhör durch die Gestapo konnte Bertha Pappenheim die Vorwürfe trotz ihres angegriffe­nen Gesundheitszustandes entkräften. Wer schweigt, macht sich mitschuldig. 

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