Kirchlicher Suchdienst: Verheimlichten Halbbruder gefunden

Und plötzlich hab ich einen großen Bruder
Verlorener Bruder mit seiner Schwester

Paul Kranzler

Als Journalistin will Claudia Keller über den Kirchlichen Suchdienst berichten. Was als Recherchetermin beginnt, wird ein Ausflug in die Familiengeschichte. Sie lernt nicht nur einen Bruder kennen ‒ sondern eine ganz andere Seite an ihrem Vater. Und an sich selber

Der Sonntagberg mit der Wallfahrts­kirche war immer da. Als Kind sah Gerhard vom schäbigen Haus der Großmutter zu ihm hinauf. Als er ein Auto hatte, ist er mit Kumpels Wettrennen hochgefahren, heute schaut er vom Wintergarten seines Hauses auf den Berg. Gerhard beugt sich über das Geländer der Ausflugsplattform und macht den Reiseführer: Dort hinten liegt Wien, dort drüben Linz. Hier unten ist Kematen. Gerhard und Helga haben keine Kinder. Vielleicht bin ich ein bisschen wie eine Tochter für sie.

Bis vor kurzem interessierte mich Öster­reich nicht sonderlich. Wo Niederöster­reich liegt, hätte ich nur ungefähr angeben können. Ich wusste nichts von Kematen an der Ybbs und einem Sonntagberg. Ich wusste nichts von Gerhard Voglsam. „Jetzt nehmen Sie sich am besten mal bei den Händen“, ruft der Fotograf. Gerhards warme Finger fühlen sich vertraut an in meiner kalten Hand und zugleich unangenehm fremd.

Die Autorin

 Foto: Paul Kranzler
Claudia Keller, geboren 1968, schnürt gerne die Wanderschuhe. Wie gut, dass der neue Bruder in Österreich lebt.
Angefangen hat alles an einem Montag im Juni vergangenes Jahr. Ich bin Journalis­tin und schreibe viel über Kirchen. „Mach doch mal was über den Kirchlichen Suchdienst“, hatte die Kollegin gesagt. „Die hören bald auf, vielleicht kannst du bei einer letzten Recherche dabei sein.“ Also hatte ich mich mit den Mitarbeitern verabredet, im Internet recherchiert, Fragen vorbereitet. Doch als der Termin naht, habe ich keine große Lust. Tags zuvor bin ich aus dem Urlaub zurückgekommen. Als ich die knarzenden Treppen in dem schicken alten Haus in der Münchner Innenstadt hochsteige, liege ich in Gedanken noch am Strand.

1945 hatten viele Pfarrämter entlang der Grenze im Osten die durchziehenden Flüchtlinge registriert. Mit Hilfe dieser Angaben fanden Hunderttausende Familien wieder zusammen, die sich auf der Flucht verloren hatten. Später ermittelten die Mitarbeiter des Kirchlichen Suchdienstes in ihrer riesigen Datenbank Informationen für Versicherungen, Krankenkassen oder Rentenbescheide. Die Mitarbeiter geben gern Auskunft, wenn es um allgemeine Informationen geht. Als ich nach konkreten Schicksalen und aktuellen Recherchen frage, werden sie einsilbig. Der Datenschutz, ich müsse verstehen, da könnten sie mir leider keine Auskunft geben. Dann hat der Chef eine Idee: Ob ich in meiner Familie Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten habe? Bei Familienangehörigen ist der Datenschutz kein Problem.

Sie wussten nicht, dass Ihr Vater einen Sohn hatte?

Meine väterliche Familie kommt aus dem Osten, die Kellers waren „Donau­schwaben“, die sich vor 200 Jahren in ­Ungarn niedergelassen hatten. Mir fallen Verwandte ein, über die ich schon immer mal mehr wissen wollte. Doch ich habe nur Geburtsdatum und Geburtsort meines Vaters parat: geboren 1919 in Bácsalmás, Studium in Wien, Arbeit in Budapest, Flucht nach Bayern. Was soll da schon herauskommen, denke ich.

Einen Mausklick später taucht die eingescannte Karteikarte von Josef Keller auf dem Bildschirm auf. Die Daten stimmen. Kein Zweifel: Das ist mein Vater. In der Mitte der Karte hat jemand etwas mit roter Handschrift notiert. Es springt sofort ins Auge: „Verstorben am 1. 7. 1984 – nach Angaben des Sohnes Gerhard Voglsam.“ Ich starre auf den Bildschirm und verstehe nicht. Das Todesdatum meines Vaters ist richtig. Er ist seit 31 Jahren tot. Aber wer ist Gerhard Voglsam? Ein Sohn? Davon weiß ich nichts.    

Meine Augen suchen die Karte ab nach den Namen von mir und meiner Mutter. Nichts. Als hätte es uns im Leben des Vaters nicht gegeben. Nur den Sohn Gerhard Voglsam. Hatte mein Vater ein Doppel­leben? „Wer ist Gerhard Voglsam?“, frage ich. „Oh“, sagt der Chef des Suchdienstes, „Sie wussten nicht, dass Ihr Vater einen Sohn hatte? So eine Erfahrung machen viele, die bei uns anfragen: Sie entdecken Dinge, die sie gar nicht wissen wollten.“

Gerhard Voglsam. Ein Sohn. Mein Kopf fühlt sich leer und wattig an. „Nicht zu ­fassen, was einem passieren kann“, stammle ich. Ein Sohn. Gerhard Voglsam. Wie kommt dieser Name auf die Karteikarte? Jetzt sehe ich einen kleinen Hinweis neben dem Namen: „19. 7. 1988, Rotes Kreuz.“ „Offenbar hat Ihr Bruder den Vater 1988 übers Rote Kreuz gesucht. Die haben die Anfrage an uns weitergeleitet“, erklärt ein Mitarbeiter. Er tippt Gerhard Voglsam in die Suchmaske ein. Über ihn gibt es keine Informationen. Ich packe Block und Stift ein und verabschiede mich. „Schlafen Sie erst mal drüber“, sagt der Chef, „tun Sie nichts Unbedachtes.“

Manchmal erwischte mich seine Wut eiskalt

Im Zug von München zurück nach Berlin ziehe ich sofort das Smartphone aus der Tasche und google „Gerhard Voglsam“. Drei Männer in Österreich heißen so. Es sind Telefonbucheinträge. Mehr nicht. Die Wut steigt in mir hoch. Was fällt meinem Vater eigentlich ein? Mir ein solches Ei ins Nest zu legen? Ein Leben lang schweigen, und jetzt, da alle tot sind, muss ich mich mit seinem Geheimnis auseinandersetzen. Auch meine Mutter lebt nicht mehr. Falls sie etwas wusste, hat auch sie ihr Wissen mit ins Grab genommen.

Wenn man nur lange genug schweigt, lösen sich Probleme von alleine. Das war die Devise meiner Eltern. Es war das Lebens­prinzip einer ganzen Generation. Was hat der Vater im Krieg gemacht? Wie konnte es sein, dass er 1942 in Wien studierte, als Millionen andere 23-Jährige an der Front starben wie die Fliegen? Als ich auf die Welt kam, war er 49. Als er starb, war ich 16. Ich habe ihm diese Fragen nie gestellt. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht weil ich gelernt hatte, dass man bestimmte Themen besser nicht anspricht, wenn man ­keinen Zornesausbruch provozieren wollte?

Davon gab es genug. Es reichte, dass man anderer Meinung war als er. Mit 15 war ich das oft. Der Vater konnte explodieren, weil ihm die Suppe zu gesalzen war. Er interpretierte das als Angriff auf seinen kranken Magen. Oder weil eine gekaufte Hose in seinen Augen zu teuer war. Manchmal erwischte mich seine Wut eiskalt. Er konnte liebevoll sein, und er konnte zuschlagen. Das war die Kehrseite des Schweigens.

Ich bin gut darin, mich zurückzuziehen. Das Erbe meines Vaters?

Wer war dieser Vater? Meine Mutter wusste nicht viel. Als sie ihn Mitte der 50er Jahre in Mannheim kennenlernte, hatten beide die Hälfte ihres Lebens hinter sich. Meine Mutter war geschieden und brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Sie stellte keine Fragen. Die Vergangenheit wurde abgedeckt wie der Toaster in der Küche, das Bügelbrett in der Abstellkammer und das dunkelgrüne Velours der wuchtigen Wohnzimmersessel. Was keinen Überzieher vertrug, bekam einen Untersetzer. Weingläser, Saftkrüge, Teetassen. Alles musste geschont und geschützt werden. Überall lauerten Schmutz, Unordnung und Chaos.  

Die Schulfreundinnen hatten echte Brüder und Schwestern, mit denen sie aufgewachsen sind. Bei uns war alles halb, denke ich im Zug von München nach Berlin. Ich habe zwei sehr viel ältere Halb­geschwister von der Mutter her. Jetzt einen noch älteren Halbbruder auf der anderen Seite. Ich frage mich, ob sich das Brüchige, das Schweigen, die Aggressivität und Unberechenbarkeit meines Vaters auf mich ausgewirkt haben.

Der Fotograf

 Foto: Privat
Paul Kranzler, 1979 in Österreich zur Welt gekommen, gefiel, dass es bei Gerhard so ordentlich ist ‒ man hätte vom Boden essen können! 
Ein Freund von mir engagiert sich in einem Verein von „Kriegsenkeln“. Sie sind so alt wie ich und haben den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung nicht selbst erlebt. Sie beklagen, dass die Vergangenheit trotzdem wie ein Schatten über ihren Familien lag und sie prägte, weil die Eltern und Großeltern darüber hart­näckig geschwiegen haben. Unver­arbeitete Traumata können sich über Generationen hinweg vererben, lese ich auf ihrer Internet­seite. Kriegsenkel würden sich oft heimatlos fühlen, kämpften mit diffusen Ängsten und hätten Schwierigkeiten, Bindungen aufzubauen.

Ich bin kein Familienmensch, und es fällt mir schwer, Nähe zuzulassen. Ich bin gut darin, mich abzuschotten und zurückzuziehen. Ich habe sehr spät geheiratet. Mein Mann lebt 600 Kilometer entfernt. Ist das das Erbe meines Vaters? Oder nur billige Küchenpsychologie? Würde ich mich besser verstehen, wenn ich verstehe, was den Vater so schlecht gelaunt, aggressiv und magenkrank gemacht hat? Würde ich dann weniger rastlos sein und endlich irgendwo ankommen?

Ofenbar zahlte er keine Alimente

Zu Hause hole ich den verstaubten grünen Koffer vom Schrank. Darin sind alle Unterlagen, die mir von meinem Vater und seiner Familie geblieben sind. Mir quellen volkswirtschaftliche Handbücher aus seinem Studium entgegen, Briefe, Postkarten, Bewerbungsschreiben und viele Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen einen selbstsicheren, elegant gekleideten Mann mit Hut und Hosen mit Schlag. Er ist mir fremd, obwohl er durchaus Ähnlichkeit hat mit dem Mann, der mein Vater war. Die lockigen Haare hat er mit Pomade zurückgekämmt. Auf der Nase sitzt eine Brille mit dünnem dunklen Rand, die vollen geschwungenen Lippen presst er mal melancholisch, mal fast trotzig aufeinander.

Seine Arbeitgeber loben, wie ehrlich, fleißig und verantwortungs­bewusst er sei. Krank war er nie. Sich zurücklehnen, sich und anderen etwas gönnen, das konnte er nicht. Auch später nicht. Er ließ das Auto in der Garage und fuhr lieber mit dem Fahrrad. Um Benzin zu sparen und sich fit zu halten.

Im Kalkulationshandbuch steckt eine vergilbte Geburtstagskarte mit den „allerbesten Wünschen“ von „Deinem großen Mädchen“. War das Gerhard Voglsams Mutter? Ich blättere durch Adressbücher und Taschenkalender, in denen er sein Leben penibel verwaltete. Seine Handschrift ist fein und akkurat, selbst da, wo sie ­winzig ist. Am 7. Februar 1953 fuhr er für 20 Pfennig mit der Straßenbahn, ­kaufte für 1,90 Fleisch und für 50 Pfennig Zigaretten, abends war er für 1,20 im ­Kino und trank für 70 Pfennig Bier. Zahlte er ­Alimente? Nichts deutet auf Über­weisungen nach Österreich hin.

Ein Geheimnis will gehütet werden

Eine Bilderserie zeigt den Vater, wie er mit Freunden auf einer Terrasse Wein trinkt. Wer sind die Männer, wer ist die Frau, die auf jedem Foto neben ihm sitzt? Und wer ist die, die er auf dem großen ­Foto unterhakt? Er im Anzug, sie im ­weißen Kleid mit Blumenstrauß. Sieht aus wie ein Verlobungsfoto. Die Frau ist ­definitiv nicht meine Mutter und auch nicht seine Schwes­ter. „Bayern“ steht mit spitzem Bleistift auf der Rückseite. Bayern? Die Kellers strandeten nach der Flucht aus ­Ungarn 1945 in Bayern. Hat er da den Sohn gezeugt?

Ich finde keinen einzigen Hinweis auf ein Kind. Vielleicht war Gerhard Voglsams Mutter eine Jüdin und musste untertauchen? Oder war sie die große Liebe seines Lebens, und er durfte sie nicht heiraten? Vielleicht hat er aus Enttäuschung alle Unterlagen vernichtet? Je mehr ich wühle und suche, umso mehr hoffe ich, dem Bild meines Vaters eine positive Facette hinzufügen zu können. Dann wieder denke ich, dass das alles gar nicht sein kann. Sonst müsste es doch irgendeine Spur geben.

Zwei Wochen später erreiche ich meine Cousine. Sie ist Anfang 60 und die Tochter seiner längst verstorbenen Schwester. „Ich weiß was“, sagt sie am Telefon. „In seiner Studentenzeit hatte dein Vater eine Freundin, und die hat einen Sohn bekommen.“ Ihre Mutter habe ihr das mal vor 40 Jahren anvertraut. Wusste also die ganze Familie von dem Sohn, nur ich nicht? „Ich habe nie darüber sprechen hören“, sagt die Cousine. Warum finde ich keine Hinweise in seinen Unterlagen? „Ein Geheimnis will gehütet werden“, sagt sie.  

Im Dezember 1942 hat mein Vater an der Hochschule für Welthandel in Wien sein Diplom gemacht. Ich google noch mal intensiv nach „Gerhard Voglsam“. Diesmal stoße ich auf mehr als Telefonbuch­einträge. Ein Mann hat eine Spur über seinen Tennisclub in Kematen an der Ybbs im Internet hinterlassen. Dort hat er 2013 ­seinen 70. Geburtstag gefeiert. Das heißt, er ist 1943 geboren. Das könnte er sein.

Nach der Geburt besucht er Mutter und Kind im Krankenhaus. Dann macht er sich aus dem Staub

Ich lasse ein paar Wochen Zeit ver­gehen. Denn ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich die Familiengeschichte und meine Erinnerungen, die guten wie die schlechten, mit einem Fremden teilen will. Was, wenn er unausstehlich ist? Was, wenn er finanzielle Hilfe von mir, seiner Halbschwester, haben will? Andererseits: Hat nicht jedes Kind ein Recht darauf, zu erfahren, wer der Vater ist? Habe ich das nicht mehrfach in Kommentaren eingefordert? Ich schreibe einen Brief nach ­Kematen und erzähle, wer ich bin und wen ich suche.

Drei Tage später höre ich eine öster­reichische Stimme auf meinem Anrufbeantworter: „Ich bin der Gerhard. Sieht ganz danach aus, dass wir eine Gemeinsamkeit haben.“ Gerhard Voglsam aus ­Kematen an der Ybbs ist der Richtige. Er ist mein neuer Bruder.

Es folgen viele lange, herzliche und nervöse Telefonate. Gerhard weiß wenig über seinen Vater, er kennt nicht mal ein Foto von ihm. Es fällt mir am Anfang schwer, „unser Vater“ zu sagen, wenn wir über ihn sprechen. Jetzt, ein halbes Jahr später, geht es mir selbstverständlich über die Lippen.

 Wie ein Puzzle setzen Claudia und Gerhard am Sofatisch den Vater zusammenFoto: Paul Kranzler

Seine Mutter ist 19, als sie den 23-jährigen Josef Keller kennenlernt. Sie arbeitet als Hausangestellte bei einer Wiener Familie, die in der Nähe der Uni einen kleinen Laden betreibt. Josef kauft dort ein. Sie treffen sich in Parks, Josef sieht gut aus, er ist fröhlich, vielleicht ein bisschen ein Halodri, vielleicht ein bisschen zu geizig, denkt Maria. Wenn sie ins Theater gehen, lässt er sie die Karten zahlen. Dann wird sie schwanger. Seine Eltern seien gegen ­eine Hochzeit, erzählt er ihr. Vielleicht hat er sich das auch nur ausgedacht, vielleicht ist es ein willkommener Vorwand, weil er selbst keine Lust auf Frau und Kind hat?

Nach der Geburt besucht er Mutter und Kind im Krankenhaus. Dann macht er sich aus dem Staub. Er hat sein Diplom in der Tasche und beginnt in Budapest zu arbeiten. Mutter und Sohn hören nie ­wieder von ihm. Was mir Gerhard am ­Telefon erzählt, ist keine romantische Liebes­geschichte, sondern eine miese Flucht aus der Verantwortung. Das Bild des Vaters ist um eine negative Facette reicher.

Als er die Sachertorte schickt, fließen bei mir die Tränen

Maria Voglsam möchte ihr Kind nicht großziehen und gibt es in die „Fürsorge“. Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Gerhard bei einer Pflegefamilie. Als die Pflegemutter krank wird, gibt Maria das Kind zur Adoption frei. Da schreitet die Großmutter ein: „So was gibts bei uns nicht“, sagt sie und holt den Enkel zu sich an die Ybbs. Sie hat eigene Kinder zu betreuen und noch zwei andere Enkel. Egal, wird schon gehen. Gerhards Mutter ­heiratet in Wien, der Ehemann will auch nichts wissen vom Stiefsohn.

Beim ersten Treffen in Salzburg mit Gerhard und seiner Frau Helga fallen wir uns um den Hals. Gerhard ist mir nah und fremd zugleich. Ich teile die Hälfte meiner Gene mit ihm, aber er ist ein 72-jähriger Mann mit einer anderen Geschichte und einem anderen Leben. Kurz vor Weihnachten stapft der Berliner Postbote mit einem Päckchen die Treppe hoch. Ich packe ein Holzkästchen aus. „Hotel Sacher“ steht darauf. Darin liegt eine original Sachertorte. „Wir waren zum Adventsbummel in Wien und haben an Dich gedacht“, schreiben ­Gerhard und Helga, seine Frau. Mir treten Tränen in die Augen. Ich bin gerührt, weil die beiden so liebevoll und großzügig sind – so ganz anders, als der Vater es war.

Im März besuche ich sie in Kematen an der Ybbs. Wir essen Wiener Schnitzel, Wurstfleckerl und süße Kardinalschnitten. Wir trinken Grünen Veltliner und Nusslikör. Ich lerne, was ein „Tschocherl“ ist (kleine Bar) und was ein „Stehvierterl“ (ein Viertel Wein, in der Bar im Stehen getrunken). „Der große Bruder zahlt alles“, sagt Gerhard stolz und fürsorglich und lädt mich ins Viersternehotel ein. Er und Helga sind so offen und herzlich, dass es mich völlig überwältigt.

Nachmittags fahren wir durch die ­Ortschaften. Gerhard zeigt mir das halb zerfallene Haus, in dem er mit seiner Großmutter und den Cousins in zwei Zimmern lebte. Wir kommen an der Fabrik vorbei, in der er seine Schlosserlehre machte und die Ausbildung zum technischen Zeichner. Wir fahren zur Kirche, in der er und Helga vor 40 Jahren geheiratet haben, und ­halten vorm Tennisclub, den sie mit aufgebaut ­haben. Abends schauen wir Fotos an von der ersten Flugreise der beiden 1972 nach Teneriffa. „Wie cool wir sein wollten!“, kommentieren Gerhard und Helga ihre ­Posen von damals und lachen sich kringelig. Die beiden genießen das Leben.

Dass wir uns gefunden haben und mögen, ist ein Geschenk

Den grünen Koffer habe ich mit nach Österreich gebracht, um mit ­Gerhard zu teilen, was ich über den Vater weiß. Er selbst holt einen Ringordner hervor mit seinen Recherchen aus den 80er Jahren. Damals wollte er unbedingt wissen, wer sein Vater ist. „Das war wie ein Rausch“, sagt er. Heute interessiert ihn das alles nicht mehr sonderlich. Am letzten Tag beugt er sich mir zuliebe über die ­Dokumente. Aus einer Klarsichtfolie zieht er Zettel mit Anschriften von Archiven in Österreich, Deutschland und Ungarn hervor. Aus einer anderen Folie eine Klage­schrift vom „Königlichen Zentral-Bezirksgericht in Budapest“ vom 24. August 1944. Das Jugendamt von Amstetten an der Ybbs hatte Josef Keller zur Zahlung von Alimenten verklagt – und Recht bekommen. Bis zu Gerhards 16. Geburtstag sollte der Vater Geld überweisen. Er hat keinen Pfennig gezahlt.

Im November 1944 wurde er einge­zogen. Zu welcher Armee? Im Lebenslauf schreibt er nur von „Militär“. In einem Dokument ist von der „ungarischen Heimwehr“ die Rede. Gerhard hat sich auf einem Zettel „Waffen-SS“ notiert. Die Waffen-SS? Auch das noch. Was hat er gemacht von November 1944 bis Mai 1945? Wenn ich wieder in Berlin bin, will ich mir Bücher über die NS-Geschichte Ungarns aus­leihen, nachforschen, was es mit der Heimwehr auf sich hat, und eine Anfrage an die Wehrmachtauskunft­stelle stellen.

Gerhard will lieber einen ­Spaziergang machen und die Frühlings­sonne genießen. „Es war halt so“, sagt er. Aus dem fröhlichen Wiener Studenten wurde ein magenkranker, aggressiver Mann, der Geliebte und Sohn im Stich gelassen hatte und seinen Lebenszorn an Frau und Tochter ausließ. Gerhard vermutete, dass sein Vater Generaldirektor geworden sei, weil er eine gute Ausbildung hatte zu ­einer Zeit, da viele nicht mal Abitur machen konnten. Er stellte sich seinen Vater vor, auf der Terrasse einer großen Villa sitzend mit Park außenrum und Limousine vor der Tür. Doch der Vater ist ein kleiner Buchhalter geworden.

Und was hat das mit mir zu tun? Je mehr ich über Josef Keller erfahre, umso weniger verstehe ich ihn. „Man muss mit den Dingen irgendwann abschließen“, sagt Gerhard. „Dass wir uns gefunden haben und mögen, ist ein Geschenk.“ Für mich fühlt es sich an, als hätte ich neue Eltern bekommen. Gerhard und Helga haben keine Kinder. Vielleicht bin ich ein bisschen wie eine Tochter für sie. „Was willst du mehr?“, fragt Gerhard.

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Lesermeinungen

Liebes chrismon-Team,               

wieder einer Ihrer berührenden Artikel - Frau Keller schildert mit wenigen Sätzen präzise die Atmosphäre nach dem Krieg: Fragen sind tabu, und durch meine gesamte Kindheit und Jugend in Nürnberg (!) zog sich das sichere, aber verstörende Gefühl, dass etwas nicht stimmt.      

Danke für ihren Bericht und ich freue mich mit ihr über das Geschenk - und auf die nächste chrismon.

Ihre Ellen Riese

Das sind Storys aus dem Leben und ich kann ähnliches berichten. Fand durch Zufall 3 !! Halbschwestern ! Wer es selber erlebt hat kann nachvollziehen was da EMOTIONAL abgeht. Charakteristisch ist das große Schweigen dieser Zeit.
Mittlerweile habe ich mich zur Expertin für Ahnenforschung entwickelt und sehr viel erfahren. Ich freue mich für Frau Keller und Ihren Bruder. Sie kann mich gerne kontaktieren.

Liebe Frau Keller, wir haben ein Geschwisterpaar als Adoptivkinder, die auch als Erwachsene ihre Ausgangsfamilie kennengelernt haben. Sie können sich also vorstellen weshalb ich ihren Artikel Wort für Wort gelesen habe. Viele emotionale Parallelen - einfach großartig! Schmunzeln mußte ich im letzten Halbsatz auf S. 37, denn ich wusste schon was für ein Wort auf der nächsten Seite kommt und welcher Fehler sich da eingeschlichen hat. Kinder bekommen die Hälfte der Gene von jedem Elternteil, es wird aber jedes mal neu gemischt! Geschwister teilen sich deshalb 1/2 x 1/2 x 2 = 1/2 = die Hälfte, Halbgeschwister 1/2 x 1/2 = 1/4 = ein Viertel der Gene, was einem Verwandtschaftsgrad 2. Grades entspricht. Dies sollte jedoch die Verbundenheit bei ca. 30.000 bedeutsamen Genen nicht schmälern, zumal sich Emotionen im Gegensatz zu Genen schlecht mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen messen lassen. Ich war 25 Jahre als humangenetisch beratender Arzt tätig und darf ihnen das ohne jeden Anflug von Überheblichkeit sagen - und - es gibt nicht mehr!

Ich entschuldige mich: ich freue mich natürlich, dass es andere Meinungen und Erfahrungen zum Thema gibt. Die Stärken der Autorin allerdings liegen nicht im Erzählerischen, deshalb meine Kritik.