Die Liebesgeschichte eines iranischen Flüchtlings

Die Braut fragen, nicht die Eltern!
Iman T. im Wohnzimmer

Foto: Charlotte Sattler

Er war Muslim und Polizist im Iran. Als Flüchtling lernte er zweifeln, diskutieren – und lieben

Iman T., 32:

Dass ich zur Militärpolizei gehen soll, hatte mein Vater be­schlossen. Ich selbst wäre gern Ingenieur geworden. Aber gegen die eigenen Eltern aufmucken? Undenkbar im Iran. Mit Anfang zwanzig wurde ich zu einer Demonstration geschickt: Zehntausende protestierten gegen Ahmadinedschad. „Schießt in die Menge“, befahl mein Chef per Funkgerät. „Die Verbindung ist so schlecht“, sagte ich, „was haben Sie gesagt?“ Wieder und wieder schrie er den Befehl ins Funkgerät, schließlich rief er auf meinem Handy an: „Schieß endlich!“ Ich schoss ein paar Mal in die Luft, dann tauchte ich unter. Als man mich in Abwesenheit zum Tod verurteilte, floh ich aus dem Iran. Gelandet bin ich schließlich in einer Asylbewerberunterkunft in der Nähe von Jena. Endlich in Sicherheit!

An einiges musste ich mich gewöhnen in Deutschland, auch an das Essen: Kartoffeln und Nudeln kannte ich nicht. „Ich vermisse unseren Reis“, gestand ich einem anderen Flüchtling. Sein Tipp: „Geh sonntags mit uns in den Gottesdienst. Da kommt ein ameri­kanischer Pfarrer mit seinem Kleinbus und holt uns ab, und danach kocht seine Frau für uns persischen Reis.“ Ich war empört: Ich bin Muslim! „Ich auch“, sagte mein Kumpel, „aber der Reis ist wirklich lecker.“

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Ich ging mit. Und war total erstaunt: Warum beten Männer und Frauen nicht getrennt? Warum singen sie dauernd? Am ­meis­ten verblüffte mich aber, dass der Pfarrer nach dem Gottesdienst alle aufforderte, mit ihm über seine Predigt zu diskutieren. „Immer her mit euren Zweifeln!“, übersetzte seine Frau. Ich traute meinen Ohren nicht, denn im Islam ist Hinterfragen eine Tod­sünde. Zum Abschied schenkte mir der Pfarrer das Neue Testament auf Persisch. Das las ich aus lauter Langeweile, während ich in unserem Sechserzimmer saß und auf meinen Asylbescheid wartete. Weil ich dieses Geschichtenbuch spannend fand, besorgte ich mir auch noch das Alte Testament. Das las sich schön vertraut mit all den alten jüdischen Gesetzen: kein Schweinefleisch, kein Alkohol, Frauen sollen Kopftuch tragen.

Ich überlegte ernsthaft, Jude zu werden, googelte im Internetcafé nach Synagogen in der Nähe, fand aber keine. Also guckte ich mir alle anderen Religionsgemeinschaften in der Nähe an: die Mormonen, die Zeugen Jehovas, die katholische Kirche. Doch nirgendwo fühlte ich mich so aufgehoben wie in der Gemeinde des freikirchlichen Pfarrers und seiner Reis kochenden Frau, wo ich Fragen stellen und Zweifel haben durfte. Dort ließ ich mich schließlich taufen.

Ein Flüchtling ohne Job als Schwiegersohn?

Kurz zuvor war endlich mein Asylantrag bewilligt worden. Übergangsweise durfte ich im Gästezimmer des Pfarrers wohnen. Damals kam die Tochter des Pfarrers öfter zu Besuch: Jozeka.

Eine seltsame junge Frau, fand ich: Sie lachte laut, erzählte viel und senkte niemals ihren Blick. Irgendwann merkte ich: Ich hatte mich in sie verliebt. Also tat ich, was ein junger Mann im Iran tut, wenn ihm eine Frau gefällt: Ich hielt bei Jozekas Eltern um die Hand ihrer Tochter an. Jozekas Mutter lachte: In Deutschland entscheiden Frauen selbst, wen sie heiraten. Ich versuchte, im ­Internet herauszufinden, was ein Mann im Westen so tun muss, um das Herz einer Frau zu gewinnen. „Mein Liebling, mein Schatz, meine Schöne“, schrieb ich Jozeka per Facebook und schickte ­romantische Gedichte mit. Jozeka war davon ziemlich genervt.

Irgendwann war mein Deutsch so gut, dass wir uns wirklich un­terhalten konnten, dass ich ihr erklären konnte, woher meine Unbeholfenheit kam; und sie konnte mir sagen, was sie sich wirklich von einem Mann wünscht. Ihre Eltern mussten schon schlucken: Ein Flüchtling ohne Job als Schwiegersohn? Jozeka hatte eine ­Stelle als Lehrerin, während ich immer noch Deutsch lernte und für einen Hungerlohn als ungelernter Hilfsarbeiter jobbte.

Aber heute sieht uns keiner mehr als den Flüchtling und die Pfarrerstochter – wir sind einfach ein junges Ehepaar. Ich habe einen guten Job im Karosseriebau gefunden. Und im neuen Jahr erwarten wir unser erstes Baby! Dass dieses Kind in Freiheit groß werden wird und einmal selbst entscheiden kann, was es werden will – das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein echtes Gottesgeschenk.

Protokoll: Nora Imlau

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