Vier Cosplayer über ihre Leidenschaft

"So bin ich großartig!"
Werwolf, Weltretter, Waldkönigin: Vier Cosplayer erzählen, wie sie aus dem ­Alltag ausbrechen – zumindest für ein paar Stunden. Warum machen die das? Die Währung ist Anerkennung, sagt Kelly Koch

Kelly Koch, 22, Chemiestudentin: Jägerin aus Computerspiel "Monster Hunter Tri Ultimate"

 Alle Fotos: Sandra SchildwächterKelly Koch als Jägerin aus dem Computerspiel "Monster Hunter Tri Ultimate" in ihrer Küche
Cosplay kommt aus Japan, und dort ist es eher ein Hobby für Kinder und Jugendliche, weil Erwachsene für so etwas keine Zeit mehr haben: sich verkleiden und den Charakter verkörpern. Man mimt Figuren aus Mangas, Comics oder Computerspielen.

Die Jägerin aus dem Nintendospiel "Monster Hunter Tri Ultimate" ist mein erstes selbst gemachtes Kostüm. Ich habe mir für die Figur Eigenschaften ausgedacht, denn im Spiel selbst hat sie keine Persönlichkeit, sie redet nicht mal. Sie jagt Monster, daher spiele ich sie als ehrgeizige Person. Und sie isst immer gut, damit sie genug Kraft hat.

Mich hat an dieser Figur vor allem gereizt, das ­Kos­tüm zu fertigen. Bei den Flügeln half mir mein Opa. Sie sind aus leichtem, dünnen Holz, damit ich nicht umkippe, nicht zu breit, ich muss ja durch Türen durchgehen können. Und die Träger dürfen nicht auf der Haut scheuern. Wenn ich die Agnaktor-Rüstung trage, bin ich stolz, das merkt man auch an der Körperhaltung.

Im Alltag fühle ich mich so unter Druck gesetzt – schnell die Schule beenden, schnell studieren, schnell arbeiten und immer Höchstleistung bringen –, dass ich das Gefühl habe, immer wieder daraus ausbrechen zu müssen. Das tue ich mit Cosplay, wenigstens wochenends. Fünf, sechs Mal im Jahr fahre ich auf eine Convention innerhalb Deutschlands, dort treffen sich Cosplayer, zeigen ihre neuesten Kostüme und tauschen sich aus.

Wenn ich dort bin, möchte ich nach mindes­tens einem Foto gefragt werden. Denn das ist die Währung im Cosplay: Anerkennung. Und wer ein Foto von mir machen will, dem gefällt das Kostüm offenbar.

Auf diesen Treffen bin ich offener als im Real Life,  ich spreche mit vielen Leuten, auch Fremden. Die müssen einfach nett sein, Cosplay verbindet schließlich! Seit drei Jahren habe ich dieses Hobby, und in dieser Zeit habe ich darüber auch viele Freunde gefunden.

Ich spiele mehrere Charaktere, und alle eint, dass sie mutig sind. Zum Beispiel "Preußen" aus dem Manga "Hetalia". Ich trage dann eine blaue Uniform und eine Perücke mit kurzen weißen Haaren. Preußen ist sehr selbstbewusst, laut, und wenn er jemanden nicht leiden kann, sagt er das. Manchmal brüllt er "I’m awesome", ich bin großartig – und das hat auch auf mich abgefärbt. "Ich schaffe das, ich bin toll", das sage ich mir manchmal leise, zum Beispiel vor Klausuren oder Kolloquien. Das hilft mir dann, die Prüfungen durchzuziehen.

Natürlich vermischen sich die Welten, die Realität und das Spiel, man kann ja seine Persönlichkeit nicht ab­stellen. Aber man kann auch nicht ständig im Charakter hängen, sonst weiß man gar nicht mehr, wer man ist.

Michéle Günthner, 19, FSJlerin: Waldkönigin

 Michéle Günthner, 19, FSJlerin, Künstlername: Jeff, ­die Raupe, hier in der Wohnung ihrer Eltern im Odenwald
Die Waldkönigin ist eine Figur, die ich mir selbst ausgedacht habe, eine Mischung aus verschiedenen Fantasy-Charakteren: eine Frohnatur mit magischen Fähigkeiten; sie kann mit Tieren sprechen und kennt sich mit Pflanzen aus. Etwa ein Jahr lang war die Idee dazu in mir gewachsen, ich habe einen richtigen Steckbrief erstellt. Allein fürs Aufnähen der Blätter habe ich ein paar Monate gebraucht. Bei dem Geweih hat meine Mutter mir geholfen. Wir haben ­einen Herbstkranz geplündert und die Beeren, Tannenzapfen und Blätter mit Heißkleber auf einen Haarreif geklebt. Was mir lange schwerfiel, war, die richtigen Posen zu meinen Charakteren zu finden. Dafür habe ich viel vor dem Spiegel geübt. Meine Inspiration hole ich mir aus Fantasy-Büchern, am liebsten von der Autorin Cassandra Clare.

Wenn ich das Waldköniginkostüm trage, bewege ich mich ganz anders, aufrechter, mit erhobenem Kopf. Cosplay hat viel damit zu tun, dass man einen Traum lebt. Man kann das sein, was man sonst nicht ist, und Eigenschaften austesten, die man auch gerne hätte; ich wäre gern eleganter und selbstsicherer, das fällt mir leichter, wenn ich in einem Cosplay stecke.

Einen Charakter darzustellen, bei dem man sich total verstellen muss, ist ganz schön anstrengend, und wenn ich nach so einem Treffen das Kostüm ausziehe und mich abschminke, bin ich furchtbar müde und falle ­sofort ins Bett.  

Es dreht sich bei mir allerdings nicht alles um Cosplay, denn wenn es zum Job oder zur Lebensaufgabe wird, steht man ständig so unter Druck, immer prachtvollere Kostüme zu entwickeln. Das möchte ich nicht. 2011 begann ich zu cosplayen, und anfangs lief ich auch noch verkleidet durch mein Städtchen in der Nähe von Heidelberg. Als japanisches Schulmädchen zum Beispiel oder im Lolita-Stil. Aber da hörte ich oft: "Haha, wie siehst du denn aus?" Oder als ich in der Schule mal Strumpfhosen mit Katzenmuster trug, sagte jemand: "Wie kindisch! Du bist doch aus dem Alter raus." Solche Sprüche will ich mir nicht mehr anhören, ich trenne diese beiden Welten nun. Für Conventions oder mit manchen Freunden style ich mich, im Alltag bin ich Michéle.

Mit 30 werde ich vermutlich nicht mehr cosplayen, bestimmt hat man dann auch andere Verpflichtungen. Ich kenne flüchtig einen Cosplayer, der fast 50 ist, der ist mir fast schon ein bisschen unheimlich. Irgendwann hat man sich doch als Mensch gefunden und muss ­keine Eigenschaften mehr austesten.

Marlene T., 21, Agrarwirtschaftsstudentin: Werwolf aus Computerspiel "League of Legends"

 Marlene T., 21, Studentin der Agrarwirtschaftswissenschaft, Künstlername: Chrona Cosplay.
"Warwick ist ein Werwolf aus dem Computerspiel "League of Legends", er gilt als unbarmherziger Menschenjäger. Ich cosplaye ihn aber nicht, weil ich seinen Charakter so toll finde, sondern weil mich das Kostüm herausgefordert hat. Der Fellanzug! Der Kopf! Die Krallen! Insgesamt saß ich ein halbes Jahr daran, bestimmt 65 Stunden. Außerdem gibt es Warwick als Cosplay nur selten, das fand ich auch gut.

Ich habe auf der Gamescom sogar einen Preis gewonnen für das Kostüm – in der Kategorie beste Perücke. Eigentlich bin ich kein Wettbewerbstyp, dennoch habe ich mit drei Freundinnen mitgemacht. Die Jury dort war sehr nett, es ging ihr nicht drum zu sagen, was an den Kostümen alles schlecht ist, sondern sie gab Feedback und gute Tipps. Warwick hat breite Schultern, ist kräftig ­und stark, und da sagte sie, ich hätte die Proportionen gut hinbekommen, zumal ich eher klein, schmächtig und nicht stark bin. Aber ich trage ja auch Kissen als Schulterpolster.

Manch andere hätte statt eines Ganzkörperanzugs einen blauen Bikini und ein bisschen Kopfschmuck ­angezogen – das übersexualisiert die Figur, die im ­Original nicht so ist. Wenn aber ein Charakter in der Serie, dem Manga oder Spiel knapp bekleidet ist, ist es eben so, dann stört es mich nicht, wenn ihn jemand ebenso sexy nachstellt.

Mit meinem Warwick kann man viele lustige Sachen machen, es erkennt einen keiner. Zum Beispiel wild ­tanzen auf Conventions. Oder alles pantomimisch darstellen, ohne Stimme. Nicht, dass ich generell ein Problem damit hätte, auf Menschen zuzugehen, offen war ich schon immer. Aber bestimmt hilft das Hobby Leuten, die schüchtern sind.

Mich fasziniert daran vor allem das Basteln. Ich nutze Stoffe, Pappe, Bauschaum, die Krallen von Warwick sind aus Moosgummi. Und ich arbeite mit Verkabelungen und LEDs – wenn ich das als Schülerin gewusst hätte, hätte ich im Physikunterricht besser aufgepasst. Ich improvisiere und probiere viel aus. Drum könnte ich auch keine Schneiderlehre machen, weil man da so ­vielen Regeln folgen muss.

Ich habe schon viele andere Kostüme genäht, allein aus "League of Legends" habe ich sieben Cosplays. Meine Eltern sind, wenn wieder eins fertig ist, immer ziemlich stolz, und mein Vater zeigt Fotos herum und sagt: "Guckt mal, das hat meine Tochter gebastelt!"

Stefan Dunka, 22, Physiotherapeut: Comicfigur "Captain America"

In der Öffentlichkeit treffen wir Cosplayer uns nur selten, zum Beispiel auf den Buchmessen in Frankfurt oder Leipzig. Da staunen die Besucher dann und fragen: "Was machen Sie denn da?" Oder: "Warum sind Sie verkleidet?"

 Stefan Dunka, 22, Physiotherapeut, Künstlername: Plast.
"Weil’s Spaß macht!", sage ich dann. Es gibt nur we­nige Männer in der Szene, vielleicht 20 bis 30 Prozent der Cosplayer. Ob sie schlicht nicht basteln, nähen oder sich schminken wollen, weiß ich nicht. Jedenfalls: Mich zu verkleiden – und dann darauf angesprochen zu werden, das ist für mich das Beste. Ich habe sechs Kostüme, Captain America ist eines davon. Er ist eine Comicfigur aus den USA, das erste Heft mit ihm erschien 1941. Damals kämpfte er gegen die Nazis, später gegen Kommunisten, noch später gegen die jeweiligen Feinde der USA.

Als Cosplay kommt er gut an, er ist eben einer von den Guten. Wenn jemand "Captain America" ruft, drehe ich mich auch um und fühle mich selbst wie ein Held.

Drei, vier Monate saß ich an diesem Kostüm, der Schild ist eine alte Satellitenschüssel, die ich abgeschliffen, ­lackiert und angemalt habe. Ich habe mir Muskeln antrainiert, Blicke und Posen geübt. Der "Cap" hat ja wichtige Missionen, er guckt immer ernst.

Cosplay hat mein Leben eingenommen, seit drei Jahren verbringe ich immer mehr Zeit damit. Anfangs habe ich versucht, es auf der Arbeit geheim zu halten, aber allmählich spreche ich auch dort davon. Manche Cosplayer machen das Hobby sogar zum Beruf und ­lernen Schneider oder Modedesign.

Das tue ich nicht. Aber ich mache mit beim Verein "Helden für Herzen", bei dem Cosplayer mit Helden­kos­tümen wie Spider Man, Superman oder eben Captain America kranke Kinder besuchen. Wir gehen zum Beispiel in Kinderhospize oder zu Selbsthilfegruppen und bespaßen die Kids.

Im Jahr fahre ich auf zehn, zwölf Conventions und oft treffe ich meine Freunde am Wochenende zum Cosplayen oder für Fotoshootings. Drum bin ich montags oft traurig, denn dann beginnt der Alltag wieder. Aber Kostüme zu tragen ist kein uneingeschränktes Vergnügen: Irgendwas drückt oder juckt immer, die Uniform, die Rüstung oder die Perücken.

Die Fotografin

Sandra Schildwächter, Jahrgang 1991, bewundert die Leidenschaft der Cosplayer – auch bei dreißig Grad Celsius im Fellkostüm.
Die trage ich als Captain America nicht, aber als Kakashi, einem anderen meiner Cosplays. Kakashi ist ein Elitekämpfer aus der Mangareihe "Naruto". Seine Haare sind silberfarben, und er trägt eine Maske über das halbe Gesicht. Er ist für mich ein Idol – und auch ein Teil von mir. Ich habe Kakashi ganz schön viel zu verdanken – weil ich dieses Cosplay fast ein Jahr lang auf jeder Convention trug, habe ich mir damit einen Namen gemacht; es hat mich in die Szene integriert.

Zurzeit plane ich mehrere neue Kostüme, noch mehr Superhelden. Jeden Charakter, den ich spiele, identifiziere ich auch mit mir selbst. Bösewichte zum Beispiel will ich nicht spielen. Ich bin gern einer von den Guten.

Information

"Heldenherzen"

Die Lieblingsfiguren aus Comic, Märchen und Film hautnah zu erleben. Diesen Wunsch will "Helden für Herzen" erfüllen und Cosplayer in Kinderstationen von Krankenhäusern, Kinderhospize und Behindertenwerkstätten schicken.

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Vielen Dank für die Zusammenarbeit! Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht und es ist auch ein super Artikel daraus geworden. :-)