Terroranschlag in Paris

Für eine friedliche Religion, für Demokratie, für Menschlichkeit
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Foto: TDK

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott zum Anschlag in Paris

 chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Ich war gestern Abend schon im Bett, als unser Familienchat von What App aufblinkte: „Guckt ihr auch Fußball – da sind Schüsse!“ Kurz darauf, wieder einer der Söhne, der zur Zeit in Dresden studiert: „BBC meldet Terroranschläge in Paris!“ Nein, ich wollte das nicht. Das konnte nicht wahr sein. Ich guckte auf meine Tagesschau-App, da war noch nichts, ich ging schlafen, die Woche war anstrengend.

Heute Morgen, Horror pur. Und alle meine Lieben, die das Schicksal gerade an viele Ecken der Welt verschlagen hat, suchen erstmal – virtuell – das Gespräch mit der Familie. Der Austauschschüler ruft in Frankreich an und hört, ob die Verwandten in Sicherheit sind. Die Schwester, zur Zeit in China, geht dort in eine Kirche und zündet eine Kerze an. Der Gatte, auf einer Tagung, simst: „Oh nein, dann wählen die in Frankreich jetzt alle Marine Le Pen“. Der Sohn in Dresden, der sich gerade diesen Montag mehr denn je mit Pegida angelegt hat, postet auf Facebook die Worte des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, die er nach dem Anschlag des Rechtsextremisten Breivik sagte: „Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit“.

Möge er Recht behalten, der Sohn, der Politiker, der Spirit, den ich zumindest bei denen spüre, die mir nahe sind. Jetzt darf nicht der Hass siegen, der Hass auf Muslime, auf Flüchtlinge, der Hass unter den Religionen. Kleiner Hoffnungsschimmer: Als der Rechtsausleger der „Welt“, Matthias Matussek, heute Nacht gleich mal „gegen offene Grenzen“ twittert, distanziert sich sein Chefredakteur öffentlich. Da haben sich schon fast alle meine Facebook-Freunde schockiert abgewendet. 

Wir – ich sage wir, weil wir wirklich viele sind – wir wollen das nicht! Wir wollen keine schnellen Schuldzuweisungen. Wir wollen keine neuen Feindbilder. Wir wollen zusammenstehen, mehr denn je. Für eine friedliche Religion, für Demokratie, für Menschlichkeit. Die einen beten, Pray for Paris, und das ist gut so. Die anderen wollen und können nicht beten, und das ist auch in Ordnung, wenn sie andere Wege finden, sich zu trösten und zusammen zu stehen.

Danke, dass ihr betet, aber wir brauchen nicht noch mehr Religion. Wir wollen lieber Musik, Küsse, Champagner und Freude“, kontern die versammelten Atheisten im Netz. Alles gut, macht euren Champagner auf – ich weiß allerdings im Moment nicht, worauf man anstoßen könnte. Aber: Keiner muss beten. Wir brauchen gerade keine neuen Fronten, nicht zwischen Christen und Atheisten, nicht zwischen Christen und Muslimen. Wir brauchen die Besonnenen und Friedfertigen in allen Gemeinden, in allen Communities. Mehr denn je. Möge Gott sie behüten – der, an den ich glaube, ist ein Gott der Liebe. Nicht der Angst.

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Leseempfehlung

Die Kirchen in Frankreich und Deutschland haben mit Bestürzung auf die Terroranschläge in Paris reagiert.
Ein Gebet zu den Terroranschlägen in Paris von Arnd Brummer.

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Lesermeinungen

Zitat: "Wir wollen zusammenstehen, mehr denn je." Als ich das las, war ich erfreut. Endlich mal eine Glosse, die nicht herumalbert mit belanglosem Mann-Frau-Selbstdarstellungskram, sondern mit beißender Ironie die im Krieg jeweils fälligen Appelle der Obrigkeit ans Volk, gefälligst einig zu sein, aufs Korn nimmt. Pustekuchen, das ist gar nicht die Rubrik Glosse, die bei chrismon Ablage heißt. Das ist leider von der Autorin bitter ernst gemeint. Das berühmte Vorbild vom ollen Willem Zwo vom 4. August 1914 lautet:
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„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Zum Zeichen dessen, dass Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschied, ohne Stammesunterschied, ohne Konfessionsunterschied durchzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod zu gehen, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzutreten und mir das in die Hand zu geloben.“ (Zitiert nach Wikipedia)
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Zitat: "Das konnte nicht wahr sein." Dann hatte bei Ihnen, liebe Frau Ott, offenbar auch die nächste gängige Kriegspropaganda voll eingeschlagen. Die lautet: Wir sind so stark und überlegen, dass wir den Feind ganz ohne eigene Tote zum Teufel jagen. So geht Krieg aber nicht. Klar, die westliche, technische Überlegenheit im sogenannten Krieg gegen den Terrorismus ist gewaltig. Kampfjets, die in Afghanistan, im Irak, in Syrien und wo es eben beliebt, weit oberhalb der Schussweite des Gegners Bomben schmeißen, können diese Illusion nähren. Oder die berühmten amerikanischen Drohnenoperateure. Die hören um 6 Uhr 30 in der Morgenandacht im Radio die warmen Worte der Pastorin zum Gott der Liebe und nicken beifällig. Um 7 Uhr liefern sie dann die Tochter im Kindergarten ab. Um 7 Uhr 30 sitzen sie im klimatisierten Operatorenraum und sehen nach, was die Vorgesetzten beschlossen haben. Dann wird aufs Knöpfchen gedrückt und tausende Kilometer weiter im Jemen, in Somalia oder sonst wo zerreißt eine Drohne den Bösewicht einschließlich der um ihn herumstehenden Kinderschar. Oder einen, der dem Bösewicht ähnlich sah. Oder einen, der dieselbe Angewohnheit hatte, zu einer bestimmten Uhrzeit einen Parkplatz zu verlassen. Der Gegner hat diese technischen Möglichkeiten nicht. Der nutzt eben seine. Siehe Frankreich. Die schreien jetzt ebenfalls nach der Union sacrée.
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Zitat: "Wir wollen keine neuen Feindbilder." Selbstverständlich nicht. Die vorhandenen reichen doch völlig aus für den munteren Krieg gegen den IS oder wer gerade von der Obrigkeit auf die Aktualitätsliste gesetzt wird.

IWAN immer dabei!
Egal um welches Thema es geht, IWAN ist zuverlässig dabei und gibt den Besserwisser. Das alleine wäre ja noch mühsam zu ertragen. Aber es geht häufig auch nur um persönliche Glaubensfragen und sonstige Empfindlichkeiten (Häkeln!), die sich jeder Rationalität verweigern. Kann er nicht zu dem Anfangs-Thema einfach nur seine persönliche Meinung schreiben, ohne die der Anderen als absolut unsinnig darzustellen? Und wenn er schon glaubt, unbedingt auf einen Beitrag eingehen zu müssen, dann sollte das auch mit einem zivilisierten notwendigen Niveau einer gegenseitigen Achtung geschehen. Die am Forum Beteiligten wissen schon selbst, wie sie die Texte der Anderen einzuordnen haben. Dazu bedürfen sie nicht der oftmals sarkastischen Hilfe von IWAN. Seine Besserwisserei ist zutiefst destruktiv und führt lediglich, und leider auch absichtlich, zu Verletzungen. Das Einzige was man hier kommentieren und auch kritisieren sollte, das sind die Inhalte des jeweiligen Thema-Artikels.

Keine Gutmenschen a. d. Front! Aber geschützt will man werden!
Wie nah und verantwortlich ist das Christentum der Politik? Ist gar die ev. Kirche ein unfreiwilliger, aber dennoch gefügiger, Steigbügelhalter des IS? Nein, Nein, Nein! Und doch, wer sich nicht wehrt, wer seine Türen offen hält, lädt auch den Missbrauch und den Einbruch bis zur Eroberung ein. Wehrlose sind immer die ersten Opfer. Wer die Bundeswehr abschaffen würde, (Fr. Käßmann im SPIEGEL und der tosenden Beifall der Friedensaktivisten auf Kirchtagen!) kann nicht mehr auf den Respekt der Angreifer, auf die Wirkung des Dialogs oder gar auf die Macht der Gebete hoffen. Wenn eine grenzenlose christliche oder politische Gutmütigkeit (Toleranz der Intoleranz aus der gleichen "ECKE") vom Angreifer als Schwäche interpretiert wird, was ist dann die Folge? Durch ihre innen- und außenpolitische Positionierung (die Katholiken sind ganz still geworden!) muss sich die ev. Kirche wohl oder übel auch der politischen Diskussion stellen, obwohl dieses Forum sicher nicht dafür gedacht war. Im AT heißt es Auge um Auge und Zahn um Zahn. Das Ergebnis wären dann Blinde ohne Gebiss. Das ist ein Anspruch aus der archaischen Zeit der Blutrache. Auf heute nicht mehr übertragbar. Dagegen steht das NT mit der Bergpredigt und dem Gebot der Nächstenliebe. Aber auch dieser Anspruch hat ein Umfeld, das aus Familie, Nachbarschaft und dem Einzelnen als Gegenüber besteht. Die Bergpredigt und die unbedingte Nächstenliebe aber auf die eigene Wehrlosigkeit und die Nutzer von Kalaschnikows, von Streubomben und von Minen zu beziehen, hat mit dem ursprünglichen Sinn der Bergpredigt absolut nichts zu tun. Auch ist die "aus gutem Glauben" motivierte Friedfertigkeit letztlich doch nur eine Akzeptanz von "Suizid" oder ein Untergang aus unterlassener Notwehr. Wer mit der Christenpflicht die Wehrlosen schützen will, der darf nicht tatenlos zusehen. Durch die unselige religiös politische Verquickung ist speziell die evangelische Kirche zu einem unfreiwilligen Spielball geworden. Was auch leidet, ist die Glaubwürdigkeit.

IS ist permanent. Breivik war einmal. Zitat v. Stoltenberg (Norwegen): „Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit“. ...........Ja, dass kann man nur waghalsig sagen, wenn man nur einen Gegner hat und der bereits gefasst ist. Wenn man sich aber einer ganzen hinterhältigen Armada (weil man sie vor Ort nicht rechtzeitig sieht) gegenüber "fühlt" , dann ist eine solche Äußerung nicht nur naiv, dann ist diese Einstellung auch den Glauben und den Staat vernichtend. Hoffentlich wird bei uns kein Verantwortlicher solch einen Unsinn denken oder gar tun.

Liebe Frau Ott, es ist erfreulich und macht Mut, dass dank Kommentaren wie Ihrem - und auch überraschend vielen anderen heute - die Demagogen und Scharfmacher zur Minderheit zu werden scheinen, vor allem diejenigen, die reflexartig die Gleichung Flüchtlich = Muslim = Terrorist aufgestellt haben. Mögen sich viele Ihre Gedanken zu eigen machen !