Darf ein Pfarrer um einen IS-Terroristen trauern?

"Er war ein Mensch, kein Monster"
Mit einer christlich muslimischen Trauerfeier wurde am Freitag 27 05 16 in der evangelischen St P

Foto: Imago/epd-bild/Stephan Wallocha

Trauerfeiern erinnern das Gute. Ist das auch bei Terroristen angemessen? Ja, sagt Pastor Sieghard Wilm

Mit 17 ging der Konvertit Florent zum sogenannten Islamischen Staat (IS) nach Syrien. Dort starb er. Pastor Sieghard Wilm und Imam Ahmed Jakobi hielten für ihn eine Trauerfeier.

chrismon: War es richtig, diese Trauerfeier zu halten?

Sieghard Wilm: Trauerarbeit ist Seelsorge an Familie und Stadtteil. Tote zu bestatten und zu betrauern ist ein zivilisatorischer Fortschritt und als eines der ­sieben Werke der Barmherzigkeit christlich geboten. Eine Trauerfeier ist ein Gottesdienst, das Wort Gottes steht im Mittelpunkt. Die Würde des Toten kommt zur Sprache, etwas, das kein Mensch verlieren kann, auch nicht, wenn er in die Irre geht. Florent hat kurz vor seinem Tod junge Menschen durch eine Audiodatei gewarnt, sich vom Salafismus abzuwenden. Die Trauerfeier hatte auf­klärerischen Charakter für viele Schülerinnen und Schüler.

Fürchten Sie, dass sich die ­Opfer verhöhnt fühlen?

Im Gegenteil. Wir haben zu Beginn eine Gedenkminute für alle Opfer von Terror und Gewalt gehalten. Imam Ahmed Jakobi und ich haben deutlich gemacht, dass Religion und Gewalt nicht zusammengehören. Indem wir uns an die Seite der Opfer stellen und den Salafismus als Ver­führung und Irrweg benennen, leis­ten wir Präventionsarbeit.

Trauerfeiern erinnern das Gute. Ist das hier angemessen?

Ich sprach darüber, dass Florent verführt wurde, aber auch über den Jungen, der früher ein strahlendes Lachen hatte. Ich halte es für genauso gefährlich, einen Menschen zu dämonisieren wie ihn zu idealisieren. Eine Gesellschaft, die ausgrenzt, löst ihre Probleme nicht. Der 17-Jährige war ein Mensch, kein Monster. Er war einer von uns auf St. Pauli.

Warum eine christlich-muslimische Trauerfeier? Florent ist mit 14 zum Islam konvertiert.

Seine Mutter – eine zutiefst fromme Christin – hat mich darum gebeten. Das konnte ich nicht verweigern. Sie beruft sich auch darauf, dass ihr Sohn getauft ist und dass dies niemand ungültig machen könne. Die Radikalisierung von Jugendlichen geht Christen und Muslime an. Seelsorgerlich war es wichtig, dass Pastor und Imam gemeinsam ein Zeichen setzen. 

Würden Sie für jeden Menschen eine Trauerfeier halten?

Es geht um den Dienst an den Trauernden. Wenn wir um eine Trauerfeier gebeten werden, sind wir da. Als Mensch merke ich aber, dass ich schon an Grenzen gekommen bin, etwa bei einer alten Frau, die bis zuletzt überzeugte Nationalsozialistin war. Das fiel mir sehr schwer. 

Sieghard Wilm

Sieghard Wilm, 1965 geboren, ist seit 2002 Pastor der St.-Pauli-Kirche in ­Hamburg. Er wuchs in Schleswig-Holstein auf, studierte Theologie und Ethnologie in Heidelberg, Accra/Ghana und Hamburg.
Foto: Axel Martens

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Mit evangelischem Gruß!
Adam Mair

Ein aufgeschlossenes Wesen bildet den Auftakt zu guten Beziehungen, sagt man.
Ich glaube übrigens nicht, dass uns die Briten verloren gehen. Sie haben immerhin etwas zustande gebracht, dass den Deutschen noch nicht geglückt ist, d.h. sich souverän für die eigene Identität zu entscheiden. Mit Nationalismus hat das nichts zu tun, das nehme ich zumindest an. Vieles in diesem globalen Europa verlangt nach Neuorientierung, und die politische Vereinnahmung des Privaten hat etwas sehr Übergriffiges, finde ich. Dass man sich darin leicht verirren kann, darf doch nicht verwundern ?