Albert Schweitzer und seine Ehrfurcht vor dem Leben

Merkwürdig vielseitig, dieser Mann
Vielleicht entwickelte Albert Schweitzer gerade deshalb seine „Ehrfurcht vor dem Leben“
Collage: Albert Schweitzer (1875-1965)

Foto: Deutsches Albert Schweitzer-Zentrum Frankfurt a.M., Archiv und Museum (4), AKG-Images

Albert Schweitzer (1875-1965), Theologe, Musiker, Mediziner und Philosoph

Einfach anstrengend, so ein hochbegabter Mensch. Ob Theologie oder Musik, ob Medizin oder Philo­sophie – überall mischt sich Albert Schweitzer ein. Und dann erfüllt sich in seiner Biografie auch noch auf ergreifende Weise die Wertedebatte eines gesamten Jahrhunderts.

Im Januar 1875 wurde Albert als Sohn des Pfarrers Ludwig Schweitzer im elsässischen Kaysersberg geboren, zu einer Zeit also, in der seine Heimat zum Deutschen Kaiserreich gehörte (1871–1918). Das Aufwachsen in jener Region, in der sich Kulturen begegnen, ergänzen und widersprechen, hatte den neugierigen Jungen schon während der Schulzeit herausgefordert. Paris oder Frankfurt, Berlin oder Bordeaux, seine kulturelle Neugier war echt grenzenlos. Und das in einer Epoche des immer dominanter werdenden Nationalismus.

Als Schweitzer von 1893 an Theologie und Philosophie in Straßburg studierte, wurde er in der dortigen Uniszene rasch „die Mitte eines sehr lebendigen Freundeskreises, zu dem ich als eine Art Randfigur stieß“, wie sich der neun Jahre jüngere Theodor Heuss 1951 erinnerte. In seiner Laudatio auf Schweitzer zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels fuhr der Bundespräsident fort: „Sie waren beruflich eine Merkwürdigkeit, denn Sie waren Pfarrer und Theologiedozent und standen vor dem medizinischen Physikum, aber Sie hatten bereits ein Buch über Bach geschrieben, das die Sachkenner... sehr hoch würdigten.“

"Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen“

In den Freundeskreis war Heuss durch seine spätere Frau ­Elly Knapp geraten. Klar, dass Schweitzer die beiden auch traute. „Merkwürdigkeit“ hatte Heuss gesagt – eine durchaus zutreffen­de Beschreibung dieses Mannes, der in einer Welt der Ab­grenzung zwischen den Fakultäten und der dort residierenden intellektuellen Häupter der Störenfried war. Für die Musiker war der versierte ­Organist eigentlich ein Pfarrer, für die Theologen ein selbstverliebter Schmalspurphilosoph. Und warum er dann nach zwei Doktortiteln Arzt werden und in Afrika ein Krankenhaus eröffnen wollte, das konnte nur als eine Art von Verrücktsein interpretiert werden.

Nur ein Mensch begleitete und unterstützte den schnauzbärtigen Kerl: seine Freundin Helene Bresslau. Die Tochter eines bekannten Historikers jüdischer Herkunft, als Kind evangelisch getauft,  hatte Kunstgeschichte und Pädagogik studiert. Wie Schweitzer gelangte sie zur Erkenntnis, dass sich Nächstenliebe im Handeln erweist. Sie gründete ein Mütterheim, agierte als ehrenamtliche Armenbetreuerin. Um Schweitzer in Afrika unterstützen zu können, gab sie 1909 ihre Stelle in der Straßburger Sozialarbeit auf und ließ sich in Frankfurt am Main zur Diplom-Krankenschwester ausbilden. 1912  heirateten Albert und Helene, 1913 reisten sie per Schiff ins französische Äquatorialafrika (heute Gabun) und gründeten das Krankenhaus in Lambarene.

Ein Jahr später brach der Erste Weltkrieg aus. Für die Schweitzers, noch immer deutsche Staatsbürger, hatte das böse Folgen: Die französische Kolonialarmee stellte sie als „feindliche Ausländer“ in Lambarene unter Hausarrest. Im September 1915, beide waren von der Haftsituation „erschöpft und mutlos“ (so Schweitzer in dem Buch „Aus meinem Leben und Denken“), wird der „Urwalddoktor“ zu einer erkrankten Kollegin gerufen. Die Wächter lassen ihn per Schiff zu der Frau reisen. Schweitzer: „Geistesabwesend saß ich auf dem Deck des Schleppkahnes, um ­den elementaren und universellen Begriff des ­Ethischen ringend, den ich in keiner Philosophie ­gefunden hatte. Blatt um Blatt beschrieb ich mit unzusammenhängenden Sätzen...“ Am dritten Abend, der Kahn tuckerte bei Sonnenuntergang ­gerade durch eine Herde Flusspferde, „stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ vor mir“.

Dieses Erlebnis vor nunmehr hundert Jahren veränderte den Blick des Intellektuellen auf die Welt. Das Leben an sich – ob Mensch, Tier oder Pflanze – wird zum Zentrum seines ­Denkens und Handelns. Und er ist sich der endlosen Konflikte bewusst, in die er sich mit dieser Weltsicht begibt. Darf man Fleisch essen? Darf man Blumen pflücken? So fragen ihn Kritiker bald, die wissen, dass er beides tut. Schweitzers Antwort: „Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich in nichts hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem.“

Das Individuum als Zentrum einer christlich-abendländischen Ethik

Schweitzer wirbt für eine „grenzenlos erweiterte Verantwortung“. Zugleich muss er eingestehen, niemand könne diese Forderung vollständig erfüllen, „weil auch der Mensch unter das rätselhafte und grausige Gesetz gestellt ist, auf Kos­ten anderer leben zu müssen und durch Vernichtung und Schädigung von Leben fort und fort schuldig zu werden“. Diese Gedanken haben Schweitzer zeitlebens bewegt. Der achselzuckende Hinweis, es sei halt mal so mit dem Unheil in der Welt und als einzelner Mensch könne man sowieso nichts ausrichten, galt ihm als „falsch und feig...Über das, was der Einzelne ausrichten kann, täuscht man sich. Er vermag mehr, als man meint.“

Schweitzer warnte, inzwischen Franzose geworden, die deutschen Freunde 1932 vor dem Nationalsozialismus. Er bat nach dem Zweiten Weltkrieg Frankreich, die Versöhnung und Verständigung mit den Deutschen zu suchen. Er protestierte als Träger des Friedensnobelpreises (1952) gegen Atomwaffen, was ihm in den USA viel Ärger einbrachte und seinen Freund Heuss zu harscher Kritik motivierte.

Als er vor fünfzig Jahren, am 4. September 1965 starb, konnten ihm selbst seine größten Kritiker nicht absprechen, dass er mit Leben und Werk die Bedeutung des Individuums als zentralen Wert einer christlich-abendländischen Ethik neu formuliert und den Menschen eingeschärft hat.

Video: Markus Bechtold

Lesermeinungen

Albert Schweitzer ist vor allem nach Afrika gegangen, weil er bei seinem Theologiestudium erkannt hatte, daß die Trinitätslehre aus dem Helenismus übernommen worden ist. Er war mit ihrer Ablehnung in der evangelischen Kirche isoliert. Es wäre ganz nett, darüber mal einen Artikel zu bringen. Das Elsaß war übrigens bis 1918 fast vollkommen deutschsprachig, auch wenn es von Ludwig 14. für Frankreich erobert worden war. Erst danach versuchte Frankreich, die deutsche Kultur zurückzudrängen, und nach 1945 wurde Deutsch weitgehend verboten. Den Elsässern ging es da noch viel schlimmer als den Südtirolern. Das ist auch ein evangelisches Thema, denn das Elsaß war im Gegensatz zum Rest Frankreichs immer protestantisch.

Mein Vater hat mich als Kind an die Schönheit der Natur herangeführt. Er ist mit mir sonntags lieber in den Wald gegangen als in der Kirche. Schließlich sei der Wald von Gott gemacht, die Kirche aber vom Menschen. Meine sich entwickelnde Liebe zur Natur wurde durch die Ethik Albert Schweitzers vertieft und fundiert.“ Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will.“ Es ist nicht immer leicht den daraus entstehenden Konsequenzen zu folgen. Fehltritte werden mir manchmal schmerzhaft bewusst. Trotzdem leitet Albert Schweitzers Spruch mich bis auf den heutigen Tag. Er hat mich zusammen mit dem Wirken von Bernhard Grizmek schon vor vielen Jahren zum Naturschutz geführt.

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