Flüchtlinge im Kloster in Weingarten

Mensch, ging das schnell!
Auf dem Martinsberg in Weingarten haben sie lange gebetet, dass wieder Männer in ihr prächtiges Kloster einziehen. Männer sind gekommen, Flüchtlinge aus Afrika. Der heilige St. Martin wäre begeistert, manche Bürger arbeiten noch dran
Schwester Ines mit ihren Jungs

Foto: Sebstian Cunitz und Julius Matuschik

Schwester Ines mit ihren Jungs. Sie weiß, wo in Weingarten Kaufland und Standesamt sind – und wo in Nigeria Boko Haram wütet

Vielleicht findet hier gerade der Untergang des christlichen Abendlandes statt. Freilich, sie steht noch, die mächtige Kuppel der Basilika, die der Besucherin schon von weitem den Weg ins tief katholische Oberschwaben weist. Aber im Eingangstor zum Kloster krächzt jetzt mittags um zwölf der Muezzin aus einem Smartphone. Im Gästehaus der katholischen Akademie, wo man eben noch sein Haupt zu Bette legte, nachdem man gepflegt über die Kultur im Spätmittel­alter philosophierte, stehen jetzt ein Fitness-Bike und Wäscheständer mit sehr großen Kapuzenpullis. Und als ein Kirchturm der Basilika neulich eingerüstet war, sagte der Akademiedirektor: „Habt ihr noch nicht gehört? Das wird jetzt ein Minarett.“

Die Autorin und die Fotografen

Sebastian Cunitz (Jahrgang 1983), Julius Matuschik (1986) und Ursula Ott (1963) sprechen fließend schwäbisch. Ott schlief als Journalismusdozentin schon vor 15 Jahren im Gästehaus des Klosters. Die Fotografen haben mit den Flüchtlingen ein Magazin erstellt: cameo-kollektiv.de/magazin
War ein Witz. Die Kirche bleibt im Dorf. Aber nach Witzen ist den Bürgern in Weingarten nicht zumute. Sie haben ganz schön was mitgemacht in den letzten fünf Jahren. Aus dem jahrhunderte­alten Benediktinerkloster zogen im Jahr 2010 Knall auf Fall die letzten Padres aus. 2013 verkündete der Bischof, er werde auf dem Gelände des Klosters in Kürze Flüchtlinge ansiedeln. Es kamen dann 39 afrikanische Männer, mit denen sich Weingarten schwer genug tat. Doch kaum hatte man sich daran gewöhnt, dass ­junge Eritreer, Kameruner und Nigerianer, dunkelhäutig zwar, aber immerhin gläubige Christenmänner, im klösterlichen Gästehaus schlafen und sonntags in die Messe kommen – da folgte der dritte Paukenschlag: Mitten im Kloster, dort, wo man als Weingärtler Kind nur ehrfürchtig ahnte, was hinter dicken Klostermauern geschehen mochte – genau dort wurde über Nacht eine „BEA“ errichtet, eine bedarfsorientierte Erstaufnahme für 150 Flüchtlinge – aus dem Balkan, aus Syrien und Afghanistan.

Und nun ist die Frage in Weingarten, 25 000 Einwohner, fromm, oberschwäbisch lebensfroh und wohlhabend: Geht das Abendland hier unter? Oder zeigt es jetzt mal richtig, was es zu bieten hat an christlichen Werten?

Weingarten ist, so sagen es die Kirchengemeinderäte, „stockkonservativ“. Sie meinen das als Kompliment. Jedes Jahr reiten 2500 Blutreiter im Morgengrauen mit einer Heilig-Blut-Reliquie vom Klosterhof durch die Stadt und durch die Felder. Bei Wah­len holt die CDU regelmäßig die Mehrheit, jahrelang galt gar: Die Schwarzen können hier auch einen Besenstiel aufstellen, der wird gewählt. Wer in Weingarten, wie die Autorin dieses Artikels, in den 70er Jahren als evangelisches Mädchen einen katholischen Freund hatte, wurde vom Geburtstagsfest der Großmutter ausge­laden: „Hättest auch eine Katholische finden können“, der Satz wirkt bis heute wie ein Giftpfeil.

"Emotional kommen wir da gar nicht hinterher"

Ausgerechnet hier haben sie 2008 einen Bürgermeister ­gewählt, der evangelisch ist, parteilos, verpartnert mit seinem Lebens­gefährten. Einen modernen Pragmatiker. Markus Ewald, gelernter Betriebswirt, ist voller Optimismus, was die Flüchtlingsfrage angeht: „Wir schaffen das in Weingarten!“ Da ist er ganz beim katholischen Bischof, dem das Flüchtlingsexperiment im alten Kloster sehr gut in sein „Martinsjahr“ passt. Denn der heilige St. Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat – der hat 2016 Geburtstag, den 1700. Geburtstag. Da passt es doch, dass seine Weingärtler jetzt auch teilen.

Aber lässt sich Nächstenliebe verordnen vom Bischof? Was ist das eigentlich?

Es ging alles zu schnell, sagt Ekkehard Schmid, der katholische Stadtdekan. „Emotional kommen wir da gar nicht hinterher.“ Und weil es in Deutschland jetzt immer so schnell ­gehen muss, weil die Flüchtlingszahlen sich überschlagen und jede Lösung, gerade errungen, schon wieder überholt ist, lohnt es sich, sich den Abschied vom alten Weingarten genauer anzu­sehen. Und zu überlegen: Wird es ein neues Weingarten geben? Schafft es Weingarten?

Der Abschied war kein guter. Dass die Mönche ausgezogen sind, war nicht dem demografischen Wandel geschuldet, das Kloster war schlicht ­heruntergewirtschaftet. Von über 150 Mönchen in früheren Zeiten waren am Ende nur noch drei übrig. Wer heute den Eingeweihten zuhört, bekommt den Eindruck: Im Kloster war eine schlecht gelaunte Männer-WG zugange, unter ­dilettantischer Führung. „Vier quälende Jahre“ ­zogen sich die Querelen hin, erinnert sich einer der letzten Brüder, Pater Pirmin Meyer, und dennoch war das plötzliche Ende keine Erlösung. Sondern „wie der Tod einer geliebten Frau“.

Es fällt auf, zu welch drastischen Bildern die Kirchenmänner neigen, wenn sie den Niedergang der klösterlichen Gemeinschaft beschreiben. „Wie ein alter Mann mit vielen Zahnlücken“ habe das düstere Klostergebäude bei Nacht am Ende gewirkt, sagt der kluge Stadtdekan, der von seinem Appartement direkt auf die mächtigen Mauern guckt. „Es waren ja nur noch drei am Ende, und jeder hockte bockig auf seiner Zelle.“ Man möchte am liebsten fragen, ob es da nicht viel lustiger ist, jetzt, mit den vielen syrischen Kindern, aber wir wollen bei der Chronologie bleiben. Damit die Seele nachkommt.

Einerseits ein Paradies – andererseits ein Gefängnis

Also, Paukenschlag, Schließung des Klosters 2010. Ein Entrümpelungsunternehmen hilft, die letzten Kreuze, Weihwasser­becken und Bibeln aus den Zellen auszuräumen. „Es fühlte sich an wie eine zweite ­Säkularisation“, sagt der Pfarrer. Ein paar tüchtige Männer aus dem Pfarrgemeinderat packen mit an. „Es hat mir schon wehgetan, da mit dem Besen durchzugehen“, sagt Markus Göttner, ein frommer Mann, Steuerberater. Er hat seither viel gebetet, dass sich wieder Mönche in Weingarten ansiedeln. Er ist sogar mit einer Delegation nach Südfrankreich gefahren, zum strengen Männerkonvent St. ­Martin in Candé-sur-Beuvron, in der Hoffnung, der könne ­einen Ableger in Weingarten aufmachen. Aber der Bischof hatte andere Pläne.

7 Wochen Ohne

Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge, so heißt dieses Jahr das Motto der Fastenaktion. Neugier, Gast­freundschaft, Toleranz – wir alle müssen noch kräftig üben. Übrigens: 7 Wochen ohne gibt es auch auf Facebook.

Kirchengemeinderat Göttner gehört zu denen, die richtig trauern, dass das Kloster seine Strahlkraft verloren hat. Aber er ist auch ein durch und durch guter Christ. Und drum wusste er, was zu tun ist, als die Franziskanerschwester Ines, die er seit 30 ­Jahren kennt, ihn eines Abends im April 2014 anrief und sagte: „Da kommen 39 Afrikaner, in zwei Stunden, und sie haben nur Bade­latschen und Plastiktüten.“ Da sammelte Markus Göttner, dreifacher Familienvater, Kolpingvater, warme Jacken bei Bekannten ein, besorgte den Schlüssel der ökumenischen Kleiderkammer, und wartete auf den Bus. „Da kam ich dann zum ersten Mal mit den Herren in Berührung.“ Ja, es war nicht genau die Sorte Herren, für die Weingarten gebetet hatte. Aber: „In der Not muss man helfen, da gibt es kein Vertun.“

Die 39 Herren und die Nonnen. Junge Männer aus Eritrea, ­Kamerun und Nigeria, begleitet von zwei Ordensschwestern aus dem Kloster Reute, die Bischof Fürst abgestellt hat zur Betreuung. Eine geniale Idee, das sagen alle, auch der evangelische Bürgermeister – „die Ordensschwestern sind die Seele des Martinsberges, sie haben die Situation enorm entschärft“.

Die jungen Männer aus Afrika wohnen nicht im Allerheiligsten, sie schlafen jeweils zu zweit im Gästehaus der katholischen Akademie, gleich gegenüber. Es ist – einerseits – ein Paradies. Ein üppig ­grüner Klostergarten mit Fischteich und Liegestuhl, und an schönen Tagen mit einem Blick weit über die sanfte ober­schwäbische Hügel­landschaft bis zum Bodensee und den Alpen. Andererseits ist es, sagt André Michel aus Kamerun, „ein Ge­fängnis“. Das klingt hart, aber er meint: keine Freunde, keine Arbeit, kein ­Bescheid, ob sie hier jemals Asyl bekommen, ob sie irgendeine Zukunft haben. Es ist schwer für die Afrikaner, im konservativen Weingarten Fuß zu fassen. „Was wollen die Affen hier“, sagt ein Patient, als Schwes­ter Ines mit ihren Jungs zum Zahnarzt geht. „Sie hassen uns, ich sehe es an ihren Gesichtern“, klagt William aus Kamerun. Auch heute, nach anderthalb Jahren, haben sie wenige einheimische Freunde. Sie suchen sich per Facebook Frauenbekanntschaften im 80 Kilometer entfernten Ulm, wundern sich dann, wenn es nach dem ersten Treffen in der Disco nicht gleich klappt, German women are complicated. Nun ja, wer soll ihnen das auch erklären, wie das hier läuft mit den Mädels. Ihre Brücke zur Welt ist eine katholische Nonne.

Schwester Ines ist durchaus von dieser Welt. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich im Leben mal aufs Standesamt komme“, sagt sie, „jetzt hab ich schon zwei Mal Aufgebote bestellt.“ Zwei ihrer Jungs haben ihre afrikanischen Frauen geheiratet, für alle jungen Familien hat sie Wohnungen gefunden. Einem ­Nigerianer, der in seinem Heimatland Lehrer war, hat sie über den Kirchenchor eine Lehrstelle als Altenpfleger besorgt, einem anderen hat sie über eine Bürgschaft des Round Table Clubs eine Wohnung organisiert. Aber vieles klappt auch nicht, viele Stunden am Tag hocken die jungen Kerle rum, machen Fitness­training, warten, bis der Briefträger kommt.

Zehn Stunden Zeit: "Die Seele kommt nicht nach"

Die Ordensschwester ist die Heldin von Weingarten. Wann ­immer man die 85 Stufen von der Altstadt hinauf ins Kloster steigt, begegnet man ihr, in wetterfester blauer Fleecejacke über dem Habit, immer mit einem der Schützlinge im Schlepptau. Dem einen zeigt sie spätabends, wo sein Bus zum Schneeschippen ­morgen früh losgeht. Dem anderen schärft sie ein, wo er pünktlich um sieben zum Praktikum sein muss. Pünktlich!

„Meine Welt ist groß geworden“, sagt die Nonne, und sie zeigt mit den Händen: sehr groß. Auch der Fernseher in ihrer Wohnung ist groß; nebst einem alten Transistorradio, einem leidenden Jesus und einem lachenden Papst ist der Fernseher das beherrschende Möbelstück in ihrer Behelfswohnung. „Wenn ich jetzt abends die Tagesschau gucke, sehe ich zu jedem Land eine ganze Geschichte“, sagt die Nonne, „ich weiß von meinen Jungs, in ­welchen Kriegen sie kämpfen mussten. Mit deutschen Waffen. Wie viele Kilometer sie marschiert sind. Wie geschickt sie waren, um ihr Leben zu retten. Meine Welt ist groß geworden.“

Und doch, auch die Schwester mit dem großen Herzen – auch sie hatte einen klitzekleinen Moment, an dem sie dachte: Es könnte jetzt auch mal reichen mit Veränderung. Dieser Moment war am 1. August gegen 14.30 Uhr. Der Tag, an dem wir in Phase drei des Experiments eintreten – die Notunterkunft.


 

Das Land Baden-Württemberg weiß an einem Spätsommertag im August nicht mehr, wohin mit den Flüchtlingen, gesucht wird eine Art „Überlaufventil“, weil die anderen Lager in der Region überfüllt sind. Notruf bei Bischof Fürst – das Hauptgebäude im Kloster Weingarten steht doch noch leer? Der Bischof hat kurz technische Bedenken, aber dann willigt er ein. Für alle Beteiligten in Wein­garten heißt das: Info Freitag um 17 Uhr, Ankunft der Busse avisiert für Samstag 14 Uhr.

Am härtesten trifft es Pfarrer Schmid. Erst der Auszug der Mönche. Dann der Einzug der Afrikaner. Der Gottesmann spricht sehr weltlich von zwei „Bombenabwürfen“, auf die er „nur noch ­reagieren, nicht mehr agieren“ konnte. Jetzt wollte er endlich ­selber eine Vision entwickeln, der Mann ist noch jung und will was gestalten. Ein Konzept hat er erstellt für den Kreuzgang, zusammen mit dem Direktor der Akademie, da sollen hochwertige Konzerte stattfinden. Im Refektorium soll – wie einst bei den Benediktinern – „Laben und Lesen“ veranstaltet werden, Vorlesungen von der Kanzel über aktuelle Themen wie Sterbehilfe. Und das Kloster soll, auch ohne Mönche, an seine alte Tradition als Wallfahrtsstätte anknüpfen: aus der die Pilger als gewandelte, als andere wieder weggehen. „Introvertiert“, das wäre ihm wichtig gewesen.

Und jetzt das. Die dritte Bombe. Auch er erfährt erst Freitag um 17 Uhr davon. Am nächsten Morgen, „einem wunderbaren Sommertag“, kann der Pfarrer gerade noch, so empfindet er es, „mit einem Kübel Wasser einen Großbrand löschen“. Er hat eine Trauung an dem Tag, er rennt aus der Kapelle im schwarzen Anzug auf den Martinsberg, kann gerade noch die Statue vom heiligen Benedikt in Sicherheit bringen und den Leuten vom Technischen Hilfswerk (THW) sagen, sie sollen die Biertische der Brauerei Leibinger nicht unter die Lesekanzel im Refektorium stellen, damit da keine Kaugummis kleben. Eines ist jetzt klar: Hier wird so bald nicht über Sterbehilfe geredet, hier kommt das pralle Leben an. Fast ausschließlich Familien mit Kindern, die lachen so laut, dass der einzige Versuch, ein klassisches Konzert zu veranstalten, kläglich misslingt.

Und es kommen erst mal keine Pilger, die sich innerlich wandeln. Sondern Flüchtlinge, die alle anderen zwingen, sich zu wandeln. Und zwar plötzlich. „Zehn Stunden!“, sagt der Pfarrer, „wenn es wenigstens zehn Tage gewesen wären zum Überlegen! Die Seele kommt nicht nach.“ Und setzt leise hinzu: „Dem Jesus hätte es vielleicht gefallen.“

Hummus statt Spätzle

Auch Schwester Ines und die Afrikaner sind nicht gleich begeistert von den neuen Nachbarn. „Wir haben das Para­dies jetzt nicht mehr für uns allein“, sagt die Schwester ­ihren Jungs. Und es hat fast etwas Biblisches, wie die afrikanischen Jungs jetzt zum ersten Mal ihre alte Nonne trösten. Sie gehen mit ihr zum kleinen Garten, sie gießen zusammen das Beet, guck, da springt ein Mäusle, da, eine Himbeere ist reif geworden. Sie sind ja eine kleine Notgemeinschaft, und das werden sie jetzt auch noch wuppen. Und heute, ein paar Wochen später, ist es wieder die patente Schwester, die sagt: „Gott schreibt halt immer wieder anders!“ Inzwischen spielen die Afrikaner auch mal Volley­ball mit den Syrern, und die Nonne kümmert sich um die Verkehrsregelung zwischen den Bobbycars. Die Nonne, Respekt, ist die Person, die sich in kurzer Zeit am meisten verändern musste.

Aber es stimmt. Es ist kein Paradies mehr. Der Katastrophenschutz in Verbindung mit schwäbischer Handwerkskunst hat aus dem barocken Bau jetzt eine praktische Massenunterkunft gemacht. Unfassbar gründlich haben sie gearbeitet, und das in einer einzigen Freitagnacht im Sommer. Sechs Firmen, hundert Handwerker, Feuerwehr, THW und Rotes Kreuz haben in zehn Stunden den einst heiligen Kreuzgang mit Spanplatten verbarrikadiert, die Lesekanzel mit Holz verkleidet, den Boden abgedeckt, die Steckdosen abgeklemmt und eine Not-Wasserversorgung aufgebaut. Der schöne Fischteich ist abgedeckt, Teile der alten Klostermauer sind mit Drahtzäunen umwickelt, Schutzvorschrift wegen der vielen Kinder. Wo früher die Mönche wohnten, steht jetzt auf Arabisch „Binden für Frauen hier erhältlich“ und One plate per person only. Beten war früher die Bestimmung ­dieser Räume. Heute sind die wichtigsten Vokabeln mit B an die Klosterwände gepinnt, ordentlich auf Deutsch und Arabisch und schwarz auf weiß: „Behörde (zuständige)“, „Beschwerde einlegen“, „Bürger­krieg“.

Es läuft perfekt, findet der Leiter der BEA, und es ist „mordsinteressant“. Stefan Nest, gelernter Rettungssanitäter vom Roten Kreuz, ist stolz auf seinen „kleinen Hotelbetrieb“. Es hat noch nie einen Streit gegeben, noch nicht mal bei der Taschengeldausgabe – „da brauchen sie anderswo Polizeischutz“. Der Koch des Psychiatrischen Krankenhauses in Weissenau liefert frisch gekochtes Essen: Hummus, keine Spätzle. Es hat, halleluja, auch noch keinen Anschlag von Neonazis gegeben. Dafür steht jetzt ein hässlicher Blechcontainer mit Security an der Klosterpforte, und wenn man vom Refektorium in die Küche geht, quakt sofort das Walkie-Talkie, „drei Personen Richtung Küche“. Kontemplativ ist es nicht mehr. Es ist laut. Wegen der Sicherheitsleute, aber auch wegen der vielen Kinder, die auf dem Klosterhof Fußball spielen.

Wenn man die Kinder sieht, das sagen alle, dann verstummt jede Kritik. Es ist sowieso schwer in Worte zu fassen, wo jetzt ­eigentlich genau das Problem liegt. Kirchengemeinderat Wolfgang Reck, im Zivilberuf Manager einer Behinderteneinrichtung, versucht es trotzdem. „Gucken Sie hier“, die aufwendig renovierten „kirchennahen Räume“, in denen der Kirchengemeinderat tagt, „da durfte noch vor kurzem kein Nagel in die Wand gehauen, keine Leitung verlegt werden. Denkmalschutz! Brandschutz! Und plötzlich geht alles. Man wundert sich.“ Und der Kirchenchor, der muss jetzt woanders proben. Und die Noten, die haben keinen Raum mehr für sich. „Keine Katastrophe, aber vorher wars besser.“ Und am Heilig-Blut-Fest darf die Prozession jetzt nicht mehr von vorne in den Klosterhof einziehen. „Es ist nicht schlimm. Aber es ist eine Veränderung.“

Nicht Steine, sondern Menschen sind heilig

Es sind die kleinen Dinge, die den Leuten im Kopf bleiben. Dass sie einen Kuchen gebacken haben für die Handwerker, die nachts das Kloster umgebaut haben. Aber die hatten keinen Hunger. Dann sollten es die Feuerwehrleute kriegen. Aber die waren bestens versorgt mit einer Gulaschkanone. Also die Kinder in den ankommenden Bussen! „Aber wissen Sie, wer danach gegriffen hat?“, fragt Wolfgang Reck, und macht es vor mit seiner Hand. „Die Männer.“ Da ist man enttäuscht von der ersten Begegnung. Und man wundert sich. Aber neulich haben ein paar von den Flüchtlingen geholfen, ein Festzelt aufzubauen fürs Pfarrfest. Und Reck hat ­ihnen danach ein Bier hingestellt und: „he – das trinken die!"

Das wird schon werden in Weingarten. 250 Ehrenamtliche haben sich bei Stefan Nest ge­meldet, dem Leiter der BEA, manchmal machen sie ihm mehr Arbeit als die Flüchtlinge. Wenn sie zum Beispiel einen Krankenwagen rufen wollen, um mit einem Kind zum Hausarzt zu fah­ren. „Ein Krankenwagen für 300 Meter! Die sind 5000 Kilometer durch Syrien marschiert!“ Der Rotkreuzler findet, dass es super läuft in Weingarten. „Basst“, sagt er auf Schwäbisch, alles gut.

Sie hat dauernd Ideen

Was macht eine Protestantin mit so vielen Kruzifixen aus dem Kloster? Iris Herzogenrath verkauft sie – für die Rettung der Orgeln in der Basilika. Gelebte Ökumene. Und ziemlich cleveres Fundraising. Hier können Sie die Reportage aus chrismon 02/16 nachlesen.

Andere finden, es passt noch lange nicht. „Ich bete jeden Abend: Weckt die tote Christenheit, aus dem Schlaf der Seligkeit!“, wettert die fromme Helferin Annemarie Vöhringer. Gleich zwei Flüchtlingsfamilien hat sie als Patin aufgenommen, warum machen das nicht viel mehr Weingärtler? Wenn sie, die energische Protestantin, aus dem Fenster in ihrer ordentlichen Eigenheimsiedlung guckt, kann sie sich gleich aufregen: „Da haben drei Leute in einem Haus drei verschiedene Männer organisiert, um die Hecke zu schneiden! Hier ist jeder für sich, wir Schwaben sind so eng!“ Ihre 19 Enkelkinder haben am letzten Nikolaus einen Zettel auf dem Schoki gefunden. Keine Geschenke dieses Jahr, das Geld geht an die Flüchtlinge.

Das klingt jetzt schon nach christlichem Abendland. Und da müssten wir gar keine Angst haben, wenn die muslimischen Flüchtlinge kommen, sagt Pater Pirmin: „Wir Christen haben die beste Botschaft der Welt. ­Die bieten wir jetzt an.“ Der 49-jährige gelernte Braumeister lebt inzwischen im 75 Kilometer entfernten ­Benediktinerklos­ter Beuron, der Schmerz über das Ende von Weingarten sitzt tief, „die Wehmut ist mein ständiger Begleiter“. Er hatte sich geschworen, nie wieder nach Oberschwaben zu fahren, aber neulich siegte die Neugier. Und er stand zum ersten Mal wieder in dem Flur, wo seine Mönchszelle war. Als Erstes kam ihm ein glücklich strahlendes Kind entgegen „Da wusste ich: Das ist goldrichtig, was hier passiert.“ Und die heiligen Hallen, Bruder Pirmin? „Steine sind nicht heilig“, sagt er, „Menschen sind heilig.“ Und jetzt sagt der Pater wörtlich: „Steine sind mir scheißegal.“ Passt schon. Der Untergang des Abendlandes ist vorläufig ab­gesagt. Und dem Jesus hätte es vermutlich gefallen.

Lesermeinungen

Für den glänzend geschriebenen Bericht über die Verwandlung des Klosters in Weingarten in eine Unterkunft für Asylsuchende und Flüchtlinge möchte ich Chrismon herzlich danken. Mich hat schon lange kein Artikel in einer Zeitung mehr so berührt wie gerade dieser in einer Zeit, in der wir täglich über die Sorgen unserer lieben Mitbürger und die Probleme unterrichtet werden ob im Fernsehen, Internet oder Printmedien. Ich finde es großartig, wie in diesem Fall von der katholischen Kirche die heutigen Herausforderungen als Chance ergriffen wurde und auch die Kommunalgemeinde und viele Ortsansässige mitzogen und einen bewundernswerten Prozess der Anteilnahme in Gang gesetzt haben.

Auch die dazu mitgelieferten Fotos von den Personen und den getroffenen Umbauten tragen sehr zu Veranschaulichung des Berichteten bei.

Ich wünschte mir, dass viel mehr solcher positiven Beiträge in unseren Tageszeitungen, Wochenblättern und Fernsehberichten über die Bewältigung der Aufnahme erscheinen. Ich glaube, sie gibt es viel häufiger, als wir denken. Sie könnten dazu beitragen, auf  die Ankunft einer großen Anzahl von Menschen auf der Suche nach einer Bleibe mit größerer Gelassenheit zu reagieren.

Auch die Beiträge von Frau Käßmann und Arnd Brummer zum "Flüchtlingsthema" habe ich´gern gelesen. Ich finde es gut, wenn ein Thema in einem Heft von verschiedenen Redakteuren beleuchtet wird.

 

Hans Gustav Treplin, Bad Homburg

Sehr geehrte Mitarbeiter,

mit großem Interesse habe ich den Bericht über die Flüchtlingsaufnahme im Kloster Weingarten gelesen.

Fazit: Der Bischof hat für ein heruntergewirtschaftetes Kloster, gegen den Willen des Pfarrers und des Pfarrgemeinderates und Teilen der Bevölkerung, in einer Nacht- und Nebelaktion, eine neue Verwendung gefunden! So habe ich es zumindest zwischen den Zeilen herausgelesen !So weit so gut! Flüchtlinge müssen untergebracht werden, keine Frage aber wo bleibt das Kreuz, das ich auf der Abbildung gesehen habe? Warum darf der Blutritt nicht mehr, wie bisher, von vorne in den Klosterhof einziehen und die Pfarrgemeinde muss Räume abgeben. Plötzlich geht alles was vorher nicht möglich war. Und anstatt Glockengeläut tönt der Muezinruf durch die Klosterpforte!

Helfen tut not aber heißt das auch gleichzeitig unsere christlichen Traditionen aufzugeben? Und reicht es zu sagen, wir Christen haben die beste Botschaft der Welt und der Untergang des christlichen Abendlandes ist vorläufig abgesagt!

Die verfolgten Christen in Syrien, dem Irak und in anderen muslimischen Ländern brauchen einen starken Glauben. Sie in diesen Klostermauern unterzubringen wäre die  Aufgabe des Bischofs gewesen! Denn sie werden auch hier als Flüchtlinge angegriffen und verfolgt!

Brigitte Gus

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