Empathie und Vergebung lernen in Ruanda

Den Mördern die Hand geben?
Täter und Opfer in Ruanda

Anne Ackermann

Wer von Deutschland nach Ruanda reist, kann vieles lernen. Zum Beispiel Versöhnung. So ein großes Herz!

Da treffe ich 6000 Kilometer von meinem Zuhause entfernt eine Frau, Rose, die so alt ist wie ich und auch eine Narbe am rechten Unterarm trägt. Acht Zenti­meter lang, längst verheilt, aber sie wird immer sichtbar sein.

Meine Narbe stammt von einem Sportunfall, ich war vor zehn Jahren mit meinen Kindern bei einer Skatenight für Inliner am Bodensee und konnte nicht rechtzeitig bremsen. Hochkomplizierter Handgelenkbruch, den ich nie vergessen werde. Wegen der Narbe. Und weil ich bis heute böse bin auf den Chirurgen, der in jener Sommernacht offenbar eine falsche Operations­methode anwandte.

Roses Narbe stammt nicht vom Sport. Roses Hand hat vor 22 Jahren ein Mann aus ihrem Dorf schwer verstümmelt, mit einer Machete. Rose ist katholisch, sie hatte im April 1994 Zuflucht in der Kirche von ­Nyundo im Norden von Ruanda gesucht. So wie ­60 andere Familien, darunter 42 Kinder. „Der Tod hat über uns geherrscht“ steht heute auf einem Transparent in diesem Gotteshaus, denn fast alle wurden umgebracht, Nyundo nennen sie heute die rote Gemeinde – wegen des vielen Blutes.

Auch Rose hat den größten Teil ihrer ­Familie verloren, ihr Angreifer dachte, dass auch Rose tot sei, denn sie lag auf einem Berg von Leichen. Ihre Hand wurde operiert. Neulich musste sie umziehen, weil ihr Haus durch Überschwemmungen gefährdet war. Und jetzt wohnt sie, ­Fügung oder Zufall, neben dem Mann, der ihr diese Narbe zugefügt hat. Sie wohnt Hausnummer eins, er wohnt Hausnummer zwei. Roses Kinder, 13, 15, 17 und 20 Jahre alt, spielen mit den Kindern des Täters, der nach zwölf Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden war. „Auch ein Mörder ist ein Mensch“, sagt sie, „er hat seine Schuld bekannt, Gott half mir, ihm zu vergeben.“

Drei Dinge, die ich an Ruanda bewundere

 Rose
Roses Worte klingen wie ein ­Programm, und sie sind es auch: Ruanda ist ein Labor für eine gigantische Versöhnung­, angeleitet von den christlichen Kirchen und der Regierung. „Versöhnung ist die Grundlage für das Leben in diesem Land“, sagt Roses Schwager, Pascal Bataringaya, Kirchenpräsident von Ruanda. Er hat in Bochum studiert und 2011 über Dietrich Bonhoeffers Friedensethik promoviert, er ist der perfekte Gesprächspartner: Was kann die ruandische Gesellschaft von Bonhoeffer lernen? Lässt sich Versöhnung verordnen? Was können wir Deutsche von Ruanda lernen? Denn nichts anderes bedeutet Mission heute, wenn man bei der Evangelischen Kirche in Deutschland nachliest: „Mission verändert beide Dialogpartner.“ Ich ver­stehe es so: Die Besucherin aus Deutschland, Mitglied einer Kirche mit massivem Mitgliederschwund (nur noch 57 Prozent der Deutschen gehören zu einer christlichen Kirche), reist in ein afrikanisches Land, in dem 90 Prozent der Bewohner Christen sind. Und fragt sich: Was können die besser als wir?

Ich bin eine gute Testperson für diese Frage. Ich bin extrem nachtragend – nicht nur auf den Chirurgen bin ich heute noch sauer. Ich hege keine romantische Afrika­begeisterung: Auch nach der faszinieren­den Reise durch Ruanda danke ich dem lieben Gott recht herzlich, dass er mich im wohlhabenden, sicheren und angenehm temperierten Oberschwaben hat zur Welt kommen lassen. Und ich bin ein Kopfmensch, das Anfassen wildfremder, womöglich erkälteter Menschen, aufdringlich lautes Singen und Tanzen in der ­Kirche sind mir ein Gräuel. Und trotzdem sind es die folgenden drei Dinge, die ich jetzt bewundernd weitererzähle: Versöhnung zwischen einst verfeindeten Volksgruppen. Eine Fröhlichkeit, die mir in einer evangelischen Kirche endlich den Soundtrack liefert zu einer meiner Lieblingsbibel­stellen aus der Apostelgeschichte, es ist der Taufspruch meines jüngsten Sohnes: „Der Kämmerer zog aber seine Straße fröhlich.“ Und das Gefühl, dass ich ganz persönlich gemeint und willkommen bin.

Die Autorin

 Foto: Lena Uphoff
Ursula Ott, 1963 zur Welt gekommen, hat auch die ­Geschichte des Por­tiers im Gäste­haus der evangelischen Kirche aufgeschrieben.
Versöhnung, sagt der Kirchenpräsident, setzt das Schuldbekenntnis voraus – darum versteht er auch meinen Groll auf den ­Chirurgen. „Der hätte den Fehler einräumen sollen.“ Pascal findet auch den Ver­gleich keineswegs banal, denn genau das wird heute, 22 Jahre nach dem Genozid, in evangelischen Kirchengemeinden in ­Ruanda gelehrt: Schuld bekennen im Großen wie im Kleinen. Konflikte schlichten, auch die alltäglichen. Vergeben.

Remera, eine Kirchengemeinde etwa eine Stunde von Kigali entfernt: Eine holprige Staubpiste führt zu dem Dorf, in dem am 20. April 1994 eines von vielen Massakern stattfand. In der Dorfschule hatten sich zehn Pastoren und 29 Kinder versteckt, drei Wochen lang, dann ver­riet sich eines der Kinder nachts beim Holen des Essens. Die Milizen brachten alle 39 Geflüchteten um. Heute steht Remera als leuchtendes Beispiel für Versöhnung, drum heißt sie auch „Light“, die Gruppe der evangelischen Kirchengemeinde, die jeden Sonntag Täter und Opfer zusammen auf eine Kirchenbank bringt.

"Der Pfarrer hat uns Medizin gegeben" – gegen die Grausamkeit

Für die Besucherin aus Deutschland haben sie sich im Gemeindesaal um einen Tisch versammelt, immer abwechselnd ein Täter und ein Opfer. Sie singen ein Kirchenlied zur Begrüßung. Kalisa Jean Bosco steht auf, er gehört zu den Tätern, man merkt sofort, dass er seinen Text nicht zum ersten Mal aufsagt. „Als ich aus dem Gefängnis kam, haben sich alle im Dorf weggedreht. Ich wollte weglaufen, aber wohin?“ Gott habe ihm den Pastor geschickt, sagt er, und ­dessen Gruppe „Light“, wo sie jeden Sonntag wieder versuchten, zusammen in einer Kirche zu beten. „Beim ersten Mal konnten wir uns nicht in die Augen sehen. Beim zweiten Treffen konnten wir uns die Hand geben. Heute sind wir fast wie Klassen­kameraden.“

Anasatasi erhebt sich, sie ist Witwe, hat Mann und drei Kinder im Genozid ver­loren. „Ich hatte gehofft, dass die Mörder nie wieder aus dem Gefängnis kommen“, gibt sie zu. „Aber ich war als Witwe auch sehr, sehr einsam.“ Als die ersten Haftentlassenen zurückkamen ins Dorf, als der Pfarrer anfing mit seinem Versöhnungsprogramm, „da habe ich verstanden: Es gibt Trost. Es gibt Vergebung. Und Taten sagen mehr als Worte.“ Heute hilft die „Light“-Gruppe ihr beim Bestellen ihres Feldes und hat die Hochzeit eines ihrer Kinder organisiert.

Die Fotografin

 Foto: Privat
Anne Ackermann, 1980 geboren, lebt mit Familie in Kampala, Uganda, und war beeindruckt von der Bilderbuchlandschaft in Ruanda.
Pastor Jerome Bizimana hat nach seinem Theologiestudium eine Ausbildung in Konfliktmanagement gemacht. „Konflikte sind unausweichlich im Leben, aber Gewalt ist eine Entscheidung.“ Wenn ­Bizimana spricht, hört man die Lektionen von der Uni. Und genau so haben sich die Dorfbewohner das auch notiert. „Hier steht alles drin“, sagt Célestin, einer der Täter, und zeigt auf den blauen Block mit gelben Wellen, den gleichen, den die Reporterin sich in Kigali auf dem Kimironko-Markt gekauft hat, „in diesem Block steht alles drin, was ich wissen muss. Ich habe fünf Tage Ausbildung zum Friedens­schlichter gemacht.“ Es waren, sagt der Pfarrer später auf der Rückfahrt, eigentlich nur drei Tage, aber man versteht, dieser Block, dieser Kurs, diese Sätze – daran halten sich die Mörder von einst fest. „Der Pastor hat uns Medizin gegeben“, sagt Célestin, und er meint: Medizin gegen die Grausamkeit. Célestin ist Mitglied der zweiten Gruppe in der Gemeinde, der „Peacekeepers“. Während „Light“ vor allem Trost, Versöhnung und Sozialarbeit praktiziert, schlichten die Peacekeeper kleine Konflikte im Dorf. Wenn ein Sänger den Kirchenchor ver­lassen will, wenn sich zwei Söhne ums Erbe streiten oder ein Ehepaar sich trennen will. Dann kommen die Streitschlichter, kleine ­Komitees ehemaliger Täter und Opfer, und versuchen, den Konflikt zu schlichten. Mit dem Wissen, das ihnen der Pastor ver­mittelt hat und im gelben Block notiert ist. 

Ob diese Medizin wirklich immun macht gegen Gewalt? Studien der ruan­di­schen Regierung sagen, dass nur noch 22 Prozent der Bevölkerung Angst haben, dass wieder ein Genozid geschehen kann. Vor fünf Jahren waren es noch 40 Prozent. Und hier in Remera? Ich bitte um Handzeichen. Wer glaubt, dass noch einmal die Düsternis über die „Light“-Gruppe hereinbrechen könnte? Keiner meldet sich. Wer glaubt, dass sie für immer friedlich zusammenleben werden? Alle Hände schnellen in die Höhe. Kalisa Jean Bosco steht auf, räuspert sich. „Sie wissen vielleicht nicht, wie sich das anfühlt, wenn man in einer Kirche steht und vor allen Leuten sagt: Ich habe gemordet. Das machen Sie nur einmal. Und das macht Sie sehr, sehr stark.“

Beschämt fahre ich zurück in die Hauptstadt. Es stimmt, ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor vielen Menschen Schuld zu bekennen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie es sich anfühlt, in einer Kirche laut irgendwas zu sagen – außer das Vaterunser. Das ändert sich schneller, als mir recht ist, denn der nächste Tag ist ein Sonntag. Es ist ein Wochenende im Februar, und wie es der Zufall will, lese ich beim Frühstück auf der Terrasse meines evangelischen Gäste­hauses die „Süddeutsche Zeitung“. Im Reise­teil ist vom neuesten Partytrend in Berlin die Rede, „Lucid-Dance“. Ohne Alkohol, mit Kerzen und Lichterketten wird in alten Fabrikgebäuden ein „beseeltes Sonntags-Gathering“ gefeiert. „Was möchtet ihr loslassen? Fragt euer Herz nach seinen Wünschen!“, ruft angeblich der DJ in die wogenden Massen. Und in einer Ecke des Dancefloors wartet eine „Empathie-Station“ auf Tanzmüde, die ihre Geschichte loswerden wollen. Schreibt der Partyreporter aus Berlin.

Schön, dass du da bist. Yeah!

Während ich das in Kigali lese, werden in der Kirche nebenan schon die Soundsysteme für den Gottesdienst in der Landessprache Kinyarwanda aufgebaut, drei Stunden, ich höre bereits erste Gospelklänge. Gospel ist nicht mein Ding, drei Stunden singen und tanzen auch nicht. Ich entscheide mich für die kürzeste Variante, von neun bis zehn, Gottesdienst auf Französisch. Doch selbst diese Kurzversion von afrikanischem ­Gottesdienst enthält alle Elemente der Berliner Lucid-Dance-Party. Unglaublich gute Laune, ganz ohne Alkohol. Tanzen ohne Anfasszwang. Und alle Besucher werden ihre persönliche Geschichte los. Kurzum: die Kirche, eine einzige Empathie-Station. Ob das auch bei uns ginge?

 Schön, dass du da bist! Wer in Kigali einen Gottesdienst besucht, kommt gerne wieder
Ich bin, typisch deutsch, Punkt neun Uhr da und ergattere einen der wenigen Liederzettel, im Gegensatz zu meiner verspäteten Nachbarin, wahrscheinlich eine Folge ihrer deutlich elaborierteren Aufsteckfrisur. Erst guckt sie bei mir rein, dann nimmt sie mir den Zettel ab, dann legt sie ihn so weit weg, dass wir beide nicht drankommen, kompensiert den fehlenden Liedtext durch wogende Hüften und macht dem Pfarrer ein Zeichen, dass ich neu bin. Ach herrje, ich hasse das. „Wir freuen uns über einen Gast in unserer ­Gemeinde.“ Ich stehe auf, sage, dass ich Journalistin bin – uninteressant in einem Land ohne Pressefreiheit. Dass ich einen Sohn habe, der in Ruanda Freiwilligendienst macht – tosender Beifall, später beten wir noch für den Sohn. Und ich sage, dass ich eine Woche bleibe. „Ist eine Woche lang genug, um ­Ursulas Freundin zu werden?“ – „Yeeeaah!“ Es ist dieses Yeeeah, das ich von meinen pubertierenden Kindern kenne, die benutzen es ironisch. „Ich muss noch Mathe lernen, yeeah.“ Die Gottesdienstbesucher hier meinen es ernst, aber auch nicht so ernst, dass man gleich den Sonntag miteinander verbringen müsste – es ist schlicht die Botschaft: Schön, dass du da bist. Yeah!

Und jetzt kommt es wieder, dieses „Ich bekenne mich“, das ich schon kenne. Einer nach dem anderen steht auf. Was auf der säkularen Party in Berlin heißt „Fragt euer Herz nach seinen Wünschen“, wird hier im evangelischen Gottesdienst vom Ende her gedacht: „Wofür dankt ihr Gott diese ­Woche?“ Klingt auch nicht kitschiger. Und ist sehr unterhaltsam. Meine Nachbarin, nun ohne Liedzettel, erzählt, wie sie jeden Tag auf die Unterhaltszahlungen ihres Mannes gewartet hat. „Hat er Montag bezahlt?“ Die Gemeinde: „Nein!“ „Hat er Dienstag bezahlt?“ – „Nein!“ Und am Mittwoch, man ahnt es, kam die Überweisung. So kann der Sohn Konfirmation feiern und zum Gymnasium gehen. Wir klatschen Beifall, für die coole Performance, für den Konfirmanden, der etwas beschämt daneben sitzt, für Gott und das Geld. So erfahren wir, dass ein Opa seinen Enkel beerdigen musste, eine junge Frau endlich einen Teilzeitjob fand und der Pfarrer heute Hochzeitstag hat. „Vor acht Jahren stand ich vor euch mit klopfendem Herzen“, sagt er, „und das Tolle ist: Mein Herz klopft immer noch.“ Die Stimmung ist jetzt kurz vorm Siedepunkt.

Eine ziemlich coole Empathie-Station

Die Predigt, na ja. Es geht um Facebook und Whatsapp, man soll nicht so viel telefonieren am Steuer, sagt der Kirchenälteste, und außerdem die To-do-Liste abbauen. Als ich das später einem seiner Kollegen erzähle, fängt der sofort an zu lästern. „Das hat der gesagt? Grade der? Der ist Hochzeits- und Eventmanager im Hauptberuf, ich kenne niemanden, der so viel mit dem Handy telefoniert.“ Er muss lachen. „Aber ob du nächsten Sonntag wiederkommst, dafür ist doch nicht die Predigt verantwortlich.“ Doch, widerspreche ich, ich bin eine große Freundin des Wortes. „Es gibt nur ein Kriterium, ob du wiederkommst: Hattest du das Gefühl, dass die anderen sich freuen, dass du da bist?“

Ja, das Gefühl hatte ich. Klar habe ich das manchmal auch im deutschen Gottesdienst. Aber in meiner Heimat kann es schon mal passieren, dass der Pfarrer bei der Konfirmation den Jugendlichen sagt, man sehe sich ja eh nie wieder. Oder man wird beschimpft, weil die Kirche so leer ist. So ein bisschen Willkommenskultur, denke ich mir, könnte sich der eine oder andere Kollege schon abgucken in Ruanda. Und ich? Könnte mir das mit der Versöhnung noch mal überlegen, eigentlich ist die Narbe an meinem Arm jetzt doch ganz gut verheilt.

Am Ende haben sie in Kigali noch gebetet für meine sichere Heimreise, sie wussten ja, dass ich am Sonntag drauf nicht mehr in ihren Gottesdienst kommen würde. Ich glaube nicht an einen Gott, der im Tower von Kigali sitzt und Flugzeuge sicher starten und landen lässt. Aber ich glaube an die Kraft der Worte. Wenn ein Volk, das in 15 Wochen eine Million Bürger verloren hat – und auch die Hälfte seiner Pfarrer –, wenn die ausgerechnet dafür beten, dass eine privilegierte Journalistin mit einem KLM-Ticket sicher nach Hause kommt, dann wirkt das ganz wunderbar gegen Flugangst. Und in Berlin würden sie vermutlich sagen: Dann ist das hier eine ziemlich coole Empathie-Station. Yeah!

 Ursula Ott mit der Kirchengemeinde in Remera, Ruanda.Foto: Privat

Information

Wer für die Versöhnungsarbeit in Remera spenden möchte, wendet sich an den "Verein zur Förderung der Versöhnungsforschung und –Praxis" in Jena: www.vvv-jena.de

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Lesermeinungen

Eindrucksvoll!

Aber ich kann es nicht glauben. Ich kann einfach nicht glauben, dass die Hinterbliebenen den Mördern dieses grauenhaften Genozids, die ihre Liebsten eigenhändig in Stücke gehackt oder bei lebendigem Leibe verbrannt und sie selbst zum Teil versehrt haben, wirklich vergeben und sich mit ihnen versöhnen können.

Ich denke vielmehr, dass tief in der Seele Hass und Rachegelüste auf den Anlass warten, Vergeltung an der anderen Volksgruppe zu üben und dass umgekehrt auch der Hass der Mörder auf die Übriggebliebenen weiter schwelt!

Paradoxerweise könnte gerade eine Liberalisierung des repressiven Staates Ruanda der Auslöser dafür sein.

Ich hoffe, ich irre mich.

Echte Schuldbekenntnisse, wirkliche Vergebung und tatsächliche Versöhnung – es wäre, ja doch, ein Wunder.

Michael Meinsen

Hannover

Ich war gar nicht fromm. Nur neugierig. Besonders auf Menschen. Theologie studiert habe ich aus Lust an Geschichten und alten Sprachen. Berufsziel war klar: Sicher kein Gemeindepfarramt, vielleicht etwas mit Medien.

Und dann kam das Semester in Kamerun. (Ich wollte übrigens zur Horizonterweiterung irgendwohin ins Ausland, bloss nicht nach Afrika...) 

In den 4 Monaten Kamerun habe ich beten gelernt. (Vielleicht müsste ich sogar sagen glauben gelernt.) Das selbstverständliche, das schlichte, so gar nicht aufgesetzte Beten meiner Mitstudierenden (ca 50 Männer und 3 Frauen, alles KamerunerInnen) vor dem Essen vor dem Schlafen in der Küche in der Kirche, das hat mir gefallen. 

Als Gast wurde ich - schon am ersten Tag! - aufgefordert, laut für alle das Tischgebet zu sprechen. Himmel, und das auch noch englisch... Ich fand kaum Worte. Es war mir peinlich. Aber ich hab's geübt und gelernt.

Wenn ich nicht in Kamerun gewesen wäre, hätte ich nicht Pfarrerin werden können. Auch zurück in der Schweiz habe ich mir ein Stück Kamerun bewahrt: Ich habe mich von der unverkrampften alltagstauglichen unkomplizierten Frömmigkeit anstecken lassen.  Und kann seither - nicht ganz unverkrampft, geb ich zu - am Tisch im Zug am Bett von grossen und kleinen Menschen beten. GottSeiDank.

Pascale Huber
Pfarrerin | Publizistische Leiterin | Radio- und Fernsehbeauftragte

Liebe Leser, kurz zu "Frau Ott und ihrem Sportunfall". Das ist ein Einstieg - Sie finden ihn banal, das respektiere ich. Es ist der Versuch, ein Thema, das sehr weit weg spielt, hierher zu holen. Sicher wissen Sie, wie  schwer es ist, Themen aus Ländern des Südens hier auf die Agenda zu setzen. Die meisten Leser nehmen diese Geschichten einfach nicht zu Kenntnis. Oder können Sie sich erinnern, in der Tagesschau in letzter Zeit über Afrika gehört zu haben? Ebola, Hungersnot - und sonst? Sie mögen es missglückt finden, habe ich verstanden. Was ich sagen wollte (und bei Ihnen offenbar nicht durchgedrungen bin): Auf den ersten Blick haben Rose und ich  dieselbe Narbe. Auf den zweiten - und davon handelt dieser Text - habe ich mit meinem Sportunfall ein Luxusproblem. Und werde demütig gegenüber dem Drama, was Rose passiert ist. Und bin beeindruckt von der Versöhnungsleistung dieses Volkes. Diesem Thema, Ruanda, haben wir  im chrismon-Heft gleich zwei Texte gewidmet, hier im Netz gibt es noch sehr viel mehr dazu - und in der nächsten Ausgabe von chrismon plus gibt es einen großen Text über die Schuld der Kirchen. Ich freue mich sehr, dass Sie sich so für das Thema interessieren und wünsche allen diesen Texten große Aufmerksamkeit. Ihre Ursula Ott

Mir ging's beim Lesen exakt wie meinem Vorschreiber. Zunächst dachte ich, okay, ist nur ein Einstieg in den Text (wenn auch ein selten dämlicher, eine Sportverletzung mit einer aus einem Völkermord zu vergleichen), dann wurde ich langsam ungeduldig und dachte, wann geht's denn endlich mal um die Ruander? Irgendwann war ich genervt, weil's wieder um Frau Ott ging und am Ende des Artikels sowohl wütend über diese ausufernde Selbstdarstellung, als auch enttäuscht über diesen nichtssagenden Text.

Ich hätte so gern etwas darüber erfahren, wie man nach einem solchen Völkermord als Volk wieder zusammenfinden kann. Dass die Versöhnung von oben verordnet und offensichtlich auch skrupellos durchgesetzt wird, habe ich aus obenstehendem Kommentar erfahren. Aus dem Artikel habe ich praktisch nur Persönliches über Frau Ott erfahren, aber leider nichts über dieses unglaublich spannende Thema Ruanda nach dem Völkermord. Sehr schade.

Sehr geehrter Herr Vaulgaz, Sie haben bereits zutreffend auf den reichen Aufschluss hingewiesen, den der Artikel bietet. Hinweisen möchte ich noch darauf, warum solche Berichte sich großer Beliebtheit erfreuen. Die Autorin war vor Ort! Das ist ein Wert an sich. Der reiht sich würdig ein in weitere Tugenden wie "Kompetenz", "Authentizität" und "Engagement". Die Frage, ob die wesentlichen Bestimmungen der besprochenen Sache überhaupt zur Sprache kommen, interessiert doch hier und heute nur noch Ideologen. So kommt es, dass allerorts Bemerkungen zu lesen sind wie: "Ich war aber schon oft in Afrika!", "Ich fahre jährlich nach Israel oder in die Palästinersergebiete.", "Ich habe meine Jugend in der DDR, in Namibia, im Knast verbracht.", "Ich bin selber Pfarrer, Mutter von 5 Kindern, Pilzsammler oder herzleidend.". Und kaum jemand lacht und fast alle sind schwer beeindruckt.
Friedrich Feger

Ein sehr aufschlussreicher Artikel. Man erfährt, dass sich Frau Ott mal beim Inlineskating verletzt hat und bis heute sauer ist auf den sie damals behandelnden Arzt. Man erfährt, dass sie nachtragend ist und außerdem ein Kopfmensch. Man erfährt, dass sie nicht gern wildfremde Menschen anfasst und, typisch deutsch, pünktlich ist. Man erfährt, dass sie nicht weiß, wie es ist, vor vielen Menschen Schuld zu bekennen. Man erfährt, dass Gospel nicht ihr Ding ist. Man erfährt, dass sie pubertierende Kinder hat und dass ihr Sohn gerade Freiwilligendienst in Ruanda leistet. Man erfährt eine ganze Menge über Frau Ott. Ach so, und dann erfährt man noch, dass die Ruander große, offene Herzen haben und sich voller Hingabe und mit viel Gesang und Tanz in der Kirche miteinander versöhnen und sich gegenseitig ihre Schuld am Völkermord vor gut zwanzig Jahren vergeben. Typisch afrikanisch eben. Man erfährt allerdings nichts über das bis auf Dorfebene reichende Spitzelsystem der ruandischen Regierung, das sicherstellt, dass niemand diesen von oben verordneten Versöhnungskurs verlässt oder sonstwie aus der Reihe tanzt. Man erfährt auch nichts über die Mitschuld besonders der katholischen Kirche an vielen Massakern während des Völkermords. Wirklich, ein sehr aufschlussreicher Artikel.