Sexueller Missbrauch in der Kirche

Pastoren als Täter
Gefahrenzeichen mit Piktogrammen eines Kindes und eines Pastoren

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Sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche? Undenkbar für viele. So was passiert doch nur bei den Katholiken! Vergeblich gaben Opfer der Nordkirche Hinweise. Sie wurden erst 2010 gehört. Nun ist ein großer Untersuchungsbericht erschienen

 Das hatte sich bis 2010 niemand vorstellen können: dass evangelische Pastoren Kinder und Jugend­liche missbrauchen. Undenkbar. Sexueller Missbrauch sei doch ein Problem der katholischen Kirche, wegen des Zölibats, aber evangelische Pastoren lebten meist in festen Beziehungen, könnten ihre Sexualität also leben. Und natürlich nahmen die evangelischen Kirchenmitglieder an, dass ihre Pastoren leben, was sie lehren.

Aber dann, 2010, als die Medien voll ­waren von Berichten über die Missbrauchs­skandale in Internaten, nahm eine Frau all ihren Mut zusammen und sagte öffentlich, dass ein Pastor der nordelbischen Kirche in den 70er und 80er Jahren sie und andere Jugendliche, die meisten im Konfirmandenalter, sexuell missbraucht habe. Alsbald meldeten sich weitere Betroffene, viele davon aus der Gemeinde Ahrensburg. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen trat zurück. Es hatte der Vorwurf im Raum gestanden, sie habe viel früher davon gewusst, aber nicht gehandelt.

Heute, vier Jahre später, steht auf der Homepage der Nordkirche dieser Satz: „Wir wollen es nicht – doch sexualisierte Gewalt kommt vor, auch in der Kirche.“

Es hat sich seitdem viel getan in der Nordkirche. 2012 beschloss die Kirchenleitung: Jetzt muss alles umfassend auf­geklärt werden. Wer hat wann was gewusst und nicht gehandelt? Wie kann man sexuelle Übergriffe vermeiden? Was tun, wenn es doch geschieht? Mit diesen Fragen beauftragte die Kirchenleitung zusammen mit dem besonders betroffenen Kirchenkreis Hamburg-Ost externe Experten – zwei auf sexuelle Gewalt spezialisierte Anwältinnen und zwei Fachleute der Beratungsstelle „Zartbitter“.

Gleichzeitig, als Sofortmaßnahme, beschloss die Kirchenleitung, dass Opfer sexuellen Missbrauchs individuelle Unterstützungsleistungen bei der Kirche beantragen können – unbürokratisch und „in Anerkennung ihres Leides und in Verantwortung für die Verfehlungen der Insti­tution“. Das kann auch die Vermittlung eines Arbeitsplatzes oder die Finanzierung einer Therapie sein. Nun hat die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen“  ihren 500-seitigen Abschlussbericht vorgelegt. Die Kirchenleitung hat ihn online zum Abruf bereitgestellt. Zum Schutz der Opfer sind alle Namen anonymisiert. Ansonsten: größtmögliche Offenheit.

Der Gewalt gehen oft „harmlose“ Grenzverletzungen voraus

Eines macht die Aufarbeitungskommission gleich auf den ersten Seiten klar: Sie habe zwar unzählige Interviews mit Betroffenen, Zeitzeugen, kirchlichen Mitarbeitenden und Leitenden geführt, dazu Protokolle von Krisenstäben und andere Akten gelesen – aber die Kommission ­könne nicht über Wahrheit und Unwahrheit, über Schuld und Unschuld entscheiden. Sie könne nicht im Nachhinein eindeutig feststellen, was sich im Einzelfall tatsächlich ereignet und wer sich wie ­verhalten hat. Trotzdem ließen sich die ­Dynamiken erkennen, die grenzverletzendes Verhalten und am Ende sexuellen Missbrauch ermöglicht haben.

Viele Kirchenleute ignorierten deutliche Hinweise Der Bericht belegt, dass Hinweise auf sexu­alisierte Gewalt, sogar eindeutige Informationen, oft auf mehreren Ebenen der Kirche bekannt waren – etwa Pastoren­kollegen, Vorgesetzten, Kirchengemeinderatsmitgliedern – , dass diese aber den Hinweisen nicht nachgegangen seien, sondern die Hinweise ignoriert hätten. Trotzdem wirft die Kommission den Funktionsträgern nicht generell untätige Mitwisserschaft vor. Denn man ­dürfe nicht unterschätzen, wie strategisch die meisten übergriffigen Personen die Wahrnehmung ihrer Mitmenschen vernebeln.

Dazu kommen „Wahrnehmungsblocka­den“: Man will und kann nicht glauben, dass der Pastor, der sich so rührend um ­trauernde Hinterbliebene kümmert, Kinder und Jugendliche missbraucht. Und wer unter Schock steht, hört zwar, was ihm da Entsetzliches mitgeteilt wird, er nimmt es aber nicht auf. So kommt es, dass jemand später sagt – und dabei nicht lügt: Ich habe davon nie etwas gehört.

Es gibt noch einen anderen Grund dafür, dass frühe Hinweise auf sexuell übergriffige Kirchenmitarbeiter versickerten: falsch verstandene Seelsorge. Da wiesen Gemeindemitglieder einen Pastor auf Übergriffe eines anderen Pastors hin, in der Annahme, er werde das weitergeben. Tat er aber nicht, da er das Ganze für ein rein seelsorgerliches Gespräch hielt und sich also in der Schweigepflicht sah – statt, wie es fachlich geboten gewesen wäre, nachzufragen: „Möchten Sie, dass ich hier etwas unternehme? Darf ich diesen Hinweis weiterleiten?“

Dass der Seelsorger „etwas unternimmt“ hätte nicht notwendig eine Anzeige bei der Polizei bedeutet – denn viele der sexuellen Übergriffe waren gar nicht strafbar. Das stellt der juristische Teil des Berichts klar. Sexuelle Handlungen mit über 14-Jähri­gen sind nur unter engen Voraussetzungen strafbar – etwa wenn sie im Rahmen eines „Schutzbefohlenenverhältnisses“ stattfinden. Wer am Konfirmandenunterricht teilnimmt oder mit auf die kirchliche ­Ferienfreizeit fährt, steht zum Pfarrer in solch einem Schutzbefohlenenverhältnis. Wer an einer kirchlichen Jugendgruppe teilnimmt, nicht. Im Strafrecht gelten eben oft andere Maßstäbe als in der allgemeinen Lebensanschauung.

Aber auch sexuelle Handlungen, die das Gesetz nicht als strafbare Handlungen betrachtet, können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene traumatisieren, sagt die Expertenkommission in aller Deutlichkeit. Denn das Leid sei oft weniger abhängig von Ausmaß und Form der sexuellen Handlung als von der Beziehungsstruktur zwischen Opfer und Täter. Besonders belastend ist es, wenn der Täter eine Vertrauensperson ist, zum Beispiel ein Pastor, von dem die Jugendlichen annehmen, dass er moralisch richtig handelt. Der Bericht beschreibt detailliert, wie Pfarrer das Vertrauen von jungen Menschen missbrauchten, die sich in seelischer Notlage (Eltern lassen sich scheiden, zum Beispiel) an sie gewandt hatten.

Hilfe für die Opfer? Interessierte den Krisenstab nicht

Ebenso wichtig ist der Hinweis der Expertenkommission, dass vermeintlich harmlose Grenzverletzungen keineswegs harmlos sind. Es sei vielmehr klassische Täterstrategie, durch sich langsam steigernde Grenzverletzungen den Weg zu bahnen zu strafbaren Handlungen: Da wird mit Konfirmandengruppen Alkohol getrunken, der Pas­tor nimmt Jugendliche auf den Schoß und kitzelt sie durch, der Pastor schaut sich mit Konfirmanden Pornohefte an, er initiiert bloßstellende Psychospiele . . . Und immer wieder verwirren Täter die Wahrnehmung der Opfer: Ein Pastor drängt sich auf dem Flur an eine Konfirmandin, küsst sie und sagt, als sie ihn wegstößt, das sei doch nur väterliche Liebe.

Die Expertenkommission beschreibt ausführlich, warum auch nicht strafbewehrte Übergriffe Leid erzeugen. Darüber hatte es in den betroffenen Gemeinden heftige Diskussionen gegeben, die bis zur Spaltung führten. Dabei wurden Menschen, die Vorwürfe gegen die Kirche er­hoben, weil sie Opfer geworden waren, nicht selten abgewertet: als Nestbeschmutzer und Verleumder.

Hilfe für die Opfer? Interessierte den Krisenstab nicht Und niemand schützte sie. Es gab zwar in der Nordkirche zu Zeiten der breiten Aufdeckung der Missbrauchsfälle Krisen­stäbe, aber deren Agieren und deren Zusammensetzung war, so die Kommission, ungeeignet. Etwa wenn ihnen vor allem Theologen, Juristen, Kirchenpresse­sprecher angehörten, nicht aber traumatherapeutisch Erfahrene. So fokussierte man sich auf Öffentlichkeitsarbeit, den Ruf der Institution, auf juristische Fragen und auf innerkirchliche Konflikte (man beschuldigte sich gegenseitig).

Die Fehler, welche die Kommission beschreibt, sind beschämend: Die Kirche versäumte es, Betroffenen adäquate Hilfen zu Verfügung zu stellen. „Es waren vielmehr die Betroffenen, die in der für sie ohnehin extrem belastenden Phase der Aufdeckung des ihnen zugefügten Leids geschockte Theologen der betroffenen Kirchengemeinde auffingen, da auch für diese keine Krisenintervention angeboten wurde.“

Landesbischof Gerhard Ulrich hatte nach Aufdeckung des Missbrauchs­skandals in Ahrensburg den Umgang der Kirche damit so zusammengefasst: „Die Kirche hat auf vielen Ebenen versagt.“ Nun aber hat die Kirchenleitung der Nordkirche, kaum hielt sie den Bericht der Unabhängigen Kommission in Händen, sofort Maßnahmen eingeleitet und einen „vorläufigen 10-Punkte-Plan“ vorgestellt – entsprechend den wichtigsten Empfehlun­gen der Kommission.

Erste Maßnahme: Hilfe für Betroffene. Soeben hat die UNA ihre Arbeit aufgenommen: die „Unabhängige Ansprechstelle für Menschen, die in der Nordkirche sexuelle Übergriffe erlebt oder davon erfahren ­haben“. Dahinter steht die erfahrene Fachberatungsstelle „Wendepunkte e. V.“ Ihre Mitarbeitenden werden zuhören, sichten, klären, den Weg zu weiteren Hilfen ebnen. Außerdem wird ein mobiles Krisen­interventionsteam zusammengestellt, das sofort vor Ort fährt, um die Betroffenen zu begleiten (Stichwort Traumatherapie) und auch die Verantwortlichen zu unterstützen – beispielsweise, wenn auf einem Elternabend über einen sexuellen Missbrauch im kirchlichen Kindergarten informiert werden muss.

Auch Arbeitsverträge und das kirch­li­che Dienstrecht sollen angeschaut werden. Womöglich kann ein ausdrückliches „Abstinenzgebot“ aufgenommen werden: Wer in der Seelsorge, in Kinder- und Jugendarbeit tätig ist, dem sind sexuelle Kontakte in diesem Rahmen untersagt. Inwiefern das mit dem ebenfalls zu achtenden Persönlichkeitsrecht der Beschäftigten kollidiert, wird derzeit juristisch geklärt. Aber auch Ehrenamtliche sollen unterschreiben, dass sie sich grenzachtend verhalten.

Mythos: Der Zeitgeist der 70er, 80er Jahre ist schuld

Noch nicht geklärt ist, in welcher Weise Grenzverletzungen unterhalb der Strafbarkeitsschwelle disziplinarisch geahndet werden können. Auch arbeitet die Nordkirche noch an einem Konzept, wer wen wann informieren muss und wer was zu tun hat, wenn die Vermutung aufkommt, dass Mitarbeitende sexuell übergriffig sind.

Mythos: Der Zeitgeist der 70er, 80er Jahre ist schuld Man könnte nun denken: Okay, jetzt ist alles geklärt. Es ging ja nur um Fälle aus den 70er, 80er Jahren – damals gab man sich halt sexuell aufgeschlossen und antiautoritär, das wurde auch von Pfarrern erwartet. Kurz: Der damalige „Zeitgeist“ war schuld.

Da widerspricht die Aufklärungskommission heftig. Und das will sie allen Lesern und Leserinnen des Abschlussberichts unbedingt noch mit auf den Weg geben: Täter und Täterinnen hätten schon immer den jeweiligen „Zeitgeist“ genutzt, um ihre Verbrechen zu legitimieren. Zu Zeiten der „Schwarzen Pädagogik“ etwa verübten Täter sexuelle Gewalt in Form von vermeintlichen Bestrafungsaktionen (zum Beispiel Schläge auf das nackte Gesäß).

Und heute komme es vermehrt zu sexuellen Übergriffen via Internet oder Handy. So ist der Kommission aus einer anderen Landeskirche bekannt, dass ein hauptamtlicher Seelsorger per Handy eine Jugendliche verfolgt, mit sexuell grenzverletzendem Stalking.

Fakten und Hilfe

Den umfassenden Schlussbericht gibt es hier: kirchegegensexualisierte­gewalt.nordkirche.de

 

Die polizeilich registrierten Fälle von ­sexuellem Kindesmissbrauch sind zwischen 1997 und 2009 um etwa 30 Prozent gesunken – trotz der ge­stiegenen Anzeigebereitschaft. Nur etwa ein Viertel der verurteilten ­Sexualstraftäter sind Pädophile. Die Mehrzahl bevorzugt sexuell Erwach­sene, weicht dann aber „ersatzweise“ auf Kinder aus.

Ein offenes Ohr und Unterstützung finden Opfer sexualisierter Gewalt hier: ekd.de/missbrauch/ ansprechpersonen.html sowie beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530, beauftragter-missbrauch.de

Suche nach Beratungsstellen im Bundesgebiet: hilfeportal-missbrauch.de

Kampagne des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (viele Infos): kein-raum-fuer-missbrauch.de
 

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Die Pfarrerin und Krimiautorin Anne-Kathrin Koppetsch hat schon 2000 einen ernsthaften (und spannenden) Krimi zu diesem Thema geschrieben! "Blei für den Oberkirchenrat" (Fischer Taschenbuch)