Fragen eines Syrers an Ehrenamtliche

"Warum helft ihr uns?"

Foto: Maria Feck

Die beiden Syrer sind dankbar, dass ihnen ein Ehepaar hilft. Doch ein paar Fragen hätten sie da noch

Brigitte und Wolfram Bierwagen haben den Tisch mit deutschen Süßigkeiten gedeckt, Kaffee duftet. Das Ehepaar unterstützt seit mehr als anderthalb Jahren neu angekommene Flüchtlinge in Niendorf, einem Stadtteil im Norden von Hamburg. Besonders helfen sie Alaa Zakharia und Naji Hizwani Zarour, zwei christlichen Syrern.

Die Bierwagens sind Rentner, 65 und 76 Jahre alt. Sie haben Alaa und Naji bei ihrer Arbeit in der Kleiderkammer für Flüchtlinge kennengelernt und sind ihnen dann in ihrer Kirchengemeinde wieder begegnet. Sie haben ihnen bei der Wohnungs- und Jobsuche geholfen und mit ihnen Schnupperkurse an der Technischen Hochschule in Hamburg-Harburg besucht.

Alaa und Naji sind bei ihren Helfern zu Besuch. Wolfram zündet eine weiße Kerze an. Alaa beginnt auf Arabisch zu beten: „Friede sei mit dir, Maria...“, alle flüstern „Amen“. Er ist ein junger Mann aus Damaskus, lebt seit August 2015 in Deutschland. Ihm fehlten die Worte, um seinen Dank zum Ausdruck zu bringen, sagt er, besonders gegenüber den Bierwagens, die wie Eltern für ihn geworden seien.

Alaa hat viele Fragen an seine Helfer.

Meine Frau und meine Kinder kommen bald. Ich habe für sie noch keine Wohnung. Wo sollen sie leben – im Flüchtlingsheim?

Brigitte: Seid bitte nicht ungeduldig. In Deutschland gibt es zu wenige Wohnungen und sehr viele Flüchtlinge. Vergesst nicht, dass viele Deutsche arm sind und keine
Arbeit haben.

Wolfram: Als Brigittes Onkel 1987 starb, kamen wir aus Ostdeutschland nach Hamburg, in den Westen. Doch dann verbot uns die damalige ostdeutsche Regierung, nach Hause zurückzukehren. Fast drei Jahre lang konnten wir unsere Tochter nicht sehen, die dort geblieben war.

Brigitte: Wir wussten nicht, ob wir sie jemals wiedersehen würden. Wir konnten nicht mit ihr sprechen, sie nicht anrufen.

Wolfram: Wir hatten damals niemanden, der uns half.

Engagiert ihr euch deshalb heute für uns Flüchtlinge?

Wolfram: Sicher ist das einer der Gründe. Aber wir helfen auch, weil es unsere humanitäre Pflicht ist. Wir haben uns schon immer in unserer Kirchengemeinde engagiert. Und als uns die Kirche gefragt hat, ob wir in der Kleiderkammer für Flüchtlinge mitmachen wollen, haben wir sofort zugesagt. So verstehen wir das Christentum: Wir müssen gegenüber Menschen, die in Not sind, barmherzig sein.

Brigitte: Vollkommen unabhängig von der Religionszugehörigkeit, egal ob es Christen oder Muslime sind oder was auch immer. Für uns ist es unerträglich zu sehen, was die Menschen in Syrien durchmachen müssen. Auch die Zustände in den Flüchtlingslagern und auf den Fluchtrouten sind fürchterlich. Da können wir nicht tatenlos zusehen.

Macht ihr wirklich keinen Unterschied ­zwischen Christen und Muslimen?

Wolfram: Am Anfang wollten wir wissen, was für Leute überhaupt zu uns in die Kleiderkammer der Kirche kommen: ob es vor allem Christen sind, und ob auch alle Muslime die kirchliche Hilfe annehmen. Wir hatten ja noch keine Erfahrungen. Die allermeisten sind Muslime, und natürlich helfen wir auch ihnen. Später, im Oktober, seid ihr in unsere Kirche gekommen. Weil ihr Christen seid wie wir, hatten wir sofort Vertrauen. Jetzt wollen wir aber auch mehr persönlichen Kontakt zu Muslimen haben.

Warum hilft die Kirche nicht vor allem den syrischen Christen hierherzukommen?

Wolfram: Nicht nur Christen leiden in ­Syrien, sondern Menschen aller Religionen. Und als Christen sehen wir zuerst den ­Menschen und erst dann die Religion.

Vor 70 Jahren war Deutschland vom Krieg zerstört, wie Syrien heute. Helft ihr ­Deutsche auch deshalb?

Wolfram: Ja, ganz bestimmt. Wir Deutsche haben sehr viel daraus gelernt: Nein zu Krieg, Hass, Tod, Morden und zur Wut. Und Ja zu Frieden, Demokratie – und zur Nächstenliebe.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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