Tipps zum Umgang mit Dementen

Zuwendung – ohne Bevormundung
Demenzkranke wollen respektiert und gemocht werden. Wie alle anderen Menschen auch

Sandra Stein

Prof. Dr. Joachim ­Bauer

Prof. Dr. Joachim ­Bauer, 63, ist Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psycho­somatische Medizin an der Uniklinik Freiburg

chrismon: Sollten Menschen zum Arzt gehen, wenn sie das Gefühl haben, vergesslicher zu werden?

Prof. Dr. Joachim Bauer: Nein. Die Neigung zur Vergesslichkeit nimmt bei fast allen Menschen über 50 etwas zu. Die häufigste Ursache ist, auch bei Jüngeren, Alltagsstress. Wenn aber tatsächlich Anzeichen für eine über Wochen oder Monate anhaltende, deutliche Störung der geistigen Leistungsfähigkeit vorliegen, sollte man das klären. Wichtig ist vor allem, herauszufinden, ob vielleicht ein Vitamin-B-Mangel vorliegt, eine Funk­tionsstörung der Schilddrüse oder eine Depression – diese Störungen wären gut behandelbar. Man sollte sich nicht verrückt machen. Besonders schlimm ist, wenn ältere Menschen, denen ein Fehler unterlaufen ist, von ihren Angehörigen mit der Angst vor Alzheimer traktiert werden.

Wenn sich die Vermutung bestätigt – was hilft einem die Diagnose?

Mehr über Demenz

Wo und wie bekommen demente Menschen Hilfe? Das ist die zentrale Frage der „lokalen Allianzen“, einer Initiative der Bundesregierung. Diese Ver­einigungen sind Hilfsnetze von Kommunen, Sozialverbänden und privaten Einrichtungen, die direkt im Lebensumfeld der Dementen und ihrer An­gehörigen aktiv werden – sie richten Selbsthilfegruppen ein und ­organisieren Ausflüge oder ­Gedächtnistrainings.

Es gibt sie an 143 Standorten wie in Celle, Erfurt oder München, bis 2016 sollen es deutschlandweit 500 sein.
lokale-allianzen.de

In der Frühphase einer Alzheimerkrankheit bringt sie nur Nachteile: Der Patient wird stigmatisiert und erhält nebenwirkungsreiche Medi­ka­mente, deren positive Effekte von der Pharmaindustrie und vielen Ärzten übertrieben dargestellt werden. Den Erkrankungsverlauf scheinen sie aber nicht wesentlich aufzuhalten.

Gibt es denn Medikamente, die ein Fortschreiten der Krankheit verzögern?

Von einigen Mitteln wird behauptet, sie verzögerten den Erkrankungsverlauf um etwa sechs Monate. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen an Patienten, die diese Mittel nahmen, fällt es mir schwer, an diesen Effekt zu glauben.

Würden Sie Patienten raten, an einer medizinischen Studie teilzunehmen?

Derzeit gibt es in der Forschung keine Substanzen, von denen ich mir eine Wirksamkeit versprechen würde. Sinnvoll fände ich zu erforschen, inwieweit eine Veränderung des Lebensstils den Verlauf abbremsen kann. Ich denke vor allem an gesunde, vitaminreiche Ernährung, an Sport und an eine soziale Aktivierung der Patienten. Alzheimerkranke sollten nicht isoliert leben, sondern gemeinsam mit ­anderen spielen, singen, wandern.

Wie sollte sich das Umfeld verhalten?

Diese Frage sollte man nicht erst dann stellen, wenn Symptome auftreten. Andauernde Konflikte und psychischer Stress schwächen – vor allem im Alter – die Widerstandskraft und begünstigen das Auftreten zahlreicher Erkrankungen. Ist die Demenz erst einmal diagnostiziert, sollte man herausfinden, was jemand noch kann. Man sollte die Betroffenen vor allem nicht durch Bevormundung einengen und ihre Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten.

Beschäftigt sich die Gesellschaft zu wenig damit, Demenzkranke zu verstehen?

Ja, das betrifft aber nicht nur die Gesellschaft als Ganzes, sondern vor allem auch die Medizin selbst. Demenzkranke fühlen weitgehend so, wie es auch Gesunde tun: Sie brauchen Zuwendung, sie wünschen sich Freundschaft, und sie erleben insbesondere Respektlosigkeit und Bevormundung genauso als Kränkung. Ihr zentrales Problem ist eine große innere Verunsicherung. Daher tut es ihnen besonders gut, wenn man sie ermutigt.

Was kann man als Erkrankter gegen die Angst vor Kontrollverlust tun?

Man sollte, so gut es geht, die Dinge so annehmen, wie sie sind. Und tun, was einem Freude macht: sich vielleicht ein Haustier anschaffen, gesund leben, etwas Sport treiben und sich an hilfreiche andere Menschen halten.

Information

Krieg’ ich das etwa, hab ich das schon?

Ja, sie hat das. So eine Alzheimer­diagnose kann einen aus der Bahn werfen. Chris­ta C. lernt erst mal, sich richtig in die Kurve zu legen. Andere schreiben jetzt alles auf kleine Kärtchen oder zeichnen innerlich Stadtpläne. Jeder sucht seinen Weg – damit die Orientierung nicht zu schnell verloren geht. Eine Reportage von Karoline Amon.

Lesermeinungen

Aus meiner Erfahrung würde ich behaupten, daß eine Wirksamkeit möglich ist. Die Mutter meines Freundes bekommt jetzt bald seit einem Jahr Memantin, und ich bin der Meinung, daß es etwas bringt. Der Zustand ist gleichmäßiger geworden, und es sind ein paar Sachen zurückgekommen. Dadurch ist das Zusammenleben einfacher, und bei 82 Jahren ist auch eine Verzögerung von einigen Monaten eine gute Sache.

Ich(53J.) arbeite als Beschäftigung §87b,bin eine sehr ruhrige Person,möchte dies auch eigenlich bei behalten.In der Pflege ob Früh oder im Spätdienst ist in den Heimen immer Stress angesagt.Seit Dez.2014 arbeite ich in einem kleinneren Pflegeheim 40 Bew( vorher waren es 130 Bew musste wegen Hüft-OP auf hören und kürzer treten)bin aber zusetzlich noch in der Pflege mit dabei was ich eigenlich nicht wollte(möchte aber mein Arbeitsplatz behalten)hab dadurch auch wenig Zeit für meine hauptzechliche Arbeit .Ich fand es schön das man diese zusätzliche stelle in Pflegeheime eingerichtet hat aber dies ausgenutzt wird als Pflegehilfskraft.§87b ohne Material und eigenlich nicht die Zeit hat auf jeden Bew einzu gehen aber die Doko so zu schreiben das es geht und Überstunden anfallen Ohne Bez.Und beformundung zur Beschäftigung zu gehen ob wohl sie gar nicht wollen

Als Krankenpfleger und Diplom-Pflegewirt möchte ich gerne folgendes anmerken: Das Interview mit Herrn Prof. Dr. Bauer hat mir aus der Seele gesprochen: Insbesondere sein Hinweis, dass die positiven Effekte von Alzheimer-Medikamenten von Pharmaindustrie und vielen Ärzten "übertrieben dargestellt" würden, finde ich bemerkenswert in seiner Offenheit! Zuwendung, Freundschaft und Ermutigung sind das, was die Demenzkranken und ihre Familien viel stärker benötigen als hochpreisige Medikamente mit zweifelhafter Wirkung!

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