Mit Demenz ins Pflegeheim

Wohin wollen wir denn?
Demenz, Illustration

Illustration: Kai Pfeiffer

Nein, das ist kein Ausflug. Vati muss ins Pflegeheim. Turbo-Alzheimer. Frau und Tochter bringen ihn mit dem Auto. „Gute Fahrt“, ruft ihnen die Stationsärztin noch zu

Ach, Vati, warum musstest du auch in den Flur pissen? Danach ging es nicht mehr, das war uns klar. Du bist so still aus dem Wohnzimmer geschlichen, zu still, ich hätte es wissen müssen. Aber ich wollte dir nicht ständig hinterherrennen. Ich war müde. Rundumbetreuung macht schlapp. Als ich mich aufgerafft habe, nach dir zu sehen, hast ­ du in der Ecke im Flur gestanden. Wie Männer nachts an Straßenecken stehen, wenn das Bier raus muss. Dein Strahl ging gegen die Raufaser­tapete, eine wachsende Pfütze um deine Füße. Das gute Laminat.

Juliane Schiemenz, 33, Journalistin aus Berlin. Sie leitet die Deutschlandredaktion des Magazins „Reportagen“.
Heute ziehst du um. Mutti und ich fah­ren nach Arnsdorf, eine kleine Stadt in der sächsischen Pampa. Dort steht die Nervenklinik, in der du seit einigen Wochen wohnst. Wir wollen mit dir nach München, denn dort steht das Pflegeheim, in das du nun endgültig sollst. Das Pflege­heim ist nagelneu und hochmodern, gerade erst eröffnet. Es nennt sich „Kompetenzzentrum“. Mutti hat es unter K im Handy abgespeichert, wir vermeiden das P-Wort.

Mutti packt Windeln in den Kofferraum eures alten, silbernen Honda Jazz, ich lege Holzspielzeug und Märchenbücher auf die Rückbank. Mutti schmiert Käsebrote und stellt ein paar Flaschen Apfelschorle in die Kühlbox, wir sprechen kaum an diesem Sommermorgen.

Von eurer Wohnung, in der Mutti jetzt allein wohnt, bis zu dir in die Klinik brauchen wir eine Stunde. Mutti fährt, ich drehe am Radioknopf. Ich hatte ganz vergessen, wie schlecht die sächsischen ­Radiosender sind, seit ich in Berlin wohne.

Turbo-Alzheimer - dabei rechneten alle mit einem langsamen ­Verfall

Ich schalte das Radio aus. Schweigen. Wir starren auf die Straße, eine langweilige Allee zwischen Rapsfeldern. Wir haben beide Angst. Wirst du uns erkennen? Wirst du verstehen, was passiert? Wirst du dich wehren? Die Sonne geht auf, kaum Berufsverkehr. Hier gibt es nicht mehr viel zu arbeiten, alle sind im Westen. „Es ist ein Hohn“, sagt Mutti irgendwann. „Du weißt ja, das war sein Albtraum, genau das, was er nie im Leben wollte: in die alten Bundesländer ziehen.“

Wir hatten das alles anders geplant. Mutti wollte dich zu Hause pflegen. „Nach vierzig Jahren Ehe lasse ich ihn nicht im Stich“, hatte sie erklärt, als vor drei Jahren die Diagnose Alzheimer kam. Da warst du 64. Der Arzt sagte: Das kann dauern. Zehn Jahre, vielleicht fünfzehn, er ist noch jung. Alle rechneten mit deinem langsamen ­Verfall. Wie man das so kennt aus dem Fernsehen: Irgendwann sitzt der Demente sabbernd im Rollstuhl, das Gehirn nur noch ein bunter Haufen Knete.

Niemand hatte uns darauf vorbereitet, dass es so schnell gehen würde. Dein Turbo-Alzheimer schockiert sogar die Ärzte, in jeder neuen Klinik bist du die Attraktion, Krankenschwestern und Pfleger kommen von anderen Stationen, um dich zu sehen. „Zu Ruhezeiten zog er seinem Zimmernachbarn die Bettdecke über den Kopf, irrte verloren umher und nahm alles auseinander, worauf er stieß“, erklärte das Amtsgericht. „Es besteht die Gefahr, dass der Betroffene sich und andere erheblich gefährdet.“ Ein Richter legte den „tempo­rä­ren Freiheitsentzug“ fest, „weniger einschneidende Maßnahmen“ stünden nicht zur Verfügung. „Einen solch gravierenden Fall habe ich nur alle fünf Jahre“, sagte dein Neurologe. Und doch wollte Mutti dich zu Hause pflegen. Wir besorgten Pflegebett und Rollstuhl und ließen die Dusche umbauen.

Mutti ist alt geworden in den ­letzten Monaten und sehr dünn. Als sie auf den Parkplatz der Nervenklinik einbiegt, be­trachte ich ihr Gesicht, die kurzen, silber­nen Haare, die blasse Haut wie Pergament, das Weinen hat tiefe Falten gegraben. Bläuliche Ringe unter ihren Augen hinter der Brille. Sie ist 62 Jahre. „Ich sehe aus wie hundert!“, beschwert sie sich manchmal. Ich sage ihr dann, dass das Quatsch ist.

Du bist in einem weißen, container­artigen Flachbau untergebracht, wir klingeln an einer Glastür, ein Pfleger öffnet uns. Es ist Frühstückszeit, wir gehen durch einen breiten Gang mit vielen Türen zum Gemeinschaftsraum. Es riecht nach Urin. Ich schaue durch eine Glasscheibe auf zwanzig weißhaarige Köpfe. Dann entdecke ich deine Albert-Einstein-Locken, sie wackeln, du redest auf einen Tischnachbarn ein. Ich stelle mich in den Türrahmen, so, dass du mich sehen kannst, und warte ab. Wirst du mich erkennen? Wir haben uns einige Wochen nicht gesehen, bei meinem letzten Besuch hast du Mutti zugeflüstert: „Wer ist das?“

Mein Herz pocht. Du schaust auf von deinem Teller, siehst mich – und grinst. Als ich zu dir an den Tisch komme, stehst du auf, blickst stolz in die Runde und stellst mich vor: „Das ist meine Frau, äh, mein Sohnemann!“ Du lachst verlegen. ­Eine Schwester ruft: „Das ist wohl eher die Tochter, Herr Schiemenz, was?“ – „Na, meine ich doch!“, murmelst du.

"München? Was wollen wir denn da?"

Ich umarme dich. Viel fester und länger, als ich das früher getan habe. Ich streichle über deinen Kopf und nehme dich bei der Hand. Wir gehen ins Schwesternzimmer, wo Mutti tausend Dokumente unterschreiben muss. Die Klinik will sich absichern, unser Vorhaben ist ihnen nicht geheuer. „Wenn alle Stricke reißen, können Sie ja immer noch von unterwegs den Notarzt ­rufen“, rät die burschikose Stationsärztin, die von den Patienten konsequent mit „Herr Doktor“ angesprochen wird. Ein ­Pfleger warnt: „Rechnen Sie damit, jede Stunde eine Pause machen zu müssen und dass er nicht mehr ins Auto einsteigen will.“

„Na, Herr Schiemenz, dann mal gute Fahrt!“, ruft die Stationsärztin in dein Ohr. Jeder spricht sehr laut und sehr deutlich mit dir, wie mit einem Kind. Niemand hat dir erzählt, dass du heute ausziehst. Es ­hätte keinen Sinn.

Mutti nimmt dich an die Hand, ich trage deine Reisetasche, wir laufen zum Auto. „Wohin wollen wir denn?“, fragst du. „Wir fahren jetzt nach München, zum Wolfgang“, sagt Mutti. „München? Was wollen wir denn da?“ – „Na, da ist der Wolfgang, dein Sohn. Und dein Enkel, der Theo, du bist ja jetzt Opa vom Theo, weißt du?

Theo, ein kleines Baby, du hast jetzt einen Enkel.“ – „Ich kenn keinen Theo. Und wohin wollen wir jetzt?“ – „Zum Auto, und dann fahren wir nach München.“ – „Was wollen wir denn in München?“

Ich habe mich daran gewöhnt, jede ­Frage auch zum hundertsten Mal so zu beantworten, als hörte ich sie zum ersten Mal. Ich wiederhole meine Sätze wie Mantras, es stört mich nicht. Ich finde es schön, dass wir überhaupt reden. Was du sagst, wird immer zusammenhangsloser, die Sätze lösen sich langsam auf. Ich habe gelernt, das auszuhalten. Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich das kann. Damals haben wir deine Krankheit noch kaum bemerkt. Du wurdest einfach ein bisschen wunderlich. Im Garten hast du einen Zaun knallrot und giftgrün angestrichen, es sah aus wie im Zirkus, die Nachbarn haben sich aufgeregt, Mutti schämte sich.

Ich rief deine Ärzte an, surfte im Internet, kaufte Bücher mit Titeln wie „Mythos Alzheimer“ und erklärte Mutti und Wolfgang: Alzheimer existiert nicht, das ist ­alles eine Lüge der Pharmaindustrie, damit sie Vati mit Medikamenten vollstopfen können. Wir kauften dir Spiele zum „Gehirnjogging“, ließen dich beim Einkaufen überlegen, was noch auf dem Zettel stand. Jedes Gespräch wurde zum Training, jede Frage zum Wissenstest: Wie viel Infor­mation ist noch vorhanden?

Das Schlimmste an dieser Zeit des Übergangs war, dass du noch genügend gesundes Gehirn hattest, um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Du hast lethargisch auf dem Sofa gelegen und stundenlange Weinkrämpfe gehabt. „Meine Krankheit!“, hast du geschluchzt. „Ich bin ein Problem, alle lassen mich allein!“

Dann begannen der Bewegungsdrang und die Zerstörungswut. Keine Minute konntest du mehr sitzen bleiben, deine Hände mussten ständig etwas tun: Zeitungen zerreißen, Gläser umkippen, den Computerbildschirm vom Schreibtisch stoßen. Wir machten eure Wohnung kindersicher, versteckten Kabel, räumten die Messer weg. Wir schleppten die alte Glasvitrine in den Keller, die du für mich res­tauriert hast.

Die Logopädin, die sonst mit dir geübt hatte, weigerte sich zu kommen: Da sei nichts mehr zu machen. Der Pflegedienst, der dich sonst für ein paar Stunden pro Woche abgeholt hatte, erklärte, du seist jetzt eine Gefahr für andere Patienten. Mutti gab ihren Job als Altenpflegerin auf, für den sie ohnehin längst zu schwach und depressiv geworden war. Sie wurde deine Rundumbetreuerin. „Ich schaffe das schon“, sagte sie, „ich bin viel stärker, als ihr alle denkt.“ Dann kam der Tag, an dem du in den Flur gepisst hast.

"Einen schönen Urlaub noch!"

„Und wohin fahren wir jetzt?“, fragst du, als wir über den Parkplatz vor der Nervenklinik laufen. Mutti setzt sich hinters Steuer, ich setze mich neben dich auf die Rückbank und schnalle dich an. Wir ruckeln über marode Dorfstraßen, die Sonne scheint, Kirchenglocken läuten, Vögel zwitschern – der perfekte Tag für einen Ausflug.

Als wir über die Landstraße rollen, stupst du mich an: „Schau mal, die Wiesen“, sagst du. „Herrlich, das wäre jetzt meine Welt. Da könnten wir aussteigen und tanzen und gucken. Dann weißt du wenigstens, dass du da warst.“ Du blickst entspannt aus dem Fenster auf Mohnblumen und Windräder, du bist viel ruhiger, als ich erwartet hatte. Ich gebe dir Apfel­schorle, und wir naschen Schokolade. Ich streichle deine Hand und betrachte dich. Sie haben dich nicht gut rasiert in der Klinik, silberne Stoppeln überziehen dein Kinn, aus deiner Nase ragen ein paar lange, weiße Haare. Deine Locken haben sie dir nach hinten gekämmt. „Wenn man das so sieht“, sagst ­ du, „dann ist Deutschland ganz schön groß geworden. Nicht nur Westdeutschland, auch die DDR.“

Vor der Wende hast du als Lkw-Fahrer gearbeitet im Tagebau, nach der Wende dann für eine Spedition. Das hier war deine Strecke: von Sachsen nach Bayern. Als wir auf die Autobahn fahren, siehst du die ersten Trucks. „Weißt du, wie ich die beneide!“, sagst du. „Ob ich so einen noch fahren könnte?“ − „Verlernt man das denn?“, frage ich, froh darüber, mal wieder so etwas wie eine echte Konversation mit dir führen zu können. „Kaum!“, antwortest du. „Du musst nur die Backpflaumen nach links und dann rechts rüber.“

Nach der Alzheimerdiagnose wurde dir als Erstes der Führerschein weggenommen. Das hast du nur schwer ertragen. Manchmal ist Mutti mit dir in den Wald gefahren, dann durftest du den Wagen ein paar Meter über den Waldweg lenken. Heute wüsstest du nicht mehr, wie du den Zündschlüssel ins Schloss steckst. Und die Geschwindigkeit macht dir Angst. Du sagst ständig, dass ich langsamer fahren soll. Dein Gehirn kann nicht mehr sortieren, dass ich hinten neben dir sitze und Mutti vorn am Steuer.

Nach etwa zwei Stunden biegen wir auf den ersten Rastplatz ein, es ist warm, wir können draußen sitzen. Mutti und ich suchen einen Tisch abseits der anderen Ras­tenden. Du sprichst ständig fremde ­Leute an, und das führt manchmal zu brenzligen Situationen. Wir parken zwei Meter neben einem fest verankerten Metalltisch mit zwei Bänken. Ich hole die Kühlbox und eine Thermoskanne aus dem ­Kofferraum. Du fragst: „Wo ist unser Auto?“

Wir essen Käsebrote, Wiener Würstchen und Äpfel. Man könnte uns für eine ganz normale Familie auf Reisen halten. Ich ­gehe in die Raststätte und kaufe einen Kaffee. Als ich bezahle, wünscht mir die Verkäuferin: „Einen schönen Urlaub noch!“

„Wohin fahren wir denn?“, fragst du. „Nach München.“ – „Und was wollen wir da?“ – „Der Wolfgang ist in München, dein Sohn. Den besuchen wir.“ – „Und dann fahren wir wieder nach Hause?“ Mutti schaut mich fragend an. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um das K-Wort ins Spiel zu bringen? Das Kompetenzzentrum ist ein moderner Glaskasten, noch eine halbe Baustelle. Es gehört zur Diakonie Neuen­dettelsau und hat einen sogenannten ­„beschützten Bereich“, in dem du dich frei bewegen kannst, du darfst sogar hinaus in einen kleinen Park.

Als Mutti sich durchgerungen hatte, dich in ein Pflegeheim zu geben, hagelte es Absagen im Osten. „Das Krankheitsbild Ihres Mannes“ sei zu krass, eine 24-Stunden­-Betreuung könne man nicht leisten, man habe nicht genügend Per­sonal. Die wenigen Heime, die dich aufnehmen wollten, hätten dich mit Pillen ruhiggestellt und ans Bett oder den Rollstuhl geschnallt.

Dann kam die Idee mit München. Wolfgang lebt schon seit Jahren dort, jetzt hat er eine Frau und ein Kind. Theo, dein frischgeborener Enkel. Du wirst ihn in München das erste Mal treffen. Wie wirst du reagieren? Mutti möchte Theo aufwachsen sehen. Wenn du im Kompetenzzentrum bist, will sie sich eine kleine Wohnung in München suchen und nachkommen. Mit dem Mut der Verzweiflung glaubt sie daran, dass sie etwas Bezahlbares finden wird. Dabei ist sie schon jetzt ein Sozialfall und kann sich deinen Heimplatz kaum leisten. Ich habe Angst, dass die kleine Ostfrau im großen München untergeht.

Früher war er der Typ Bud Spencer

„Komm, Vati, ab ins Auto!“, sage ich. Das Anschnallen ist ein Krampf, der Gurt stört dich, du zerrst an ihm, während wir auf die Autobahn rollen. Mutti schaut mich im Rückspiegel an: Wer von uns beiden erzählt ihm denn nun von dem Kompetenzzentrum? Vielleicht verstehst du es ja auch gar nicht. Aber manchmal hast du diese klaren Momente. Ich habe Angst, dass du genau jetzt einen haben wirst. Und dann flippst du vielleicht aus und wehrst dich, so wie es die Ärztin prophezeit hat.

Die klaren Momente sind es, die mir den Umgang mit deiner Krankheit so schwermachen. Immer, wenn ich mich gerade von deiner Persönlichkeit verabschieden will, taucht sie plötzlich wieder auf. Dein Blick wird klar, du schaust mich erstaunt an und sagst: „Ach, mein Töchterchen ist ja auch hier!“ In diesen Momenten ploppt die Hoffnung auf, dass alles wieder gut wird. Ich weiß, es ist irrational. Und doch möchte ich dich manchmal rütteln und schütteln wie ein Apfelbäumchen, und dann fällt der Alzheimer von dir ab.

„Da spricht doch einer“, sagst du. „Das ist das Radio“, antworte ich. „Ach so.“ Du schaust aus dem Fenster, ein Geländewagen überholt uns. „Na, das war ja ein Panzer! Donnerwetter! Fahr schön langsam, Trinchen!“ Trine, mein Spitzname. Schon immer. Trinchen, wenn ich lieb war, Trine Sauerbier, wenn ich schmollte. „Trinchen, darf ich noch Trinchen sagen?“, fragst du.

Du zerrst an deinem Gurt und schnallst dich ab, zum Glück ist die Kindersicherung aktiviert. Ich beuge mich über dich und hantiere am Gurt herum, du herrschst mich an: „Guck auf die Straße! Fahr langsamer!“ Du wirst unruhig, boxt gegen den Vordersitz, ziehst und drückst den Knopf in der Tür, Knopf rauf, Knopf runter. „An der Tür sind die Luftkrallen angeschraubt, dann ­rasieren sie das trocken“, murmelst du.

Wir haben ein Schreiben vom Amtsgericht bekommen, das uns erlaubt, dich im Notfall zu „fixieren“, also ans Bett oder einen Rollstuhl zu schnallen. In diesem Schreiben stuft ein Gutachter deine Erkrankung als „seelische Behinderung“ ein. Aber ich habe ganz und gar nicht das Gefühl, dass deine Seele behindert ist. Ich habe im Gegenteil das Gefühl, dass deine Seele das Einzige ist, das unversehrt geblieben ist.

Ich nehme deine Hand. Sie ist kalt. „Du schenkst mir warmes Blut ein“, sagst du. Ich fische eine Tupperschüssel mit Weintrauben aus dem Fußraum. „Willst du?“, frage ich. „Na klar!“, antwortest du. „So jung kommen wir doch nicht mehr zusammen, oder?“ Ich lehne meinen Kopf ­ an deine Schulter und weine leise. Du lehnst deinen Kopf an meinen. Deine Schultern sind schmal geworden. Früher warst du für mich immer der Typ Bud Spencer, kräftig und fest, braun gebrannt von der Arbeit im Garten, deine Hände zwei Schaufeln, die Fingernägel schwarz von Öl oder Erde.

Die zweite Rast machen wir schon auf ­bayerischem Boden. „Das ist ja ein Honda“, rufst du, als wir aus unserem Auto steigen und du es dir anschaust. Ich hake mich bei dir ein und führe dich zu einer Bank. Ich renne zur Raststätte, um zu checken, wo das Behindertenklo ist. Mutti muss mit rein und dir notfalls die Windelhose wechseln, ihr braucht Platz.

Das Behindertenklo ist verschlossen, ich laufe in die Raststätte, um den Schlüssel zu besorgen. „Kein Strom!“, sagt die Angestellte in gebrochenem Deutsch. Ist mir egal, mein Vater muss scheißen. Ich kriege den Schlüssel und laufe euch entgegen. Mutti komplimentiert dich in die Toilette. Mein Herz pocht. So ein Ärger. Wenn du dir in die Hose gemacht hast, wenn die Windelhose nicht gehalten hat, dann muss dir Mutti umständlich die Klamotten wechseln, dann bist du genervt, dann wird der Rest der Fahrt die Hölle. Ihr bleibt zehn Minuten verschwunden. Mittlerweile steht eine Frau mit Baby auf dem Arm vor der Tür zum Behindertenklo.

Als ihr endlich wieder herauskommt, ­lächelst du das Baby an und stupst ihm sanft mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze. „Dudidada“, sagst du, und das Baby lacht. Ich habe das erste Mal die Hoffnung, dass du deinen Enkel Theo in irgendeiner Weise wahrnehmen wirst.

"Das ist doch nicht Hitler, das ist dein Vater"

„Laut Navi kommen wir 15 Uhr 30 an“, sagt Mutti. „Du kannst ja mal im – äh – im Kompetenzzentrum anrufen und denen Bescheid sagen.“ „Fahren wir dann wieder zurück?“, fragst du. „Aber wir wollen doch nach München, da ist dein neues Zimmer“, sage ich vorsichtig. „Schau mal, Vati, dein Bein tut dir doch weh, du musst nach München in das Kompetenzzentrum, damit es wieder heil wird.“ Mutti schaut mich im Rück­spiegel an und sagt: „Tja, wie erklärt man ihm das nun, gar nicht so leicht.“ Du starrst ins Leere.

Als du wieder an deinem Gurt zerrst, hole ich ein kleines Fotoalbum aus meiner Tasche. Mutti hat alte Schwarz-Weiß-Fotos hineingesteckt: von deinen Eltern, eurer Hochzeit, auf den hinteren Seiten Farb­fotos der letzten Jahre, Geburtstage, Ausflüge, Wolfgangs Hochzeit. Ich blättere vorwärts, zurück, vorwärts, wieder zurück. Jedes Bild ist neu für dich, sobald ich die Seite umklappe. Ein Foto zeigt deinen Vater in Uniform. „Hitler!“, rufst du plötzlich. „Das ist doch nicht Hitler, das ist dein Vater.“ „Na klar ist das Hitler! Guck doch mal, wie der guckt!“

Wir fahren von der Autobahn ab, ich sehe die Allianz-Arena von weitem, es ist drei Uhr am Nachmittag. Ich rufe im Kompetenzzentrum an und sage, dass wir bald da sind. Mein Magen krampft sich zu­sammen. Du drehst deinen Kopf zu mir, ­lächelst und fragst: „Kennst du die Juliane?“

Das Kompetenzzentrum liegt als glänzender Riegel aus Beton und Glas entlang einer vierspurigen Straße. Holzpaletten stapeln sich vor den Fenstern, Kieshaufen warten darauf, breitgefegt zu werden, Zettel kleben am Putz, wo später Klingelschilder hängen sollen. Im Eingangsbereich stehen ein paar in Folie gewickelte Sessel, Kabel ragen aus den Wänden, es riecht nach frischer Farbe und Holz. Wir gehen einen sterilen Gang entlang und klingeln an einer Glastür. Eine Schwester öffnet uns. „Ach, Sie sind der Herr Schiemenz“, sagt sie freundlich. „Ich bin hier der Chef“, entgegnest du und lachst, als sie lacht.

Wir treten in einen großen Gemeinschaftsraum mit etwa zehn Tischen. Es gibt eine lange Bar, an der eine zweite Schwester gerade Saft in Gläser füllt. Der Raum ist hell, die Fenster nehmen eine komplette Wand ein und reichen bis zum Boden, man könnte sie öffnen, um raus in den Park zu gehen. Weiße Vorhänge, die Wände sind beige, alles hell, alles neu. An den Tischen sitzen Patienten, jeder für sich allein, und starren in die Luft.

Alle hier sagen „Grüß Gott“ zu uns, das wird dich bestimmt noch nerven. Ich berichte der Schwester an der Safttheke von unserer Fahrt. Du stellst dich neben mich und brabbelst freundlich zusammenhanglose Sätze. Die Schwester hakt immer wieder nach: „Wie meinen Sie das, Herr Schiemenz? Das verstehe ich nicht, Herr Schiemenz!“ Die Schwester regt mich auf. Warum ist sie so streng zu dir? Wenn die dich hier schlecht behandeln, raste ich aus! Diese Fremden, die nichts von dir wissen, in dieser fremden Stadt, weit weg von ­deiner Heimat.

Ich fühle mich schrecklich, Vati. Vor ein paar Wochen habe ich noch mit einem Münchener Freund gescherzt: Nachdem der Westen all die jungen Leute abgesaugt hat, kommt jetzt die Rache des Ostens: Wir bringen euch die Rentner.

Die strenge Schwester lässt vorerst von dir ab und widmet sich einem anderen Patienten. „Das ist der rollende Satan auf Kufen“, flüsterst du mir zu, als sie sich entfernt. Ich muss lachen. Plötzlich ist da wieder dieser Verschwörerblick, fast so wie früher, alter Schelm. Du hast mir oft zugezwinkert, als wüssten nur wir beide, was wirklich abgeht. Besonders, wenn du Leute veräppelt hast, zum Beispiel als ­Mutti ihren Arm in einer Schlinge trug, weil sie sich die Schulter verrenkt hatte, und du den neugierigen Nachbarn erzählt hast, sie sei angeschossen worden.

Namensschilder in den Hemden, Zettelchen an den Brillen

Ich sage Mutti, dass ich die Koffer hole, und gehe zum Auto. Dann setze ich mich auf den Fahrersitz, schließe die Tür, lege meinen Kopf auf das Lenkrad und weine. Als ich wieder in den Gemeinschaftsraum komme, läuft Zwanziger-Jahre-Musik. Du sitzt mit Mutti auf einem Sofa und blätterst im Fotoalbum. Zwei Meter neben euch hängt ein dürrer Greis in einem großen Plastikstuhl, der entfernt an einen Kinderstuhl erinnert. „Du bläde Sau! Du Depp“, grantelt der Alte in breitem Bayerisch. „Depp! Depp! Depp!“ − „Einfach nicht reagieren, der ist bekloppt“, raunst du mir zu. „Aber Vati, der ist doch krank“, flüstere ich. „Der geht mir auf die Nerven!“, erwiderst du. „Kerngesund, das Aas! Der soll das Maul halten.“

Die zwölf Patienten hier sind ständig auf Achse. Insgesamt sollen es zwanzig werden im beschützten Bereich. Eine korpulente Patientin tippelt zur Glastür, die die Station abschottet. Sie trägt ein Jackett und hat ihre Handtasche unter den Arm geklemmt. Sie greift zur Klinke und dreht sich ein letztes Mal um. Ihr Gesichtsausdruck sagt: „Macht’s gut, ihr Trottel!“ Sie drückt gegen die Tür. Nichts passiert.

„Komm, wir schauen uns ein bisschen um“, sagt Mutti und steht auf. „Ich habe genug gesehen“, antwortest du. Wir laufen mit dir zu deinem Zimmer. Das Fenster geht auf die breite Straße hinaus. Mutti hat das so ausgesucht, damit du Autos anschauen kannst. Ich lege die Koffer auf dein Bett, Mutti beginnt, deine Sachen in den Schrank zu packen. Sie hat Namensschilder in deine Hemden und T-Shirts gebügelt. Auch an deine Brillen hat sie kleine Zettelchen mit deinem Namen geklebt.

„Wann fahren wir wieder?“, fragst du gereizt. „Mutti und ich fahren dann, du bleibst hier“, sage ich. „Alleine bleibe ich nicht hier, da schlafe ich lieber im Garten. Warum muss ich denn hier bleiben?“ – „Dein Bein muss gesund werden.“ – „Ach was, mein Bein, mein Bein! Ich hab doch beide Beine dran!“

Die Tür geht auf, und Wolfgang kommt herein. Du strahlst, als er dich lachend umarmt. „Bist du gewachsen?“, fragst du deinen schlaksigen Zwei-Meter-Sohn. Du spannst den Bauch an, und er simuliert einen Boxhieb. „Fass ruhig an!“, rufst du. „Kein Gramm Fett! Alles Muskelmasse!“ Ihr rauft ein wenig. Fast so wie früher, wenn wir Kinder dir auf Familienfeiern in den Bauch boxen, deinen Bizeps umklammern oder dich im Armdrücken besiegen sollten.

Die Schwestern rufen zum Abendbrot, Mutti bringt dich in den Gemeinschaftsraum. Ich bleibe mit Wolfgang zurück, wir setzen uns auf dein Bett. Ich erzähle ihm von meiner Angst, dass sie hier nicht nett zu dir sind. Er beruhigt mich: „Das geht hier ­alles noch etwas chaotisch zu, weil das Heim ja ganz neu ist.“ Wir umarmen uns. „Ich bin so traurig“, sage ich. „Ich auch“, sagt er.

Beim Abendbrot häufst du deine vor­geschnittenen Brotstückchen zu einem kleinen Berg. Mutti ermahnt dich sanft, das Essen nicht zu vergessen. Ich habe mit ihr ausgemacht, dass Wolfgang und ich nach dem Abendessen verschwinden. Sie will bleiben und dich ins Bett bringen. Als die Tische abgeräumt werden, umarme ich dich und frage: „Wirst du lieb sein?“ – „Ich bin der Allerliebste!“, antwortest du. Eine der Schwestern bringt Wolfgang und mich zur Tür. Als sie uns öffnet, willst du mit raus. Schnell schließt sie wieder zu. Ich drehe mich um und sehe dich hinter der Scheibe gestikulieren. Deine Hand dreht einen unsichtbaren Schlüssel in einem unsichtbaren Schloss.

"Vati, du bist jetzt Opa"

Wolfgang und ich fahren in die Wohnung zu Julia und Theo. Später kommt Mutti nach, wir essen, lachen, sprechen über dich und bestaunen Theo, der wie ein kleiner Buddha grinsend in seinem Bettchen liegt. Er sieht dir ähnlich.

Nachts weint Mutti neben mir auf dem aufblasbaren Gästebett, ich halte ihre Hand. Seit damals deine Diagnose kam, habe ich Schlafprobleme. Manchmal träume ich mich zu dir, dann stehe ich an deinem Krankenbett, streichle über deine Locken und warte, dass du aus dem Alzheimer aufwachst.

Am nächsten Tag erzählt uns eine Mitarbeiterin des Kompetenzzentrums, dass du dein Zimmer eingeweiht hast, indem du dir nachts die Windelhose heruntergezerrt und in die Ecke gepinkelt hast. Ansonsten hast du gut geschlafen. Du sitzt mit dem kleinen Fotoalbum auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum, neben dir eine zierliche Frau, die fast ein wenig wie Mutti aussieht: graues Haar, Brille, freundliches Gesicht. Frau Graupner ist auch neu eingezogen, sie kommt aus Dresden. Mutti und Frau Graupners Tochter stehen in der Ecke und erzählen sich, wie froh sie sind, dass ihr euch so gut versteht.

Als Julia mit Theo auf dem Arm in den Gemeinschaftsraum tritt, umringen die Alten sie und starren verzückt auf das Baby. Wir gehen in dein Zimmer, Wolfgang nimmt Theo in den Arm, setzt sich neben dich aufs Bett und fragt: „Na, Vati, was sagste? Das ist dein Enkel, das ist Theo!“ Wolfgang strahlt über das ganze Gesicht. Theo starrt dich an und spuckt seinen ­Nuckel aus. Du beugst dich über ihn, nimmst den Nuckel und steckst ihn – ganz sanft – wieder in seinen Mund. Theo spuckt ihn wieder aus. Er grinst dich an. Du grinst ­zurück. „Jetzt lacht er und freut sich! Na, da hast du dir ja einen eingehandelt!“, rufst du und legst deinen Zeigefinger in seine kleine Hand.

„Vati, du bist jetzt Opa“, sagt Wolfgang. „Ich bin der Opa! Der Opa! Opa!“, wiederholst du. „Ist der uns gut gelungen?“, fragt Wolfgang. „Der ist gut“, sagst du. „Alles dran? Naja, der Bauch und hier an der ­Seite, und wo ist die Zunge, und du hast ja noch gar keine Zähne!“ Du nimmst Theos Füßchen in die Hände und singst für ihn.

Dann lässt du ihn los und starrst apathisch ins Leere. „Na, was ist?“, fragt Mutti. „Wir müssen wieder losfahren“, sagst du. „Wohin denn?“, fragt sie. „Das sehen wir dann schon.“

Leseempfehlung

Eine Alzheimer­diagnose kann einen aus der Bahn werfen. Christa C. lernt, sich richtig in die Kurve zu legen
Kurze Predigt, einfache Gesten und etwas Liebe – so kommen auch vergessliche Alte im Gottesdienst klar
Sex und Alzheimer? Geht natürlich, sagt die Psychologin
Demenzkranke wollen respektiert und gemocht werden. Wie alle anderen Menschen auch
Kurze Predigt, einfache Gesten und etwas Liebe – so kommen auch vergessliche Alte im Gottesdienst klar
30835
22015
13929
30837
22015

Neue Lesermeinung schreiben

Lesermeinungen

Eine berührende Geschichte. Und schön, dass Herr Schiemenz immer wieder "abgeholt" werden kann. Befreiend für alle. Das ist "Kompetenz"!

der Artikel gefällt mir gut, entspricht meinen Erfahrungen mit Demenzkranken und der Tatsache, dass NIEMAND einen Familienangehörigen leichtfertig in eine Pflegeeinrichtung bringt. Was mich sehr stört, ist das Sprachniveau: "pissen" und "scheißen" entsprechen nicht dem Niveau der Schilderung und klingen in meinen Augen abwertend für den Vater ...

Vielen Dank, Frau Schiemenz für diesen ausgezeichneten - und auch sehr mutigen- Artikel! Er hat auf eindrucksvolle Weise bei mir das Wechselbad der Gefühle ausgelöst, dem man wahrscheinlich als Angehörige von Alzheimer Patienten ausgesetzt ist:Weinen und Lachen, Verzweiflung und Hoffnung, Ärger und enge Verbundenheit - um nur einige zu nennen.
Das alles in einem wunderbaren Schreibstil geschrieben, sodass es - bei aller Traurigkeit- eine Freude war, Ihren Artikel zu lesen.

Obwohl ich bisher prakt. mit d. Thematik Alzheimer noch nicht konfrontiert war, ist dieser Text und auch die Illustration sehr berührend. Ein kurzer Zeitraum bildet alles ab, was mit diesem Thema verbunden wird.
Ich habe weinen müssen.
Alles Gute ihrem Vater und der Familie.
Horst R.

Der ungeschoente, ehrliche Erfahrungsbericht ueber die schlimme Demenzerkrankung Alzheimer hat mich sehr beruehrt. Trotz der liebevollen Zuwendung der Familie wurden die emotionalen und physischen Belastungen deutlich und ueberzeugend angesprochen.

Es waere sehr schoen zu erfahren, wie es weitergeht, obwohl es ja kein Happy-End geben kann. Vielleicht kann aber eine solche Artikel-Serie dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft eher dazu bereit sind, Kranken und Pflegenden die dringend benoetigte bessere Unterstuetzung und Hilfe zukommen zu lassen.

Berthold Sturm, Trebel

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe im Heft 7/2015 sehr bewegt den Beitrag „Wohin wollen wir denn?“ gelesen. Man merkt, dass Frau Schiemenz das alles selbst erlebt hat. Das ist einer der wenigen Berichte über Alzheimer, der die Wirklichkeit nahe kommen. Ich habe meine Frau 5 Jahre zu hause nach der Diagnose Alzheimer gepflegt, bis ich merkte, dass ich dem nicht mehr gewachsen bin und sie schweren Herzens in’s Pflegeheim geben musste. Das war die schwierigste Entscheidung in meinem Leben. Man möchte es eigentlich nie machen, aber wenn man trotz professioneller Hilfe alleine die Last zu tragen hat, kommt man irgendwann an seine Grenzen und merkt, wenn ich es jetzt nicht mache gehe auch ich kaputt. Damit wäre niemandem geholfen, denn im Heim sind ja auch Entscheidungen erforderlich, die ich treffen musste.

Ich hatte in der Großstadt das Glück, dass ein gutes Pflegeheim in unserer unmittelbarer Nähe lag, wo sie auch schon zur Tagespflege war. Ich konnte sie täglich besuchen und noch viele schöne Stunden mit ihr verbringen. Viele der beschriebenen Situationen erkannte ich wieder. Auch meine Frau hat einen Mitbewohner gefunden mit dem sie viel Zeit verbrachte, aber irgendwann kam dann der Bewegungsdrang und eine Aggressivität in’s Spiel, die ich bei meiner Frau nie erlebt hatte. Sehr belastend ist allerdings, wenn man täglich den Verfall ansehen muss, die Persönlichkeit verändert sich rasant und man erkennt die eigenen Ehefrau fast nicht mehr und kann nicht helfen. Nach einem reichlichen Jahr ist sie dann im April 2015 eingeschlafen. Es war zunächst für mich unheimlich schwer, aber alle im Umfeld trösteten mich damit, dass es letztlich eine Erlösung für uns beide war.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus Ober