Kriegsende

Vergewaltigungen am Ende des zweiten Weltkrieges

imago/Leemage

Viele der Frauen, die rund um das Ende des Zweiten Weltkriegs von Soldaten vergewaltigt worden sind, leben noch. Und viele von ihnen leiden noch heute darunter.
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Im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende diskutierten Bundestag und Medien ausführlich darüber, ob vergewaltigte Frauen als ebensolche Opfer des Kriegs anerkannt werden sollten wie Kriegsversehrte, Vertriebene, Flüchtlinge.

Der Bundestag entschied sich dagegen. Man befürchtete, der Staat könnte von immer noch mehr Opfergruppen finanziell belangt werden und damit überfordert sein.

Die meisten Frauen deuteten höchstens an, welche Gewalt sie erlitten hatten. Sie schwiegen auch deshalb, weil von Anfang an die Integrität vieler Opfer bezweifelt wurde – hatten sie es nicht doch gewollt oder provoziert durch liederlichen Lebenswandel?

Die deutschen Frauen waren die „falschen“ Opfer

Danke, Viktor!

 Foto: Kirill Golovchenko

Vor 70 Jahren gab sich das faschistische Deutschland endlich geschlagen. Das Kriegsende war nicht schön für die meisten Deutschen. Und es war eine Befreiung, für die die Soldaten der Roten Armee einen hohen Preis zahlten. Zum Artikel.

Auch die Forschung hielt sich lange zurück. Wohl auch deshalb, weil die vergewaltigten deutschen Frauen irgendwie die falschen Opfer waren. Sie zählten nicht zu den Verfolgten des Nationalsozialismus so wie Juden, Antifaschisten etc., sondern waren im Gegenteil womöglich an den NS-Verbrechen beteiligt gewesen. Direkt – etwa als Denunziantinnen oder KZ-Aufseherinnen; oder doch zumindest als Mitläuferinnen und Nutznießerinnen. Die Frauen Deutschlands hatten mehrheitlich der nationalsozialistischen Ideologie zugestimmt.

Im Vordergrund der Forschung stand die Aufarbeitung der deutschen Vergehen, der deutschen Schuld. Das war auch notwendig, denn in der ersten Nachkriegszeit neigte man in Deutschland dazu, sich als Opfernation zu sehen und die eigene Schuld auszublenden. Möglicherweise ist es erst heute möglich, auch für Opfer wie die vergewaltigten deutschen Frauen Empathie aufzubringen – ohne damit das immense Ausmaß deutscher Schuld kleinzureden.

Die Konstanzer Historikerin Miriam Gebhardt hat sich des Themas in ihrem Buch „Als die Soldaten kamen“ neu und umfassend angenommen. Zunächst räumt sie mit allerlei Fehlannahmen auf: zum Beispiel der, dass die Vergewaltiger in erster Linie oder sogar nur sowjetische Soldaten waren.

Falsch: Die Täter waren „Neger“ oder „Mongolen“

Vermutlich fast ein Viertel der Opfer wurde von amerikanischen Soldaten vergewaltigt. Keineswegs aber nur oder vor allem von „Negern“. Zwei Gründe hatte die vergleichsweise häufige Aburteilung dunkelhäutiger Täter durch amerikanische Militärgerichte: erstens den Rassismus in den damaligen USA, zweitens die Tatsache, dass schwarze Soldaten seltener zur kämpfenden Truppe und häufiger zu stationären Versorgungseinheiten gehörten, also leichter dingfest zu machen waren.

Nicht belegen lässt sich die Behauptung, die sowjetische Führung habe die Vergewaltigung deutscher Frauen angeordnet. Vielmehr hatte die Roten Armee ihren Soldaten explizit verboten, deutsche Frauen zu vergewaltigen. Harte Strafen drohten. In manchen Einheiten erschoss der Kommandant vergewaltigende Soldaten direkt vor Ort. In anderen Einheiten sah man über die Taten hinweg.

Warum gibt es so viele Berichte über vergewaltigende Rotarmisten?

Es gibt zu Vergewaltigungen durch Rotarmisten besonders viele Zeugnisse. Das wurde jahrzehntelang so interpretiert, dass eben vor allem sowjetische Soldaten vergewaltigt hätten. Die Gründe für diese vielen Zeugnisse sind – laut Miriam Gebhardt - andere: Die Vertriebenenverbände forderten Flüchtlingsfrauen explizit zu solchen Berichten auf, veröffentlichten sie auch. Deshalb wurden Berichte der flüchtenden Frauen vergleichsweise bekannter als etwa Berichte über Vergewaltigungen im amerikanisch besetzten Bayern oder im französisch besetzten Südwesten. Und dann wirkte auch die NS-Propaganda weiter, die vor den russischen „Bestien“ gewarnt hatte. Frauen, die vor Polizisten oder katholischen Priestern angaben, von amerikanischen Soldaten vergewaltigt worden zu sein, wurde eher nicht geglaubt.

Deutsche Soldaten vergewaltigten meist straflos

Auch wenn die Alliierten die Gewalttaten ihrer Soldaten eher spärlich verfolgten, verboten hatten sie die Übergriffe. Das ist ein großer Unterschied zur Wehrmacht. Den deutschen Soldaten war, als sie die Länder im Osten überfielen, per Erlass geradezu ein Freibrief ausgestellt worden: Straftaten gegen sowjetische Zivilisten sollten nicht militärgerichtlich verfolgt werden. In der Tat vergewaltigten deutsche Soldaten Frauen in den besetzten Ländern – häufig bei Einquartierungen in zivile Häuser oder bei Plünderungen. Auch jüdische Frauen wurden vergewaltigt – und anschließend ermordet.

Zwar haben Soldaten aller am Zweiten Weltkrieg beteiligten Nationen Frauen vergewaltigt. Trotzdem ist es falsch zu sagen, dass Vergewaltigungen eben zum Krieg gehören. Es müssen bestimmte Rahmenbedingungen gegeben sein.

Die Bevölkerung wurde als Schutzschild missbraucht

Einen Zusammenhang haben HistorikerInnen mehrfach belegen können: Zu exzessiven Vergewaltigungsaktionen kam es zum Beispiel dort, wo nationalsozialistische Befehlshaber eine Ortschaft, die kurz vor der Eroberung stand, zur „Festung“ erklärt hatten, die „bis zum letzten Atemzug“ zu verteidigen sei. Die Zivilbevölkerung wurde als Schutzschild missbraucht, statt sie rechtzeitig zu evakuieren. Beispiel Breslau. Beispiel Berlin. Aber auch Städte in Süddeutschland.

Der hartnäckige und sinnlose Widerstand der Wehrmacht in den letzten Kriegsmonaten und -wochen machte die Soldaten der alliierten Nationen maßlos wütend, vor allem weil sie weiterhin viele tote Kameraden zu beklagen hatten. Der Endkampf um Berlin etwa, in dem Haus um Haus erobert werden musste, obwohl der Krieg für Deutschland längst verloren war, kostete nochmal Tausende und Abertausende sowjetische Soldaten das Leben – und er kostete auch mehr BerlinerInnen das Leben als all die Luftangriffe auf die Stadt.

Auch nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager nahm die sexuelle Gewalt gegen die Bevölkerung jeweils exponentiell zu.

Rätselhaft: die Vergewaltigung der Frauen befreundeter Nationen

Dass viele Rotarmisten brachial über die Frauen Ostpreußens herfielen, nachdem die Soldaten die Greueltaten der deutschen Wehrmacht und der SS in den besetzten Ländern gesehen hatten, mag erklärlich sein, aber die Rotarmisten vergewaltigten auch deutsche Kommunistinnen und befreite sowjetische Zwangsarbeiterinnen.

Buchtipp

Miriam Gebhardt: „Als die Soldaten kamen. Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs“, DVA Verlag 2015, 21,99 Euro

Die US-Soldaten wiederum konnten eigentlich kein Rachemotiv haben dafür, dass sie Französinnen vergewaltigten, als sie nach der Landung in der Normandie durch Frankreich Richtung Deutschland zogen. Es gab für amerikanische oder kanadische Soldaten auch keinen Grund, sich ausgerechnet in Form von Vergewaltigungen an Deutschland zu rächen – die Wehrmachtssoldaten hatten nicht zuvor amerikanischen/kanadischen Frauen sexuelle Gewalt angetan.

Der Historikerin Miriam Gebhardt gebührt große Anerkennung dafür, dass sie auch solche Fakten vorstellt. Vor allem dafür, dass sie sie vorstellt, ohne sie vorschnell zu interpretieren. Sie hat recht mit ihrer Einschätzung: Es bedarf noch einer Menge Detailstudien.

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