Über Flüchtlinge, hilfsbereite Bürger und wütende Demonstranten

"Es passiert gerade Historisches. Das löst Abwehr aus"
Ulrich Lilie

Foto: Diakonie / Hermann Bredehorst

Diakoniepräsident Ulrich Lilie hat im chrismon-Interview seine Haltung zur Flüchtlingskrise erläutert - und einen Sturm der Entrüstung geerntet. Daraufhin stellte sich Lilie drei Monate lang den Fragen des Publikums und beantwortete sie. Nun zieht er Bilanz

chrismon: Was hält nach Ihrer Meinung die Mehrzahl der Christenmenschen in Deutschland davon, dass wir Flüchtlinge aufnehmen?

Ulrich Lilie: Sehr viele Menschen erkennen die Verpflichtung an, Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht wenige sorgen sich auch, dass die eigene Identität in Frage gestellt wird. Und dass das bisher Normale vielleicht nicht mehr normal sein wird. Diese Sorgen muss man ernst nehmen.

Nach öffentlichen Auftritten von Kirchenvertretern beschweren sich auffällig viele Leute: telefonisch oder per Internet, die meisten pöbelnd. Wie erklären Sie sich diese Erregung?

Angst ist die Reaktion auf etwas Ungewohntes. Viele Menschen ahnen, dass gerade etwas Historisches passiert, das löst Abwehr aus. Und sie merken: Was heute in Syrien passiert, kann sich morgen in Solingen auswirken. Das können wir uns nicht einfach vom Leib halten. Die Reaktion ist oft die Forderung: Mauern bauen! Und zu sagen: Wir lassen uns nicht überfremden, wir lassen unser Sozialsystem nicht kaputt machen! Die Gefahr mag ja gar nicht bestehen, aber das Gefühl ist da. Es gibt die Sorge, dass sich Übergriffe wie in der Silvesternacht in Köln wiederholen können, dass Freiheitsrechte in Frage gestellt werden. Da müssen wir als Leitende in Kirche und Diakonie klar machen: Freiheits- und Menschenrechte stehen nicht zur Disposition. Gleichzeitig müssen wir den Menschen auch erklären, wie direkt die Auswirkungen auf Europa sind, wenn eine ganze Region in Afrika destabilisiert wird. Wir spüren die Folgen sehr schnell, auch das ist eine Folge der Globalisierung. 

Sie haben empörte chrismon-Leser aufgerufen, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Wie war die Resonanz?

Einige haben weiter gepöbelt. Sie wollten keinen Diskurs. Sie wollten mir nur sagen, wie weltfremd und naiv ich bin. Oder auch wie unverschämt, weil ich Dinge sage, gegen die sie sich verwahren. Andere haben sich mit Fragen an mich gewandt. Da war der Ton auch ruppig, aber das finde ich ganz in Ordnung, dem kann ich mich stellen. Das ist wichtig, um zu signalisieren: Ich rede ja mit dir. Aber wir müssen auch sagen, welche Herausforderungen nun bevorstehen. Und dass wir etwas tun können, damit wir vom Zustrom der Flüchtlinge auch selbst profitieren.

Hat sich irgendeiner derer, die sich an Sie gewandt haben, im Nachhinein zu Ihrer Aktion geäußert?

Zwei, drei haben mir auch geschrieben: Herzlichen Dank für die Auskunft. Und andere: Dass Sie wirklich antworten, hätte ich gar nicht gedacht. So eine Art positive Enttäuschung.

Melden sich noch immer so viele Freiwillige für Aufgaben bei den Hilfseinrichtungen der Diakonie wie im vergangenen Sommer, als die Welle der Hilfsbereitschaft begann?

Ja, die Hilfsbereitschaft ist ungebrochen. Viele unserer hauptamtlich Mitarbeitenden engagieren sich auch in ihrer Freizeit. Manche bis zur Erschöpfung. Wir müssen Ehrenamtliche professionell begleiten, unterstützen, fördern, und ihnen auch sagen: Du kannst jetzt auch mal in die zweite Reihe stellen, jetzt sind mal andere dran. Die Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD zeigt, dass sich nach wie vor mehr Menschen in der Flüchtlingsfrage engagieren als im Sport, wo sich sonst die meisten Ehrenamtlichen engagieren.

Wer überwiegt nach Ihrer Einschätzung zahlenmäßig: die Macher oder die Protestierer?

Diejenigen, die arbeiten. Die machen nicht so einen Hype, sie tun was. Das ist nicht so spektakulär wie die Großdemonstrationen. Sie stehen jetzt nicht mehr jeden Tag in der Zeitung wie am Anfang, als wir die Bilder vom Münchener Bahnhof sahen. Es steigt aber die Zahl derer, die das Ganze mit stiller Skepsis begleiten. Wir müssen aufpassen, dass da keine schweigende Protestmehrheit entsteht. Da sehe ich eine Schwäche der Politik: Die Menschen brauchen mehr Führung, um zu verstehen, was jetzt notwendig ist. Manche Politiker führen angebliche Zauberwörter in die Debatte ein. "Obergrenze" zum Beispiel. Wenn man sie fragt, was mit den Flüchtlingen passiert, die auf der Balkanroute stecken bleiben, dann werden diese Politiker stumm. Sie wissen es nicht.

Und wer von beiden spricht für die Mehrheit der Deutschen eher, wer repräsentiert Volkes Stimme?

Es steht etwa fünfzig zu fünfzig. Es gibt auch viele Schweigende, die Angst haben, dass uns die Lage entgleitet, und dass die Flüchtlingspolitik wahnsinnig teuer wird. Aber genauso viele sagen: Wer, wenn nicht wir, soll diese Aufgabe schultern. Und: Wir schaffen das. Es hängt sehr davon ab, dass in den nächsten Monaten die Kooperation zwischen Bund, Ländern, Kommunen und den Institutionen klappt. Und weniger Debatten über Obergrenzen, Zäune oder das Aussetzen der Bewegungsfreiheit in Europa.

Was empfehlen Sie, wie sollen besonnene Bürger auf Beschimpfungen der sogenannten Gutmenschen und Verdächtigungen gegen Flüchtlinge reagieren?

Besonnen bleiben, die anderen in Diskurse bringen, ganz viel reden. Mir gefallen die Townhall-Formate, öffentliche Debatten in Bürgerhäusern, in der Kirchengemeinde. Wenn diskutiert wird: Was heißt das hier im Kiez, in der Gemeinde. Da sollten sich auch Verantwortliche in Kirchengemeinden und in sozialen Institutionen, Bürgermeister und Landräte zeigen: Ihr werdet nicht nur regiert, ihr habt auch Möglichkeiten und die Verantwortung, hier mitzugestalten.

Haben Sie schon mal erlebt, dass jemand seine Meinung in der Flüchtlingsfrage änderte – in die eine oder die andere Richtung?

Ich habe Hörbereitschaft für Argumente erlebt. Darüber bin ich froh, dass Leute sich Argumente anhören, damit nach Hause gehen und sich das überlegen. Wir müssen einander nicht missionieren. Sondern die Berechtigung von Argumenten sehen. Von Sorgen auf der einen Seite, und von Lösungsvorschlägen auf der anderen. Da sehe ich das größte Problem, dass wir übereinander reden und nicht miteinander.

Welche Debatte muss da vor allem geführt werden?

Die Debatte über die Fragen: Wer ist wir? Und: Wie ändert sich das christliche Abendland, die fängt gerade erst an. Es gibt große Fragen, die brauchen große Diskussionsforen in den Gemeinden und Dörfern, nicht nur Talkshows. Das wird die Herausforderung sein, dass wir uns diese Gesprächsbereitschaft zumuten und auch gönnen.

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