Pubertät: Mädchen, die erwachsen werden

Keine Ahnung

Keine Ahnung. Fotobuchprojekt von Sandra Stein.

Oder auch: kein Plan. Jugendliche wissen oft ziemlich lange nicht, wo’s langgeht. Andere finden es oft umso schneller raus. Die Freundinnen Lisa, Maria und Stella und die Zwillinge Jenny und Polina über das Erwachsenwerden
Familie ist ein Geschenk. Aber Familie kann auch Bürde bedeutet. Familie ist bunt. Familie soll vereinbar mit dem Job sein. Gibt die Bibel Orientierung in Erziehungsfragen?

Lisa, 21 Jahre

 Lisa 2015
Eine Zeit lang hatte ich ein paar obercoole Mitschüler, die mich sehr genervt haben – ich war 15 und schüchtern und hatte ­Liebeskummer. Da färbte ich mir die Haare rot. Alle starrten mich an, und plötzlich war es mir egal, was sie von mir hielten.

Ich war eine gute Schülerin. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, meine Zeit abzu­sitzen. Die Lehrer haben uns zu sehr vorgegeben, wie wir zu denken und was wir zu tun haben. Heute ärgere ich mich, dass ich mich dem immer gefügt habe. Wie gut, dass ich meine Freundinnen hatte, mit denen ich das alles besprechen und analysieren konnte!  

Natürlich hätte ich gleich nach dem Abi anfangen können zu studieren. Aber ich hätte mich wie betäubt gefühlt. Ich will nicht immer nur an morgen oder übermorgen denken, sondern auch die Gegenwart genießen. Letztes Jahr war ich für drei Monate in Vietnam. Einen Teil der Reise habe ich allein bewältigt, einen Teil mit Freunden. Komplett auf mich gestellt – das war ein ziemlicher Schock. Ich habe wenig geschlafen, mir eine Lebensmittelver­giftung eingefangen, musste ins Krankenhaus. Aber ich habe gelernt, auf mich selbst zu vertrauen, auf meinen Instinkt zu hören.
Erwachsen werden stelle ich mir so vor: Aus einem Keimling wird ein Baum, der Stamm wird immer dicker, je mehr man ­erlebt. An meinem Baum wachsen gerade die ersten Früchte.

Zurück aus Vietnam suchte ich mir eine eigene kleine ­Wohnung, und ich habe mich getraut, einen Kellner-Nebenjob anzunehmen. Vorher hatte ich immer Angst, falsch abzukassieren
und Verluste zu haben. Aber nun kann ich mir sogar Geld zurücklegen. Davon buche ich mir bald einen Spanischkurs – am liebsten in Peru, Bolivien oder Chile. Ich würde die Reise auch gerne mit meinem Freund machen, aber der hat vor, nach Afrika zu gehen. Und das möchte ich nicht.

Meine Eltern fragen ab und zu, wie es weitergeht bei mir, aber solange ich einen Plan habe, sind sie zufrieden: Gerade mache ich ein freiwilliges soziales Jahr in einer Werkstatt für Behinderte, später möchte ich Kunsttherapie in Holland studieren. Überhaupt haben sie viel richtig gemacht. Ich bin bei meiner Mutter aufgewachsen, sie ist ein bisschen chaotisch, aber sie hat ein großes Herz. Es gibt diesen Spruch „Good moms have sticky floors, dirty ovens and happy kids“ – so war es bei uns. Papa war genauso locker. ­

Auch er hat nie etwas über meinen Kopf hinweg entschieden. Mit 16 wollten Maria und ich unbedingt auf diese Silvesterparty, wir sollten kurz nach zwölf zu einem Bekannten fahren, um dort zu übernachten. Unsere Eltern verlangten, dass wir sie von dort aus anrufen. Das taten wir. Und fuhren mit dem Taxi zurück zur Party. Meine Mutter hatte geahnt, dass wir schwindeln würden und war nicht sauer. Sie hat es oft geschafft, Verständnis für mich aufzubringen und immer begründet, warum sie etwas verbot. Weil sie Angst um mich hatte. Oder weil ich, 13-jährig, mit knallroten Lippen und blauem Lidschatten sehr albern aussah. Widerwillig rubbelte ich die Schminke von meinem Gesicht. „Irgendwann wirst du es mir danken“, sagte sie. Und das stimmt!

Maria, 22 Jahre

 Maria 2015
Mein Vater zog ins Ausland, als ich 13 war, und meine Mutter und ihr ­neuer Mann bekamen noch eine Tochter. Ich fühlte mich total verloren. Einmal durfte ich nicht auf eine Party, auf die ich unbedingt wollte, da warf ich vor Wut ­alles, was ich greifen konnte, aus meinem Zimmer­fenster im ersten Stock. Krimskrams, Zettel, Stifte. 

Ich war echt wild. Mit 14 lief ich mit ­ ein paar Freunden durch einen U-Bahn-Tunnel. Wir starteten an einer Halte­stelle und wussten, in einer Viertelstunde kommt die nächste U-Bahn. Das schaffen wir locker, dachten wir. Dann standen wir in der Mitte des Tunnels, alles dunkel.

Links und rechts von den Gleisen war kaum Platz. Und meine Uhr sagte: In ­einer Minute kommt die Bahn. Wir sind so gerannt wie noch nie, knapp haben wir es geschafft. Ich hatte Puddingbeine. Ein Jahr später erzählte ich meinem Vater davon. Er war schockiert, „spinnst du“, brüllte er mich an. Aber das hätte es gar nicht gebraucht, nie wieder habe ich so etwas Bescheuertes gemacht.

Ich verliebte mich in einen Jungen vom Land und verbrachte die nächsten fünf Jahre fast jedes Wochenende dort – mit ­einer Clique von Dorfjungens im Wald oder in der „Bar“, einem ehemaligen Kuhstall. Meine Freundin Lisa kam oft mit. Dort fühlte ich mich nicht mehr verloren.

Nach der elften Klasse schmiss ich das Gymnasium und machte ein freiwilliges soziales Jahr in einer Waldorfschule für behinderte Kinder in eben diesem Dorf und zog in eine Einzimmerwohnung. Ich ließ mich nicht von dieser Entscheidung abbringen und meine Mutter verstand das auch irgendwann. Mein Vater unterstützte mich aus der Ferne. Meine Eltern sind Künstler. Sie sind für mich Vorbild, nur das zu tun, was das Herz einem sagt.

Nach dem sozialen Jahr wusste ich, dass ich Soziale Arbeit studieren möchte. Ich sah plötzlich einen Sinn in dem, was ich tue. Also zog ich zurück zu meiner Mutter und ging wieder zur Schule, diesmal auf ­eine Gesamtschule. Dort war es ganz anders als auf dem Gymnasium, nicht so ­elitär, nicht so viel Druck. Die Schulleiterin, bei der ich Sozialwissenschaftsunterricht hatte, beeindruckte mich. Sie war total engagiert, ich ging richtig gerne hin!

Zum Abiball kam auch mein Vater, und die folgenden zwei Monate verbrachte ich mit ihm in Süditalien, wo seine Wurzeln liegen. Erinnerungen an viele Urlaube mit Nonna und Mama kamen hoch – auch meine Wurzeln liegen ja dort. Ich verliebte mich in einen Felsenspringer und wollte in Italien studieren.

Über das Buch

Wie geht es dir? – Keine Ahnung. – Was möchtest du essen? – Keine Ahnung. – Was willst du machen? – Keine Ahnung. Die Kölner Fotokünstlerin Sandra Stein hat dieses Gefühl, das viele in der Pubertät haben, eingefangen – in Porträts von Stella, Lisa, Jenny und an­deren Mädchen, die sie mehr als zehn Jahre lang immer wieder ­getroffen hat. „Keine Ahnung“, so heißt auch Sandra Steins Buch, das gerade erschienen ist, und das eine Auswahl dieser Fotos zeigt (Kettler, 26 Euro).

Dann starben innerhalb weniger Tage meine deutschen Großeltern. Ihr Tod riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich merkte: Mir fehlt die Heimat. Vor einem Jahr zog ich in ihr nun leer stehendes Haus und gründete dort eine WG. Ich bin verantwortlich dafür, dass meine vier Mitbewohner ihre Miete bezahlen, dass die Mülltonne rechtzeitig am Bürgersteig steht, dass der Rasen gemäht wird. Dafür wohne ich umsonst. 

Ich warte auf eine Studienplatzzusage für Soziale Arbeit und habe gerade einen Permakultur-Designkurs in Italien gemacht. Im Moment kann ich mir gar nicht vorstellen, für drei Jahre in einer Großstadt zu studieren; das würde mir die Freiheit nehmen, auch weiterhin zwischen Italien und Deutschland zu pendeln. Erwachsen – das klingt so abgeschlossen, so fertig. Das will ich gar nicht sein. Vielleicht gibt es das ja auch gar nicht. Mein Traum ist, mal einen Bauernhof zu haben und damit unabhängig zu sein vom normalen Leben. Mit eigenem Brunnen, eigenem Strom, mit Tieren und Gemüse.

Polina und Jenny, 22 Jahre

 Polina 2015
Polina: Mit elf sind wir aus Moskau nach Deutschland gezogen, es war Dezember 2004. Wir wollten Moskau nicht verlassen, aber unsere Eltern schon. Es gab heftige Streite zwischen uns. Wir fühlten uns wohl in unserer Schulklasse, hatten viele Freunde. Und dann sagten unsere Eltern noch, wir würden bestimmt ein Jahr oder länger nicht zurückkommen.

Jenny: Wir haben fürchterlich geweint. In Moskau gehörten wir zu den Coolen, hier waren wir die Neuen, die die Sprache nicht beherrschten. Die anderen haben uns für unseren Akzent ausgelacht. Aber das hat uns nur angespornt, schneller Deutsch zu lernen. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis wir Anschluss gefunden haben. Judo hat uns geholfen. Das machten wir schon in Moskau – wie gut, dass es fast ohne Sprache geht. 

Polina: Andere Migrantenkinder sagten, sie seien neidisch auf uns gewesen, weil wir ja wenigstens uns hatten. Das stimmt. Wir waren schon immer sehr eng, aber diese Zeit hat uns noch mehr zusammengeschweißt.

Jenny: Überhaupt unsere ganze Familie. Im Asylbewerberheim wohnten wir sieben Monate lang mit unseren Eltern auf zehn Quadratmetern – zwei Stockbetten, ein kleiner Tisch, ein Waschbecken. Das war komisch, in Moskau haben wir unseren Vater kaum gesehen, er war als Wirtschaftsinformatiker viel unterwegs gewesen. Und plötzlich war er ständig da. Wir haben viel als ­Familie unternommen, wir sind spazieren gegangen.

Polina: Aber unser Dad konnte kaum was mit uns anfangen. Wahrscheinlich wären Söhne für ihn besser gewesen. Noch schlimmer wurde es, als wir mit 15 in diese Tussiphase gerieten. Wir trugen tiefe Ausschnitte und Stöckelschuhe.

Jenny: Und im Judo haben wir jede Trinkpause genutzt, runter zu rennen in die Umkleiden und uns nachzuschminken. Unser Trainer erzählt das heute noch gern. Nach einer Weile wurden wir wieder seriös, von ganz allein. Zu der Zeit wurden meine Schulnoten ein bisschen schlechter. Da sagte Papa: Wenn das mit der Schule nicht klappt, darfst du nicht mehr ins Judo. Das war eine schlimme Drohung. Judo war alles für mich; ist es heute noch.

 Jenny 2015
Polina: Zu mir sagte er mal, du willst doch nicht als Putzfrau ­enden, oder? Dabei wollten wir unsere Eltern nicht belasten. Wir haben uns selbst unter Druck gesetzt – um ihnen zu be­weisen, dass sie ihre Existenz in Moskau nicht umsonst aufgegeben ­hatten. Sie wollten uns eben eine gute Ausbildung ermöglichen.

Jenny: Ja. Bloß keine Unruhe verursachen. Wir waren Streber und haben die zehnte Klasse übersprungen. Das war wirklich keine Feierjugend! Meinen ersten Freund hatte ich mit 17, mehr als Händchenhalten war da nicht.

Polina: Jenny war die Rebellin bei uns, sie hat Türen geknallt und mit unseren Eltern gestritten...

Jenny: ...und du hast dann davon profitiert! Das Größte, das ich ausgefochten habe, war, dass wir ausziehen durften. Allerdings waren wir da schon 19. Unsere Eltern wollten das überhaupt nicht. Unser Dad sagte, das habt ihr doch gar nicht nötig, das ist rausgeschmissenes Geld!

Polina: Und als Jenny anfing, mit ihnen zu streiten, sagte ich: ­ Ach, ich muss eigentlich gar nicht woanders wohnen.

Jenny: Da war ich vielleicht sauer! Am Ende zogen wir doch aus – in eine winzige Bruchbude. Unsere Mutter sagte, wir sollten die Finger davon lassen, sie sei überteuert. Aber wir wollten sie unbedingt! Unser Dad sagte dann zu Mama: Lass sie, sie müssen ihre Fehler machen, sonst lernen sie nicht. Viele Monate später haben wir ihnen gesagt, dass sie recht hatten. Aber solange Fehler nicht lebensbedrohlich sind, sollte man sie auch machen dürfen.

Polina: Das Gute an unserer eige­nen Wohnung ist, dass unsere Eltern wieder wie Frischverliebte sind – vielleicht, weil sie sich nicht mehr so auf uns konzentrieren. Sie fragen uns nicht mal mehr, ob wir mit in den Urlaub wollen. Neulich waren sie in Norwegen – ohne uns. Dabei wollte ich da schon immer mal hin. Jenny und ich sind umgezogen ­ in eine schönere Wohnung. Näher zu der Klinik, in der wir ­nebenbei arbeiten. So müssen wir beim Frühdienst nicht mehr um vier Uhr aufstehen, sondern erst um kurz vor fünf.

Jenny: Manchmal besuchen wir auch unsere Großeltern. Sie können kaum Deutsch. Seit wir einigermaßen Deutsch konnten, mussten wir ihnen und unseren Eltern bei Behördengängen ­helfen oder beim Arzt übersetzen. Wenn ich stattdessen lieber eine Freundin treffen wollte, ging das eben nicht. 

Polina: Das hat unserer Persönlichkeit auch nicht geschadet. Nee. Unseren Persönlichkeiten, oder Jenny?

Jenny: Stimmt. Am schlimmsten war, wenn ich doch mal gezickt habe, und die Eltern sagten: Ihr wisst doch, dass wir eure Hilfe brauchen! – und ich es wieder herausgefordert hatte, dass sie mich anbetteln müssen.

Polina: Manchmal habe ich bei Schulfreunden gedacht: Was habt ihr eigentlich für Probleme – mal ein paar Tage Internetverbot, pah. Das hatten wir auch.

Jenny: Ich habe lange Tagebuch geschrieben, und mit 15, also vier Jahre, nachdem wir umgezogen waren, schrieb ich, dass ich es sehr bereue, nach Deutschland gekommen zu sein, dass meine Eltern mir deswegen die Jugend zerstört hätten. Heute kann ich sagen: Das stimmt nicht. Im Gegenteil, wir wollen die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Und für immer hier bleiben.

Polina: Sechs Semester Zahnmedizinstudium haben wir schon hinter uns. Ich bin wahrscheinlich mit 25 fertig.

Jenny: Und ich werde noch Humanmedizin draufsatteln, um Gesichts- und Kieferchirurgin werden zu können. Eine Familie möchte ich auch haben. Aber nicht jetzt. Unsere Mutter war so alt wie wir, als sie uns bekam. Unvorstellbar! Für meinen Freund habe ich ohnehin zu wenig Zeit.

Polina: Ich habe keinen Freund. Jetzt ist eben die Ausbildung wichtig.

Stella, 21 Jahre

 Stella 2015
Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen. Als ich sechs Jahre alt war, hat er mich zu sich genommen. Meine Mutter war krank und konnte sich nicht um mich kümmern. Ich habe sie damals nur alle zwei Wochen ein paar Stunden gesehen. Papa hat viel gearbeitet, anfangs haben sich Kindermädchen um mich gekümmert.

Meine Freundinnen waren sehr wichtig für mich. Als ich 13 war, war Maria schon mitten in der Pubertät. Ich wollte so gerne dazugehören zu ihr und ihrer Clique. Aber ich war sehr brav, tat immer, was mein ­Vater sagte, hatte Angst davor, Ärger zu bekommen. Das änderte sich bald. Mein Vater sollte mir nichts mehr sagen!

Einerseits spielte ich noch mit meinen Kuschelschafen, andererseits interessierten wir uns für Jungs und tranken heimlich ­Alkohol. Mischbier, keine harten Sachen; das kam erst später. Inzwischen waren wir eine Clique aus sechs Mädchen, wir hörten Pussycat Dolls, Sido und Bushido, hingen den ganzen Sommer über im Freibad ­herum, und die Mädels übernachteten wochenlang bei mir. Einmal bemalten wir unsere Körper von oben bis unten mit Edding.

Ich war dürr, hatte keine Brüste – aber alle anderen schon! Und schließlich bekam ich auch noch eine Zahnspange. Ich war oft traurig. Zu der Zeit ging ich zur Realschule, die anderen nannten mich Lisa Plenske – wie die Hauptdarstellerin der Fernsehserie „Verliebt in Berlin“. Papa sagte zwar, ich sei doch hübsch. Aber das nimmt man nicht wahr. Man steht nicht vor dem Spiegel und denkt, das wird schon. Überhaupt habe ich immer gedacht, ich bin versehentlich auf diesem Planeten gelandet. Ich habe mich so fremd auf der Welt gefühlt, wie eine Außerirdische.

Mit 14 bekam ich Kontaktlinsen, die Zahnspange kam weg – und ich war ein neuer Mensch. Im Urlaub auf Korsika habe ich zum ersten Mal geknutscht. Zum 15. Geburtstag bekam ich ein Buch über Uschi Obermaier. Sie ist mein Vorbild. So freizügig, wild und selbstbestimmt wäre ich auch gern. Wegen ihr tönte ich mir mal die Haare braun.

Mit Papa stritt ich viel, ich kam und ging, wann ich wollte. Ich krieg’ es schon selber hin, brüllte ich ihn an, wenn er ­wieder sagte, ich müsste im Haushalt selbst besser sehen, was zu tun ist – und es dann auch erledigen. Manchmal zog ich aus, wohnte bei Freunden, zog ein paar Wochen später wieder zurück.

Ich wechselte aufs Gymnasium, aber ich schwänzte oft – ich war viel auf Techno­partys unterwegs und tagsüber sehr müde. Die Schule warf mich raus, als ich in der elften Klasse war, das Abi habe ich nun nicht. Das finde ich nicht schlimm. In der Zeit ging es mir einfach nicht gut, es sollte wohl nicht sein. Früher wollte ich mal Rapperin werden. Dann Schauspielerin, Maskenbildnerin, ­Köchin. Und jetzt: keine Ahnung. Hebamme vielleicht?

Einen Platz im Leben zu finden ist nicht leicht. Eltern, Lehrer, das Fernsehen: Alle wissen, wie man zu sein hat. Meiner Mutter geht es um Materielles, man soll genug Geld haben, um gut für sich sorgen zu ­können. Meinem Vater ist es wichtig, dass ich mein Potenzial ausschöpfe – ich könnte auch Revolutionärin sein, Hauptsache, es entspricht mir.

Natürlich frage ich mich, ob ich alles aus meinem Leben heraushole, was rauszu­holen ist. Und wohin mich das alles führt. Ich möchte doch nur die Welt schöner ­machen, als ich sie angetroffen habe. Zur Zeit wohne ich in Marias WG. Ich habe einen Freund. Und ich arbeite in ­einer Burger-Bude, Küche, Service, das Geld reicht zum Leben. Aber für die große Reise, die ich noch machen möchte, reicht es leider nicht. Also werde ich mir einen zweiten Job suchen. Ich brauche viel Zeit für die Dinge – aber irgendwann tue ich das, wovon ich rede.
 

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Lesermeinungen

Hallo Jenny,

für Ihren Wunsch nach abgeschlossenem Zahnstudium zusätzlich Medizin zu studieren, wünsche ich viel Glück.
Mein Studium der Medizin (Examen 1985) und Zahnmedizin (Examen 1990) in Kiel war erfolgreich. Die anschließende Weiterbildung zum MKG-Chirurgen absolvierte ich in Bremerhaven, Minden-Westf. und Stuttgart.
Ich möchte Ihnen einen Einblick in die Berufstätigkeit eines MKG-Chirurgen mittels einer Famulatur (Chirurgie-Kurs III) in meiner Belegpraxis für MKG/Plastische Operationen bieten. Bitte melden Sie sich bei Interesse. Ein Kliniktag/Vorstellungsgespräch ist nach Absprache möglich.
Mit freundlichen Grüßen Jens Heuer www.mkg-quedlinburg.de

Die fünf Biographieberichte der jungen Damen geben einen Einblick in ihre Gefühls- und Lebenswelt. Ihre Gedankenwelt hat sich in ihren Lebensjahren noch nicht konkret entwickelt, weil sie noch keine Urteilskraft und Zielvorstellung gefunden haben. Es wäre interessant die Lebensberichte von fünf Jugendlichen gegenüberzustellen, die anders ausfallen werden. Dies nun zu psychologisieren führt zu keiner Problemlösung Ihrer Lebenswege. Psychologische Gesprächstherapien nehmen nur die Lebenskräfte und sind nicht aufbauend.

Das Leben findet in der Wechselbeziehung statt. Dies erleben die Jugendlichen in ihrem alltäglichen Rollenspiel als Kinder, als Schüler usw. Sie haben in dieser Wechselbeziehung konkret zu antworten wie auch auf die Fragen, die immer wieder an sie gestellt werden: "Was kannst du?", "Was hast du?", "Was willst du?". So fragen sie sich schon als Gesprächspartner untereinander. So werden sie als Schulabgänger von ihren Eltern und Verwandten und als Bewerber um eine Lehrstelle von ihren Arbeitgebern gefragt. Sie haben sie mit ihren Worten, Taten mit ihrer Person und ihrem Leben zu beantworten. Denn das Leben ist konkret wie die Wahrhit.

Die Antwort „Keine Ahnung“ oder „Ich weiß es nicht.“ widerspricht dem Wort „Ahnung“ und dem des “Wissens“. Denn im Wort „ahnen“ liegt eine positive Zukunftsmöglichkeit, die die Ahnung konkret werden lässt. Ebenso ist es beim Wort „Wissen“, das eine konkrete Kenntnis von einer Sache enthält. Wenn ich es nicht weiß, dann muss ich mich darum bemühen, es zu wissen.

Jugendliche, die die Schule besuchen, die die Umwelt erleben, das Medienangebot kennen und Bücher lesen und Gespräche führen, werden sich mit dem, was durch sie auf sie zukommt auseinandersetzen und eine Berufswahl wie auch Lebensmöglichkeit finden. So, dass sie konkret sagen können, dass will ich werden. Es kommt auf die Entscheidung an.

Jeder hat ein Bild, von dem was er werden will und findet die Lösung in der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Umwelt. Das Leben ist ein Kunstwerk, das jeder nach seinen Vorstellungen,  Begabungen und seinen Willen selbst gestalten möchte. Gewiss es ist nicht leicht, sondern kostet Arbeit. Immer wieder erlebe ich im Gespräch mit älteren Menschen, die trotz schwieriger Zeiten sagen  können: „So habe ich mein Leben gestaltet.“ . .  .           

So viel ist den fünf jungen Damen zu sagen,  dass eine Tändelei wie auch eine Unentschlossenheit zum Lebensverlust führt. Es gilt sich rechtzeitig zu entscheiden, denn das Leben ist spannend und schön.

Pfarrer Dr. Horst Jesse, München