30 Jahre Tschernobyl: Margot Käßmann in Fukushima

Kein Ort zum Leben
People Pray For Victims And Reconstruction At Beach In Iwaki

Foto: The Asahi Shimbun/Getty Images/The Asahi Shimbun

Die Regierung will etwas tun gegen die Angst vor Strahlung. Aber nichts gegen die Verstrahlung selbst, hört Margot Käßmann auf ihrer Reise durch Fukushima. Dort ist sie zum 30. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf Einladung der "United Church of Christ in Japan" unterwegs. Hier schildert sie ihre ersten Eindücke von der Reise.

Die Kinder durften ein Jahr lang nicht draußen spielen. Das hat sie ebenso verändert wie die Angst der Eltern, die die Kinder erlebten und bis heute spüren. Pfarrer Yoshinobu Akashi zeigt uns diese Kindertagesstätte in der Präfektur Fukushima. Auch die Kinder sind ängstlich, die Motorik ist nicht voll ausgebildet, die Stimmen leise. Ein neues Klettergerüst, das mit den Eltern gemeinsam gebaut wurde, zeigt schon Veränderungen bei den Kindern. Jetzt lachen sie laut, trauen sich etwas. An der Kita wird durchgehend gemessen, wie hoch die Strahlenentwicklung ist.

chrismon-Herausgeberin Dr. Margot Käßmann ist "Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017", kurz "Reformationsbotschafterin". Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lehrte zuvor als Gastprofessorin an der Ruhruniversität in Bochum Sozialethik und Ökumene. Margot Käßmann ist Autorin mehrerer Bücher in der edition chrismon.
Foto: Bettina Flitner
Die Angst der jungen Mütter ist nach wie vor groß. Das ist gut zu verstehen, aber warum bleiben sie, fragen wir. Es gibt viele Gründe, warum Menschen nicht weggehen, erklärt eine sehr engagierte junge Frau. Zwei, drei Generationen wohnen zusammen. Die junge Mutter will vielleicht gehen, aber Mann oder Eltern wollen bleiben. Teilweise leben Familien seit 500 Jahren in dieser Gegend, hier ist ihre Heimat. Die älteren Leute wollen nicht verstehen, warum ihr so schönes Gemüse, das sie traditionell gern anbauen, nicht mehr gesund sein soll. Der Familienvater hat einen Betrieb mit 70 Angestellten – soll er den verlassen? Das bringt Konflikte in Familien. Und: Der Großraum Fukushima ist nicht anerkannt als verseuchte Region. Daher kann eine normale Familie es sich finanziell gar nicht leisten, wegzugehen.

Die Alten gehen in die verstrahlen Häuser zurück. Wenn sie ohnehin bald sterben müssen, dann wenigstens zuhause

Die Regierung will etwas gegen die Angst tun, aber nicht gegen die Gründe für die Angst, wird uns gesagt. Also haben Frauen begonnen, die Strahlung zu messen, sich selbst kundig gemacht, wie zu messen ist und an welchen Orten zu welchen Zeiten. Die Medien werden als gleichgeschaltet wahrgenommen, die Regierung gibt ständig Entwarnungs-Meldungen. Das sät Misstrauen, zumal "Tepco", die Betreiberfirma des Kernkraftwerks Fukushima, schon vor der Katastrophe Störfälle immer nur mit Verzögerung oder unter öffentlichem Druck bekannt gegeben hat. Viele Leute glauben andererseits schlicht, was die Regierung sagt. Beispiel: Die Regierung öffnet einen Strand zum Schwimmen, müsste aber sagen, dass die Kinder nicht im Sand buddeln sollen, weil ab 10cm Tiefe die Strahlung erheblich ist. Die Messungen der zivilen Gruppen bringen zumindest Fakten zutage. Es geht um konkrete Zahlen.

Pfarrer Akashi erzählt, die Selbstmordrate sei hoch, vor allem unter den Umgesiedelten, die keine Perspektive für sich sehen. Diese Toten werden nicht zu den Opfern der Katastrophe gezählt, ebenso wenig diejenigen, die in den Tagen nach dem Unglück an den Folgen des Erdbebens oder des Tsunami starben. Etliche Alte gehen einfach zurück in die kontaminierten Gebiete, die nicht im Sperrgebiet liegen. Wenn sie ohnehin bald sterben müssen, dann wenigstens zuhause. Teile der Sperrzone sollen, so heißt es, im März 2017 aufgehoben werden.

Die Kirchengemeinde sei erst eine Bergarbeitergemeinde gewesen, sagt Pfarrer Akashi. Die Kirche wurde zerstört, mit viel Unterstützung neu aufgebaut und ist heute ein Zentrum für Geflüchtete und Evakuierte. Die Regierung behaupte, dass nach fünf Jahren alles geklärt sei, um die Region zu erhalten, um dem Tourismus an dieser wunderbaren Küste nicht noch mehr zu schaden. Und viele Menschen wollen von der Strahlenbelastung auch gar nichts wissen. Sie wollen sie lieber ignorieren und nicht damit konfrontiert werden. Die Politik tut zudem so, als sei allein die Region Fukushima betroffen. Wind und Regen haben die Strahlung aber weiter getragen, das wird völlig verschwiegen. Aus dem Reaktor tritt noch immer Kühlwasser aus, in den Pazifischen Ozean. Erhöhte Radioaktivität wird bis an die kalifornische Küste gemessen. Die Betreiberfirma "Tepco" aber sagt, das Abwasser sei nicht mehr so gefährlich. Warum sich die Strahlung zwischendurch immer wieder deutlich erhöht, wird entweder nicht erklärt oder im Nachhinein als Fehler entschuldigt.

Warum begehren die Leute nicht auf gegen Tepco?

Mir scheint, was die Leute am meisten aufbringt, ist die mangelnde oder nicht vertrauenswürdige Information. Warum werden die Leute nicht wütend, begehren nicht auf, frage ich. Nun, Tepco hat hier die Schule gebaut, das Rathaus, den Fußballplatz, viele Arbeitsplätze hängen bis heute von der Firma ab, vieles ist verwoben in einem intransparenten Machtgefüge.

Anschließend sind wir unterwegs mit dem Geigerzähler von Iwaki (Stadt mit 350.000 Einwohnern, gemessen an der flächenmäßigen Ausbreitung die siebtgrößte Stadt Japans) auf der Autobahn Richtung Reaktor Fukushima 1. Iwaki ist 150 Kilometer von der Stadt Fukushima entfernt, das Atomkraftwerk 45 Kilometer. Der kleine Geigerzähler am Körper zeigt 0,03 Microsievert pro Stunde, das Piepsen des großen Geigerzählers im Auto wird bald deutlich schneller, 0,12 zeigt er an. Draußen ist eine wunderschöne, bergige, blühende Landschaft von Mischwäldern zu sehen, dazu eine herrliche Küste, früher ein Touristengebiet. 0,37 misst der Geigerzähler am Körper inzwischen. Am Straßenrand steht ein Geigerzähler, der 0,1 angibt. Das, sagt das Bundesamt für Strahlenschutz, ist unbedenklich, wenn ein Mensch solcher Strahlung fünf Stunden ausgesetzt ist - es kommt halt darauf an, wie lange und wie oft. Der Geigerzähler im Auto schlägt aus auf 1,9 und piepst nun ununterbrochen. Am Straßenrand wird 0,6 angezeigt. Zwei Kilometer weiter auch dort: 1,9. Plötzlich geht es auf 0,2 zurück, der Fallout war offensichtlich sehr unterschiedlich.

Jetzt ist das Sperrgebiet zu erkennen, das mit Zäunen gesichert ist. Links riesige Lagerungen von verstrahltem Schutt und verstrahlter Erde unter Plastikplanen. Der Geigerzähler im Auto fängt an, verrückt zu spielen, er geht auf 2,5 hoch. Draußen ist herrliches Frühlingswetter. Wüsste man nichts von der Strahlung, würde man hier Urlaub machen wollen. Ich kann verstehen, dass die Menschen Angst haben, das ist unheimlich. Die Häuser links und rechts stehen leer, beginnen nach fünf Jahren inmitten von blühenden Gärten zu verfallen. Der Geigerzähler an der Straße zeigt eine Strahlung von 4,2. Überall lagern rechts und links tausende von Säcken mit abgetragener Erde. Der Geigerzähler im Auto sendet ein langes Warnsignal.

Unser Geigerzähler misst 13,1. Der offizielle an der Straße: 3,9

Fukushima 2 war gottseidank bereits vor dem Erdbeben und dem Tsunami stillgelegt. "Tepco" sagt, ein Tsunami mit zehn bis zwölf Meter hohen Wellen war vorher unvorstellbar. Aber Umweltgruppen hatten zuvor bereits gewarnt: Fukushima 1 solle auch still gelegt werden, weil es einem Tsunami nicht standhalten würde. Nun wird vor Gericht geklärt, ob "Tepco" den Menschen, die ihre Heimat verloren haben, Schadenersatz zahlen muss. Und für die Zerstörung, die angerichtet wurde.

Wir fahren auf der Bundesstraße 114 Richtung Meer. Der Geigerzähler spielt endgültig verrückt, links und rechts der Straße große wunderschöne, aber leerstehende Häuser. Es ist absolut gespenstisch. Ehemalige Läden sind zu sehen und Supermärkte mit leeren Parkplätzen, in Namije, einer Kleinstadt. Sie ist eine Geisterstadt.

Wir biegen ab auf die Küstenstraße Nummer 6, die erst seit zwei Jahren wieder geöffnet ist, allerdings nur für Autos, nicht für Fahrräder und Fußgänger. Erstaunlicherweise geht die Anzeige des Geigerzählers zunächst runter auf  0,12. Rechts und links ist jetzt alles abgesperrt. Der Geigerzähler springt auf 2,2. Leere Tankstellen, verrottende Autos und blühende Kirschbäume ziehen vorbei. Wer schützt eigentlich die Männer, die hier überall Erde abtragen, frage ich mich. Und immer wieder stehen Polizisten links und rechts, die aufpassen, dass niemand aussteigt. Sie sind ja auch Strahlung ausgesetzt. Wir kommen an die Zufahrtstraße zu Fukushima 1, der Geigerzähler im Auto geht auf 3,73, schließlich auf 4,8  hoch. Jetzt wollen wir es doch wissen und steigen aus. Draußen misst er 12,4, dann 13,1. Der offizielle Geigerzähler an der Straße zeigt 3,9.

Kein Wunder, dass die Menschen der Regierung nicht vertrauen

Wir fahren aus dem Sperrgebiet zu einem Aussichtspunkt. Hier dürfen Menschen wieder leben, der Geigerzähler aber zeigt noch immer 3,9, jetzt auch im Auto. Von dort kommen wir nach Yonomori, einer wunderschönen kleinen Stadt, 10 Kilometer vom Reaktor entfernt. Der Name bedeutet "Wald in der Nacht". Zu sehen sind Alleen mit Kirschbäumen, die die Blüte gerade hinter sich haben. Alles ist verlassen, alles ist abgesperrt, kein Ton ist zu hören außer dem Piepsen des Geigerzählers. Auf einer Straßenseite soll eine Vorbereitungszone zur Wiederansiedlung entstehen. Unser Begleiter, Herr Saito, der, seit er in Rente ist, Pfarrer Akashi zur Seite steht, entnimmt eine Bodenprobe: 13.000 Bequerel pro Kilo Boden werden in seinem mobilen Gerät gemessen. Dort, wo abgesperrt ist, werden 11.000 gemessen. Das ist doch absurd, die Wiederansiedlung links und rechts einer Straße zu erlauben oder nicht zu erlauben, zumal in dem Ansiedlungsgebiet die Belastung höher ist als im Sperrgebiet. Kein Wunder, dass die Menschen der Regierung nicht vertrauen, denke ich.

Erst seit Kurzem kann man überhaupt wieder hierher fahren. Die Magnolien blühen. Autos mit platten Reifen rosten vor sich hin. Auf einem Balkon hängt noch Wäsche – die Evakuierung verlief Hals über Kopf. Yonomori ist eine totenstille blühende Stadt ohne Menschen. Ich empfinde das als gespenstisch. Die Parkplätze vor den netten kleinen Geschäften wachsen langsam zu. Es ist geradezu unheimlich tonlos. Wir sehen ein Eichhörnchen über die Straße laufen. Was macht das alles mit der Tierwelt? Die Pastorin der deutschen Gemeinde in Tokio, Gabriele Zieme Diedrich erzählt, dass die Familien meist im überhasteten Aufbruch ihre Hunde zurück gelassen haben, die nun herum streunen. Einige Häuser sind offensichtlich erdbebengeschädigt, manche sicher nicht zu retten, andere vollkommen intakt. Die Ampeln funktionieren noch und blinken. In einem Laden hängen Kleider im Schaufenster. Der Geigerzähler am Straßenrand zeigt 2,1.                 

Fünf Kilometer weiter endet die Sperrzone. Die Mandelbäume blühen

Fünf Kilometer weiter endet die Sperrzone. Das Leben scheint fast normal. Der Geigerzähler zeigt 0,29. Die Mandelbäume blühen. Wir kommen zu einem Ferienresort mit Hotel, Zeltplatz und großem Kinderspielplatz direkt über dem Pazifik. Es ist ein grandioser Ort, aber menschenleer. Wer hinunter landeinwärts schaut, versteht warum. Riesige Mengen von Plastiksäcken werden hier gelagert und zu je Tausenden mit Plastikplanen abgedeckt. Auf einem Schild steht, dass die Tsunamiwelle hier 10,5 Meter hoch war. Im nächsten Dorf sind wunderschöne Häuser mit Pazifikblick zu sehen. Alle sind verlassen. Im Meer sind drei Windkraftanlagen zu sehen. Auf einem Schild steht, das sei "Fukushima FORWARD". Von Atomkatastrophe oder nuklearer Belastung kein Wort.

Wir kommen zurück nach Iwaki. Der Geigerzähler zeigt 0,13. Die Küste der Stadt ist 70km lang, ihr entlang werden Betonwellenbrecher ins Meer gebracht und eine riesige Deichschutzanlage gebaut. Der Pazifik wird bald nicht mehr zu sehen sein.

All das zeigt eine gewisse Hilflosigkeit. Weder kann die verseuchte Erde auf Dauer so lagern, noch kann der Deich zehn Meter hoch werden. Ministerpräsident Abé aber hat die Region besucht, erzählt unsere Reiseleiterin Junko Kikuche und hier demonstrativ Fisch gegessen. Auch lässt er offenbar viel Geld in die Region fließen, um zu zeigen, dass die Regierung alles im Griff hat. Alles ist gut in Fukushima?

Es wird Abend in Iwaki. Was für ein wunderbarer Flecken Erde mit Bergen auf der einen Seite und dem Pazifik auf der anderen. Das Klima ist mild, es wird maximal 28 Grad warm im Sommer. Die nukleare Verseuchung ist nicht zu sehen, nicht zu riechen, nur der Geigerzäher schlägt weiter an. Unheimlich ist das.

Aber der Mensch kann die Geister, die er rief, nicht beherrschen

Ich denke mit Claudia Ostarek, der Asienreferentin der EKD, darüber nach, ob die Geschichte vom Turmbau zu Babel hier theologisch greift. Ja, es geht um Menschen, die meinen, alles im Griff zu haben. Aber der Mensch kann die Geister, die er rief, nicht beherrschen. Helfen würde wohl nur eines: Unbedingte Aufklärung und Transparenz, damit Vertrauen wächst. Hilfe für die geschädigten Menschen und Konzepte, ob und wenn ja, wie eine nuklearverseuchte Gegend eine Zukunft finden kann. Und wir alle denken natürlich 30 Jahre zurück, an die Katastrophe von Tschernobyl. Wer das hier sieht, kann nicht begreifen, warum in Japan nicht längst alle AKWs abgeschaltet sind, sagt Hille Richers aus der rheinischen Kirche, die zu unserer Delegation gehört.

Am 27. April begleiten wir zunächst morgens eine Gruppe von Müttern, die auf dem Sportplatz einer Schule (Onamaha First Junior High School) Messungen vornimmt. Der offizielle Geigerzähler an der Schule zeigt einen Wert von 0,12 Mikrosievert, die Frauen messen 0,2. Die Behörden erklären, bis 0,23 sei der Wert unbedenklich, Umweltgruppen sagen, ab 0,18 liege eine Gefährdung vor.

Würde nicht jede Mutter versuchen, ihr Kind zu schützen?

Was ist das Ziel der Messungen, fragen wir Yumi Tshiba? Die Sicherheit der Kinder, sagen die Mütter. Aber sind die Kinder nicht noch mehr verunsichert, wenn sie einen Tag den Schulhof meiden sollen, den anderen nicht? Die Strahlung ist da, man kann ihr nicht entkommen. Es ist merkwürdig, an einem wunderbaren Frühlingstag in einem herrlichen Umfeld mit diesem "unsichtbaren Feind", wie sie ihn nennen, konfrontiert zu sein. Ja, sagt eine der Mütter, ihrer Tochter sei es unangenehm, wenn sie eigenes Essen mit in die Schule bringe und dadurch eine Sonderrolle spiele, die kritisch gesehen werde, auch von den Lehrern. Aber würde nicht jede Mutter versuchen, ihr Kind zu schützen?

Die Frauen bringen die Probe vom Sportplatz in das Zentrum "Tarachine", das Wort bedeutet Mutter. Schockierte Mütter haben hier begonnen, eine Messstation aufzubauen. Menschen können Erde aus ihrem Garten bringen, um zu testen, ob sie dort bedenkenlos Gemüse anbauen können. Es gibt einen Stuhl, mit dem eine Ganzkörperstrahlungsmessung möglich ist, und einen freundlichen Raum mit einem speziellen Sonografiegerät für Kinder. Die Zahl der Erkrankungen mit Leukämie und Schilddrüsenkrebs ist deutlich erhöht in Iwaki, berichtet die Leiterin Kaori Suzuki. Auch tritt bei Kindern vermehrt Collagenosis auf, eine Krankheit, die sonst nur bei Erwachsenen bekannt ist. Zudem erzählt die Leiterin, werden vielen Kindern, die unter psychischen Belastungen leiden und Schlafstörungen haben, Antidepressiva verabreicht. Kaori Suzuki sagt, vor der Katastrophe habe sie ein ganz normales Leben als Mutter geführt. Jetzt ist sie täglich hier im Zentrum, alles hat sich verändert. Im Labor wird auch Strontium und Tritium gemessen. Hikaru Amano, der Leiter des Labors war früher in der Atomwissenschaft tätig. Er hat eine Methode entwickelt, mit der man für die Messung nur noch vier Tage braucht - was früher Wochen dauerte. Die Forschungsmethode ist inzwischen veröffentlicht und anerkannt.

Ich kann verstehen, dass viele gerne den Beschwichtigungen der Regierung glauben

Zum Abschluss besuchen wir die Baptistengemeinde von Iwaki. Ihre Kirche lag 5 Kilometer vom Reaktor Fukushima 1 entfernt. Am Tag nach dem Erdbeben wurde die Evakuierung verfügt, 70.000 Menschen mussten innerhalb von Stunden das Gebiet verlassen. Pfarrer Akira Sato hat darüber ein Buch geschrieben, in dem er erzählt, wie einzelne Gemeindemitglieder durch den Tsunami oder die hohe Verstrahlung starben, andere auf der Flucht über ganz Japan verteilt wurden. Im Mai 2015 konnten sie in Iwaki, 60 Kilometer von der alten Kirche entfernt, ein neues Gemeindezentrum errichten. Es hat die Form eines Vogels, mit Flügeln, die ihn in Richtung der alten Heimat fliegen lassen. Besonders anrührend: Mit einer Sondergenehmigung und mit Schutzanzügen ausgerüstet, hat die Gemeinde die Urnen ihrer Toten aus dem Sperrgebiet geholt und in einem Kolumbarium aufgestellt.

Als wir mit unserer kleinen Delegation von vier Deutschen, einem Schweizer und vier begleitenden Japanern abreisen, bekommen wir von Pfarrer Akashi einen Ausdruck unserer Reiseroute vom 26.4., auf der die Strahlenbelastung in kurzen Abständen aufgezeichnet ist. "Da hatten wir mehr als die Hälfte der Höchstbelastung für ein Jahr", sagt Ulrich Lilie, Direktor des Diakonischen Werks. Wir fahren wieder ab. Selbst mit mehreren Langstreckenflügen werden wir die Höchstbelastungsgrenze wohl kaum erreichen. Die Menschen aber bleiben zurück in dieser wunderbaren Landschaft. Ich kann verstehen, dass viele von ihnen einfach verdrängen wollen und gerne den Beschwichtigungen der Regierung glauben. Wie sollen sie denn sonst auf Dauer hier leben?

Information

Dieser Text entstand auf der Reise einer deutsch-schweizerischen Kirchen-Delegation durch Japan. Mit dabei war auch Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, auch er hat seine Eindrücke für chrismon aufgeschrieben.

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Diakonie-Chef Ulrich Lilie hat seine Eindrücke aus einer der Geisterstädte um Fukushima aufgeschrieben

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Lesermeinungen

Ich beziehe mich auf den Artikel von Dr. Kaessmann.
Wenn 0.12 Mikrosievert / Std. gemessen werden, sind das ca. 1,052 Mikrosievert / Jahr. Das ist ein Zwanzigstel des Hoechstwertes von 20 Millisievert fuer beruflich strahlenexponierte Personen in Deutschland (und nicht das 51fache) und liegt im Bereich des fuer die Bevoelkerung festgelegten Hoechstwertes in Deutschland von 1 Millisievert (1,000 Mikrosievert). Ich will das Problem der in der Fukushimaregion gemessenen Strahlenwerte nicht kleinreden, aber korrekte Informationen sind EINE vertrauensbildende Massnahme.

Sehr geehrte Frau Meyer,

Vielen Dank für Ihren Hinweis: Die Werte sind zwar alle korrekt, in der Schlussfolgerung gab es aber wohl tatsächlich ein Missverständnis wegen der Einheiten. Wir haben die Passage aus dem Text auf jeden Fall entfernt, da sie für das Anliegen des Textes ohnehin nicht grundlegend ist.

Mit freundlichen Grüßen,

die chrismon.de-Online-Redaktion.