Maria Loheide und Huschke Mau über Prostitution

Gehört das verboten?
Maria Loheide und Huschke Mau

Foto: Bettina Flitner

Ja, sagt die ehemalige Prostituierte. Nein, die Vorstandsfrau von der Diakonie. Ein Gespräch über Prostitution und den Weg raus

chrismon: Frau Mau, warum möchten Sie nicht erkannt werden?

Huschke Mau: Sprechen Sie mich bitte einfach mit Huschke an.

Einverstanden.

Mau: Ich möchte ungern Bordellbesitzern von früher begegnen. Prostitution ist nicht von organisierter Kriminalität zu trennen.

Wie sind Sie in die Prostitution geraten?

Mau: Ich habe zu Hause als Kind viel Gewalt erlebt. Mit 17 bin ich weggelaufen und in eine Einrichtung der Jugendhilfe gezogen. Kurz nachdem ich volljährig wurde, musste ich gehen. Ich wusste nicht, wie ich mit den Behörden umgehen sollte. Einmal war ich auf dem Amt, weil ich eine Unterschrift von meinen Eltern brauchte. Dort sagte man mir: „Entschuldigen Sie sich erst mal bei Ihren Eltern!“

Maria Loheide: Das ist furchtbar! Das Kinder- und Jugendhilfegesetz sieht Hilfen bis 27 vor, aber viele Kommunen gewähren jungen Erwachsenen keine Hilfen mehr. Hatten Sie niemanden, der Sie unterstützt hat?

Mau: Nein. Ich war quasi lebensunfähig, traumatisiert und sexu­alisiert. Ich hatte zu Hause mitbekommen, wie meine Mutter vergewaltigt wurde. Ich hatte eingeprügelt bekommen, dass ich – Entschuldigung! – nur zum Ficken gut bin. Sobald eine Zahlung fällig war, habe ich genau das gemacht.

Loheide: Es gibt nur wenige Anlaufstellen für junge Menschen, um ihr Recht auf Unterstützung einzuklagen. Aber wer hat mit 18 schon die Kraft dafür?

Mau: Eben. Also sagte ich zu den Männern, die mir hinterher­pfiffen: Bei mir kostet es was! So fing es an. Ich lernte einen Mann kennen, der beim Bundesgrenzschutz arbeitete. Mein erster Zuhälter. Er kassierte die Hälfte meiner Kohle und zeigte mir, wie man Anzeigen schaltet und richtig ans Telefon geht. Er war vorher selbst Freier gewesen. Typische Freier sind Frauenhasser.

Reportage

Mit Frauen auf Tour im Rotlichtviertel. Eine Reportage und Infos zu Rechtslage und Beratungen auf chrismon.de/Prostitution

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Mau: Einmal machte ich einen Hausbesuch bei einem Mann, der in einer abgelegenen Gegend lebte. Es gab keinen Handy­empfang. Ich hatte niemandem gesagt, wo ich bin. Die ganze Zeit fragte er, ob er mir mal seinen Waffenschrank zeigen solle. Ich dachte nicht, dass ich das überleben kann (fängt an zu weinen).  

Warum sind Sie nicht umgekehrt?

Mau: Ich hab die Kohle gebraucht. Man geht nie, auch nicht, wenn man sich ekelt oder Angst hat. Das gibt schlechte Bewertungen im Internet. Ein anderer Freier, ein älterer Mann über 60, rammelte ewig auf mir rum und stöhnte. „Du kannst auch keine Schwänze mehr sehen, oder?“ Wo sonst haben Männer so eine Macht, dass ihnen ein nackter Mensch eine Stunde lang gehört?

"Ich höre immer von Freiwilligkeit, aber ich kenne keine, die freiwillig anschafft"

Frau Loheide, in Schweden werden Männer, die zu Prostituierten gehen, bestraft. Ist das der bessere Weg?  

Loheide: Gegenfrage: Glauben Sie, dass Prostitution durch Verbote verhindert würde?

Mau: In Schweden gehen viel weniger Männer ins Bordell, seit Freier bestraft werden. Dadurch lernen schon die Kinder: Man kauft sich keine Menschen!

Loheide: Prostitution ist kein normaler Beruf, sie ist gefährlich. Es wäre toll, wenn es sie nicht gäbe. Aber Verbote verhindern sie nicht. Wir würden die Frauen in eine noch schlimmere Situation bringen, weil sie in der Illegalität verschwänden. Wir wollen die Frauen stärken und müssen Betreibern von Bordellen, Clubs und Escortdiensten hohe Auflagen machen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Frauen gesund bleiben und sicher arbeiten können.

Sie sind bei Eurodiaconia engagiert, dem Zusammenschluss von europäischen Diakonieeinrichtungen. Haben Sie aus Schweden erfahren, was die Bestrafung von Freiern bringt?

Loheide: Wir nehmen an, dass Freier zunehmend ins benach­barte Ausland abwandern und viel illegal passiert.

Mau: Prostitution ist immer auffindbar. Die Frauen müssen sich ja zu erkennen geben – im Internet, über Anzeigen mit ver­schlüsseltem Text, an der Straße. Wenn Freier die Frauen finden, dann auch die Polizei, und so kriegt sie die Männer. Warum soll das in Deutschland nicht möglich sein? Für mich war es schlimm, mich in einer Gesellschaft zu prostituieren, die genau weiß, dass Prostitution Missbrauch ist, die aber nichts dagegen tut.

Loheide: Damit machen Sie alle Prostituierten zu Opfern. In den spezialisierten Beratungsstellen der Diakonie arbeiten auch ehemalige Prostituierte. Und die würden sich dagegen verwahren, generell als Opfer gesehen zu werden. Es gibt auch die Frauen, ­die sich frei entscheiden, in die Prostitution zu gehen.

Mau: Ja, aber wie viele sind das?

Loheide: Dazu gibt es keine genauen Zahlen.

Mau: Doch. Neun von zehn Frauen würden gern aussteigen. Ich höre immer von Freiwilligkeit, aber ich kenne keine, die freiwillig anschaffen geht. Ein Opfer steht nicht paralysiert in der Ecke. Opfer ist, wem etwas angetan wird. Es kann sein, dass es immer Prostitution geben wird. Es wird auch immer Morde geben, obwohl Mord in unserer Gesellschaft natürlich verboten ist. In deutschen Städten gibt es Großbordelle, richtige Fickfabriken. Vor unser aller Augen findet sexualisierte Gewalt statt.  

Loheide: Frauen, die sich trotz eines Verbotes prostituierten, wären noch gefährdeter. Freier hätten ein Interesse, nicht aufzufliegen und würden sie notfalls mit Gewalt zum Schweigen bringen.  

Mau: Im Gegenteil: Die Freier würden sich besser benehmen, weil sie damit rechnen müssen, dass die Prostituierte zur Polizei geht. Die Gewalt in Schweden hat massiv abgenommen.  

Wie viele Prostituierte gibt es in Deutschland?

Mau: Es gibt Schätzungen, dass es 400 000 sind. Viele kommen aus dem Ausland. Keine Behörde erfährt jemals von ihnen. Deshalb brauchen wir eine Anmeldepflicht. Wenn wir Zahlen hätten, würden wir sehen, woraus Prostitution in Deutschland im Kern besteht: aus unzähligen jungen Frauen, die zu 90 Prozent aus den Armenhäusern Europas kommen, die auf Deutsch oft nur „30 Euro, ficki, ficki?“ sagen können.

Loheide: Prostituierte müssen sich bereits anmelden, und zwar beim Finanzamt. Ich fürchte, dass auch die vorgesehene Melde­pflicht bei Kommunen Frauen nicht dazu animieren wird, dort von ihren Problemen zu erzählen oder den Gemeindeange­stellten den Wunsch anzuvertrauen, aussteigen zu wollen. Dazu brauchen wir spezialisierte Beratungsstellen, von denen es aber zu wenige gibt.

Wie haben Sie den Ausstieg aus der Prostitution geschafft?

Mau: Ich bin zu zwei Beratungsstellen – beide nicht von der ­Diakonie. Die erste Beraterin hatte keine Ahnung. Sie war sogar überrascht, dass Prostitution auch tagsüber stattfindet. Bei der zweiten Stelle hieß es: Gehen Sie einfach nicht mehr hin! Ich ­habe mich so allein gefühlt. Aber ich habe es geschafft, auch wenn dieser Tipp mehr als blöd war.

Loheide: Bei der Diakonie hätten Sie diese Antwort nicht be­kommen. In unseren spezialisierten Beratungsstellen, zum Beispiel der Dortmunder Mitternachtsmission, arbeiten erfahrene Sozialarbeiterinnen und ehemalige Prostituierte. Sie tun alles, um beim Ausstieg zu unterstützen. Leider sind diese Beratungsstellen bis heute nicht sicher finanziert.

Mau: In den Beratungsstellen fühlen die Frauen sich nicht verstanden. Sie bekommen Prospekte in die Hand gedrückt, in denen das Wort „Sexarbeit“ steht. Das ist ein Euphemismus, der den Missbrauchscharakter leugnet. Das nehmen sie nicht ernst.

"Wir wollen die Gefährdung der Frauen nicht verschärfen"

Die meisten Freier sind Männer. Ohne sie gäbe es keine Prostitution. Welche Verantwortung haben die Männer?

Loheide: Die Würde der Menschen ist unbedingt zu wahren. Das gilt auch für Männer, die Sexdienstleistungen in Anspruch nehmen. Die Diakonie sensibilisiert Männer dafür, Zwangspros­titution und Menschenhandel zu erkennen. Beides ist per Gesetz verboten.

Wer zu einer Prostituierten geht, hat anderes im Sinn, als auf Zwangsprostitution zu achten.

Loheide: Es gibt durchaus Freier, die sich melden und sagen: ­„Da war was komisch.“ Natürlich wollen sie ihre Sexlust be­friedigen. Das heißt aber nicht, dass sie völlig abgestumpft sind. Sie begegnen ja Menschen.

Mau: Meinen Sie das ernst? Sie sollten sich Freierberichte im Internet ansehen, das sind Berichte von Entmenschlichung. In zehn Jahren Prostitution hat mich kein einziger Freier als Mensch wahrgenommen. Die Rumäninnen kommen hierher, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive haben! Hier zahlen sie 150 Euro Zimmermiete pro Tag und kriegen pro Freier 30 Euro. Sie können sich ausrechnen, wie oft die ficken müssen, damit sie überhaupt nur das Zimmer zahlen können. Es ist Sozialromantik, dass Freier einem Menschen begegnen wollen.

Loheide: Bei unseren Beratungsstellen melden sich Freier, die von verängstigten Frauen berichten, von blauen Flecken. Wir glori­fizieren die Prostitution nicht...

 Foto: Bettina Flitner
Mau: Doch, das tun Sie, indem Sie sagen, Freier wollen Menschen begegnen!

Loheide: Frauen sollen entscheiden können und die Möglichkeit haben, nicht in die Prostitution zu gehen. Mir ist wichtig, dass Frauen an dem Punkt, an dem Sie, Huschke, entscheiden mussten, sich zu prostituieren, Alternativen haben. Der Weg in die Prostitution ist kein guter Weg, es ist ein gefährlicher Weg. Wir würden alles tun, damit keine Frau in die Prostitution gehen muss.

Mau: Aber Prostitution, finden Sie, sollte legal sein. Das ist paradox.

Loheide: Man wird sie nicht verhindern können...

Mau: Sie sprechen von Entscheidung. Eine Entscheidung be­deutet, dass es Alternativen gibt. Ich hatte damals keine Alternative. Und ich stelle mir vor, wie eine Prostituierte bei Ihnen in der Beratungsstelle sitzt. Die ist doch total verwirrt: Prostitution ist legal. Der Freier will dir als Mensch begegnen, aber trotzdem können wir versuchen, dich rauszuholen?

Loheide: Wir haben vielen Frauen geholfen, aus der Prostitution herauszukommen und ein neues Leben zu führen. Wir wollen die Gefährdung der Frauen nicht verschärfen.

Mau: Die Lage ist schon verschärft, die meisten Prostituierten haben eine posttraumatische Belastungsstörung. Dazu gibt es viele Studien, auch im Internet unter trauma-and-prostitution.eu. Prostituierte müssen unglaublich viel abspalten: Angst, Ekel, Widerwillen, Scham. Sie müssen immer alles unter den Teppich kehren, und der Berg wird größer. Sie müssen sich betäuben. Ich bin trockene Alkoholikerin: Ich musste mich immer betrinken, um Termine zu machen. Frau Loheide, Sie kennen Frauen, die sagen, es sei okay für sie, sich zu prostituieren. Das hätte ich in den ersten drei Jahren auch gesagt! Das muss man sich einreden, sonst hält man es nicht aus, von zehn Schwänzen am Tag penetriert zu werden. Ich konnte den Ekel nur mit Alkohol abspalten. Mir kam der Zufall zu Hilfe, und ich fand einen Job. Der war zwar unter Hartz-IV-Niveau. Aber ich bin wenigstens nicht verhungert.

"Einsame, alte Männer sind die Freier? Völliger Quatsch!"

Loheide: Ich frage aus ernsthaftem Interesse: Meinen Sie, alle Exprostituierten spalten immer noch etwas ab?

Mau: Ich bin keine Psychologin. Aber mit dem, was ich aus meiner Therapie und von der Traumatherapeutin aus unserem Netzwerk weiß, würde ich sagen: Ja, das ist gut möglich.

Loheide: Ich finde es bewundernswert, dass Sie diesen Weg so geschafft haben. Oft gibt es eine Schlüsselperson, die für den Ausstieg wichtig ist. Haben Sie so etwas erlebt?

Mau: Nein. Auch die Alkoholentzüge hab ich alleine gemacht.

Loheide: Ich habe gehört, dass Frauen, die ausgestiegen sind, in anderen Jobs gearbeitet haben, jetzt aber wieder in den Escort zurückgekehrt sind, weil sie dort mehr verdienen. Welche Rolle spielt das Geld?

Mau: Natürlich habe ich mich für Geld prostituiert.

Loheide: Ich meine, dass man damit viel mehr Geld verdienen kann als auf andere Art.

Mau: (schnappt nach Luft) Ich habe mich prostituiert, um zu überleben! Ich weiß nicht, was Sie für ein Bild von Prostitution haben. Wenn Sie jetzt denken, ich hätte zehn Pelze zu Hause, also...

Loheide: Nein, ich dachte jetzt gar nicht an Sie, sondern an den Reiz des Geldes. Das Eine ist das Überleben und das Andere, was man verdienen kann.

Warum ist der Weg zu besseren Prostitutionsgesetzen so weit?

Mau: Weil Freier mitdiskutieren, weil Freier Wähler sind. Es sind ja ganz normale Männer. Die schreiben für Zeitungen oder arbeiten bei der Polizei. Was wir in Deutschland durch die Talkshows gereicht bekommen, sind immer die gleichen Frauen, die sagen, sie seien Sexarbeiterinnen. Man muss nur googeln, um herauszufinden, dass das gar keine Sexarbeiterin ist, sondern eine Domina und Bordellbetreiberin, die eigene Interessen hat. Bevor die schwedische Regierung das Sexkaufverbot beschlossen hat, hat sie eine 800 Seiten starke Evaluation erstellen lassen. Da sprechen auf 120 Seiten die Prostituierten. So was brauchen wir in Deutschland. Dann können wir endlich diese Sozialromantik beiseiteschieben: Einsame Männer, arme, alte Männer seien die Freier. Das ist völliger Quatsch. Wir müssen endlich den Traumatherapeutinnen und den Prostituierten zuhören.

Angenommen, Sie dürften unter den aktuellen Umständen ­Gesetze zur Prostitution erlassen. Was würden Sie tun?

Loheide: Ich würde deutlich schärfere Kontrollen und Auf­lagen für Prostitutionsstätten, Bordelle, Escortservices ver­ankern. Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind, brauchen ­einen sicheren Aufenthaltsstatus, wenn sie aussteigen wollen. Im ­Moment haben sie Angst, in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden. Wir brauchen flächendeckend spezialisierte Beratungsstellen, die dorthin gehen, wo die Frauen sind: in Wohnungen, auf den Strich, in Clubs. Niedrigschwellige, leicht erreichbare Beratung ist nicht einmal in allen Bundesländern vorhanden.

Mau: Beim Aufenthaltsrecht schließe ich mich sofort an. Und wir brauchen wirklich mehr Beratungsstellen. Und vom Staat in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studien, damit wir wissen, über welche Zahlen wir reden. Deswegen würde ich auch eine Meldepflicht durchsetzen. Aber ich halte nichts davon, noch mehr Ausstiegsberatungen zu basteln und zugleich durch die Legali­sierung eine immer größere Nachfrage zu schaffen. Das ist dann ein Kampf gegen Windmühlen.

Maria Loheide

Maria Loheide, Jahrgang 1958, ist sozialpolitischer Vorstand der Diakonie Deutschland. Die studierte Sozialarbeiterin kam 2011 zum Bundesverband der Diakonie. In ihrer Funktion bezog sie Stellung zum neuen Prostitutionsgesetz, auf das sich die Koalition geeinigt hat, über das aber der Bundestag noch abstimmen muss. Der Entwurf sieht unter anderem Kondompflicht, Verbot von Flatrate-Sex und höhere Auflagen für Bordellbetreiber vor.
Foto: Bettina Flitner

Huschke Mau

Huschke Mau war zehn Jahre lang in der Prostitution. Ihr Alter gibt sie mit „Anfang 30“ an. Huschke Mau ist nicht ihr richtiger Name, ihr Äußeres wurde vor dem Interview verfremdet. Sie ist Mitbegünderin des Vereins „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution!“
Foto: Bettina Flitner

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Lesermeinungen

Interessant ist auch folgender Artikel, der beschreibt wie eine uralte Tradition verkam und Frauen zu Prostiutierten degradiert wurden.

Perversion der Tradition-
Missbrauchte Tänzerinnen in Indien

Ausstellung in Bonn zeigt Aufnahmen des Fotografen Roger Richter

Holiyamma war zwölf. Es sollte ihr Tag werden - und ihre Mutter kleidete sie mit einem neuen Sari ein. Zusammen mit anderen Mädchen führte sie ein Priester zum Tempelteich, um sie der Göttin Uchangamma zu weihen. Doch Ansehen und der Respekt blieben aus. Stattdessen begann für das Mädchen in der folgenden Nacht der Horror. "Ich habe vergessen, mit wie vielen Männern ich gezwungen wurde, zu schlafen", sagt die heute 45-Jährige.

Der Lebens- und Leidensweg von Holiyamma und anderen zur Tempelprostitution gezwungenen Frauen in den südindischen Bundesstaaten Karnataka, Tamilnadu, Maharashtra und Andhra Pradesh ist Thema der Foto-Ausstellung "Als Göttin verehrt - als Frau missbraucht", die bis zum 8. Mai im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen ist. Sie zeigt Gesichter von Missbrauchsopfern, die der Fotograf Roger Richter für die ebenfalls in der Bundesstadt ansässige Entwicklungsorganisation Andheri-Hilfe mit seiner Kamera festhielt. Gemeinsam mit dem Museum will die Andheri-Hilfe auf das Schicksal der so genannten Devadasi aufmerksam machen - und auf ihren Kampf gegen den in der indischen Kastengesellschaft verwurzelten Kult der Tempelprostitution.

Ursprünglich wurden Devadasi der Göttin Mathamma geweiht. Als "Sklavinnen" der Gottheit versahen die Frauen Tempeldienste, indem sie etwa für den Blumenschmuck sorgten und für die Tempelgottheit tanzten. Über Jahrhunderte genossen sie für indische Frauen außergewöhnliche Privilegien, besaßen Einkommen und Ackerland, konnten lesen und schreiben lernen. Ausgebildet in Gesang, Tanz und Dichtung waren sie Träger der Künste.

Doch von dem einstigen Ideal einer mystischen Verbindung von Gott und Mensch ist heute nicht mehr viel übrig. Mit der Erweiterung des Gottesbegriffs auf den Königshof wurden aus den "Sklavinnen des Gottes" die Sklavinnen der mächtigen und reichen Männer. Die Frauen verloren ihre Rechte und wurden zu Prostituierten degradiert.

Jährlich werden nach Angaben der nationalen Frauenkommission in Indien allein in den Bundesstaaten Maharashtra und Karnataka über 200 000 Mädchen Tempelgöttinnen geweiht. Die Andheri-Hilfe versucht mit einheimischen Partnerorganisationen gegen den Kult anzugehen, der in Indien seit 1988 offiziell verboten ist.

Was diese Perversion der Tradition bedeutet, hat Holiyamma am eigenen Leib erfahren. "Ich wurde gemieden, meine Freundinnen wollten nicht mehr mit mir spielen." Und: "Männer behandelten mich als Freiwild."

Durch das Thema Prostitution wird offenbar, das in der Wirtschaft keine Regeln gelten, Ehtik nicht beachtet wird und die Rechte mit Füssen getreten werden. Heutzutage wird alles verkauft: Waffen, Flüchtlinge, Frauen, Organe usw. Unternehmen geben sich Ziele vor, die rein wirtschaftlicher Natur sind und alles andere wird dem untergeordnet. Schade ist vor allem auch, das kirchliche Organisation wie Diakonie, aber auch Caritas keinesfalls ethisch sehr hoch einzuschätzen sind.
Wer also seinen Körper verkauft, der bietet das Verletzlichste von sich an und macht sich selbst zur Ware. Das ist unwürdig, damit begibt man sich auf die Stufe eines Tieres. Tiere können sich nicht wehren wie wir Menschen, wir haben aber einen Verstand und Vernunft.

Es ist schon merkwürdig, dass Frau Mau nicht nur ein Pseudonym verwendet sondern auch Perücke etc. um nicht erkannt zu werden. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass sie einfach "installiert" ist und nie in der Sexarbeit tätig war. Warum sollte sie als ehemalige Angst vor Bordellbesitzern haben?
"Unzucht ist Sünde"? Was ist überhaupr "Unzucht"? Das Gegenteil von Zucht. Warum soll das Sünde sein?
Ich kenne einige ehemalige Sexarbeiterinnen, auch aus Bulgarien und Rumänien, die ihren Ausstieg nur mit Hilfe ihrer Freier geschafft haben. Weil Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen für Prostituierte dazu nicht in der Lage waren. Und diese Frauen einen soliden Beruf anstrebten. Hängt sicherlich auch mit Unterfinanzierung der Stellen zusammen.
Ich würde es mir zweimal überlegen eine Beratungsstelle aufzusuchen wenn ich weiss, dass die Sozialarbeiter meine Tätigkeit missbilligen und insgeheim verurteilen.
Vertreterinnen des Bundesverbandes für sexuelle Dienstleistungen wie Frau Weber oder Frau Schirow als "Betreiberinnen" zu diskreditieren ist genau so daneben. Denn eine Frau Mau weiss ganz genau, die die Genannten selbst noch als Prostituierte arbeiten.
Prostitution lässt sich weder verhindern noch abschaffen. Deshalb müssen die dort Tätigen entstigmatisiert und nicht verurteilt werden. Und es muss gesellschaftlich alles getan werden, dass es für Frauen (und auch Männer) sich Prostitution sich nicht die Frage stellt, als letzten Ausweg zum Überleben Prostitution zu wählen.
Freier grundsätzlich als Täter zu beschimpfen hilft auch nicht weiter - denn die meisten Freier sind nach Aussagen der mir bekannten ehemaligen Sexarbeiterinnen zuvorkommend, hilfsbereit und respektvoll um Umgang.
Inhalte von Freierforen als absolute Wahrheit zu betrachten ist wie Arztserien als realen Krankenhausalltag zu glauben. Da ist oft das anonym geschriebene Wort Vater der Gedanken...

Huschke Hau, Ihr Bericht hat mich sehr berührt.
Ich habe eigentlich kaum Ahnung vom Prostituiertenmilieu: Lediglich an ein Gespräch mit einem Ex-Bekannten erinnere ich mich, der mir von einem Bordellbesuch erzählt hat (worauf ich ihm meine entschiedene Missbilligung deutlich gemacht habe). Aber gesellschaftliche Themen interessieren mich, denn indirekt hängt ja doch alles mit allem zusammen.
Jetzt aber meine Frage (sie ist nicht als Angriff gegen Ihre Meinung gedacht, sondern ich würde wirklich gern Ihre Meinung erfahren):
Wenn Prostitution verboten wäre, wie stellen Sie sich vor, dass Ihr eigenes Leben verlaufen wäre - angenommen, außer dem Prostitutionsgesetz hätte es keine weitere gesellschaftliche Veränderung gegeben?: Wie hätten Sie dann überlebt, woher das Geld genommen? Wäre es nicht sinnvoll, dass man, BEVOR ein Gesetz gegen Prostitution eingeführt wird, erst andere Gesetze verändert werden, nämlich Gesetze, die Menschen in Notsitutationen das Überleben erleichtern (ohne Geburtsurkunde, Unterschriften von den Eltern usw.)? Ich habe ein gewisses Misstrauen gegenüber Gesetzespaketen, in die vieles gleichzeitig verstaut wird, und manches Wichtige dann vor dem Zustandekommen des Gesetzes gestrichen wird. Hätte ein Anti-Prostitutionsgesetz ohne zusätzliche soziale Gesetze Ihr Los wirklich verbessert oder gar verschlechtert?
(Ich habe ein Pseudonym gewählt - wenn Sie den Kommentar deshalb nicht veröffentlichen wollen, können Sie das tun. Mir geht das gar nicht darum, meine Meinung auszudrücken, sondern ich möchte Frau Hau nur nur meine Fragen übermitteln, um dadurch auf Aspekte hinzuweisen, die bisher m. E. zu kurz gekommen sind.)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe eine Meinung bzw einen Leserbrief zum Interview "Gehört das verboten?"

Das Interview zeigt auf schmerzliche Weise sehr deutlich, welche Frauengruppen sich in der Bundesrepublik emanzipiert haben. Und zwar Akademikerinnen im öffentlichen Dienst, den Diakonien und ähnlichen, bürgerlichen und von Steuern und Abgaben, finanzierten Institutionen.

Da streitet sich eine Frau, die Prostitution am eigenen Leib erlebt hat und Frauen vertritt, die das heute noch tun, mit einer erklärten Christin aus einem Vorstand, studiert und finanziell erfolgreich, über Prostitution. Letztere ist natürlich gegen Verbote und zeigt deutlich Versändnis für die Bedürfnisse der Männer. Sie nimmt jeden an, nur nicht ihre Gesprächspartnerin, um deren Bedürfnisse es doch gehen sollte.

Frau "Mau" sollte stattdessen im Vorstand sitzen.

Wir brauchen weniger Diakonische Einrichtungen und dort vor Allem flache Hierarchien.

Für die Aussagen von Frau Loheide schäme ich mich als evangelischer Christ, es ist mir unbegreiflich, wie man mit so wenig Fachwissen und soviel Akzeptanz für unmoralisches Verhalten eine derart hohe Position bekleiden kann.

Mit besten Grüßen: Stefan Gnatzy

[keine Verdächtigungen; bitte belegen Sie die Tatsachenbehauptungen, die Sie hier aufstellen; Anmerkung der Redaktion] Prostituierte können auch jetzt schon zur Polizei gehen, wenn ein Kunde sie misshandelt, denn Vergewaltigung und Körperverletzung sind eine Straftat! Nur muss dies dann auch ernst genommen werden.

Grüsse von einer Ex-Prostituierten

Es ist unerträglich, dass immer noch der Verkauf von Frauenkörpern als Beruf behandelt wird. Es gibt auch Menschen, die Körperteile von sich verkaufen. Im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Käufer. Der freiwillige Nierenverkauf sollte also unbedingt auch legalisiert werden.
Die Prostitution ist wie die Sklaverei aus einem Unterdrückungssystem entstanden. Es ist die Manifestierung der Frauenverachtung.
Dass impotente Männer, die zur Befriedigung die Macht über gekaufte Frauen brauchen, gerne die angebliche Freiwilligkeit betonen, ist klar. Dass Frauen immer wieder dafür sorgen, dass dieser Frauenhass in der Verpackung einer Dienstleistung legal bleibt, ist ein Armutszeugnis. Prostitution stabilisiert die Frauenverachtung. Die Prostitution sagt mit jedem Tag: Frauen sind benutzbar.

Wer pro Prostitution ist, muss auch bereit sein, [bitte achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise; Anmerkung der Redaktion] Egal, wer auch immer sich an ihm vergreifen will. Dann wird die Behauptung, es sei ein Beruf wie jeder andere, vielleicht glaubwürdiger.

Dies war ein von der Fragestellerin, Maria Loheide, sehr schwach geführtes Interview. Es gibt kein einziges Argument, mit dem die Prostutition zu rechtfertigen wäre! Es ist genau so wie es  die ehemalige Prostituierte, Huschke Mau, geschildert hat: Hier werden Frauen in erbärmlichster Weise erniedrigt und im wahrsten Sinn des Wortes versklavt. Für eine zivilisierte Gesellschaft kann es nur eine Antwort geben: Ein generelles Verbot von staatlicher Seite!

Hugo Wipfler, Baden-Baden

Herzlichen Dank für das erhellende Gespräch über Prostitution. Huschke Mau ist Maria Loheide in ihren Argumenten weit überlegen. Legalisierung schafft Nachfrage und die derzeitige Praxis schützt Gewalt und Ausbeutung. Die Diakonie sollte ihre Position überdenken.

Anke Hassel, Berlin

Frau Mau mag Schlimmes erlebt haben, aber sie zeichnet ein Zerrbild der Prostitution. Das beginnt bereits damit, dass sie Prostitution als Missbrauch versteht. Warum? Prostituierte – nehmen wir mal die Zwangsprostitutierten raus – machen Männern ein Angebot, nämlich Sex gegen Geld (wie es auch Frau Huschke ja selbst beschreibt). Wenn nun ein Mann ein solches Angebot annimmt, missbraucht er die Frau? Das ist etwa so logisch, wie wenn ich mein Auto verkaufe und in dem Moment, wo jemand das Auto kauft, laut „Diebstahl“ rufe.

Frau Maus Beschreibung der Prostitution hat auch wenig mit dem tatsächlichen Alltag zu tun. „30 Euro, ficki, ficki“-Prostituierte gibt es allenfalls noch auf dem Straßenstrich. Übliche Preise für Prostitution – wer`s nicht glaubt, kann die einschlägigen Portale checken – liegen bei deutlich über 100 Euro die Stunde. 150 Euro ist derzeit der Standardpreis, selbst Preise von 250 Euro die Stunde sind gang und gäbe – und werden auch bezahlt. Damit ist Prostitution wesentlich lukrativer als viele andere Berufe (zumal sie meist nicht offiziell erfolgt, das heißt steuerfrei). Ganz nebenbei bemerkt, sind inzwischen auch die meisten Prostituierten, die sich über diese Portale anbieten, schlau genug, klar zu benennen, was sie machen und – noch wichtiger – wo ihre Grenzen sind. Und achten schon aus Eigenschutz auf das Kondom.

Schlicht falsch ist auch die Behauptung von Frau Mau, Prostituierte müssten alles mitmachen, sonst würden sie im Internet schlecht bewertet. Mir ist nur ein einziges Prostitutionsportal bekannt (der Marktführer), das überhaupt Bewertungen zulässt. Und dort können Prostituierte schlechte Bewertungen mit eigenen Kommentaren beantworten und sie sogar ganz löschen.

Auch falsch ist es, die Bewertungen in diesem Portal seien menschenverachtend. Im Gegenteil: die typische Bewertung ist nicht „Geiles Stück, macht alles mit“, sondern: „Liebe Frau, mit der ich mich nett unterhalten habe“. Auch hier: wer`s nicht glaubt, gehe einfach auf die entsprechende Seite.

Also bitte: wenn schon diskutieren, dann sachlich.

(Im Übrigen dürfte es auch rein rechtlich kaum möglich sein, die Prostitution zu verbieten, schließlich haben wir in Deutschland sehr stark ausgeprägte Grundrechte, darunter die Freiheit der Berufswahl. Prostitution auf freiwilliger Basis verstößt gegen kein Grundrecht.)

aber nicht als Prostituierte. Ich würde ihnen empfehlen mal eine Woch als Sexarbeiter zu arbieten, dann können sie weiterreden. Ach, sie möchten nicht 10 Kunden am Tag sexuelle bedienen? Warum denn nicht? Ist doch ein Beruf. Gut, dann machen sie halt nur drei am Tag. Auch nicht? Warum? Weil es die Würde des Menschen zutiefst verletzt. Das ist Sittenwidrig. Und deshalb fällt es auch nicht unter die Berfusfreiheit, die das Grundgesetz garantiert. Ich vermute, sie sind ein Freier und sehen das aus egoistischen Gründen anders. Wenn sich ihre Frau eines Tages entscheiden würde "Sexarbeiterin" zu werden, würden sie vielleicht auch einen anderen Blick bekommen, falls sie überhaupt einen Frau haben.

Schreiben sie mal eine E-Mail an die schwedische Botschaft, in der sie gerne wissen möchten, wie sich die schwedische Polizei in einem Fall verhält, wo es weder irgendwelche Werbung von Seiten der Prostituierten gibt, noch bei ihr und dem Freier irgendwelche Barbeträge auffindbar sind und es auch ausgeschlossen ist, dass der Freier zurückkommt um zu löhnen.

Ich habe diese Frage an die schwedische Botschaft in Wien gerichtet und von dort die folgende Antwort bekommen:

Wir können leider diese Frage nicht genau antworten. Wir werden Ihnen deswegen auf die Polizei in Schweden oder die Schwedische Regierung hinweisen.
Hier unten finden Sie links zu jene Homepage.

https://polisen.se/de/Languages/Deutch/
http://www.riksdagen.se/de/Start/Deutsch-tyska/

Das habe ich dann auch getan und bis heute noch keine Antwort erhalten. Vielleicht weil das einen Deutschen nichts angeht, oder ist womöglich ein solcher Fall nicht vorgesehen, weil es bei dem schwedischen Sexkaufverbot in Wahrheit nur darum ging, die Prostituierten von der Straße zu holen und das war es auch. Also muss da auch die schwedische Zuhälterlobby ihre Finger im Spiel gehabt haben, natürlich nicht die von der Straßenprostitution. Da wird einem verkündet, es gäbe keine mehr.

Es bestehen wohl keine Zweifel, dass das neue Prostitutionsgesetz mit dem wir beschert werden Teamwork von Referenten des Ministeriums und der Großbordelllobby ist und die Fans des schwedischen Sexkaufverbots dabei keine Rolle spielten. Aber was kann man von Menschen – und hier vor allem Frauen -erwarten die nur eines in ihrem Leben kennen, nämlich ein in der Realität nicht durchsetzbares Sexkaufverbot. Die auf einem so hohen moralischen Ross sitzen und so verblendet sind, dass ihnen nicht bewusst wird, dass sie eine Mitschuld haben, wenn irgendwo in Deutschland eine Prostituierte von ihrem Freier vergewaltigt oder zu Handlungen gezwungen wird, die ein normaler Bürger ablehnt und das nicht nur heute, morgen und übermorgen, sondern so lange es kein Prostituiertenschutzgesetz gibt das den Namen auch verdient

Zunächst herzlichen Dank an Herrn Ockenga für seine klaren Worte, dass Unzucht Sünde ist und bestraft werden muss. Dem kann ich mich nur anschließen. Das gängige Kürzel dafür ist Schwedisches Modell. Ebenso herzlichen Dank an die Redaktion, insbesondere Herrn Husmann, für das hervorragend geführte Interview und der dadurch gut vorbereiteten differenzierten Diskussion, die der Komplexität des Themas gerecht wird und in der Bestrafungsforderung mündet.
Ich erlaube mir, noch zwei Punkte anzusprechen. Ich würde dafür plädieren, begrifflich genau zwischen Kriminalisierung und marktgerechter Bedarfssteuerung zu unterscheiden. Wenn unser Staat, der Gott sei Dank Rechtsstaat und demokratisch ist und sich dem freien Markt verpflichtet weiß, den Konsum der Drogen Alkohol und Tabak steuern will, benutzt er seine entsprechenden Mittel: Steuern, Verkaufs- und Werbebeschränkungen, Warnhinweise. Wenn derselbe Staat den Konsum der Droge Cannabis verbieten will, benutzt er das Strafrecht. Wenn die Unzucht verboten wird, ist die Strafe das vorgesehene Mittel. Der Freier wird nicht bestraft, um die Zahl der Unzuchtshandlungen zu senken, sondern um des Rechtes Willen. Auch Gott hat im Alten Testament das ungehorsame Volk Israel nicht bestraft, um die Anzahl seiner Verfehlungen herunterzufahren. Die Strafe erfolgte, um den gebrochenen Bund wieder herzustellen. Der heutige Staat bestraft, um den durch die Straftat gebrochenen RECHTSFRIEDEN wiederherzustellen.
Mein zweiter Hinweis: Wird das Marktsegment Prostitution kriminalisiert, muss die Strafandrohung langfristig nicht nur die Nachfrageseite, den sogenannten Freier, sondern auch die Anbieterseite, also die Prostituierte, treffen. Auch der Heroinhandel wird nicht dadurch bekämpft, dass nur der Käufer, aber nicht der Verkäufer bestraft wird. Vorübergehend, vielleicht auch für einige Jahrzehnte, kann mit Regelungen der einseitigen Strafandrohung gearbeitet werden. Auf Dauer ist das weder mit der Rechtsstaatlichkeit, noch mit der Marktpflege vereinbar. Trotzdem ist es fraglos taktisch klug, zur politischen Durchsetzung der Unzuchtskriminalisierung zuerst nur die Freierbestrafung zu fordern. Die Bestrafung der Prostituierten kommt dann später auf die Tagesordnung.
Es ist schön, so viel Einigkeit vorzufinden. Deshalb liegt es mir fern, lieber Herr Husmann, Sie kritisieren zu wollen. Ich möchte aber die Frage anschließen, ob Herr Ockenga wirklich unstatthaft Fragen vermengt, wenn er sich zum Täterkreis Gedanken macht. Gibt es eine Tat ohne Täter? Gibt es eine Sünde ohne Sünder? Ich glaube nicht. Ob Moslems mehr vergewaltigen als Christen, um die unausgesprochene "ungeheuerliche Behauptung" zu benennnen, könnte vielleicht durch einen Blick in die Kriminalstatistiken des Königreiches Saudi-Arabien geklärt werden. Dort droht Freiern die Prügelstrafe mit der Peitsche. Das ist nicht direkt in unser Justizsystem übertragbar. Aber Anregungen aus dem Vergleich mit anderen Kulturen kann sich jeder selber holen.
Ich danke allen Lesern für die Geduld beim Lesen meines langen Kommentares und verbleibe mit evangelischem Gruß
Adam Mair

Sehr geehrte(r) Frau oder Herr Napp!

Ob mein Kommentar mehr alt- oder neutestamentarich wirkt, möchte ich ganz den Lesern meines Kommentars überlassen. Sowohl das AT wie das NT ist doch wesentlicher Teil des Wortes Gottes, vor dem alle Christen, wir Evangelische insbesondere, doch größte Hochachtung haben.
Sie bemerken, dass Jesus im Zusammenhang von Freiern und Prostituierten nicht von Strafe sprach. Das mag durchaus sein. Ich hatte keineswegs die Absicht, unseren Herrn und Heiland zu kommentieren. Ich versuchte, zwei mir nicht unwichtig erscheinende Punkte im Rahmen der aktuellen Rekriminalisierungstrategie der Unzucht zur Sprache zu bringen. Ihr Hinweis auf Liebe und den Neuanfang scheint mir präzise den Punkt zu treffen. Die Forderung nach Freierbestrafung entspringt doch genau der Nächstenliebe, die sich der Prostituierten annimmt. Und der Freier, der blechen oder einsitzen muss, weil er sich beim Laufhausbesuch dumm angestellt und erwischen hat lassen, der hat doch die schönsten Aussichten auf einen Neuanfang. Soweit kann ich also keinen großen Unterschied zwischen Ihren Anmerkungen und den sonst vorgetragenen Meinungen entdecken. Aber vielleicht gibt es da noch etwas zu diskutieren.
Mit evangelischem Gruß
Adam Meir

Danke für diese brutale Wirklichkeit. Auch wenn sie weh tut. Erklärt ist genug. Wissenschaftliche Erklärungen sind nicht notwendig. Die brutale Lebenswirklichkeit nimmt keine Rücksicht auf gute Wünsche und hohe Ideale. Und nun stelle man sich mal die aus früheren Konfliktsituationen bekannten Lösungsvorschläge unserer obersten Kirchenleitung vor. Da wird dann sicher wieder von Gesprächsangeboten an die Frauen, an deren Zuhälter, an die Vermieter der Wohnungen und selbstverständlich auch an alle Freier (was für eine unselige Bezeichnung für sexistische Sklavenhalter!) gesprochen. Dann kommen noch die Worthülsen, aufeinander zugehen, abholen, mitnehmen, ins Gebet einschließen und viele andere Hilflosigkeiten. Ausrotten wird man die Sünde nicht. Selbst im AT + NT ist von ihr, als vermutlich nicht zu verhindern, die Rede. Es geht also nur noch um die Eindämmung, um den Versuch der Verhinderung von Abhängigkeiten. Als einzig gängiger Weg hat sich da das schwedische Modell erwiesen. Allerdings auch um den Preis der Gefahr von noch mehr Sexualdelikten. Wenn dann aber mit dem Satz: "Die Frage, die auch Sozialwissenschaftler und Pädagogen vermehrt stellen: Haben Männer mit Migrationshintergrund besonders große Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft?", die Möglichkeit eingeräumt wird, dass das Problem vielleicht gar nicht besteht, gibt es für mich keine Diskussionsgrundlage mehr. Die aus der Frage triefende süße Soße der allumfassenden Menschenfreundlichkeit, die selbst klare kulturelle Unterschiede zwischen Völkern und Religionen als möglicherweise nicht erwiesen ansieht, ist unfassbar.

Es ist ungeheuerlich, was für eine Behauptung Sie hier konstruieren: Sie befürworten das "schwedische Modell", das tue ich auch. Sie  versehen diese Position dann aber gleich mit dem Hinweis, es komme ja sicher zu mehr Sexualdelikten - und sind im nächsten Gedankengang bei "Männern mit Migrationshintergrund". - Puh! Was wollen Sie den Leuten, die hier lesen, denn damit sagen? Da schwingt ein ungeheuerlicher Generalverdacht mit, der hier nicht unwidersprochen bleibt. Übrigens: Mit so merkwürdigen Sprachbildern wie "triefende süße Soße der allumfassenden Menschenfreundlichkeit" schaffen Sie auch nicht gerade Diskussionsgrundlagen. Ich glaube, Ihre Urteile stehen ohnehin längst fest.

Herr Husmann, wenn Sie glauben unbedingt antworten zu müssen, dann bitte vorher verstehen, was Sie hinterher schreiben. Das Zitat lautet : „Als einzig gängiger Weg hat sich da das schwedische Modell erwiesen. Allerdings auch um den Preis der Gefahr von noch mehr Sexualdelikten“. Und was haben sie gegen dies Gefahr einzuwenden? Und ob sie dann eintritt, ist zu prüfen. Wohl auch nicht gemerkt, dass dieses Zitat: "Die Frage, die auch Sozialwissenschaftler und Pädagogen vermehrt stellen: Haben Männer mit Migrationshintergrund besonders große Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft?" aus dem Titeldialog stammt? Der mögliche „ungeheuerliche Generalverdacht“ stammt demnach nicht von mir. Wer dann noch die klaren kulturellen Unterschiede zwischen Völkern und Religionen als möglicherweise nicht erwiesen ansieht, der lebt nicht auf dieser Welt.

Ich bedanke mich bei Frau Mau für Ihren Mut und ihre klaren Visionen eines Umgangs mit Prostitution, bei dem die Freier in die Verantwortung genommen werden, wie es in Schweden gemacht wird. Das erscheint auch mir der richtige Weg. Frau Loheide meinte resigniert: Prostitution werden wir nie abschaffen können! und sprach sich deshalb gegen die schwedische Lösung aus. Aber darum geht es auch nicht. Zum Vergleich: Die Umweltverschmutzung werden wir nicht abschaffen können und dennoch verbieten wir sie und machen Gesetze, dass diejenigen, die die Umwelt verschmutzen in die Verantwortung genommen werden. Niemand sagt in deisem Fall, Gesetze seien der falsche Weg, weil Umweltverschmutzung nie abzuschaffen geht. Bei der Prostitution wird dieses Argument immer wieder angeführt, obwohl es wiedersinnig ist. Gesetze sind Ausdruck gesellschaftlicher Haltungen. Ein Umweltschutzgesetz oder ein Kinderschutzgesetz werden gemacht, um als Gesellschaft auszudrücken, dass einem die Umwelt oder Kinder etwas wert sind und deren Ausbeutung nicht in unsere moderne Gesellschaft passen. Trotz Gesetze wird es leider immer wieder Umweltsünder geben und Menschen die Kinder mißbrauchen. Stellt deshalb jemand die Sinnhaftigkeit von Gesetzen infrage? Bei der Prostitution werden Gesetze in Frage gestellt. Warum eigentlich? Die Schweden haben sich positioniert, sie drücken durch die Feierbestrafung aus: Der Kauf einer sexuellen Dienstleitung entspricht nicht den ethischen Vorstellungen einer modernen Gesellschaft. Damit haben sie viel erreicht. Schweden ist eine Gesellschaft in der ein partnerschaftlicher Umgang der Geschlechter selbstverständlich ist und Frauen keine Ware sind.

Ich danke Huschke Mau für ihren unglaublichen Mut! Und ihre tapfere Entschlossenheit, gegen das System Prostitution zu kämpfen!
Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man im Zusammenhang mit Prostitution von einer Arbeit wie jeder anderen sprechen kann oder Verständnis für Männer aufbringen, die (Macht über) Frauen kaufen. Schade, dass selbst eine Organisation wie die Diakonie noch so sehr den Mythen über Prostitution nachhängt (als wenn jemand dabei horrende Summen verdienen würden und die Freier warmherzige, kümmerliche Männer, die nur reden wollen...). Warum haben selbst engagierte Frauen, die es wissen müssten, die dramatischen Folgen für Frauen in der Prostitution wo wenig im Blick (und im Herzen)?

Hallo zusammen,
Ich bin sprachlos über die in meinen Augen naiv menschen-frauenverachtende Haltung einer Vertreterin der Diakonie. Prostitution ist Menschenverachtung pur und das bloße Akzeptieren verhindert ein gesellschaftliches Umdenken. Frauen sind durch Männer käuflich - das ist die message. Ich bin ganz klar für das schwedische Modell. Und Gott sei Dank vertritt eine Orga wie Solwodi bspw. ganz deutlich die Seite der OPFER, auch wenn das einige ehemalige Frauen aus der Prostitution nicht hören wollen. Prostitution ist in meinen Augen keine Arbeit wie jede andere und die Aussagen von Frau Loheide negieren das kriminelle Milieu der Szene, sie negiert die biografischen und gesellschaftlichen Wurzeln für die oftmals schwer traumatisierten Frauen. Hier muss, um psychisch zu überleben, psychologisch betrachtet, gespalten werden...da nicht sein kann, was nicht sein darf....
Wenn wir Frauen sexuelle Gewalt nicht verurteilen und Täter/Freier nicht bestraft werden, dann sind und bleiben Frauen in der Prostitution weiterhin Opfer- weltweit.

...an der Position von Frau Loheide ist natürlich legitim, liebe Frau Terpoorten. Diese "Begegnung" soll ja zu Diskussionen und zum Nachdenken anregen. Wir sind sehr froh, dass das Interview zustande gekommen ist. Auch für uns als Moderatoren war es ein beeindruckenedes Gespräch, das mich persönlich sehr ins Grübeln gebracht hat, ob das schwedische Modell nicht der der deutlich bessere Weg ist.

Ich möchte Ihnen dennoch in einem Punkt als Moderator, der Frau Loheide in dem 90minütigen Gespräch erlebt hat, widersprechen: Sie hat keine menschenverachtende Haltung und sie verschweigt auch nicht, dass es kriminelle Strukturen im Bereich der Prostitution gibt. Sie behauptet auch nicht, dass Prostitution ein Beruf wie jeder andere ist. Die Diakonie bietet Beratungen mit dem Ziel, aus der Prostitution auszusteigen. Ich finde, Sie sollten Frau Loheide keine Haltung unterstellen, die sie nicht vertritt.

Schöne Grüße - Nils Husmann

... Frau Loheide ist sicher daran gelegen, den Menschen, vor allem Frauen in der Prostitution zu helfen. Dennoch hat sie sich sehr häufig auf die Seite von Gruppen und Organisationen gestellt, die sehr laut das Loblied der "freien" Prostitution singen, und die sich offen auf Lobbyverbände der Sexindustrie beziehen. Gruppierungen, die immer wieder die gleichen widerlegten Texte zu Schweden und zu Norwegen verbreiten und gleichzeitig zu den Zuständen in Deutschland extrem schweigsam sind, oder die versuchen, Probleme in der Prostitution in erster Linie auf die Kritik an Prostitution zurückzuführen. Ich beziehe mich dabei auf die z.T. unsäglichen öffentlichen Statements des Dt. Juristinnenbunds und des Deutschen Frauenrats, auch auf die Statements der Aids-Hilfe. Ich freue mich wie viele Leser und Leserinnen, dass hier dieses Gespräch zustande gekommen ist und danke Huschke Mau für ihre klaren Aussagen. Gleichzeitig hoffe ich, dass Frau Loheide sich vielleicht endlich wirklich mit dem Thema und den Informationen zu anderen als den von ihr bisher vertretenen Wegen auseinandersetzt. Wenn ich mir anschaue, in welchem Meinungsspektrum sie bisher aufgetaucht ist, finde ich, dass sie sich auch etwas härtere Kritik gefallen lassen muss. Prostitution wurde in Deutschland über 10 Jahre lang als "Sexarbeit" normalisiert und schön geredet. Das Ziel, den Frauen zu helfen (und sie als Individuen zu respektieren) führte leider sehr oft zu einer Unterstützung der gesamten Struktur um die Frauen herum. Und Frau Loheide und die Diakonie hat dem nicht sehr viel entgegen gesetzt.

Dissoziation ist eine natürliche Fähigkeit von uns allen, mit der wir im Alltag Sinnesreize ignorieren können, die uns momentan überfordern. Ihre besondere Funktion im Zusammenhang mit schwerwiegenden seelischen Belastungen wurde seit mehr als hundert Jahren von Psychiatern und Psychotherapeuten beschrieben (Pierre Janet, C. G. Jung, Sándor Ferenczi) und in den letzten Jahrzehnten im Fachbereich der Neurobiologie und Psychotraumatologie erforscht und zur Grundlage traumatherapeutischer Methoden gemacht.
Psychische Traumatisierung meint, daß extrem belastende Erfahrungen seelisch nicht verarbeitet werden konnten. Das damit verbundene Leid wird gewissermaßen konserviert. Bestimmte Körperwahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen sind dem Bewußtsein nicht mehr zugänglich: sie werden abgespalten ("dissoziiert"). Dies hat zur Folge, daß sich die entsprechenden schlimmen Lebenserfahrungen nicht einfach durch gute Erfahrungen "wieder gut machen lassen". Betroffene verhalten sich auch im späteren Leben in bestimmten Situationen so, als sei alles noch wie damals.
Bei Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, zeigen sich typische Auswirkungen:
• Ihre sexuellen Empfindungen und Bedürfnisse "vereisen", sobald sie sich auf konkrete sexuelle Nähe einlassen, oder
• sie werden sexuell aktiv, ohne viel dabei zu empfinden und sagen sich etwa: "Es ist eben so bei mir, Hauptsache, der Partner/die Partnerin hat was davon", oder
• sie halten sich generell für asexuell.
Auf der Grundlage von sexuell traumatisierenden Vorerfahrungen in Kindheit und Jugend, die nicht aufgearbeitet werden konnten, ist eine gesunde Entwicklung der eigenen Sexualität kaum möglich. Sexualität wird von den (weiblichen wie männlichen) Betroffenen verstanden als Moment von Macht und Status – denn so haben sie selbst es erlitten.
An dieser Stelle liegt für manche der Betroffenen der Schritt in die Prostitution. Oft ist es eher ein Hineinrutschen nach dem Motto: „Wenn schon Sex, dann will ich wenigstens etwas dafür bekommen.“ Jetzt wird der eigene Körper zum (Geld-)Wert. Wer sich prostituiert, erlebt aber auch sich selbst als begehrt – zumindest in Momenten der mitmenschlichen Nähe, die auch dort entstehen. Solche Erfahrungen bedeuten eventuell mehr mitmenschliche Bestätigung als alles, was jemand in einer traumatisierenden Kindheit und Jugend erfahren hatte. Traumatische Abspaltungen (Dissoziationen) von Körperempfindungen, von Lust- und Liebesfähigkeit werden dadurch allerdings nicht geheilt, sondern nur kompensiert!
In diesem Zusammenhang ist es nachvollziehbar, wenn Prostituierte um Anerkennung ihrer Lebensweise als Arbeit im berufsrechtlichen Sinne kämpfen. – Aber das Problem hat noch weitere Facetten.
Für Frauen (und Männer) mit sexuell traumatisierenden Erfahrungen in Kindheit und Jugend hat der Alltag der Prostitution selbst zweifellos retraumatisierunge Wirkung, das heißt, Empfindungen aus den nicht verarbeiteten und deshalb abgespaltenen sexuellen Gewalterfahrungen kommen situativ wieder ans Bewußtsein – und führen zu einer umso stärkeren Dissoziation. Anders gesagt: es entsteht ein Teufelskreis, bei dem gesunde Körperempfindungen und Bedürfnisse immer mehr abstumpfen und die Ersatzbefriedigung über Geldwert, Machtbestätigung (gegenüber dem bedürftigen Freier) und gesellschaftliche Anerkennung (Stichwort: "Sexarbeit") überlebenswichtig wird.
Viele Überlebende von psychischen Traumatisierungen versuchen, die Folgen (Erinnerungen, Angststörungen, Alpträume und anderes) durch Drogen herunterzudrücken. Vor allem sehr junge Frauen können das dafür nötige Geld nur durch Prostitution verdienen. Das damit verbundene neue Leid verfestigt die Drogenabhängigkeit. – Ein aktuelles Problem ist bekanntlich die Zwangsprostitution von Mädchen und jungen Frauen aus Osteuropa. Auch und gerade bei ihnen muß von traumatischen Vorerfahrungen ausgegangen werden.
Nach allem, was wir von den grundlegenden Bedürfnissen und Empfindungen des Menschen zu wissen meinen, setzt auch "selbstbestimmte" Prostitution voraus, daß die betroffenen Frauen (und Männer) ihre leibliche Identität abtrennen von sich selbst: "Ich verkaufe nicht mich – nur meinen Körper!" Auf andere Weise ist das Geschehen nicht auszuhalten. Es handelt sich hier um die gleiche dissoziative Abspaltung, wie sie sich regelhaft nach sexuellen Traumatisierungen findet. Für diese Frauen hat es zweifellos stabilisierende und kompensatorische Funktion, die eigene Prostitution als "Beruf wie andere auch" zu verstehen. Allerdings bedeutet dies eine weitere psychische Distanzierung: "Ich verkaufe nicht meinen Körper – sondern nur Sex als Dienstleistung!" Die schwedische Journalistin Kajsa Ekis Ekman belegt in ihrem noch nicht ins Deutsche übersetzten Buch 'Being and Being Bought' (Stockholm 2010), daß es sich bei dieser (durchaus auch politisch verstandenen) Entfremdung und Verdinglichung des menschlichen Körpers und seiner Funktionen, seiner Abspaltung vom menschlichen Selbst, nicht allein um theoretische Überlegungen handelt, sondern daß diese sich in Erfahrungsberichten und Selbstbeschreibungen von Prostituierten antreffen läßt.
Wir alle können selbstbestimmt entscheiden, wie wir umgehen mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen wie Sexualität, Beziehung, Liebe. Im Zusammenhang mit der sogenannten „Sexarbeit“ sollten jedoch diese durch viele Zeugnisse von Prostituierten wie von psychotherapuetischen Fachleuten belegten Zusammenhänge einbezogen werden in gesundheitspolitische Entscheidungen, mediale Präsentationen und nicht zuletzt im individuellen Kontakt mit Menschen, die sich prostituieren.

...."sollten jedoch diese durch viele Zeugnisse von Prostituierten wie von psychotherapuetischen Fachleuten belegten Zusammenhänge einbezogen werden in gesundheitspolitische Entscheidungen, mediale Präsentationen und nicht zuletzt im individuellen Kontakt mit Menschen, die sich prostituieren."...
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Wie soll das konkret aussehen? Wie soll konkret einer Prostituierten begegnet werden, die gerade "erfolgreich" alle negativen Empfindungen abspaltet, viel Geld verdient und die Anerkennung als Beruf fordert? Das Erlebnis der Traumatisierung kommt ja oft erst sehr viel später, evtl. Jahrzehnte später, wenn das Verdrängte durchkommt. Aber zu dem früheren Zeitpunkt ist das ja nicht im bewußten erleben vorhanden. Also muß man der Prostituierten in dieser Zeit offen tolerant begegnen und allenfalls Hilfe im erwünschten Rahmen bereitstellen. Wie die Haltung der Diakonie eben. Deshalb schätze ich die Haltung der Diakonie und ihrer o.g. Mitarbeiterin. Man kann späteren Phasen m.E. nicht zuvorkommen, da man die Frauen zu diesem Zeitpunkt so nicht erreicht. Aber durch fehlende Ausgrenzung könnte man diesen Frauen jederzeit den Ausstieg ermöglichen, falls sie es irgendwann möchten. Es ist eine Frage des Zeitpunkts. Und irgendwann will wahrscheinlich fast jede aussteigen.

Vielen Dank für den Text von Mondrian v. Lüttichau. Klare, erklärende Worte, die wirklich nicht fehlen dürfen! Menschen müssen sich als Menschen in Augenhöhe begegnen können- dies kann in einem solch ungleichen Verhältnis niemals stattfinden. Wir müssen alles tun, um Prostitution zu bekämpfen. Liebe ist nicht käuflich. Es können nur Verletzungen dabei entstehen. Wir müssen Freiern bewusst machen, dass sie eine Straftat begehen und fragen, warum sie dies tun. Warum sie einem anderen Menschen nicht mit Respekt und Verantwortung und Liebe begegnen können.