Wie man Freundschaften findet und pflegt

Sie können das allein?
Freunde im Boot

Monika Aichele

Sie brauchen keine Freunde ‒ oder Sie haben genug? Dann ist es ja gut. Für alle anderen gibt’s hier Tipps: Wie man welche findet, wie man sie pflegt. Und warum Frauen es damit leichter haben

chrismon: Wie viele Freunde haben Sie?

Wolfgang Krüger: Viele. Ich habe zunächst mal einen besten Freund, wir treffen uns jeden Samstag in einem Café, dann reden wir mindestens anderthalb Stunden mit­­ei­nander, und zwar über alles. Außerdem ha­be ich mehrere gute Frauenfreundschaf­ten, vor allem mit zwei Freundinnen tausche ich mich recht regelmäßig aus. Und dann habe ich an die 20 Durchschnittsfreundschaf­ten, mit diesen Menschen treffe ich mich gerne, würde ihnen aber nicht alles erzählen.

Warum suchen Sie trotzdem ständig nach neuen Freunden?

Weil ich sehe, dass der Freundeskreis kleiner wird, je älter man wird. Manche Freunde sind schon gestorben, andere weggezogen, einige fangen im Alter an, Menschen zu meiden. Und es gibt Freundschaften, aus denen die Luft raus ist. Man muss also immer wieder neue Freunde finden.

Schon ab 30 schrumpft der Freundeskreis. Warum eigentlich?

Solange wir in Kindergarten, Schule, Aus­bildung, Studium sind, sind wir in festen Gruppen. Wir begegnen dort den immer gleichen Menschen. Da haben auch Schüchterne Freundschaften. Schwierig wird es nach der Ausbildung, da muss man selbst die Initiative ergreifen, um Freunde zu finden. Und zwischen 30 und 45 stehen Liebe, Familie, Karriere im Vordergrund, Freundschaften fallen oft hinten runter.

In Umfragen zeigt sich rund die Hälfte der Leute unzufrieden mit ihren Freundschaften: Da sei zu wenig Nähe, und man fühlt sich unverstanden.

Oft sind die Freundschaften verflacht. Weil man nicht über die Konflikte gesprochen hat, die es in jeder Freundschaft irgendwann gibt. Weil man zu wenig Zeit investiert hat. Oder weil man mit sich selbst keine Freundschaft hat – wenn man nur so durchs Leben rauscht, ohne auch mal über sich nachzudenken, dann kann man auch der Freundin, dem Freund nicht gut zuhören, sie nicht verstehen in ihren vielleicht auch mal unangepassten Gedanken und in ihren Empfindlichkeiten.

Angenommen, ich habe einfach zu wenig Zeit investiert...

Zwei, drei Stunden die Woche sollte man reservieren für seine Freundschaften. So wie man sich Zeit für die Fitness reserviert. Wir sehen Freundschaften gern als Luxus, den wir uns erst dann leisten, wenn wir den Strudel des Alltags bewältigt ­haben. Dabei wird man reich beschenkt! Meine Freundschaften machen mich ausgegliche­ner, selbstbewusster, glücklicher. Auch deshalb habe ich viel Zeit, Kraft und Ideen in meine Freundschaften investiert.

Die Zeit habe ich mir womöglich nicht ­genommen, über Jahre nicht, und nun habe ich lauter lauwarme oder verflachte Freundschaften – was tun?

Freunde. Freundinnen. Freundschaft

Laut einer Umfrage im Magazin chrismon sind Freunde für über 80 Prozent der Menschen ein wichtiges Kriterium für Heimat. Liebesbeziehungen werden als deutlich fragiler empfunden, Familienbande bedeuten nicht immer Glück. Herausgegeben von Arnd Brummer. Bei der edition chrismon erhältlich (über die Hotline 0800 / 247 47 66 oder unter www.chrismonshop.de).

Erst einmal verschaffen Sie sich eine Übersicht über die Art Ihrer Freundschaften. Gibt es Herzensfreundschaften darunter? Das sind die, wo man wirklich über sich selbst spricht und nicht nur über das gemeinsame Dritte – den Chef, die Kinder... Da ist man wirklich an der Entwicklung des anderen interessiert. Dann gibt es noch die Vitamin-B-Freundschaften, da geht es vor allem um wechselseitigen Nutzen; es gibt natürlich auch die Freizeitfreundschaf­ten, Gruppenfreundschaften und andere alltägliche Freundschaften, wo einen gemeinsame Interessen verbinden, und sei es die gemeinsame Not.

Nun habe ich vielleicht vor allem Durchschnittsfreundschaften, ist das schlecht?

Nein. Wir brauchen nicht nur die aller­bes­ten drei Freunde und Freundinnen als ­Inselchen im Ozean, wir brauchen auch ­soziale Dörfer, so was wie einen erweiterten Freundeskreis. Auch Durchschnittsfreundschaften können uns einiges geben – wenn man von diesen Freunden nicht zu viel ­erwartet. Sie rufen nun mal selten an und haben nicht so viel Interesse an Ihrem ­Leben. Machen Sie was gemein­sam! Freundschaften brauchen Erlebnismaterial.

Und dann habe ich vielleicht noch Be­ziehungen, die waren mal intensiv, jetzt sind es eher Freundschaftsruinen...

Und man kann im Moment nicht sagen, ob daraus noch was werden könnte. Um das wieder einschätzen zu können, stellen Sie Fragen, auch ungewöhnliche. Sag mal, bist du glücklich? Man muss Fragen stellen, um den Puls des anderen wieder zu spüren. Wie geht es dir im Beruf? Wolltest du nicht mal was ganz anderes machen? Was waren die aufregendsten Momente deines Lebens? Die schönsten? Ich bin oft erstaunt, wie wenig Menschen über ihre Freunde wissen. Wissen Sie, ob Ihre Freunde gelegentlich unter Ängsten, Schlafstörungen oder Schuldgefühlen leiden?

"Man braucht auch Durchschnittsfreunde – als soziales Dorf"

Jetzt hat jemand auch ein, zwei enge Freundschaften, die bräuchten aber neuen Schwung. Was raten Sie?

Mir fiel irgendwann auf, dass ich meine bes­ten Freunde und Freundinnen im späteren Erwachsenenalter kennengelernt ­habe und dass ich sie manchmal nicht richtig verstand, weil ich ihre Kindheit nicht kannte. Also sagte ich zu meinen besten Freunden: Zeigt mir eure Foto­alben, erzählt mir dazu Geschichten, ich will ­wissen, was vor meiner Zeit war. Das war sehr bewegend für mich, was mir da geschildert wurde.

Und was mache ich, wenn es in einer Freundschaft Kränkungen gab, Konflikte?

Dann ist es Zeit für ein Freundschaftsgespräch. Jeder sollte dem anderen mitteilen, was er sich in Zukunft wünscht und was er gern geändert hätte. Aber sagen Sie der Freundin gleichzeitig, was Ihnen an ihr gefällt! Und machen Sie das entwaffnende Angebot, dass Sie gern auch jene Eigenschaften bei sich ändern würden, die sie als störend empfindet.

Und wenn jemand keine oder nur wenige Freunde hat, wie auch immer das ge­kommen ist – was könnte so jemand tun, um neue Freunde und Freundinnen zu ­finden?

Ich habe Patienten mit leichter Depression oder mit Unsicherheitsgefühlen – die ­reden manchmal einen ganzen Tag lang mit niemandem. Ich frage: Kennen Sie Ihre Nachbarn? Nein. Ich finde das unsäglich. In Großstädten muss man sich sein soziales Dorf nun mal selbst schaffen, indem man zu anderen Kontakt aufnimmt. Als ich in das große Haus zog, in dem ich jetzt ­wohne, habe ich öfter ein großes Blech Pflaumenkuchen gebacken und jeder der 24 Mietparteien einen Teller Kuchen gebracht.

Für solche Kontaktaufnahmen braucht man Selbstbewusstsein.

Natürlich, ich muss davon überzeugt sein, dass ich eine Freude für andere Leute bin, ein Geschenk. Überlegen Sie mal: Was sind Ihre drei wichtigsten positiven Eigen­schaften? Inwiefern könnten Sie eine Bereicherung für andere Menschen sein?

Die Leute könnten sich gestört fühlen...

Die meisten Menschen haben Sehnsucht nach Kontakt, sind aber vorsichtig, nach dem Motto: Keine Sau ruft mich an. Sie erwarten, dass der andere das Risiko auf sich nimmt, den Kontakt herzustellen.

Und wie kommt man vom bloßen Kontakt zur Freundschaft?

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Beispiel: Ich mache Radtouren mit einem Verein und gehe da recht schnell auf andere zu. Man fängt mit banalen Themen an wie „Das Wetter heute ist doch besser, als man dachte“, nach fünf Minuten landet man bei der schönen Klingel des anderen, nach einer Viertelstunde beim Beruf, und schon ist man bei den spannenden Themen des Lebens. Und wenn mir dann jemand gefällt, gebe ich dem anderen so gut wie immer meine Visitenkarte oder frage nach der Telefonnummer und sage dazu: Mensch, das Gespräch war ausgesprochen interessant, wir sollten uns mal treffen. Ich habe fast noch nie erlebt, dass der andere sagt, er habe keine Lust.

Und dann treffen Sie sich?

Ich mache im Schnitt einmal im Monat ein „Treffen auf Probe“ mit den Leuten, mit denen das erste Gespräch erfreulich war. Und wenn dieses Treffen gut geht, dann mache ich weitere Treffen. Manchmal verläuft es sich dann, weil ich merke, es passt doch nicht so ganz. Ansonsten ­lade ich die auch mal zu meinem Kinokreis ein oder auf mein großes ­Geburtstagsfest, und wenn wir uns gut verstehen, entwickelt sich manchmal im Laufe von ein bis zwei Jahren eine tiefere Freundschaft.

Wie oft ist das?

Eher selten. Echte Freunde finden, das ist wie das Schürfen nach einem Diamanten. Also dass man jemanden findet, mit dem man sich sehr gut versteht, wo man den gleichen Humor hat, die gleichen Interessen, wo auch das gleiche Bedürfnis da ist, sich immer wieder zu ­sehen – das ist ein Glücksfall. Ich lerne im Laufe­ eines Jahres vielleicht 30, 40 Leute kennen, daraus ergeben sich vier, fünf ­nähere Kontakte, und wenn ich Glück habe, kommt am Ende eine Freundschaft dabei heraus.

Manche Menschen haben ihre Partnerin, ihren Partner zugleich als beste Freundin, besten Freund.

In einer Ehe miteinander befreundet zu sein, ist der Kern der Beziehung. Dass man sich zuhört, einander unterstützt. Und dass man gemeinsame Interessen hat, über die man auch dann ­reden kann, wenn man mal etwas stärkere Distanzgefühle hat. Ernst Bloch sagte mal, Ehen gehen vor allem aus mangelnder Freundschaft zugrunde und nicht aus mangelnder Liebe und mangelnder Intimität.

"Freundschaften sind lebenswichtig, aber nicht immer beglückend"

Wozu braucht man dann noch weitere Freundschaften?

Weil Freundschaften die Partnerschaft entlasten. Die Partnerin muss mir nicht alles bieten.

Vor allem Männer haben oft nur ihre Partnerin, aber keine weiteren Freunde.

Nach meinen Recherchen haben sogar zwei Drittel aller Männer keine wirklich guten Freunde, denen sie etwas von sich erzählen. Wenn Männer dennoch Freundschaften beginnen, ist es überwiegend die Freundschaft mit einer Frau. Der Mangel an Freundschaften ist ein großes Problem im Leben der Männer. Sie reden gern über sachliche Themen und über alles, was gut geht. Solche Freundschaften sind nett, ­taugen aber nichts, wenn man in eine Krise gerät. Nach Trennungen fallen Männer in ein soziales Nichts. Männer müssen lernen, auch mit ihren Geschlechtsgenossen intensive Bindungen einzugehen. Sie würden unendlich davon profitieren.

Aus all dem höre ich heraus: Ich muss was wagen, wenn ich Freundschaften haben will. Und was aushalten. Freundschaften sind nicht nur Zuckerschlecken.

In allen Freundschaften gibt es irgendwann Kränkungen, wie in allen Beziehungen, die etwas persönlicher sind. Was uns glücklich machen kann, kann uns auch verletzen. Unverletzlich sind wir nur dort, wo wir gleichgültig sind. Die Freunde sagen Dinge ungeschickt, oder sie enttäuschen, weil sie keine Zeit haben. Selbst mit meinem besten Freund hatte ich immer wieder heftige Konflikte. Oft ging es um Erwartungen, die der andere nicht erfüllt hat – was weiß ich: Der eine hält einen Vortrag, der andere geht nicht hin. Oder ein enger Freund vergisst meinen Geburtstag. Ich sage dann schon mal: Du, so geht das nicht. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Freundschaften sich viel mehr ändern können, als man je gedacht hat.

Menschen können sich ändern?

Ich habe zwei Erfahrungen gemacht: dass Menschen sich doch mehr ändern, als man denkt; aber man muss damit rechnen, dass der andere im Kern so bleibt, wie er ist. Das heißt: Meine besten Freunde erzählen mir immer wieder die gleichen Themen, sie ­nagen am immer gleichen Knochen. Ich hab zum Beispiel Freunde, die alles aufschieben im Leben, interessante Freunde, nette Freunde, aber ich muss mich mit bestimmten Kernproblemen abfinden. Und ich kann gut damit leben, weil es in anderen Bereichen Entwicklungen gibt. Gerade in langjährigen Freundschaften sehe ich: Da ist Wichtiges passiert, und möglicherweise haben auch meine Worte dazu beigetragen. Das Geheimnis guter Freundschaften ist wahrscheinlich, dass man irgendwann weiß, was man ändern kann und was nicht.

Sie sind kein Freundschaftsverklärer, oder?

Nein, mich stört das, wie sehr Freundschaften in Büchern und Vorträgen verklärt werden. Mit unseren alltäglichen Durchschnittsfreundschaften hat das nicht viel zu tun. Freundschaften sind lebenswichtig, aber nicht immer sind sie beglückend. Oft sind sie schwierig – weil wir alle in irgend­einer Weise schwierig sind, manchmal kann ich nicht zuhören, oder ich brauche Distanz, oder ich bin schlecht gelaunt...Das große Problem in Freundschaften ist: Es ist so leicht, sich zurückzuziehen. In Partnerschaften müssen Sie die Konflikte ansprechen, zumindest wenn man zusammenwohnt. In einer Freundschaft braucht man den anderen einfach nicht mehr anzurufen, und schon hat sich das verläppert.

Ich möchte noch was Entlastendes von Ihnen hören. Mehr als ein Viertel der Deutschen hat keine richtig guten Freunde. Ich kenne einige – das sind liebenswürdige Menschen. Müssen die jetzt alle unglücklich sein?

Wir alle brauchen im Leben einen Bezugspunkt, ein emotionales Echo. Das sind nicht immer Menschen. Manchmal kann man auch mit Büchern, mit Tieren be­freundet sein. Aber wenn wir mit einem anderen Menschen befreundet sind und mit ihm reden, lachen, weinen – das ist doch etwas Wunderschönes und Besonderes.

Dr. Wolfgang Krüger

Dr. Wolfgang Krüger, 1948 geboren, Psycho­therapeut in Berlin, forscht über Freundschaften und bietet zu diesem Thema auch Beratung an. Sein Buch zum Thema: Wolfgang Krüger: Freundschaft beginnen – verbessern – gestalten. 2015, 9,90 Euro, ISBN  978-3738656077.
Foto: PR

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Lesermeinungen

Vielen Dank für den Artikel und die guten Impulse! Ich mag mit diesen Anregungen gerne mal wieder was riskieren in Sachen Freundschaft.
Die vielgepriesene "berufliche Flexibilität" funktioniert oft auch nur um den Preis, Freunde zurückzulassen. Da finde ich gemeinsame Urlaubsreisen eine tolle Gelegenheit alte Freundschaften mit frischen Erlebnissen in die Gegenwart zu holen.