Rapper Shahin Najafi über Schuldgefühle und seine Heimat

"Noch einmal die Luft im Iran einatmen, das ist mein Traum"
Rapper Shahin Najafi

Dirk von Nayhauß

In einer Fatwa erklärten iranische Geistliche den Rapper Shahin Najafi für vogelfrei. Dabei sei er der einzige, der sich bestrafen darf, sagt er

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

In der Kunst, egal ob ich schreibe, komponiere oder auf der Bühne stehe. Da fühle ich mich lebendig, aber nicht unbedingt glücklich. Das war für mich schon immer kompliziert. Unsere Welt ist ja nicht besser geworden, sie ist noch immer voller Gewalt, sehr viele Menschen werden unterdrückt und müssen leiden. In so einer Welt kann ich nicht einfach gleichgültig sein. Mit dem Anschlag auf das Pariser Satireblatt „Charlie Hebdo“ habe ich keine Zweifel mehr, dass mein Weg richtig ist. Wir müssen alle mit allen Kräften jede Form von Extremismus bekämpfen.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Kinder denken nicht, sie machen einfach, sie leben, sie sagen gerade heraus ihre Meinung. Ich schreibe in meinen Liedern über Menschen, die gehandelt haben, ohne an irgendwelche Folgen zu denken, eben wie Kinder, und die dann in Gefängnissen gefoltert und ermordet werden.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Als Jugendlicher war ich fromm und bin regelmäßig in die Moschee gegangen. Ich suchte nach einer Richtung, ich wollte dieses Leben verstehen. Als ich anfing, mich mit Philosophie und Kunst zu beschäftigen, setzte eine Art Zerfall in mir ein. Mit Religionen habe ich heute nichts mehr zu tun, sie wollen einen kontrollieren. Wenn Gott dir etwas sagt, bist du in der islamischen Religion verpflichtet, das zu tun. Trotzdem glaube ich, dass es eine Energie gibt, und vielleicht ist diese Energie göttlich. Es gibt Momente, in denen ich sie ganz deutlich spüre. Ich kann nicht glauben, dass ich in meinem Leben alles selber gemacht habe, denn manchmal, wenn ich etwas falsch mache, wird mir geholfen. Ob mich diese Energie auch gegen die Fatwa beschützt? Sage ich Ja, klingt das romantisch, aber ja, ich glaube, dass sie mich beschützt.

Hat das Leben einen Sinn?

Ich bin nicht mehr einfach Shahin, ich bin nun die Hoffnung von vielen Menschen im Iran. Das macht mich stolz, aber ich habe damit auch eine Verantwortung. Ich kann es selbst nicht fassen, dass so viele Jugendliche im Iran heimlich meine Lieder hören. Das macht mir manchmal Angst, dann frage ich mich: Was bist du geworden? Aber diese Menschen finden sich in meinen Liedern wieder, und das gibt meinem Leben zur Zeit einen Sinn. Früher sagten manche: Shahin ist in Europa, dort ist er sicher. Shahin kann alles sagen, das ist nicht mutig. – Seitdem es die Fatwa gibt, können sie das nicht mehr sagen.

Muss man den Tod fürchten?

Schon als Kind habe ich den Tod meiner Mutter gefürchtet, nun ist sie gestorben. Das war total schrecklich. Früher konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn sie nicht mehr da ist, wie ich ohne sie weiterleben könnte. Der Tod geliebter Menschen ist für mich schlimmer als die Angst vor meinem eigenen.

Wer oder was hilft in der Krise?

Im Mai 2012 kam die Fatwa. Irgendwelche Ajatollahs im Iran erklärten mich für vogelfrei. Shahryar, mein Freund und Manager, und ich, wir fühlten uns völlig allein und hilflos. Es war dann Günter Wallraff, der mir half, unterzutauchen. Das war unsere Rettung! Ich weiß nicht, wie ich mich jemals bei ihm revanchieren kann. Ich habe viel Sport gemacht, meine Seele musste in Form sein. Und Bücher, Filme, Musik – ich habe mich viel allein beschäftigt. Aber es gibt auch die anderen Krisen, die ganz normalen. Einsam fühle ich mich dann, total einsam. In solchen Situationen bin ich allerdings kreativer, ich schreibe besser, finde leichter die richtigen Worte.

Welchen Traum möchten Sie sich noch unbedingt erfüllen?

Noch einmal in den Iran zurückkehren, das ist mein Traum. Ich will noch einmal die Luft im Iran einatmen. Ich will noch einmal meine Heimatstadt Bandar Anzali im Norden des Iran sehen.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich bestrafe mich. Ich habe mir zwei Mal selbst eine Zigarette in die Haut gedrückt. Wenn ich einen sehr schlimmen Fehler mache, muss ich selbst der Erste sein, der mich bestraft. Niemand anderes kann das tun, das mache ich mit mir selbst aus.

Shahin Najafi

Shahin Najafi, geboren 1980, studierte Soziologie im Iran. 2005 musste er aus dem Land fliehen, als er wegen seines Liedes „Ich habe einen Bart“ zu drei Jahren Gefängnis und 100 Peitschenhieben  verurteilt worden war. Heute arbeitet er als Sänger und Song­writer. In wütenden Liedern prangert er die Missstände in seiner Heimat an. In „Naghi“ bittet er einen Imam aus dem 9. Jahrhundert, zurückzukommen und die Menschen im Iran zu befreien. Kurz darauf, im Mai 2012, traf ihn die Fatwa eines Großajatollahs, und es wurde eine Belohnung für seine Ermordung ausgesetzt. 2013 erschien Najafis Buch „Wenn Gott schläft“ (Kiepenheuer und Witsch) mit Liedern und autobiografischen Texten.
Foto: Dirk von Nayhauß

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Lesermeinungen

ich bin auch aus dem iran 35 jahre alt ,ueber shahin najafi kann ich nur sagen er ist unsere stolz und ich denke an ihm ueber das leben und der Gott oder Relegion.
javad aus dem lahijan

Ich versuche, diesen text ernst zu nehmen. Aber es gelingt mir nicht. "Gehört der Islam zu Deutschland? Eine schwachsinnige Frage. Natürlich ist er ein Teil unserer Wirklichkeit, insofern gehört er zu uns. Aber er ist nicht unsere Kultur, bedeutet, dass eine Angela Merkel, die naturwissenschaftlich orientiert ist, trotzdem sie unsere Kanzlerin ist, sie nicht im Besitz aller Wirklichkeit ist. So einfach ist das. Politik ist reiner Mist, trotzdem sie wichtig ist.